Damals wie heute: Was kümmert ein „heiliger“ Ort, wenn’s ums Geld geht

Schalensteine sind auf der ganzen Welt bekannt. Der älteste Schalenstein wurde in Frankreich gefunden. Er ist mindestens 50.000 Jahre alt und wird dem Totenkult zugeschrieben. Schalensteine hatten zu verschiedenen Zeiten aber auch andere Bedeutungen.

Auch der sogenannte Heilige Stein in Mitterretzbach war bereits in prähistorischer, also vorchristlicher Zeit ein Kultplatz. Je nach den religiösen Vorstellungen der hier wohnenden Menschen diente der Stein wohl Opfern oder kultischen Zwecken, wobei durch das Ausreiben der Schalen das Fruchtbarkeitsritual symbolisiert wurde. Es wird auch angenommen, dass das vom Stein herausgeriebene Pulver, aufgelöst in Wasser, heilwirksam sei.

Der Schalenstein von Mitterretzbach sollte als „heidnisch“ zerstört werden. Ein kultursinniger Abt rettete das prähistorische Relikt. Bild: Nationalpark Thayatal

Der Chronist erwähnt 1647 einen Mann namens Veit Priesler, der sich nur noch mit Hilfe von Stöcken fortbewegen konnte. Dieser soll von seiner Krankheit geheilt worden sein, nachdem er sich mit dem Wasser der nahe gelegenen Quelle gewaschen hatte. Er ließ daraufhin einen Brunnen bauen. Das Wasser soll in der Folge vielen Kranken zu neuer Gesundheit verholfen haben. Ein in der Nähe wohnender Eremit brachte dieses „Marienwasser“ sogar bis Znaim und ins 30 Kilometer entfernte Roseldorf.

Wenn man den Angaben in der Chronik des Stifts Lilienfeld Glauben schenken darf, waren es bald darauf tausende Menschen, die zu dem neuen Wallfahrtsort „Unsere Liebe Frau am Stein“ pilgerten und dort Trost und Heilung von ihren Gebrechen suchten. 1650 wurde über der Quelle in den Weingärten eine kleine Kapelle errichtet. 1681 ist auch ein steinernes Kreuz bekannt, das heute aber verschwunden ist. Um 1686 folgte eine größere Wallfahrtskapelle. Sie wurde von Einsiedlern betreut, die dort eine Eremitage bewohnten. Die Kapelle gehörte dem Zisterzienserkloster Lilienfeld.

Zwischen den Pfarrern von Mitterretzbach und Roseldorf entbrannte in der Folge ein Streit darüber, auf wessen Pfarrgebiet das Wallfahrtskirchlein stand, ging es doch um die nicht unbeträchtlichen Spendengelder der Pilger. Der Pfarrer von Mitterretzbach Robert Azger (1639–1708) konnte schließlich den Streit zu seinen Gunsten entscheiden. Er war ein fairer Sieger und zahlte freiwillig den Roseldorfern jährlich einen Gulden.

Der Schalenstein, der elf Eintiefungen aufweist, stand schon sehr lange vor Errichtung der Kapelle bei der Bevölkerung in hohem kultischen Ansehen. Ob er der Amtskirche des Barock deshalb als „heidnisches“ Relikt galt? Um 1709 sollte der Stein jedenfalls vernichtet werden, doch setzte sich mit Abt Sigismund von Lilienfeld letztlich sogar ein kultursinniger, kirchlicher Würdenträger für seine Erhaltung ein.

Berichte von Krankenheilungen ließen die Zahl der Pilger immer weiter ansteigen, so dass 1750 mit dem Bau einer großen Wallfahrtskirche und eines Priesterhauses begonnen wurde. Das Wasser der Quelle wurde in die Kirche geleitet, damit es die Pilger dort entnehmen konnten.

1784 befahl der Reform-Kaiser Joseph II., die Kirche „Unsere Liebe Frau am Stein“ abzureißen. Laut Chronik wurde die Kirche am 1. Mai 1785 geschlossen und bald darauf demoliert.

Die 88 Zentimeter große Gnadenstatue kam in die Kirche von Mitterretzbach, die übrigen Wertgegenstände in umliegende Gotteshäuser. Es sollen damals auch einige Wagenladungen von Krücken und anderen Gehhilfen abtransportiert worden sein.

Die Wallfahrtskirche war zwar offiziell aufgelöst worden, alte Kultstätten lassen sich jedoch nicht abschaffen. Zum Heiligen Stein zogen die Menschen auch weiterhin um Hilfe und Trost zu erbitten.

1995 wurden die Fundamente der abgebrochenen Kirche freigelegt. Für einen besseren Überblick errichtete man 1999 eine ellipsenförmige Aussichtswarte. Sie ermöglicht auch einen weiten Ausblick ins Weinviertel und nach Südmähren.

Seit Juni 2008 befindet sich auf der Anhöhe auch eine Weinschenke. Sie hat während der wärmeren Jahreszeit freitags, samstags, sonn-und feiertags jeweils ab 15 Uhr geöffnet.

 

Quellen: Sammlung suehnekreuze.de ; Gustav Gugitz: Niederösterreichische Schalensteine im Volksglauben, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, 4 (1950), S.97ff. ; Friedrich Schleinzer – Beiträge zur Geschichte des Wallfahrtsortes Unsere Liebe Frau am Stein bei Mitterretzbach, Niederösterreich, Stift Lilienfeld, 1970 ; www.sagen.at ; Gemeinde Retzbach .

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