Den Wurschtl kaun kana daschlogn – er lebt in Karnabrunn weiter

Ihr Name ist Programm, leitet sich doch der Familienname von Mag. Peter und Helene Kukelka vom polnischen kukiełka ab, was so viel wie Puppe bzw. Marionette bedeutet. In der Tat macht es sich das Ehepaar in dem kleinen Wallfahrtsort Karnabrunn seit 20 Jahren zur Aufgabe, das traditionelle Wiener Marionettentheater am Leben zu erhalten. Jedes zweite Wochenende lässt Peter Kukelka die Puppen auf der kleinen, liebevoll ausgestatteten Bühne im ehemaligen Pfarrhof wieder auferstehen, obwohl die Tradition des Alt-Wiener Puppentheaters längst zu Ende gegangen ist. Hinter den Kulissen wird er dabei technisch unterstützt von Gattin Helene, die hauptsächlich als Landschaftsmalerin bekannt ist.

Der mittlerweile 77-jährige ehemalige Restaurator alter Musikinstrumente hat es sich in den Kopf gesetzt, das traditionelle Marionettentheater zu retten, wie es einst den Wienern half, ihre Alltagssorgen in einem frech-aufmüpfigen, heiter-sarkastischen Licht zu sehen. Dabei spielt der Kasperl zwar eine wichtige Rolle, er ist aber nicht allein, sondern in Gesellschaft von über einem Dutzend anderer „Gesellen“. Auch der gute, alte Pimperl ist mit von der Partie.

Peter Kukelka erhält das ursprüngliche Wiener Marionettentheater in Karnabrunn am Leben. Bild: Kris B. Flašar

Das Repertoire der Puppenbühne „Ultima Ratio“, wie Kukelka sein Theater nennt, umfasst derzeit sieben Stücke, allesamt Neuschöpfungen oder zumindest weitgehende Bearbeitungen fremder Stoffe. „Graf und Einsiedler oder Kasperl kommt nach Karnabrunn“ erzählt von der Gründung der Wallfahrt Karnabrunn. „Das versunkene Dorf oder Kasperl in der Geistermühle oder Der Baumeister alter Häuser“ ist Prof. Geissler, dem Gründer des Museumsdorfes Niedersulz gewidmet. „Mali, geh schlafen! oder Der Geißbock als Ehevermittler“ wurde nach einer Posse von Friedrich von Radler, dem „Wienerischen Hanswurst“, verfasst. „Rumpelstilzchen, das einsame Waldwesen“ hat das bekannte Grimm‘sche Märchen zur Vorlage. „Alte Bekannte oder Der Mann aus dem Eis oder Kasperl, der eingebildete Retter des Dr. Johann Faust“, „Kasperl und der Heilige Nikolaus“ und „Das Märchen von der Weihnachtsgans“ stehen ebenfalls auf dem Programm, das abwechselnd jedes zweite Wochenende in Karnabrunn gezeigt wird.

Dabei achtet Peter Kukelka nicht nur darauf, dass der charakteristische Spielstil des mittlerweile untergegangenen volkstümlichen Wiener Marionettentheaters gewahrt bleibt, sondern auch auf eine authentische Ausstattung und vor allem auf eine klare, reine, durch keine Fremdwörter oder Anglizismen verunstaltete Sprache. Damit unterscheidet sich die Puppenbühne „Ultima Ratio“ grundsätzlich von Fernseh-, Verkehrssicherheits-, Kindergrippen- und sonstigen „Kasperln“, die natúrlich durchaus ihre Berechtigung, mit dem Original aber nur noch den Namen gemeinsam haben. Kein „Ur“, „Geil“ oder „Mega“ trübt Kukelkas Kasperliaden – mithin ein sprachlicher und dramatischer Purismus, den es sonst nirgendwo gibt und allein deshalb für die sprachliche Erziehung von kleinen und größeren Kindern bis hin zu Erwachsenen bestens geeignet. Für diesen Purismus muss Peter Kukelka allerdings auch so manche Unbill einstecken von mangelnder Förderung durch öffentliche Stellen bis hin zu Konkurrenzneid. Dabei verdient „Ultima Ratio“ allein für die Rettung alten Kulturguts jede Unterstützung und Konkurrenz ist die Karnabrunner Bühne aufgrund ihrer Einzigartigkeit auch nicht, schon gar nicht für ein internationales Festival…

Die wunderschön geschnitzten Puppen sind viele Jahrzehnte alt und stammen aus dem Fundus eines ehemaligen Wiener Puppentheaters, aus dem Peter Kukelka sie im Jahr 1991 erworben hat. Die besondere Perspektive des Bühnenbilds verleiht ihnen eine fast Respekt gebietende Größe. Bei einem Besuch hinter den Kulissen, den Peter Kukelka gerne jedem seiner Besucher einräumt, wirken sie dagegen eher klein und zierlich. Die Kleidung der Puppen ist original und auch die Stoffe, aus denen Kukelka seine Stücke entwickelt, stammen aus alten Handschriften, die er vor Vergessen und Vernichtung gerettet hat.

Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass – im Gegensatz zur Praxis der meisten alten Bühnen – im Einmann-Betrieb gespielt wird. Sogar die verschiedenen Stimmen seiner Figuren spricht Peter Kukelka allein und dabei äußerst varianten- und facettenreich.

Das Puppentheater „Ultima Ratio“ von Peter und Helene Kukelka kann mit Fug und Recht als das äußerste Mittel zur Rettung einer uralten Theatertradition gelten, es ist aber hoffentlich nicht das letzte.

 

Quellen: persönliches Gespräch am 18. 10. 2010; Leiser Bote; http://www.kasperlfischer.de/ueber-den-kasperl ; https://www.hueber.de/sixcms/media.p…andeskunde.pdf

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