Fußballg’schichten von A bis Z – von Absdorf bis Zistersdorf

Mündlich überlieferte kuriose, ungewöhnliche oder spaßige Begebenheiten, also Anekdoten und G’schichterln gibt es im Sport unzählige. Ich habe erst kürzlich ein paar über den Fußball im Weinviertel gefunden. Vielleicht fällt euch ebenfalls das eine oder andere G’schichterl aus der (nicht immer) guten, alten Zeit des Fußballs oder einer anderen Sportart ein. Entweder selbst erlebt oder von Freunden, Bekannten, Vätern, Müttern, Großvätern oder -müttern weitergegeben – natürlich mit Bezug zum Weinviertel. Falls ja, erzählt sie uns hier und lasst uns gemeinsam schmunzeln, wundern und vielleicht auch ein wenig nachdenklich werden…

„Als der Fußballbetrieb nach dem zweiten Weltkrieg wieder einigermaßen in Schwung gekommen war, gastierte der SV Absdorf mit zwei Mannschaften in Langenlois. Seltsames spielte sich während des Spiels der Reserven im Luftraum über Langenlois ab. Drei sowjetische Flugzeuge brausten immer wieder über den Sportplatz hinweg. Böse Zungen behaupten, die Absdorfer hätten dieses Spiel deshalb so deutlich gewonnen, weil sie den Fluglärm vom Training her gewohnt waren. Im Tor der Absdorfer Reserve spielte nämlich ein russischer Pilot und seine Pilotenkameraden pflegten sowohl beim Training als auch während eines Spiels ‚Salut‘ zu fliegen. Diese Sportkameradschaft funktionierte übrigens zuweilen auch dann, wenn ein Militär-Lkw anrollte, um die Absdorfer mitsamt ‚ihrem Russen‘ zu oder von einem Auswärtsspiel zu transportieren. Der russische Tormann und seine Absdorfer Sportkameraden verstanden sich jedenfalls prächtig. Nur anfangs soll es vorgekommen sein, dass sich Tormann und Abwehrspieler (während des Spiels) nur mittels eines Dolmetschers verständigen konnten…“

Anton Prantner, Absdorf, in: 75 Jahre NÖFV

1945, im Jahr des großen, oft unfreiwilligen Wechsels vieler Besitztümer, nahmen die Russen dem Zeugwart des SV Absdorf elf Paar funkelnagelneue Fußballschuhe ab. Beschlagnahmt! Beim nächsten Spiel gegen eine sowjetische Militärmannschaft fanden die Absdorfer genau diese elf Paar Schuhe in der Kabine der Russen wieder. Eine peinliche Situation, die Absdorfer erwiesen sich aber als gute Diplomaten. Sie schlugen den Russen vor um genau diese Schuhe zu spielen. Wer siegt, dem sollten sie endgültig gehören. Elf Paar Schuhe waren 1945 ein Vermögen wert. Die Russen waren einverstanden, die Absdorfer spielten, als ginge es um ihr Leben und gewannen schließlich mit 2:1. Die Sowjets waren ihrerseits faire Verlierer und hielten Wort. Die Absdorfer erhielten ihre Schuhe wieder. „Es war der schönste ‚Pokal‘ den eine Absdorfer Mannschaft jemals gewonnen hat“, erinnerte sich Anton Prantner aus Absdorf.

Aus: 75 Jahre NÖFV

„Billig (zumindest nach heutigen Maßstäben) war die Wiener Austria im Rahmen des Martini-Kirtags am 11. November 1945 zu einem Freundschaftsspiel beim ASV Hohenau zu bewegen. Die Violetten spielten für Mehl und Zucker. Beides war damals Mangelware und entsprechend begehrt. Stojaspal, Jerusalem und Co. demonstrierten Klassefußball und schossen den ASV Hohenau mit 11:1 vom Platz. Der Torhunger der Gäste kam nicht von ungefähr. Zuckerfabriksdirektor Dr. Alfred Nadler hatte zusätzlich für jedes erzielte Tor eine Prämie von zwei Kilogramm Mehl ausgesetzt.“

Norbert Svetnicka, ehemaliger Obmann des ASV Hohenau, in: 75 Jahre NÖFV

Die Mannschaft des ASV Hohenau, Anfang der 1950er Jahre, v.l.n.r. Reitmayr, Gayda, Swatschina, Jankowitsch, Capka, Silberbauer, Ernst Kolar, Tutschek II, Zwerina, Hallas, Tutschek I. Bild: Universalmuseum Joanneum, Graz

Trotz der gewaltigen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, in der die Zuckerfabrik dem Verein immer wieder helfend beistand, begann gerade in diesen Jahren für den ASV Hohenau eine Erfolgsserie ohnegleichen: der Sieg im Nö. Landescup und 1950 der Aufstieg in die neugegründete Staatsliga B, der der ASV Hohenau neun Jahre lang angehörte. Vom ehemaligen Tormann Fritz Hallas, wie seine Klubkollegen Jankowitsch, Kolar, Silberbauer, Svetly, Biehal, die Brüder Tutschek wiederholt in die Landesauswahl berufen, stammt das Zitat: „Unser Klub war so arm, dass ein Schneider aus fabrikseigenen Jutesäcken Fußballerhosen anfertigte. Zu auswärtigen Meisterschaftsspielen sind wir ausschließlich mit einem Lkw gefahren.“

Aus: 75 Jahre NÖFV – Die Geschichte des nö. Fußballsports von 1911 – 1986

Im Sommer 1935 hatte der SV Zistersdorf ein Freundschaftsspiel beim slowakischen Klub Schützen (heute Malé Leváre) vereinbart. Was ein gemütlicher Fußballausflug hätte werden sollen, erwies sich aber bald als unerwartete Tortur. Die Spieler fuhren mit dem Zug nach Drösing, marschierten vom Bahnhof zwei Kilometer zur Grenze und überquerten die March mit der Überfuhr. Weil aber das versprochene Fahrzeug der Gastgeber nicht zur Stelle war, mussten sie den Weg zum Sportplatz abermals ein paar Kilometer zu Fuß zurücklegen. Als die Mannschaft nach dem Spiel – wiederum per pedes – die March erreichte, befand sich die Fähre unbemannt am anderen, dem österreichischen Ufer. Der Dürnkruter Kollmann, der die Zistersdorfer in dem Match als Gastspieler verstärkt hatte, schwamm daraufhin kurz entschlossen über die March und holte den Kahn herbei. Endlich drüben angekommen, stellte sich heraus, dass auch in Drösing das versprochene Fahrzeug nicht zur Stelle war. Also fuhr Sportfreund Langer mit einem geliehenen Fahrrad nach Zistersdorf, von dort mit einem Fahrzeug nach Drösing und brachte die Mannschaft heim. Das gesamte „Unternehmen“ hatte schließlich bis gegen zwei Uhr früh gedauert. P.S.: Von Zistersdorf bis nach Schützen (Malé Leváre) sind es knapp 25 Kilometer…

Robert Langer, ehemaliger Obmann des SV Zistersdorf, in: 75 Jahre NÖFV

 

Quelle: 75 Jahre NÖFV – Die Geschichte des nö. Fußballsports von 1911 – 1986

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