Das Schloss der verbrannten Bilder

Im Klimt-Jubiläumsjahr 2012 führt eine Spurensuche auch ins Weinviertel. In dem Feuer, das blindwütige deutsche Soldaten am 8. Mai 1945, also am allerletzten Kriegstag, im Schloss Immendorf gelegt hatte, verbrannten neben zahlreichen anderen Kunstschätzen auch 16 wertvolle Gemälde des großen Jugendstilmalers.

1894 hatte Gustav Klimt den Auftrag für die Fakultätsbilder, die Deckengemälde im Großen Festsaal der Wiener Universität, erhalten. In dieser Zeit kam es zu einem allgemeinen künstlerischen Bruch mit den Vertretern der sogenannten „Altkunst“. In weiterer Folge traten Klimt und seine Gruppe aus dem konservativen Künstlerhaus aus und gründeten die Secession. Damit leiteten sie die „Neukunst“ ein. Dieser Stilwandel führte Klimt auch in eine völlig neue Richtung bei der Gestaltung der Entwürfe für die Fakultätsbilder, in der er seinen Weg zum Jugendstil vorbereitete, der ihn zur heutigen Berühmtheit gelangen ließ.

Als das erste Bild, die „Philosophie“, in der 7. Secessionsausstellung im Jahr 1900 präsentiert wurde, rief es heftige Proteste hervor, vor allem von Seiten der Universitätsprofessoren. Die Ausstellung der „Medizin“ im folgenden Jahr entfesselte scharfe Ablehnungen durch die Presse und einen Skandal, der die beiderseitigen Emotionen weiter anheizte. Die Diskussion ging um künstlerische Freiheit einerseits und Sittlichkeit andererseits. Mit der Ausstellung des letzten der drei Fakultätsbilder, der „Jurisprudenz“, kam es zum endgültigen Bruch mit dem Ministerium: Klimt trat von dem Auftrag zurück und nahm auch keine öffentlichen Aufträge mehr an. Mit Hilfe von August Lederer, einem engagierten Sammler und Mäzen seiner Bilder, zahlte er das Honorar zurück, und Lederer erwarb die „Philosophie“. Über Kolo Moser gelangten in der Folge die „Medizin“ an die Österreichische Galerie und die „Jurisprudenz“ an die Familie Lederer.

Die Fakultätsbilder: die Philosophie (links), die Medizin (mitte) und die Jurisprudenz (rechts). Sie fielen wie 13 andere Gemälde Gustav Klimts wenige Stunden vor Kriegsende einem Akt blinder Nazi-Wut zum Opfer.
Bilder: © Wikipedia

1938, 20 Jahre nach dem Tod Klimts, wurde der Kunstbesitz von August Lederer zwangsenteignet und gelangte in den Besitz der in der NS-Zeit in „Galerie des 19. Jahrhunderts“ umbenannten Österreichischen Galerie. 1943 wurden die Fakultätsbilder in der Secession, damals „Ausstellungshaus Friedrichstraße“ noch einmal öffentlich präsentiert. Zum Schutz vor den Bombenangriffen wurden die Kunstschätze aus Wien in verschiedene Schlösser ausgelagert, die Bestände der Sammlung Lederer und weitere Klimtbilder kamen in das Schloss Immendorf (heute Marktgemeinde Wullersdorf, Bezirk Hollabrunn), in jenes Schloss, dessen Herrschaft im 18. Jahrhundert im Besitz der Grafen Locatelli war, von denen es 1886 an den Freiherrn Carl Freudenthal überging und noch heute im Besitz dieser Familie ist.

Die erste umfangreichere Nachricht über die Ereignisse auf Schloss Immendorf findet sich in der Zeitschrift „Der Turm“, Monatsschrift für Österreichische Kultur, in der Augustnummer des Jahres 1945. Unter dem Titel „Der Brand von Immendorf“ wird darin zunächst darauf hingewiesen, dass durch die dezentrale Verlagerung nahezu alles erhalten werden konnte, mit Ausnahme der Bestände in Immendorf. Ein authentischer Bericht vermerkt, dass bis zur Kapitulation in der Gegend keine Kampfhandlungen stattgefunden hätten.

