Ackern im Brachland. Der „Driesch“, eine junge Weinviertler Kulturzeitschrift

Driesch ist eine alte Bezeichnung für eine vorübergehend ackerbaulich ungenutzte Fläche, also Brachland. So steht es im Lexikon – und auf der Titelseite einer jungen Weinviertler Kultur- und Literaturzeitschrift. Naja, ganz so jung ist sie auch wieder nicht: Immerhin geht das vierteljährlich in Drösing erscheinende Periodikum bereits in sein drittes Jahr und wächst und wächst – nicht nur, was die Seitenanzahl betrifft.

Haimo L. Handl, der „Vater“ des „Driesch“, einer Zeitschrift, die ihresgleichen sucht, fand in Drösing seinen kulturellen Kraftplatz. Bild: © Haimo L. Handl

Der Mann hinter „Driesch“ heißt Haimo L. Handl, ist Jahrgang 1948, studierter Politikwissenschaftler und Publizist, stammt aus Vorarlberg und hat ausgerechnet an der March seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Nach 21 Jahren als Uni-Lektor publizierte er ab 2003 Beiträge zu Literatur und Kultur in einem kulturellen Online-Magazin, der mittlerweile eingestellten „Zitig“.

Und warum gerade Drösing? Schließlich stach die 1.200-Einwohner-Gemeinde bisher nicht gerade als Brennpunkt des Kultur- und Literaturbetriebes heraus. Weil Handl den Osten schätzt und er hier „ein Haus gefunden hat, in dem es sich fein arbeiten lässt und das sich als Veranstaltungsort halböffentlicher künstlerischer Soirees eignet“.

Handls beruflicher Lebenslauf liest sich spannender als mancher Roman. Man fragt sich, wo nimmt der Mann bloß die Energie her für den Spagat zwischen Kommunikationsberatung im eigenen Institut, Kulturmanagement, Arbeit als Dramaturg, Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, des Literaturkreises Podium und Verleger.

Das Projekt „Driesch“ startete Ende 2009 als Wagnis sondergleichen: ohne nennenswerte Eigenmittel, ohne Sponsoren, ohne Förderung. Nach dem Sprung ins kalte Wasser mit einer im Internet veröffentlichten Probe-Ausgabe wächst die Quartalszeitschrift langsam aber stetig. Von anfänglich 300 Exemplaren auf 400 im zweiten Jahr. Nun ist der Driesch bei fast 700 Stück pro Ausgabe angelangt. Finanziell steht das Projekt immer noch auf recht wackeligen Beinen. Die Einnahmen aus den Abos tragen gerade einmal die Druck-und Versandkosten, fünf Redakteure und die Autoren arbeiten unentgeltlich. Und auch Herausgeber und Chefredakteur Handl geht finanziell leer aus.

Aber es scheint, dass für Handl ohnehin etwas anderes mehr zählt, als das Schielen nach Höchstauflagen und Profit. Das niederösterreichische Kulturmagazin „morgen“ beschreibt den jüngsten Driesch: „Gedichte auf Slowakisch, Rumänisch, Persisch, Niederländisch, Slowenisch, Griechisch und Deutsch, Prosatexte auf Deutsch und Englisch, dazu noch Essays österreichischer, deutscher, niederländischer, US-amerikanischer, tschechischer und togoischer Autoren. Was so wirkt wie ein Streifzug durch einen literarischen Weltalmanach ist die jüngste Ausgabe des Driesch. 232 prall und kosmopolitisch gefüllte Seiten, auf denen sich 77 Beiträge dem Thema ‚fremd‘ auf sehr unterschiedliche Art nähern.“

„Unsere Zeitschrift soll mit ihrem Programm das [literarische, kulturelle] Brachland bearbeiten und kultivieren“, umreißt Haimo L. Handl die Linie des Driesch. Dieser versteht sich – obwohl selbst mit Förderungen nicht gerade überschüttet – auch als Chancengeber für den literarischen Nachwuchs. Viele von ihnen produzieren hochkarätige Arbeiten, haben aber mangels entsprechender Kontakte oder weil sie zu wenig aggressiv auftreten, am Markt keine Chancen.

Jedes Heft hat einen neuen Themenschwerpunkt, zu dem nur bislang unveröffentlichte Beiträge oder Übersetzungen publiziert werden.

„Ausgrabungen“ aus dem etablierten Literaturkanon (unlängst beispielsweise von Hugo von Hofmannsthal, Friedrich Hölderin oder dem Griechen Constantine P. Cavafy) will Handl als positive Traditionspflege verstanden wissen. Buchbesprechungen und eine Menge Grafiken und Fotoarbeiten runden jeden Driesch ab.

Der „Driesch“ sieht sich daher nicht nur als Literatur-, sondern auch als Kulturzeitschrift. Was veröffentlicht wird, entscheidet die Redaktion. Rund ein Drittel der Vorschläge schafft es nicht ins Heft. „Die Beiträge müssen zu den Themenschwerpunkten passen und qualitativ hochwertig sein. Ansonsten sind wir sehr offen“, erklärt Handl im „morgen“. Und weil es auch im Literaturbetrieb „ohne Geld ka Musi“ gibt, spielen die „großen Namen“ im „Driesch“ eher eine untergeordnete Rolle.

Sich mit Qualität einen Namen zu machen und dadurch andere Autoren anzuziehen und die Vielfalt des Heftes noch weiter zu erhöhen ist das Ziel der Zeitschrift für die nächsten Jahre. Handl hofft, eines Tages so viele Mittel aufbringen zu können, dass er die anderen Redakteure und Autoren auch finanziell honorieren kann. Dass die Zeitschrift irgendwann einen nennenswerten Beitrag zu seinem Lebensunterhalt leisten wird, glaubt er eher nicht.

Warum er trotzdem gut die Hälfte seiner Arbeitszeit der Zeitschrift widmet? „Es genügt nicht, nur zuzuschauen oder zu warten, was die Großen und Hochdotierten machen. Man muss selbst was unternehmen!“, sagt er. Aber die viele Arbeit und das wenige Geld? „In der Kunst braucht es eine positive Verrücktheit und eine Begeisterung, die Energiereserven jenseits aller ökonomischen Kriterien freisetzt. Und die sind bei uns eben vorhanden.“

Infos: Abobestellungen (4 Ausgaben inkl. Inlandsporto € 40,-) und Informationen zu den literarischen Soirees unter www.drieschverlag.org

 

Quellen: morgen 1/12 ; Dr. Handl ; Wikipedia

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Eine Antwort zu Ackern im Brachland. Der „Driesch“, eine junge Weinviertler Kulturzeitschrift

  1. Christine Nyirady schreibt:

    „In der Kunst braucht es eine positive Verrücktheit und eine Begeisterung, die Energiereserven jenseits aller ökonomischen Kriterien freisetzt.”
    Chapeau – Eine echte Bereicherung beim “ Driesch“ alle Facetten durchzustöbern. Vile Erfolg weiterhin*** C.NY.

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