Aufmüpfig-wilde Kultfigur und Grande Dame: Erni Mangold, Großweikersdorf

Es ist ein sehr ereignisreiches Leben, aus dem Erni Mangold in ihrer typischen nonchalanten Art erzählt. Zehn Jahre musste man die einstige Weggefährtin von Helmut Qualtinger, Peter Patzak, O.W. Fischer oder Gustaf Gründgens überreden, bis sie endlich ihre Biografie zuließ. Ein halbes Jahr plauderte sie immer wieder mit der Autorin Doris Priesching, und meint dazu: „Es ist etwas Wunderbares, ohne Schnörksel, ohne Trallala daraus geworden. Ein Freund hat mir gesagt, das Buch liest sich so, als würde man mit mir telefonieren.“

Eine dicke Strickjacke, die langen Haare streng zurück gebunden, so kennt man die Mangold. Aufmüpfig, unkonventionell, emanzipiert ist sie, interessant, lustig und geradlinig. Und all das ist auch ihr Buch. „Sie ist eine richtige ‚Bissgurn‘, aber eine ganz große Schauspielerin”, meinte etwa Bühnenkollege Heinz Petters zärtlich über sie.

Erni Mangold 1956 im Streifen „Ein Herz und eine Seele“, mit Hans Moser, Theo Lingen, Grethe Weiser. Bild: © unbekannt / CINEMA

Dagegen. Aufmüpfig. Unbotmäßig. So war sie schon immer. Gegen Männer, die Frauen als Freiwild betrachten, gegen hochmütige Professoren und alle, die sie in eine Schublade stecken wollten. Gegen Konventionen und verlogene Moral. Gegen Schminke und BH. Sie kam am 26. Januar 1927 als Ernestine Goldmann im Wirtshaus ihrer Großeltern in Großweikersdorf zur Welt. Beim Sauschlachten. Die Mutter war bei ihrer Geburt 22 Jahre alt und hatte schon sieben Abtreibungen hinter sich. 18 war sie, Tochter eines reichen Bauern, als sie den um 17 Jahre älteren Bad Ischler Heinrich Goldmann heiratete und ihren Beruf als Pianistin aufgab. Mangold heute: „Später warf sie das meinem Vater vor. Die Ehe wurde zur Strindberg-Ehe“.

Die kleine Erni liebte ihren Vater. Er war Lehrer, Schuldirektor und Maler. „Goetheatinisch“ habe er sie erzogen, sagt sie und „Er wollte aus mir eine wohlerzogene Bildungsbürgerin machen.“ Ihre Mutter mochte sie nicht. Nicht etwa, weil sie die Erni schlug, sondern weil sie keine Liebe zeigen konnte. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr glaubte Erni an das Christkind. Mit 15 war sie die Jüngste in der Wiener Schauspielschule Helmuth Krauss.

Nachdem sie mit ihren Eltern 1938 nach Wien übersiedelt war, entwickelte sich ihre Leidenschaft zur Oper. Herbert von Karajan machte ihr den Hof, sie ging mit ihm aus – und gab ihm einen Korb. „Er war damals schon sehr eitel, eine Persönlichkeit ohne Zweifel, allerdings sehr klein, so überhaupt nicht mein Männertyp.“

Aus Ernestine Goldmann war längst Erni Mangold geworden. In inniger Freundschaft war sie mit Helmut Qualtinger verbunden. Sie verstanden sich politisch, kulturell und menschlich sehr gut. Er prägte sie als Mensch und Künstlerin. An seiner Seite genoss sie die Freiheit im zerbombten Nachkriegs-Wien: „Wir waren Schmuddelkinder und hielten uns gern in den Ruinen der Stadt auf. Wir waren happy, dass alles kaputt war, denn nun müsste etwas Neues nachkommen. Erst später hatten wir gemerkt, dass damit nicht zu rechnen war. Wir wuschen uns nie, nachts badeten wir in irgendwelchen Brunnen in Wien und soffen Rum.“ Und sie studierte eine Philosophie. „Wir waren zynisch und wir haben alle philosophiert“. Ohne BH zu gehen, war damals ein Skandal. Erni Mangold trägt bis heute keinen.

