Töchter des Weinviertels: Anna Goldsteiner, Pulkau – ermordet, totgeschwiegen, aber nicht vergessen, Teil 2

(Fortsetzung von Teil 1)

Enkel Rudolf Goldsteiner verbrachte seine Kindheit und Jugend in Pulkau. Seit Jahren versucht er herauszufinden, warum seine Großmutter sterben musste – und warum das niemanden zu interessieren scheint: „Während meiner Schulzeit hier, im Geschichtsunterricht, war diese Zeit ausgeklammert. Man erfuhr nichts, in der Schule nicht und im Ort nicht. Auch in unserer Familie wurde nie von meiner Großmutter gesprochen. Ich weiß nur, dass die vier Söhne ihre Mutter abgöttisch geliebt haben.“

Das einzige noch erhaltene Familienfoto. Anna Goldsteiner mit ihrem Gatten Johann und den Söhnen Rudolf, Franz, Johann und Ernst. Bild: Familienarchiv Rudolf Goldsteiner

Im August 1943 besuchte Anna Goldsteiner ihren Mann, der zu jener Zeit im norddeutschen Eckernförde arbeitete. Von dort zurückgekehrt, erzählte sie ihrem Sohn Ernst (die anderen waren bereits eingerückt) und dessen Freunden geradezu Unglaubliches: „Die Engländer hätten Flugblätter mit Heu abgeworfen. In den Flugblättern hätte gestanden, dass der das Heu fressen solle, der daran glaube, dass Deutschland den Krieg gewinnen werde. Unsere Truppen gingen an den Fronten überall zurück. Der Krieg sei für uns bis Weihnachten sowieso schon aus und verloren. Es sei unwahr, dass Deutschland so viele Flugzeuge abgeschossen habe. Wenn der Russe hereinkäme, so würden wir es schlecht haben. Käme aber der Engländer oder der Amerikaner herein, so hätten wir es besser, und schlechter könnten wir es auch nicht haben als jetzt. In Pulkau gäbe es Soldaten, die, wenn sie einmal aus dem Felde zurückgekommen wären, mit schon jetzt hergerichteten Kugeln den Bürgermeister und den Ortsgruppenleiter umlegen würden, da diese die Bevölkerung tyrannisierten.“

Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der NSDAP waren aber ein und dieselbe Person, und mit dieser hatten sich die Lehrlinge wiederholt angelegt. Aus den Aussagen Ernst Goldsteiners, die am 11. August 1945 protokolliert wurden, geht hervor, dass die Jugendlichen immer wieder die Anschlagkästen der HJ und der NS-Frauenschaft beschädigt und ausgeräumt hätten und dafür vom Bürgermeister mit Ohrfeigen bestraft worden wären. Also begannen sie sich zu „organisieren“, wie in der Urteilsbegründung zu lesen ist: „Als Erkennungszeichen waren von den Mitgliedern Kettchen mit Anhängern, rote Halstücher, am Rockaufschlag ein Kreuz und bei Nacht eine Leuchtplakette, lange weiße Hosen, Lederhandschuhe und Seidenhemden zu tragen. Auch am Haarschnitt und durch einen bestimmten Gruß sollten sich die Angehörigen erkennen. Zahlbruckner und Frischauf warben unter der HJ zum Beitreten zu dieser Organisation und bemühten sich auch, Waffen zu erlangen.“

Eine gemeingefährliche Geheimorganisation, deren Mitglieder sich durch ihr auffälliges Outfit deutlich jedem linientreuen Dorfdeppen zu erkennen geben? Die „bewaffnet“ mit ein paar Leuchtraketen und zwei aus einem Gummischlauch geschnittenen Knüppeln gegen das allmächtige und hochgerüstete Dritte Reich antreten wollen?

All das konnte nur glauben, wer es unbedingt glauben wollte. Enkel Rudolf formuliert es vorsichtig, aber dennoch unmissverständlich: „Es könnte sein, dass man hier in Pulkau mit besonderem Fanatismus den nationalsozialistischen Ideen nachgehangen hat.“ Könnte sein.

Aber natürlich: Da gab es noch jenen Tschechen Nikodým aus Platt bei Hollabrunn, an den sich Johann Zahlbruckner zwecks Waffenbeschaffung gewandt haben soll. Doch selbst im Urteil wird eingestanden: „Erfolg hatte er jedoch damit, soweit festgestellt, nicht.“

Bleibt also noch jene uralte Pistole, die Anna Goldsteiner an Franz Frischauf weitergegeben hat. Enkel Rudolf über diese Waffe: „Das war ein besserer Kapselrevolver, völlig ungeeignet, um irgendetwas auszurichten. Wenn diese Waffe überhaupt jemandem hätte gefährlich werden können, dann wohl nur dem, der sie benutzt hätte.“ Konjunktiv. Soll heißen: Es hat ihn niemand benützt, diesen Revolver. So wie die Angeklagten auch keine anderen Waffen beschafft, sondern sich eben nur darum „bemüht“ hatten.

In einem Kaffeehaus im nahen Haugsdorf traf sich das Quartett mit fünf weiteren Jugendlichen, um sie zum Beitritt zur Gruppe „Ewig treu mein Österreich“ zu bewegen. Auch bei diesem Treffen soll von Bewaffnung und Umsturz und Beseitigung des Ortsgruppenleiters die Rede gewesen sein, gegrüßt habe man dort mit „Ewig treu mein Österreich!“.

