Söhne des Weinviertels: Theodor Kramer, Niederhollabrunn – ein verzweifelter Überlebender

Ein merk- und vor allem denkwürdiges Geburtsdatum bescherte der berühmteste Sohn von Niederhollabrunn, Theodor Kramer, seinem Heimatort. Gleichsam als „Neujahrsbaby“ des Jahres 1897 erblickte er am 1. Januar das Licht der Welt. Seine Eltern waren Juden – der Gemeindearzt Max Kramer und dessen Frau Babette Kramer, eine geborenen Doctor. Mit seinem um drei Jahre älteren Bruder Richard wuchs Theodor in einem zum Arzthaus umgebauten Meierhof auf und erlebte dort wohl eine glückliche Kindheit am Fuß des Michelbergs, zu der auch der häusliche Privatunterricht gehörte. 1905 bis 1907 kam er in die Volksschule und anschließend als guter Schüler ins Realgymnasium nach Stockerau, ehe sich seine Spur aus dem Weinviertel verlor.

„Ich bin froh, dass du schon tot bist, Vater,
dass du starbst, bevor die Horde kam,
die mich schrubben ließ und mir im Prater
am Kastanienblust die Freude nahm.“
Theodor Kramer, 1897 bis 1958, jüdischer Lyriker aus Niederhollabrunn, die Stimme eines verzweifelten Überlebenden. © ÖNB

Kaum hatte er in Wien die Realschule beendet, brach der erste Weltkrieg aus und der blutjunge Theodor Kramer wurde als Soldat eingezogen. Eine schwere Verwundung 1916 verhinderte nicht, dass er wieder an die Front musste. In der unruhigen Nachkriegszeit studierte er zunächst Germanistik und Geschichte, brach das Studium aber ab und arbeitete in Buchhandlungen und Verlagen. In diese „Wanderjahre“ in Niederösterreich und dem Burgenland fällt auch Theodor Kramers frühe Lyrik, in der er Kriegserinnerungen verarbeitete.

Nach ersten Veröffentlichungen unter dem Titel „Anderes Licht“ in der Zeitschrift „Die Bühne“ entwickelte Kramer bald seinen eigenen Stil, gewann einen Lyrik-Wettbewerb und erntete Veröffentlichungen in Wien, Berlin und Prag. Einen Verlag fand er trotzdem nicht und so lebte er ab 1931 als freier Schriftsteller, bekleidete 1933 die Stelle des stellvertretenden Obmanns der „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“, was seine Chancen im Deutschen Reich und in Österreich aber nicht gerade verbesserte. Im Gegenteil: ein Berufsverbot war die Folge. Einmal auf der Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der „Reichsschrifttumskammer“, blieben dem jungen Lyriker nur die Unterstützung durch Freunde, Lesungen in privaten Zirkeln und die kargen Einnahmen aus einem „Kramer-Schilling“.

Der Gedichtband „Mit der Ziehharmonika“ verschaffte Theodor Kramer zwar einen festen Platz in der Literaturgeschichte, Arbeitslosigkeit, der Verlust der Wohnung und der zunehmende Mangel an Perspektiven führten aber 1938 zu seinem psychischen Zusammenbruch. Er versuchte vorerst vergeblich zu emigrieren und fand schließlich auf Vermittlung Thomas Manns in England Asyl. Jobs als Diener und Almosen bescherten ihm unerfreuliche Lebensumstände, die sich erst besserten, als er Arbeit als Bibliothekar an einem College fand. Dafür verließ ihn zu dieser Zeit seine Frau. 1943 starb seine Mutter im Konzentrationslager. Davon erfuhr er allerdings erst nach dem Krieg.

Wiedersehen mit der Heimat

Nach Jahren kam, verstört,
ich wieder her;
der alten Gassen manche
sind nicht mehr,
der Ringturm kantig
sich zum Himmel stemmt:
erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Mir schließt sich im Gedächtnis
nicht das Loch;
Espressos glitzern,
mich empfängt kein Tschoch,
das Moped braust,
nur hastig wird geschlemmt:
erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Sind auch die Lüfte
anderswo bewohnt,
mir ist, als zielte alles
nach dem Mond,
der saugte,
zwischen Dächern eingeklemmt:
Erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Erst 1957 kehrte Kramer nach Wien zurück. Bundespräsident Körner stiftete ihm zu seinem 61. Geburtstag eine Ehrenpension und auch zwei Förderungspreise, an denen er sich aber nicht lange erfreuen konnte. Am 3. April 1958 starb Kramer. Sein Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Im selben Jahr verlieh die Stadt Wien Kramer posthum den Literaturpreis. Eine Straße in Wien-Donaustadt trägt seinen Namen. Zu seinem 100. Geburtstag erschien eine Sonderbriefmarke. Die Theodor Kramer-Gesellschaft verleiht seit 2001 den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und Exil. Den derzeit 450 Mitgliedern der Gesellschaft aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Israel, Italien, den USA, Südamerika und Asien stehen ein Archiv und eine umfangreiche Buch- und Zeitschriften-Bibliothek zur Verfügung. Die deutsche Folkgruppe Zupfgeigenhansel vertonte 12 Gedichte Theodor Kramers auf einer LP mit dem Titel „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“. Ein Hörbeispiel finden Sie HIER.

Sehr eindrucksvoll geriet auch ihre Vertonung des Kramerschen Gedichts „Ein Krampenschlag vor Tag“ .

Werke: Die Gaunerzinke, 1929; Kalendarium, 1930; Wir lagen in Wolhynien im Morast, 1931; Die ohne Stimme sind, 1936; Verbannt aus Österreich, 1943; Wien 1938 – Die grünen Kader, 1946; Die untere Schenke, 1946; Lob der Verzweiflung, 1947; Orgel aus Staub. Hrsg. Erwin Chvojka, 1991; Laß still bei dir mich liegen. Hrsg. Erwin Chvojka, 1994. Werkausgabe, Hrsg. Erwin Chvojka, 1984-87.
Literatur: Siglinde Bolbecher (Hrsg.), Literatur und Kultur des Exils in Großbritannien, 1995; Erwin Chvojka und Konstantin Kaiser, Vielleicht hab ich es leicht, weil schwer, gehabt, 1997; Miguel Herz-Kestranek, Theodor Kramer.Oh, käm’s auf mich nicht an!, 1987; ders. (Hrsg.), Österreichische Lyrik des Exils und des Widerstands – Anthologie, 2005; Herbert Staud (Hrsg.), Chronist seiner Zeit – Theodor Kramer, 2000; Daniela Strigl, Theodor Kramer, Wo niemand zuhaus ist, dort bin ich zuhaus, 1998.

 

Quellen: Theodor Kramer-Gesellschaft; Austria-Forum; www.dasrotewien.at ; http://www.folker.de/200701/04theodorkramer.htm ; http://oe1.orf.at/artikel/212520 ; Augustin

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