Söhne des Weinviertels: Wilhelm Bernatzik, Mistelbach – einst ein Star, heute vergessen

Kurzlebigkeit ist keine Erfindung unserer Tage. Besonders in der Malerei gegen Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts lösten Moden und Strömungen einander in rascher Folge ab, lebten auf und wurden verworfen, und so erging es oft auch ihren jeweiligen Vertretern. Einer von ihnen ist Wilhelm Bernatzik, der am 18. Mai 1853 in Mistelbach zur Welt kam, nach Schulbesuchen in seiner Heimatstadt ein Jus-Studium begann, das er aber bald an den Nagel hängte. Der Drang zur Malerei war stärker und so wurde er 1873 an der Wiener Akademie der bildenden Künste Schüler des Landschaftsmalers Eduard Peithner (von) Lichtenfels.

Bernatzik galt bald als einer der jungen Stars in der Wiener Kunstszene, wurde mit Medaillen überhäuft und auch seine Bilder verkauften sich nicht schlecht. Weiteres akademisches Rüstzeug holte er sich in Düsseldorf und in Paris bei Léon Bonnat, einem der berühmtesten Porträtmaler jener Zeit.

Wilhelm Bernatzik, Selbstbildnis. Bild: © ÖNB

Auf seinem künstlerischen Weg vom klassisch ausgebildeten Maler, chronologisch an der Nahtstelle zwischen Impressionismus und Secession, der sich bewusst vom Impressionismus eines Monet abgrenzte, später im Kreis um Gustav Klimt, hätte ihn sein Weg eigentlich direkt in den Olymp der Kunstgeschichte führen können. Dorthin hat es Bernatzik bis heute nicht geschafft.

Dabei kann Wilhelm Bernatzik durchaus als ein wesentlicher Mitgestalter eines Zeitgeists namens Jugendstil betrachtet werden. Ob seine Tätigkeiten als Präsident der Wiener Künstlervereinigung Secession in den Jahren 1902 und 1903 und Organisator einer vielbeachteten Ausstellung 1903 von Goya und Velázquez über van Gogh, Rodin, Monet, Manet bis hin zu Renoir seine künstlerische Kraft in den Hintergrund drängten oder gar behinderten, ist nicht erforscht, aber auch nicht auszuschließen. Nicht einmal als Wegbegleiter Klimts, der er zweifellos war, wird Bernatzik heute genannt.

1905 verließ Bernatzik gemeinsam mit einer Gruppe um Gustav Klimt die von ihm gegründete Secession. Lange konnte er sich nicht der neu errungenen künstlerischen Freiheit erfreuen. Bernatzik starb nach längerer Krankheit am 25. November 1906 in der Villa seines Schwagers in Hinterbrühl. Noch einmal ehrte ihn 1907 die Wiener Kunstgalerie Miethke, damals das Zentrum der österreichischen modernen Malerei, mit einer Gedächtnisausstellung. Dann wurde es still um den bis heute unterschätzten, aber nicht weniger beeindruckenden Zeitgenossen eines Klimt, Monet oder Renoir.

Der Stadt Mistelbach ist Wilhelm Bernatzik, einst einer der Hauptvertreter der Malerei um 1900 in Wien, nicht einmal einen Straßennamen wert. Lediglich ein Veranstaltungssaal trägt seinen Namen. Da hat es ein noch lebender Nicht-Mistelbacher multimedialer Experimentalist und Schlossherr schon leichter. Ihm „gehört“ gleich ein ganzes Museum…

„Die Verträumte“ ist nicht das bekannteste Werk Wilhelm Bernatziks. Schon gar nicht gilt es als Beispiel für die gerade in Mode gekommene zweidimensionale Kunst etwa eines Alfons Mucha, sprach aber bei seiner erstmaligen Präsentation 1898 in Wien das Publikum emotional sehr stark an, hält es doch die Atmosphäre eines besonderen Augenblicks fest. Die junge, schwarz gekleidete Frau, gedankenvoll am Ufer an einem Baum gelehnt, verkörpert wie wenige andere Werke genau die Gefühlswelt des ausklingenden 19. Jahrhunderts – an einem Wendepunkt, einer Kreuzung auf dem Weg in ein neues Jahrhundert war viel Platz für Melancholie, ja Traurigkeit. Johann II. (von) Liechtenstein war von dem Bild so angetan, dass er es auf der Stelle kaufte. Ein Jahr später stiftete er es dem Mährischen Museum in Brünn. Ein zweites gleichartiges Gemälde ist im Besitz der Österreichischen Galerie im Wiener Belvedere. Bild: Österreichische Galerie

 

Quellen: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950; Moravská Galerie v Brně – Mährische Galerie Brünn

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