Von der Waterkant ins Weinland. Die Boßler von Mistelbach

Sie nennen sich „Sauzipfler“, „Süße Früchtchen“ oder „Hirschkiller“, ihr Spielgerät ist eine bis zu 800 Gramm schwere Kugel, genannt „Holz“, obwohl sie aus Gummi oder Kunststoff ist, und alles, was sie brauchen sind Wiesen, Felder und lange, befestigte, möglichst verkehrsarme Wege.

Die Rede ist vom so genannten Boßeln, einer seltsam anmutenden Sportart, die neuerdings auch im Weinviertel Einzug gehalten hat. Vor allem rund um Siebenhirten bei Mistelbach wird eifrig geboßelt. Inzwischen hat es dort sogar bereits drei Turniere gegeben. Und ebendort waren auch besagte Sauzipfler & Co. im Einsatz.

Viel Bewegung in freier Natur verspricht der Friesensport Boßeln. Immer dabei: der so genannte Bollerwagen. Er beinhaltet allerlei stärkende Köstlichkeiten. Bild: Martin Lehner

Dabei stammt der Sport aus Norddeutschland, genauer gesagt aus Friesland, wo er sich zu einem echten Volkssport entwickelt hat, der auch im Landesinneren weit abseits der Küste Anhänger findet. Ins Weinviertel hat ihn Martin Lehner, im „richtigen“ Leben sachkundiger Spezialist für Fließestriche aus Mistelbach, mitgebracht – und dabei auch gleich seine Ehefrau.

Die den Deutschen nachgesagte Gründlichkeit hat inzwischen schon zu nationalen Meisterschaften geführt. International messen sich Teilnehmer aus Deutschland, Holland, Irland und Italien – und vielleicht bald auch Österreich. Die letzte Europameisterschaft richtete der irische Verband aus, die nächste wird 2012 in Italien stattfinden.

Durch Theodor Storm hat das Boßeln sogar in die Literatur Eingang gefunden. Von ihm stammt eine Beschreibung der Stimmung während eines Boßelspiels in der Novelle „Der Schimmelreiter“.

Das Weinviertel gilt derweil als Boßel-Entwicklungsland. Das soll sich ändern, wenn es nach Martin Lehner geht. Kein leichtes Unterfangen, wo es doch hierzulande naturgemäß am einfachsten Boßel-Basiswissen mangelt.

Beim Boßeln wird die Kugel möglichst weit nach vorn geschleudert. Dabei müssen die Werfer die Beschaffenheit der Strecke berücksichtigen, Gefälle, Kurven oder Spurrillen optimal ausnutzen, um möglichst weit zu werfen, gleichzeitig aber auch verhindern, dass die Kugel außerhalb im Graben landet. Beim Straßenboßeln wird die Anzahl der Würfe über eine bestimmte Distanz gewertet. Das kann in einer Mannschaft, aber auch als Einzelvergnügen betrieben werden. Dass dabei Bewegung nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst: Je weiter man die Kugel wirft – was ja nötig ist, um zu gewinnen – desto weiter muss man auch laufen. Auf geraden Strecken mit geeignetem Untergrund können Spitzen-Boßler problemlos Weiten von 200 Metern mit einem Wurf erzielen. Näheres zu den Regeln findet man HIER.

Die lange Wegstrecke und Unterbrechungen durch den Verkehr auf öffentlichen Straßen führt dazu, dass Wettkämpfe zwei bis drei Stunden und länger dauern können. Gesperrt werden Straßen nur bei großen Wettkämpfen, bei denen neben den Spielern auch zahlreiche Zuschauer die Wurfstrecke säumen.

Man muss Boßeln übrigens nicht als Wettkampfsport betreiben. Es ist neben Joggen oder Nordic Walking eine gute Möglichkeit, sich in frischer Luft und freier Natur mit Freunden und Bekannten abwechslungsreich zu bewegen. Ein unverzichtbarer Bestandteil ist dabei der so genannte Bollerwagen – ein kleiner, vierrädriger Handwagen, der zur Stärkung der Teilnehmer allerlei Leckereien enthalten darf, seien es Kaffee und Kuchen für die Gemütlichen, Säfte und Mineralwasser für die Sportlichen oder auch Zutaten für eine deftigere Jause.

 

Quellen: Boßel-Lehner ; Boßeln als Volks- und Leistungssport ; Wikipedia

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