Ländliche Burschenschaften zwischen Brauchtum und Facebook

Wenige wissen mit einer „Burschenschaft“ etwas anzufangen. Vielen ist der Begriff allein durch die im Wort selbst enthaltene Ausgrenzung von mindestens 50% der Bevölkerung, nämlich der Frauen und Mädchen, zumindest suspekt. Männerbündelei und die Bildung von Seilschaften bis hin zu politischer Einflussnahme im gesellschaftlichen Alltag machen die Burschenschaften nicht sympathischer. Spätestens seit bekannt ist, dass der aktuelle dritte Nationalratspräsident einer rechtsextremen Burschenschaft angehört, ahnt man, dass das vorgeschobene Ziel solcher Vereinigungen, die Traditionspflege, nebensächlich ist, das Verfolgen politischer Ziele dagegen oft im Vordergrund steht. Diese mitunter von monarchistisch über völkisch und deutsch-national bis neonazistisch, jedenfalls immer konservativ-traditionalistisch ausgerichteten Burschenschaften haben ihren Platz hauptsächlich in Universitätsstädten.

Anders verhält es sich mit Burschenschaften (1) im ländlichen Raum. Das Österreich-Lexikon definiert sie als „bäuerliche, strengen Gesetzen unterworfene Gemeinschaft von Unverheirateten“ und unterscheidet sie damit klar von den oben Genannten. Auch eine politisch extreme Ausrichtung ist im dörflichen Zusammenleben undenkbar und unerwünscht. Ländliche Burschenschaften sind in der Regel zwar strukturierte, aber eher informelle Vereinigungen, deren Zwecke und Ziele nur den Mitgliedern gegenüber bekannt gemacht werden. Früher oft an kirchliches Leben gebunden, später stark säkularisiert und gesellschaftlichen Einflüssen unterworfen, stellen heute auch Sport-, kirchliche und politische Vereine auf dem Land eine Form der Burschenschaft dar.

Eine Ausnahme in der Präsentation nach außen stellen die „Seyringer Burschen“ dar. Sie definieren sich auf einer eigenen Internetseite als Traditions- und Brauchtumsträger, die regionale Überlieferungen bewahren, im Sinn einer derb-schalkhaften Volksjustiz durch „Burschengerichte“ und „Mai-Steg“ über Sitte und Moral wachen und zu bestimmten Anlässen, etwa beim Aufstellen des Maibaumes oder der Weg-Heirat eines Mädchens aus dem Dorf ein „Heischerecht“ ausüben.

„Diese völlig freie und zwanglose Vereinigung der Burschen Seyrings umfasst jeden Burschen des Dorfes, der aus der Pflichtschule ausgetreten und noch nicht verheiratet ist,“ heißt es da. Aufnahme und Ausscheiden erfolgen auf Grund gegebener Voraussetzungen ohne Zutun des einzelnen. Ob er von seiner Zugehörigkeit Gebrauch macht, bleibt allein ihm selbst überlassen. Das zwanglose Selbstverständnis der Burschenschaft kennt weder Statuten, Mitgliedslisten oder andere schriftliche Unterlagen, noch die Frage nach politischer Gesinnung. Die Sprecher, auch Obmänner, werden von den Burschen formlos angenommen. Gibt es mehrere gleichwertige Anwärter, wird auch manchmal gewählt. Die Übergabe von einem Obmann auf den nächsten erfolgt symbolisch. Freilich ist das Zusammenhalten einer derart losen Korporation schwierig. Die stetige Erweiterung des Dorfes in Verbindung mit einem Strukturwechsel von der bäuerlichen Ansiedlung zum großräumigen Wohngebiet und die zunehmende Motorisierung verringern die gegenseitigen Kontakte und damit die Möglichkeit zu gemeinsamen Aktivitäten.

Als Hauptaufgabe sieht das Seyringer Burschenkomitee die Organisation des Kirtags. An Brauchtum werden das Aufstellen der Maibäume, die Bitte um „Stupfwein“ (2) und das Ritual von weißer und schwarzer Braut gepflegt.

Heiratet ein Seyringer aus der Burschenschaft, so findet eine Woche vor der Hochzeit ein Polterabend statt, zu dem alle aktiven Burschen eingeladen sind. Bei dieser Gelegenheit wird dem Bräutigam ein Geschenk der Burschenschaft überreicht. Heiratet ein Seyringer Mädchen aus dem Dorf weg, so findet dieses Ritual vor der Kirche im Freien statt. Zusätzlich wird der Pfarrersteig mit einem Band abgesperrt. Die für die Dorfburschen „verlorene“ Braut muss nun durch Spenden symbolisch freigekauft werden. Erst dann wird die Absperrung durchschnitten, der Weg aus dem Dorf ist für die Braut frei.