Über 60 Filme und mehr als 20 Fernsehproduktionen drehte "die Mangold" bis heute. Hier ein  Bild aus dem 1953 entstandenen Streifen "Der letzte Walzer" gemeinsam mit Erika Beer . Bild: © Cinema.de

Über 60 Filme und mehr als 20 Fernsehproduktionen drehte „die Mangold“ bis heute. Hier ein Bild aus dem 1953 entstandenen Streifen „Der letzte Walzer“ gemeinsam mit Erika Beer . Bild: © Cinema.de

Ihr Zuhause damals: das „Café Gutruf“ bei der Peterskirche im 1. Wiener Gemeindebezirk. “Unsere Schmähsüchtigkeit, gepaart mit Zynismus, war dort berühmt”, erinnert sie sich. „Wir hatten große Gedanken … oder gar keine. Mit einem Wort: Wir waren gerne böse und haben sehr viel getrunken.”

Gustaf Gründgens engagierte sie ans Hamburger Schauspielhaus. Anfang der 1950er Jahre wird sie als junges, hübsches Blondchen auch für den Film entdeckt. Erni Mangold spielt u. a. in „Abenteuer im Schloss” und in „Lavendel – Eine ganz unmoralische Geschichte”. 1955 ist sie die hörige Geliebte des Hellsehers Hanussen im gleichnamigen Film mit O. W. Fischer. Viele damalige Zeitgenossen erkannten sehr bald die Qualität ihres Widerstands. Gustaf Gründgens, Karl-Heinz Stroux, Rainer Werner Fassbinder, Erich Neuberg, Peter Patzak, Werner Schwab und Xaver Schwarzenberger gehörten dazu.

„Ich war immer ein Sexbömbchen, also wurde ich auf Sex reduziert und das hat mich schon sehr geärgert.” Mit 19 Jahren verlor sie ihre Unschuld. Als sie mit Heinz Reincke verheiratet war, war Sex ein wichtiges Thema für die „Sinnliche Natur“. Von ihnen und all den anderen erzählt Erni Mangold in ihrer lesenswerten, immer wieder äußerst heiteren Biografie.

Seit 1984 lebt Erni Mangold in Gars am Kamp in einem Waldviertler Haus. Nach Großweikersdorf kommt sie nicht mehr allzu oft. Immerhin überreichte ihr der Bürgermeister kürzlich die Ehrenbürgerurkunde. In dem Wirtshaus ihrer Kindheit in Großweikersdorf regiert heute ein fremder Wirt, aus ihrem Geburtszimmer wurde ein „Erni-Mangold-Stüberl“ inklusive zweckmäßig-pflegeleichter Einrichtung.

Von wegen „Lassen Sie mich in Ruhe“: Erni Mangold mit 85 in der Josefstadt. Bild: © unbekannt / Theater in der Josefstadt

Dafür pendelt die Mangold im Jahr an die 30.000 Kilometer. Unermüdlich steht sie auch mit 85 noch auf der Bühne oder vor der Kamera – und das seit 70 Jahren. „Ich bin ein Leistungsmensch.“ sagt sie über sich. Man kennt Erni Mangold aus TV-Produktionen („Der Bockerer“, “Kaisermühlen-Blues”, “Kottan ermittelt”) ebenso, wie aus Kinofilmen („Drei Herren“, „Anfang 80“ u.v.a.). Auf Theaterbühnen spielt sie “grad a gängige Großmutter”, brillierte zuletzt in der Josefstadt als glatzköpfiger Unruhestifter Lumpazivagabundus und derzeit in Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“.

Von Ruhestand kann bei Kammerschauspielerin Prof. Erni Mangold keine Rede sein. Für neue reizvolle Rollen gibt es genügend Anfragen.

Info: Erni Mangold und Doris Priesching, Lassen Sie mich in Ruhe, Amalthea Verlag, Wien 2011

 

Quellen: ÖPB ; Privatarchiv ; Wikipedia; morgen 1/12

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