Koloman. Heute so aktuell wie vor 1000 Jahren

Man schrieb das Jahr 1012. Eine unruhige Zeit. Das Königreich Ungarn war erst wenige Jahre alt und auch die Babenberger hatten in Ostarrichi noch nicht lange die Herrschaft übernommen. Die beiden Dynastien waren einander nicht besonders wohl gesinnt und des Öfteren kam es zu Streitigkeiten und Scharmützeln entlang der Grenze. Immer wieder streiften fremd aussehende, fremdartig gekleidete, unverständlich sprechende Menschen auch durch Dörfer und Städte entlang der Donau. Konnte man diesen Fremden über den Weg trauen? Waren das nicht alle Diebe, Räuber, Spione, feindliche Kundschafter?

Müde sah er aus, jener fremde, rothaarige Mann in eigenartigen Gewändern, der da in Stockerau ein Bett für die Nacht suchte. Bärtig und verschwitzt trat er an einem heißen Julitag in die Herberge. Er redete den Wirt in einer Sprache an, die weder er noch einer seiner Gäste verstand. Colman heiße er, aber so genau wollte das ohnehin keiner wissen. Es wird wohl wieder einer dieser Ungarn oder Böhmen sein. Vielleicht sogar ein Spitzel. Auf keinen Fall ein Guter. Für den haben wir hier kein Zimmer. Um den sollte sich besser der Dorfrichter kümmern.

Die Knechte des Richters waren rasch zur Stelle. Colman versuchte zu erklären, er sei doch auf Pilgerreise und wolle nach Jerusalem. Nichts da, das könne er alles dem Richter erzählen. Suchte er nicht ein Nachtquartier? Der Gemeindekotter sei genau das Richtige für so einen.

Dorfrichter Wollkerstorffer hatte am nächsten Morgen nicht viel Zeit und noch weniger Lust, sich mit dem Dahergelaufenen auseinander zu setzen. Das Bier gestern Abend hatte zu gut geschmeckt und bereits am frühen Morgen brannte die Sonne ziemlich stark vom Himmel. Was? Wie? Colman? Soso. Aus Irland komme er, sei gar ein Königssohn? Ziemlich unwahrscheinlich, so abgerissen wie er daherkomme. Um den sollen sich die Knechte kümmern. Die werden die Wahrheit schon aus ihm heraus bekommen.

Die Knechte richteten indes nichts aus bei diesem Colman. Auch die besterprobten Foltermethoden halfen nicht. Verstockter Kerl! Zum Teufel mit ihm! Hängt ihn auf! Sollen doch die Raben ihre Freude an ihm haben! Dann ist auch das Volk beruhigt!

Und da hing er nun an einem dürren Hollerbaum weit außerhalb des Dorfs. In diese Gegend verirrte sich kaum jemand. Erst eineinhalb Jahre später sah ein Jäger den Körper hängen. Aber war der Baum nicht immer dürr gewesen? Wieso trieb er plötzlich aus? Und auch der Gehängte sah für einen Toten merkwürdig frisch aus. Fast, als ob er noch lebte. Der Jäger stieß die Spitze seiner Lanze in die Seite des Toten und – man glaubt es kaum – es floss Blut heraus.

Die Nachricht von diesem Ereignis machte schnell die Runde und erreichte auch den Babenberger Markgrafen Heinrich I. Er ließ den Leichnam in seine Residenz beim Kloster Melk überführen, wo er am 13. Oktober 1014 durch den Bischof von Eichstätt, Megingaud, feierlich bestattet wurde.

Koloman, wie man Colman inzwischen nannte, wurde bald als Märtyrer verehrt. Er wurde zwar nie offiziell heiliggesprochen, dennoch verehrte man ihn bald in ganz Österreich, in Ungarn und in Bayern. Im Jahr 1244 wurde er sogar zum Landespatron von Niederösterreich erhoben und blieb das bis 1663.

Koloman werden allerlei Wunder zugeschrieben. Es soll gegen Seuchen und Unwetter helfen, wenn man das „Kolomani-Büchlein“ bei sich trägt. Auf ihn geweihte Quellen gelten als heilkräftig, der Koloman-Segen soll vor Feuer schützen. Auch als Patron des Viehs, der Reisenden, gegen Kopf- und Fußleiden und gegen Ratten-und Mäuseplagen wird Koloman angesprochen. Zum Kolomanstag findet im salzburgischen St. Koloman noch heute alle fünf Jahre jeweils am Erntedankfest ein Kolomaniritt statt.

Wer es glauben mag, kann den Holunderbaum, an dem Koloman angeblich gehängt wurde, übrigens heute noch an der Rückwand des Stockerauer Frauenklosters betrachten.

An Wunder glaubt heute kaum noch jemand. Aus dem tragischen Schicksal des Koloman zu lernen – das wäre freilich ein echtes Wunder.

1000 Jahre Koloman, 1000 Jahre Stockerau sind es wert, gebührend gefeiert zu werden. Zwischen Festreden und Hochämtern findet sich sicher auch noch genügend Zeit, über Mitmenschlichkeit nachzudenken und darüber, was 1000 Jahre Ausgrenzung, Unterdrückung, Hass, Vorurteile, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit angerichtet haben. Zu einer neuen Einstellung gegenüber Unbekanntem, Fremdem ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Es gibt gerade heute viele „ Kolomans“ unter uns, an denen wir diesen Schritt üben können!

 

Quellen: Claudia Gundacker, Die Viten irischer Heiliger im Magnum Legendarium Austriacum, Diplomarbeit, Wien 2008; Das Ökumenische Heiligenlexikon; Datenbank zur Europäischen Ethnologie; Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon; 10 vor Wien; Steyler Missionsschwestern; Wikipedia; Clemens Berger, Der gehängte Mönch, Erzählungen, Oberwart 2003.

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