Am Hochzeitstag gehen zwei ausgewählte Burschen stellvertretend zur Hochzeitstafel und heischen mit folgenden überlieferten Sprüchen um den so genannten Stupfwein:

1. Bursch:

Die Seyringer Burschen

schicken uns rein

und bitten um Stupfwein

Unser Begehren ist nicht viel und nicht wenig:

ein Eimer Wein,

ein halbes Schwein,

zwei bis drei Laib Brot.

Und ein Tänzchen in Ehren

soll uns der Bräutigam gewähren

Und gewährt er uns dies,

so bedanken sich die Seyringer Burschen in Ehren.

2. Bursch (erhebt das Glas und sagt)

Dieser soll gewachsen sein

zu Köln am Rhein.

Und ist er nicht gewachsen

zu Köln am Rhein,

so soll er gewachsen sein

unter hellstem Sonnen – und Mondenschein

und soll unserem werten Brautpaar

den Kranzeljungfrauen

und allen Gästen zum Wohle sein!

Mit ihrer öffentlichen Darstellung stehen die Seyringer Burschen ziemlich einzigartig da. Sie sind sogar auf Facebook präsent. Von anderen Burschenschaften im Weinviertel ist nichts Aktuelles bekannt. Sie existieren entweder nicht mehr oder sind tatsächlich in anderen dörflichen Vereinen aufgegangen. Verwandte Traditionen gibt es dagegen im südlichen Burgenland. Beispielweise war in Bad Tatzmannsdorf bis ins Jahr 2004 das so genannte „Blochziehen“ üblich, bei dem zur Faschingszeit der Winter ausgetrieben werden sollte. Mit gleichen Zielen und ähnlichen Regeln ausgestattet ist die „Evangelische Burschenschaft Kobersdorf“. Sie bemüht sich, das Erbe ihrer Vorväter als lebendiges Brauchtum im Gegensatz zu einer verkitscht-romantisierten Folklore zu erhalten.

_______________

(1) Neben den ländlichen Burschenschaften existieren im Weinviertel auch die üblichen hinlänglich bekannten, im Mittelschüler-Kartell-Verband der nichtschlagenden, katholischen Schülerverbindungen beheimateten K.Ö.St.V., also Katholischen Österreichischen Studentenverbindungen: Arminia Hollabrunn (gegründet 1919), Babenberg Deutsch Wagram (1956), Falkenstein Mistelbach (1965), Fiducia Ravelsbach (1987), Herulia Stockerau (1908), Herulia Wolkersdorf (1920), Leopoldina Gänserndorf (1950), Marko-Danubia Korneuburg (1908), Nordgau Laa (1925), Nordmark Hohenau (1920).

Im Rahmen des MKV sind auch Mittelschülerinnen organisiert. Im Weinviertel sind dies die K.Ö.St.V. Puellaria Arminiae Hollabrunn (1977) und die C.Ö.M.St.V. Laetitia Korneuburg (1989).

Zum ÖPR, dem Österreichischen Pennäler Ring (laut Eigendefinition schlagend, national-liberal), gehört die Pennale Burschenschaft Germania Libera Mistelbach (1993).

Der jüngste Dachverband österreichischer Schülerverbindungen (nichtschlagend, katholisch-monarchistisch), der Senioren-Convent pennaler Landsmannschaften (SCPL), hat im Weinviertel keine Mitglieder.

(2) Bezeichnung für den Wein, mit dem sich der Bräutigam von der Burschenschaft eines Ortes loskaufen muss. Lokal unterschiedlich wurde dies entweder vom Brautvater oder vom Bräutigam bezahlt. Dieses Ereignis fand zumeist am Abend vor der Hochzeit statt. Damit muss sich der Bräutigam sozusagen bei den Burschen „entschuldigen“, dass diese bei der Braut nicht zum Zug gekommen waren. Deftigerweise wird dieser Wein als „Stichwein“ oder „Stupfwein“ (Bezeichnung für den Ehevollzug) sowie auch als „Gebührenwein“ bezeichnet.

 

Quellen: DÖW – Dokumentationsarchiv des Widerstands; http://www.aeiou.at/ ; http://www.seyringer-burschen.at ; http://stud3.tuwien.ac.at/~e9826287/geschichte.htm ; http://www.kuo-bt.at/

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