Rot wie Blut. Zur Geschichte des Zweigelt

Er gilt als „urösterreichischer Klassiker“, der Zweigelt, auch als „ein echter Österreicher“ wird er gerne beschrieben. Das ist eindeutig zweideutig zu verstehen, denn der Zweigelt ist nicht nur eine österreichische Züchtung und inzwischen die bedeutendste heimische Rotweinsorte, sondern auch ein Beispiel für den vergesslichen Umgang der Österreicher mit ihrer neueren Geschichte und für die Verdrängung, wenn es um die Rolle von Österreichern im Nationalsozialismus geht. Der Zweigelt, auf neun bis 12 Prozent aller österreichischen Rebflächen angebaut, ist bekömmlich und kann bei entsprechender Kultur Spitzenqualität erbringen. Sein zeitgeschichtlicher Hintergrund hinterlässt allerdings einen ganz und gar nicht angenehmen Nachgeschmack.

Sein Züchter war ein gewisser Dr. Friedrich Zweigelt. Er kreuzte 1922 St. Laurent und Blaufränkisch zu der neuen Kreszenz und nannte sie „Rotburger“. Herr Zweigelt war aber nicht nur biederer Schmetterlingssammler, Insektenforscher und Botaniker. 1988 in der Steiermark geboren, trat er bereits im April 1933 in die NSDAP ein und hat „sich insoferne als illegal betätigt, als er Flugschriften verteilt und Abzeichen verkauft hat”, wie es das Amt für Beamte 1939 festhielt. Nachdem die Nazis die Macht übernommen hatten, wurde der Mann mit der Mitgliedsnummer 1.611.378 dementsprechend gewürdigt.

Er „war schon in der Systemzeit ein eifriger Anhänger unserer Bewegung und hat auch seinen Sohn im nationalen Sinne erzogen”, schrieb das Gaupersonalamt in seiner Beurteilung, und so stieg Friedrich Zweigelt vom Rebenzüchter zum Direktor der Weinbauschule in Klosterneuburg auf. Er tat, was von Schuldirektoren dieser Zeit verlangt wurde. Als ohnehin überzeugter Nazi ließ er Hakenkreuzfahnen hissen, schloss Juden vom Unterricht aus und verwehrte Kindern mit einem jüdischen Großelternteil die Aufnahme. Als im August 1940 herauskam, dass einer seiner Schüler mit der katholischen Widerstandsbewegung um den Priester Roman Scholz in Verbindung stand, griff er hart durch.

Es war denkbar unschuldig, was der Schüler Josef Bauer ausgeheckt hatte, eher ein Streich als ein Akt des Widerstandes: Gemeinsam mit anderen Buben wollte er die „Hitler-Eiche“ des Ortes beschädigen, und zwar nicht mit einer Säge, sondern mit Pestiziden, „um sie von innen heraus zum Absterben bringen”, wie es im Polizeiprotokoll heißt. Obwohl Josef Bauer vom Lehrerkollegium als „großer Streber und guter Schüler” bezeichnet wurde und sich einige Lehrer dafür aussprachen, erst einmal die Ermittlungen der Gestapo abzuwarten, ließ Friedrich Zweigelt den Schüler sofort von der Anstalt weisen. Auch schmetterte er die Bitte von Josefs Vaters ab, dem Jungen ein Sittenzeugnis auszustellen, um die Gestapo milder zu stimmen. Josef saß 32 Monate in Untersuchungshaft. Zwar konnte er nach dem Krieg die Schule beenden, er starb aber kurz darauf Anfang der 1950er Jahre.

Zweigelts Karriere endete 1945, die Direktorenstelle in Klosterneuburg und die 1943 verliehene Dozentur an der Hochschule für Bodenkultur wurden ihm entzogen. Seine 1963 veröffentlichte Autobiographie aber lässt wenig Einsicht erkennen. Der Historiker Roman Sandgruber nennt es „nicht nur Gedankenlosigkeit oder historische Unkenntnis, sondern vielleicht auch Unverbesserlichkeit maßgeblicher politischer Entscheidungsträger, dass Österreichs prominenteste Rotweinsorte im Jahre 1975 im Zuge der ‚Qualitätsweinrebensorten-Verordnung‘ in Zweigelt umbenannt wurde und damit nach einem prominenten, wenig gewandelten Nationalsozialisten benannt ist und dass seit 2002 mit höchster politischer Beihilfe jährlich auch ein Dr. Fritz Zweigelt-Preis mit einer entsprechenden Porträt-Medaille verliehen wird.“

Ich meine, ein Glaserl Zweigelt darf auch in Zukunft munden, nur schadet es nicht, zwischen den Schlucken nachzudenken, wer hinter diesem Namen steht. Mir würde aber ehrlich gesagt der Name „Rotburger“ ohnehin besser gefallen…

 

Quellen: Der Standard; OÖN v. 27. Mai 2006; Wikipedia; Verena Mayer in www.erinnern.at


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