Der Bericht besagt: „Am späten Nachmittag hörte man eine Detonation. Ein Turm fing an zu brennen, gleich darauf geschah dasselbe mit den anderen Türmen. Als das Dach abgebrannt war, war zwei Tage alles ruhig. Am 11. Mai begann es plötzlich wieder zu brennen (scheinbar hatten die deutschen Soldaten Zündschnüre gelegt oder es waren Zeitzünder), und ein Zimmer nach dem anderen fing Feuer. In den Zimmern waren Panzerfäuste und andere Sprengmunition versteckt, so dass fast jedes Zimmer noch einzeln gesprengt wurde. Es stehen nur mehr die Außenmauern und schwer beschädigte Quermauern. Alles was im Schloss geborgen war, ging durch diese sinnlose Vernichtung zugrunde. Das Bedeutendste sind Werke von Gustav Klimt.“

Theodor Brückler hat die Ereignisse genauer recherchiert und in „Kunst im Bezirk Hollabrunn“ publiziert: „Am 7. Mai 1945 bezog eine Einheit der Division ‚Feldherrnhalle‘ im Schloss Quartier, zog aber am folgenden Tag wieder ab… Als sich Einheiten der Roten Armee im Schloss einquartieren wollten, begannen nach mehreren Explosionen die vier Schlosstürme zu brennen. In den folgenden Tagen wurden die einzelnen Zimmer detonationsartig gesprengt und brannten aus… Schloss Immendorf war zu einer Brandruine geworden. Da es sich bei der erwähnten deutschen Einheit um ein Sprengkommando gehandelt hatte, dessen Angehörige überdies betont hatten, es sei eine Sünde, wenn diese (eingelagerten) Kunstgegenstände den Russen in die Hände fielen, kann es keinem Zweifel unterliegen, dass das Schloss und die darin geborgenen Kunstwerke ohne jede militärische Notwendigkeit nicht von Russen, sondern von Deutschen sinnlos und mutwillig zerstört wurden.“

Vom einstigen Schloss Immendorf existieren heute nur noch einige Steinhaufen. Mauerreste des Grottensaales und ein Bogen des Treppenaufganges zur Terrasse sind übrig geblieben, nachdem Nazisoldaten das Schloss und die eingelagerten Kunstschätze in die Luft gejagt hatten. Bild: © Europeana / ÖNB

Allein von Klimt verbrannten 16 Gemälde: Kompositionsentwürfe zu „Jurisprudenz“ 1897/97 und zur „Philosophie“ 1899/1907, weiters die drei Fakultätsbilder – „Jurisprudenz“, „Medizin“ und „Philosophie“; aus dem Musikzimmer von Nikolaus Dumba die „Musik II“ von 1898 und „Schubert am Klavier“ (1899), „Zug der Toten“ (1903), „Goldener Apfelbaum“ (1903), „Bauerngarten mit Kruzifix“ (1911/12), „Malcesine am Gardasee“ (1913), „Wally“ (1916), „Die Freundinnen“ (1916/17), „Gartenweg mit Hühnern“ (1916) sowie ,,Leda“(i9i7) und „Gastein“ (1917).“

Leider haben sich nur von einigen Bildern Farbreproduktionen erhalten. Von den Fakultätsbildern gibt es – mit Ausnahme des Ausschnittes mit der „Hygieia“ – nur Schwarz-Weiß-Bilder. Da helfen nur einige begeisterte Beschreibungen in Ludwig Hevesis Ausstellungsberichten, um die leuchtende Farbkraft der Bilder erstehen zu lassen:

„Auf Purpur und Gold ist die Medizin gestimmt. Mit Gold förmlich geschirrt und gezäumt das figurante Luxusweib Hygieia“. „Die Jurisprudenz setzt zwei große Farbwerte gegeneinander: unten ein Schwarz und Weiß, oben eine Mosaikglorie von Gold und Farben. Die drei bleichen Erynnien kommen aus einer Luxushölle, wo goldene Folterwerkzeuge mit Brillanten besetzt sind, und die Gemarterten Rubine bluten.“

Werner Lamm, Red.: Kris B. Flašar

Quellen: Niederösterreich Perspektiven Frühjahr 2012; NÖN v. 22. 02. 2012; Der Spiegel ; Wikipedia

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Eine Antwort zu Das Schloss der verbrannten Bilder

  1. G.Singer schreibt:

    Danke für diese interessante Information zum Geburtsort meines verstorbenen Vaters

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