Töchter des Weinviertels: Maria Grausenburger, Grafenwörth – eine stille Heldin

Als Kriegswitwe ihre 13-jährigeTochter durchzubringen und eine Landwirtschaft zu führen, war in jenen Tagen schlimm genug. Niemand hätte Maria Grausenburger einen Vorwurf gemacht, wenn sie Ende 1944 weggeschaut hätte, als die Nazis eine Kolonne ausgemergelter Gestalten durch Grafenwörth trieben. Es waren ungarische Zwangsarbeiter aus einem Arbeitslager in Floridsdorf auf dem Weg in die Vernichtung – unter ihnen die 50-jährige Jüdin Elena Weiss und ihre Kinder Ernst (18), Tibor (14) und die kleine Magda. Ihren Vater Kálmán hatten die Nazis bereits zuvor ins KZ Bergen-Belsen deportiert und ermordet.

In einem günstigen Augenblick gelang es der Familie zu fliehen und sich in einem Haus in Grafenwörth zu verstecken. Die Bewohner bekamen es aber bald mit der Angst zu tun und schickten die Flüchtlinge wieder fort. Maria Grausenburger war eine Nachbarin, die nicht wegschaute, sondern sofort half. Sie versorgte die Familie mit Essen und versteckte sie im Keller. Ein ebenfalls im Haus einquartierter SS-Mann wurde zwar misstrauisch, ließ sich aber von Grausenburgers erfundener Geschichte über eine „faschistische Familie namens Varga auf der Flucht vor den Russen“ beschwichtigen. Als Elena Weiss und ihre Kinder vom Bürgermeister schließlich auch noch Ausweispapiere auf den falschen Namen erhielten, schien ihr Schicksal eine positive Wendung genommen zu haben.

Maria Grausenburger, die stille Heldin von Grafenwörth. Bild: © Mag. Ingrid Oberndorfer

Maria Grausenburger, die stille Heldin von Grafenwörth. Bild: © Mag. Ingrid Oberndorfer

Die vermeintliche Rettung geriet in Gefahr, als sich die Rote Armee näherte. Alle Nicht-Deutschen wurden in einem Lager in Gneixendorf interniert, aber wieder meinte es das Schicksal gut mit der Familie Weiss alias Varga. Der Lagerkommandant, dem Vernehmen nach „wegen politischer Unzuverlässigkeit“ auf diesen Posten versetzt, soll Gefallen an den Zeichnungen des jungen Ernst gefunden haben und entließ die ganze Familie in die Freiheit.

Die Weiss-Varga kehrten nach Grafenwörth zurück. Dort hatten sich in der Zwischenzeit in nahezu jedem Haus deutsche Soldaten einquartiert, so auch im Hof von Maria Grausenburger. Trotz der großen Gefahr entdeckt zu werden nahm sie das Risiko auf sich und versteckte die Familie abermals bei sich im Keller. Sogar als Nachbarn drohten, sie anzuzeigen, blieb sie standhaft und riskierte damit sogar ihr eigenes Leben. Bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen drei Monate später konnte die Familie Weiss-Varga bei Maria Grausenburger bleiben und erhielt sogar Arbeit.

Maria Grausenburger lebte nach dem Krieg weiterhin in Grafenwörth, wo sie im Alter von 72 Jahren am 22. Dezember 1973 starb.

Von Yad Vashem, der Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust, wurden Maria Grausenburgers Rettungstaten für eine jüdische Familie auf der Flucht dokumentiert. Posthum wurde sie 1978 von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Ein Enkel der 1944/45 geretteten Elena Weiss, der in Israel lebende Amir Roggel, kam Ende Juli 2009 nach Grafenwörth. Gemeinsam mit österreichischen Freunden – unter Ihnen der Künstler Prof. Ernst Degasperi – suchte er Unterstützung zur Errichtung eines würdigen Denkmals für Maria Grausenburger.

Auf Initiative der Historikerin Mag. Ingrid Oberndorfer wurde schließlich am 25. Juni 2010 in Grafenwörth ein Denkmal für die Heldin der Menschlichkeit Maria Grausenburger eingeweiht.


Quellen:
http://www.lettertothestars.at/righteous_pers.php?ctype=&uid=89 ; http://www.ingrid-oberndorfer.com/d_events_1.html

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Eine Antwort zu Töchter des Weinviertels: Maria Grausenburger, Grafenwörth – eine stille Heldin

  1. Milena Kloos schreibt:

    Sehr berührend und zugleich inspirierend.
    Eine mutige Frau.
    Vielen Dank für einen Artikel, der sie uns LeserInnen in Erinnerung ruft.

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