In Film und Wirklichkeit. Er-lebte Geschichte im Dorf

Passendorf nicht zu kennen bedeutet nicht unbedingt eine Bildungslücke. Auf der Anhöhe hinter Pulkau weiß man im Dorf selbst nicht so genau: gehört man noch zum Weinviertel oder liegt man schon im Waldviertel. Passendorf, das sind knapp 20 Einwohner, eine Handvoll Häuser rund um einen kleinen Anger, einige davon offensichtlich unbewohnt, eine Kapelle. Ein Wirtshaus sucht man hier vergeblich, einen Greißler oder gar eine Schule ebenso. Die Gemeindereform in den 1960er Jahren schlug den Flecken der Stadt Pulkau zu, also in den Bezirk Hollabrunn.

Früher war das anders. Da fuhr man aus Passendorf auf die BH nach Horn, war also eindeutig Waldviertel, obendrein eine eigenständige Gemeinde mit Bürgermeister, Gemeinderat und allem, was zu einer funktionierenden Dorfgemeinschaft gehört, und hatte fast zehn Mal so viele Einwohner.

In Passendorf ist nach aufregenden Dreharbeiten längst wieder der Alltag eingekehrt. Bild: Kris B. Flašar

Gerade die Abgeschiedenheit, Bescheidenheit und Ruhe am Übergang vom Wein- zum Waldviertel war es wohl, die dem Team der Wiener Filmproduktion ins Auge stachen und Regisseurin Elisabeth Scharang ans Herz gingen, so dass sie sich entschlossen, nicht mehr weiter zu suchen und den Film gerade hier zu drehen.

Der Film“, das ist der einfühlsam-aufrüttelnde Streifen „Vielleicht in einem anderen Leben“.

Mit Ortsvorsteher Franz Kitzler war man sich im Frühsommer 2009 rasch einig, ehe dieser kleine, vergessene Ort für drei Monate zum begehbaren Filmset mutierte und seine Bewohner Darstellerinnen und Darsteller, Informantinnen und Informanten wurden. „Ich kann mich noch erinnern, wie sie die Juden damals im 45-er Jahr durchs Dorf getrieben haben“, erzählt die alte Bäuerin. „Ich war 12, 13 Jahre alt.“ Die ungarischen Juden, viele aus Budapest, waren auf ihrem Todesmarsch Richtung Mauthausen. Bessere Kleidung hätten sie getragen als die hiesige ländliche Bevölkerung, wenn auch stark verschmutzt.

„Die Frauen mit Kostüm und viele Männer hatten Hüte auf“, erinnert sich die Frau. Nun ging wieder eine Gruppe Fremder auf der einzigen Straße durch das Dorf: zwanzig ungarische Schauspielerinnen und Schauspieler mit dem gelben Stern an ihrer Kleidung, und wären da nicht die grünen Plastikmistkübel und ein alter Ford im Hof, man hätte schwören können, die Uhren seien im Jahr 1945 stehen geblieben. Die Angst vor den Fremden, deren Sprache und Kultur man nicht versteht, hing plötzlich wie zäher Herbstnebel über dem Ort.

Passendorf, wie es früher einmal war. Repro: Kris B. Flašar

Im Film ist das Auftauchen der Fremden ein Impuls, der im Hause Fasching verhärtete Fronten in Bewegung bringt. Das Erscheinen einer vielköpfigen Filmcrew löste in Passendorf ähnliche Emotionen aus. Man beschäftigte sich plötzlich mit dunkler, selbst erlittener Geschichte. Erinnerte sich, diskutierte und stellte sich selbst manche Fragen.

Dabei waren schon die logistischen Herausforderungen, die die Dreharbeiten mit sich brachten, nicht zu verachten. „Wir konnten ja kein Schild vor die Tür hängen ‚wegen Umbau geschlossen‘“. Aber, was die alles wollten! Hier wurde ein Haus komplett mit Holzbrettern verkleidet, dort ein Zaun geändert, die Fenster vom K. verbaut, die Strommasten entfernt und die Leitungen auf die Erde verlegt. Die Fichte neben der Kirche musste leider weg, bei der Gelegenheit verpasste man dem kleinen Gotteshaus gleich eine „Patina“ in Form eines neuen, alten Anstrichs, beim W. musste eine Tür eingebaut werden und für das authentische Bild einer Dorfstraße Ende 1944 brauchte es hundert Kubikmeter Erde und Schotter. Schon lange hat Passendorf kein Wirtshaus mehr – für den Film wurde eigens ein neues „altes“ geschaffen, und schließlich musste auch der „alte“ Stadel errichtet werden, der im Film den Rahmen für die Handlung abgibt. Die Schauspieler und Komparsen unterzubringen, war bei alldem noch das geringere Problem. Einige von ihnen kamen im leer stehenden Nachbarhaus des Ortsvorstehers unter, der Rest im 17 Kilometer entfernten Stift Geras.