Wie die Pulkauer Schlurfs verraten wurden, darüber gab Ernst Goldsteiner, der 18 Monate im Gefängnis verbracht hatte, nach Kriegsende Auskunft: Franz Frischauf, der als Lehrling im örtlichen Kaufhaus gearbeitet hatte, habe Aufzeichnungen über die Entstehung und Entwicklung der oppositionellen Gruppierung gemacht. Die Tochter des Kaufmanns scheint dieses Heft entdeckt zu haben – und damit war das Schicksal von Anna Goldsteiner und der angeblich von ihr „aufgehetzten“ Jugendlichen besiegelt.

Ernst Goldsteiner hätte damals allen Grund gehabt, die Pulkauer Schlurfs als bedeutende Widerstandskämpfer darzustellen, als eine Art Weinviertler Weiße Rose. Er hätte dafür nichts weiter zu tun brauchen, als den Darstellungen der ermittelnden Behörden und des Gerichts zu folgen. Stattdessen erzählte er nur von dem Plan, Sprengstoff herzustellen, um das Parteihaus in Hollabrunn in die Luft zu jagen; und vom Vorsatz, den Bürgermeister ins Bein zu schießen, um ihm einen „Denkzettel“ zu verpassen.

Am 17. April 1944 sprach das Gericht unter Vorsitz von Senatspräsident Dr. Albrecht, was man damals Recht nannte – im Namen des Deutschen Volkes, versteht sich: „Die Hauptbeteiligten … werden wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu Jugendgefängnis, Anna Goldsteiner wegen des gleichen Verbrechens und auch wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt.“

Dass es für diese Schuldsprüche keines Prozesses bedurft hätte, geht aus der Urteilsbegründung ziemlich eindeutig hervor. Anna Goldsteiner sei „vom örtlichen Hoheitsträger ungünstig beurteilt worden“, sie sei wegen Ehrenbeleidigung vorbestraft, „charakterlich minderwertig“ und habe auch „auf den Senat einen sehr schlechten Eindruck gemacht“. Fazit: „Selbst wenn das Gesetz für das von der Angeklagten Anna Goldsteiner begangene Verbrechen der Wehrkraftzersetzung nicht die Todesstrafe als einzige Sühne vorgesehen hätte, so hätte das unverantwortliche, verbrecherische Treiben dieser Angeklagten auch im Übrigen durch keine andere Strafe angemessen geahndet werden können.“

Konjunktive, schon wieder. Soll heißen: Egal, ob Wehrkraftzersetzung oder nicht, umbringen werden wir sie auf jeden Fall. Alle Versuche der Familie, eine Begnadigung zu erwirken, blieben fruchtlos. Enkel Rudolf vermutet, dass Interventionen aus Pulkau dafür verantwortlich waren: „Man wollte vermutlich ein Exempel statuieren, im Hinblick auf all jene, die am ,Endsieg‘ zu zweifeln begonnen hatten. Und mit der Hinrichtung dieser Frau sollten alle Gegenströmungen eingedämmt werden.“

Das deckt sich mit den Aussagen seines Onkels, des ebenfalls Verurteilten Ernst Goldsteiner, vom August 1945: „Meine Mutter hat vom Zuchthaus aus an die damalige Frauenschaftsführerin Hilde Dechant ein Schreiben gerichtet, in welchem sie die Dechant ersuchte, für sie etwas zu unternehmen, dass das Todesurteil rückgängig gemacht wird. Wie mir nach meiner Befreiung die in Pulkau wohnhafte W. erzählte, hat sich diese bei der Dechant erkundigt, ob man für die Frau Goldsteiner nichts tun kann, worauf die Dechant erwiderte: ,Nein, so einer Frau kann man nicht helfen, so eine Frau muss weggeräumt werden.‘“

Am 5. Juli 1944 wurde Anna Goldsteiner im Wiener Landesgericht mittels Fallbeil „weggeräumt“ – als eine von rund 2700 österreichischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfen, die gegen das Naziregime opponiert haben. Mehrere Hundert von ihnen sind auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt worden. Dort, in der „Gruppe 40“, erinnert ein Grabstein an die Frau aus Pulkau. Auch in jenem Raum im Wiener Landesgericht, in dem einst die Guillotine stand, scheint sie auf einer Gedenktafel auf.

Und in ihrer Heimatstadt? Er habe sich wiederholt um eine Form des Gedenkens bemüht, erzählt Rudolf Goldsteiner, habe mit dem Bürgermeister gesprochen und sei bei der Schulleitung vorstellig geworden, habe dieses angeregt und jenes vorgeschlagen, seine Gesprächspartner hätten jenes wohlmeinend in Erwägung gezogen und dieses hinhaltend in Aussicht gestellt.

Geschehen ist bis heute nichts.

Anna Goldsteiner stirbt in ihrer Heimatstadt weiterhin jeden Tag aufs Neue – durch Totschweigen.

Und in der Stadtchronik ist zu jenem Jahr, in dem eine Pulkauer Bürgerin zum Tod und neun Jugendliche zu insgesamt mehr als 30 Jahren Haft verurteilt wurden, weiterhin nur jener eine Eintrag zu lesen:

„3. 5. 1944: Brand der Blutkapelle“

Aber abgesehen davon ist es in Pulkau noch immer schön.

Wolfgang Beyer und Monica Ladurner, Red.: Kris B. Flašar

 (1) Anmerkung: Der Dokumentarfilm „Schlurf – Im Swing gegen den Gleichschritt“ war zuletzt im TV-Programm 3sat zu sehen.

Quellen: Die Presse, Print-Ausgabe vom 24.09.2011; Stadtgemeinde Pulkau ; Wolfgang Beyer und Monika Ladurner, Im Swing gegen den Gleichschritt – Die Jugend, der Jazz und die Nazis, Residenz Verlag, St. Pölten 2011; Anton Tantner, „Schlurfs“. Annäherung an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher, Lulu, Morrisville 2007; Augustin; ORF OE 1; haGalil online; Wikipedia

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