Töchter des Weinviertels: Ernestine Loew, Wolkersdorf – Kunst und Widerstand

Während zu Mittag des 13. März 1938 Adolf Hitler auf dem Heldenplatz den Triumph seines Einmarsches auskostete, ließen mancherorts einige Aufrechte nichts unversucht, die bevorstehende Volksabstimmung, die den „Anschluss“ legitimieren sollte, zu boykottieren. In Wolkersdorf verteilte die Arzttochter Ernestine Loew gemeinsam mit ihrem Bruder Waldemar Flugblätter, die dazu aufforderten, mit „Nein“ zu stimmen. Wenige Tage danach wurde Ernestine als Kommunistin diffamiert, denunziert, verhaftet und landete im Wolkersdorfer Gemeindearrest. Die erzwungene Emigration nach Großbritannien war der Preis für die Freilassung.

Ernestine Loew war als Tochter von Dr. Hermann Loew, einem zum Katholizismus konvertierten Juden, und dessen katholischer Frau Emilie aus Großengersdorf am 29. Juli 1904 in Wolkersdorf zur Welt gekommen. Der Vater war Zahnarzt, Bahnoberarzt sowie Schul- und Gemeindearzt in Wolkersdorf und In der Zwischenkriegszeit einer der führenden Köpfe der Sozialdemokratie im Gerichtsbezirk.

Die Familie Loew, 1907 (von links Tochter Hedwig, Mutter Emilie, Sohn Waldemar, Tochter Ernestine, Vater Dr. Hermann Loew). Dr. Hermann Loew wirkte in Wolkersdorf als Bahnarzt, Zahnarzt, Gemeinde- und Schularzt. In der Zwischenkriegszeit zählte er zu den führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie im Gerichtsbezirk. Bild: Sammlung Markus Loew

Sie, die in Wien aufwuchs und dort Schauspiel studierte, begann schon früh, sich mit dem Nationalsozialismus und seinen Gefahren auseinander zu setzen. schrieb Romane und eigene Theaterstücke, darunter die zeitsatirische Komödie „Wenzel erklärt Europa den Krieg“, ein Stück, das 1934 uraufgeführt wurde. Sie trat in Theatern der Schweiz und Deutschlands auf und begann daneben, an der dramatischen Trilogie „Macht“ zu arbeiten. Ihre Tragikomödie „Claudius und Messalina“ erschien in Berlin.

Einige Jahre verbrachte sie auf Engagement in der deutschen Stadt Baden-Baden, und heiratete dort ihren ersten Mann, den Intendanten des örtlichen Stadttheaters, Karl Heyser. Die Ehe dauerte nicht lange. Obwohl Ernestine Katholikin war, wurde ihr Mann infolge der Nürnberger Rassengesetze gezwungen, sich von ihr scheiden zu lassen.

Ernestine Loew als Schauspielerin, Dezember 1924.
Bild: Sammlung Markus Loew

Ernestine Loew kehrte nach Wolkersdorf zurück, wo die Verhaftung ihrem Leben eine neuerliche Wendung gab. Nur dank guter persönlicher Verbindungen konnte Loew bald das Landesgericht in Wien verlassen und flüchtete nach Cardiff in Wales.

Hier begegnete ihr ihr zweiter Ehemann. 1946 heiratete sie den Lektor an der University of Leeds und Direktor des walisischen Schulfunks, David Roberts.

Nach 1945 kehrte Ina Roberts, wie sie sich fortan nannte, immer wieder zu Lesungen nach Österreich zurück. Sie starb am 11. Oktober 1977 in Cardiff. Auf eigenen Wunsch wurde sie auf dem Wiener Zentralfriedhof im Grab ihrer Eltern beigesetzt.

Ina Roberts. Bild: © Dr. Markus Loew / Austria Forum

Als Schriftstellerin war Ina Roberts dreisprachig. Sie schrieb in Deutsch, Englisch und Spanisch. Ihre lyrischen Gedichte sind in deutscher und englischer Sprache erschienen. Sie verfasste Hörspiele für die BBC und las im ORF. Verse von Ina Roberts wurden auch vertont.

Gedruckt und veröffentlicht wurden ihre Gedichte in den Bänden „Über viele Jahre“ (1955), „Poems of 1957“ (1957), New Poets“ (1959) und „Zwischen Tod und Leben“ (1960).

Ein sehnsuchtsvolles Gedicht aus ihren Werken illustriert ein Leben reich an Verlust, Abschiednehmen und Heimweh:

Im Traum …

Ich bin im Traum daheim gewesen
Und wanderte mit meiner Jugend Arm in Arm.
Ich war von Fremde und von Einsamkeit genesen.
Erinnerung hielt mich beglückt und warm.

Ich öffnete der alten Kirche Tor,
Wo Orgelchöre mich wie eh und je empfingen.
Ich lief zum Wald, wo ich mich selig selbst verlor
Und hörte Vögel jubilierend singen.

Das alte Schloss mit seinen vielen Sagen
Verlockte mich auf seinen steilen Stiegen
Auf und ab zu gehen um dann mit kindlich-kühnem Wagen
Mich in des Nachbars Garten auf einem Baum zu wiegen.

Ich bin im Traum daheim gewesen,
Wo alles war, wie es schon lange nicht mehr ist. –
Bin ich zu ewigem Heimweh auserlesen,
Weil mein verträumtes Herz den Anfang nie vergisst?

Aus: Zwischen Tod und Leben

Einen 1951 von Ernestine Loew bzw. Ina Roberts selbst verfassten, berührenden Erinnerungsbericht an die Zeit ihrer Haft in Wolkersdorf finden Sie als .pdf auf der Seite http://www.wolkersdorf1938.at/lesezone.html

Quellen: Austria Forum, Projekt Wolkersdorf 1938, Wikipedia, Sammlung Markus Loew

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