Von der Auswahl der Darsteller bekam man auf dem Dorf nichts mit. Während in Passendorf eine Gruppe von Kulissenbauern eifrig an der filmgerechten Umgestaltung des Dorfs werkte, wurde in Budapest „gecastet“, was das Zeug hielt. „Der Mischmasch aus Österreichisch, Ungarisch, Französisch und Jiddisch im Film wie auch am Set hat einer eigenen Form der Kommunikation bedurft“, erinnert sich Regisseurin Elisabeth Scharang. Er sei aber „eine Initialzündung für die Umsetzung des Films“ gewesen.

Passendorf. Erste Anweisungen für den Umbau zum „Filmdorf“. Repro: Kris B. Flašar

Den Passendorfern bereiteten nicht nur die eigentlichen Dreharbeiten Freude, in denen sie oft selbst zu Darstellern wurden. Sie genossen auch die Möglichkeit, die Gedankenwelt der Filmleute kennenzulernen. Anfängliche Reserviertheit wich bald einer herzlichen Gastfreundschaft, man schätzte es, sich mit einer verdrängten Problematik auseinander setzen zu können und auch für die Mitglieder der Crew war die Erfahrung wertvoll, dass hier keine dumpfen Hinterwäldler leben, sondern wache Menschen, die sich auf den dramatischen Stoff und das Abenteuer Film gleichermaßen einlassen konnten.

Herausgekommen ist bei dieser fruchtbaren Zusammenarbeit ein beachtenswerter Streifen, in dem das Schicksal jüdischer Häftlinge in den letzten Kriegstagen mit dem privaten Schicksal einer niederösterreichischen Bauernfamilie verknüpft wird. Von der Kritik gelobt, vom Publikum bisher noch mit Vorsicht begegnet, zeigt die Handlung des Streifens nicht nur, wie sich durch das Auftauchen von Fremden im Dorf die Ventile für Unverständnis, Ablehnung, Antisemitismus und kalte Unmenschlichkeit öffnen, sondern weckt auch die Sehnsucht nach einem Leben, in dem Musik und Liebe ihren Platz haben – vielleicht in einem anderen Leben.

Die Passendorfer Akteure haben „ihren“ Film natürlich nicht erst einmal gesehen, haben Regisseurin, Assistenten und Hauptdarsteller wieder getroffen bei der Premiere und im nächst gelegenen Kino in Horn. Sie können stolz sein, was nicht zuletzt durch ihr Engagement entstanden ist.

Einen guten Einblick in die Dreharbeiten bietet eine Reihe von Videos über die Entstehung des Films. Teil 1 zeigt „Wie aus damals heute wurde“ , Teil 2 weist den Weg „vom Buch zum Film“ , Teil 3 eröffnet den „Blick in die Trickkiste“ und Teil 4 ist einem „außergewöhnlichen Ensemble“ gewidmet.

Bei aller Bescheidenheit, die der Ort ausstrahlt, hat sich Passendorf aber auch ein genaueres Hinschauen auf Dorf und Umland verdient. Der Volksmund nennt es „Possendorf“ und in mittelalterlichen Urkunden findet sich die Bezeichnung „Poßndorf“. Das könnte mit dem keltischen Wort „pois“ oder „bois“ zu tun haben, was so viel wie Wald bedeutet. Nannte man in der Keltenzeit den Ort, der auch heute noch von Wald umgeben ist, etwa einfach Waldstetten oder Waldhausen?

Wie Funde von Steinbeilen und Pfeilspitzen bestätigen, ist die Gegend bereits in der Jungsteinzeit und Bronzezeit besiedelt gewesen. Dies zeigen auch die westlich von Passendorf entlang des gleichnamigen Baches befindlichen Steinhöhlen. Vermutlich waren es Behausungen der Urzeitmenschen. Die Riede heißt heute noch „Steinhäuseln“. Einst gab es entlang des Passenbachs und des Mixnitzer Bachs drei Mühlen, ein weiterer Beweis, dass Passendorf nicht immer im „Dornröschenschlaf“ gelegen hat.

 

Quellen: persönliche Gespräche; epo-Film; Kleine Zeitung Graz; Gemeinde Pulkau; Wikipedia

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