Töchter des Weinviertels: Anna Goldsteiner, Pulkau – ermordet, totgeschwiegen, aber nicht vergessen, Teil 1

Schön ist es in Pulkau.

Eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft liegt das Städtchen und der Wein gedeiht hier prächtig. Radfahrwege und Wanderrouten locken Freunde des entschleunigten Tourismus, das idyllische Waldbad verspricht Abkühlung an heißen Sommertagen.

Fast paradiesisch.

Kampen, Boier, Quaden, Rugier und Langobarden, Awaren und Franken, so belehrt uns die Gemeinde via Internet, haben hier ihre Spuren hinterlassen. 1422 seien die Hussiten eingefallen, rund 150 Jahre später habe die Pest 600 Menschenleben dahingerafft.

Der groben Unschärfe des historischen Überblicks fiel dagegen sogar das Pogrom zum Opfer, das sich nach einer angeblichen Hostienschändung durch Juden 1338 in der Stadt ereignete und von hier über fast ganz Niederösterreich ausbreitete.

So wundert es auch nicht, dass sich die Stadtchronik über den Einfall der selbst ernannten Arier, über das Wüten der braunen Pest und über die damit verbundenen Todesopfer hingegen ausschweigt. Nur zwei Angaben gibt es zu jener Zeit:

„3. 5. 1944: Brand der Blutkirche
1945–1955: Russische Besatzungsmacht in Pulkau“

Die Wehrmacht, die Österreich 1938 annektiert hat, wird offenkundig bis heute nicht als „Besatzungsmacht“ erlebt. Auch im Stadtbild erinnert – vom üblichen Kriegerdenkmal einmal abgesehen – nichts an die Nazi-Herrschaft, die hier mit besonderer Härte gewütet hat.

Glaubt man den damals ermittelnden Behörden in Wien, so hat sich in der Weinviertler Kleinstadt eine der gefährlichsten Verschwörungen gegen das NS-Regime zugetragen, die je in der „Ostmark“ aufgedeckt wurden.

Als Rädelsführerin hatte man Anna Goldsteiner ausgemacht. Sie wurde im Herbst 1943 festgenommen, zunächst in Pulkau einvernommen und danach nach Znaim überstellt, wo sie zehn Monate in Untersuchungshaft saß. Verhaftet wurden auch ihr Sohn Ernst und dessen Freunde Friedrich Blauensteiner, Franz Frischauf und Johann Zahlbruckner.

In den Augen der Nazi-Schergen eine Terroristin: Anna Goldsteiner, Hausfrau und Taglöhnerin in Pulkau, mit dem „Makel“ einer Zuagrastn aus Wien
Bild: Familinarchiv Rudolf Goldsteiner

In der Hauptverhandlung mussten sich Anna Goldsteiner und die vier Jugendlichen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verantworten. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie „eine Organisation separatistischer Zielsetzung zu gründen begonnen“ hätten: „Die Angeklagten … gründeten im Sommer 1943 eine illegale Jugendgruppe unter der Bezeichnung ,Ewig treu mein Österreich‘, deren Mitglieder sich ,Schlurfs‘(1) nannten. Zweck und Ziel dieser Organisation war die gewaltsame Lostrennung der Alpen- und Donaureichsgaue vom Großdeutschen Reich, die Zerstörung der Parteigliederungen und die Beseitigung politischer Leiter in Pulkau und Umgebung im Falle eines Zusammenbruchs des Deutschen Reiches. Die Zusammenkünfte fanden meist in der Wohnung der Anna Goldsteiner statt und wurden von dieser gefördert.“

Das klingt schon nach einer hochprofessionellen Terrorzelle, bis an die Zähne bewaffnet, im Partisanenkampf geschult und allzeit bereit zum entscheidenden Vernichtungsschlag gegen das NS-Regime.

Doch davon waren die vier Jugendlichen meilenweit entfernt – wie auch jene fünf „Sympathisanten“, die später in einem Nebenprozess vor Gericht gestellt wurden. Die meisten von ihnen waren Söhne von Hilfsarbeitern, Maurern und Kleinbauern, die es selbst wieder nur zu Hilfs- und Gelegenheitsarbeitern, im besten Fall zu einer Lehre gebracht hatten.

All das – die mangelnden schulischen Leistungen, die Tatsache, dass einige der Angeklagten mehrmals sitzen geblieben waren und einer „kaum lesen und außer seinem Namen fast nichts schreiben“ konnte – wurde in den Prozessakten genussvoll ausgewalzt, wohl in der Absicht, die Angeklagten noch zusätzlich verächtlich zu machen.

Wie aber hätte dieser schlecht ausgebildete Haufen dem organisierten NS-Machtapparat gefährlich werden können – und das nicht nur auf lokaler Ebene, sondern auf eine Art, die den Bestand des „Großdeutschen Reiches“ insgesamt gefährdet hätte? Auch die angebliche Anführerin der „Terrorzelle“, die Hausfrau und Taglöhnerin Anna Goldsteiner, passt so gar nicht ins Klischeebild des gemeingefährlichen „Flintenweibs“, das die faschistische Propaganda von slowenischen Partisaninnen und spanischen Widerstandskämpferinnen zu zeichnen pflegte.

Als „Zuagraste“ (Zuwanderin) aus Wien war sie allerdings von vornherein eine Außenseiterin, von den Pulkauerinnen und Pulkauern mit einigem Argwohn betrachtet. Dass sie an der ländlichen Vereinsmeierei – und besonders an der nationalsozialistischen – keinerlei Interesse zeigte, machte sie zusätzlich verdächtig; und dass sie ihre vier Kinder ordentlich und „städtisch“ einkleidete, obwohl die finanziellen Mittel das kaum erlaubten, machte sie zum Feindbild der „anständigen“ Bürger- und Bauernschaft: Wer sich stundenweise auf Feldern und in Ställen verdingen muss, die ihm nicht gehören, hat kein Recht, sich erhaben zu fühlen über jene, die diese Felder und Ställe besitzen.

So interpretiert Rudolf Goldsteiner, Enkel der Hauptangeklagten, das Verhältnis zwischen der Familie und der Ortsbevölkerung, die bald in staatlich sanktionierten Hass münden sollte.

(wird fortgesetzt)

Wolfgang Beyer und Monica Ladurner, Red.: Kris B. Flašar

(1) Anmerkung: Der Dokumentarfilm „Schlurf – Im Swing gegen den Gleichschritt“ war zuletzt im TV-Programm 3sat zu sehen.

Quellen: Die Presse, Print-Ausgabe vom 24.09.2011; Stadtgemeinde Pulkau ; Wolfgang Beyer und Monika Ladurner, Im Swing gegen den Gleichschritt – Die Jugend, der Jazz und die Nazis, Residenz Verlag, St. Pölten 2011; Anton Tantner, „Schlurfs“. Annäherung an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher, Lulu, Morrisville 2007; Augustin; ORF OE 1; haGalil online; Wikipedia

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