Und es ward Licht. So kam der Strom ins Weinviertel

Es war wohl ziemlich düster in den alten Bauernhäusern des Weinviertels anno dazumal, selbst tagsüber, wenn die Sonne schien. Unweigerlich stellt sich die Frage, wie man darin ohne elektrisches Licht zurechtkommen konnte. Wer schon einmal im Museumsdorf Niedersulz eines der alten Häuser mit den kleinen Fenstern besucht hat, kann es erahnen. Natürlich gab es Lichtquellen, mit denen sich die Menschen nach Einbruch der Dunkelheit behelfen konnten, aber wirklich hell waren die nicht. Kienspäne, Talglichter, Ölfunzeln, Kerzen und Petroleumlampen erhellten im Lauf der Zeit mehr und mehr die Innenräume. Einen Quantensprung bedeutete da die Elektrifizierung ab dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Zuerst wurde der Nutzen des elektrischen Stroms für industrielle Zwecke erkannt. Der Mühlenbesitzer Franz Kasparek aus Laa an der Thaya errichtete als Erster 1893 ein Kraftwerk. Es waren dies eine Dampfmaschine und ein Dynamo mit einer Leistung von 66 kW. Die Mühlen waren für die Errichtung von Kleinkraftwerken besonders gut geeignet, da die mechanischen Antriebsaggregate für Generatoren bereits vorhanden waren. 1895 schlossen die Stadt Laa und Kasparek einen Vertrag für die Beleuchtung des Stadtplatzes mit insgesamt acht Lampen und zweier weiterer Plätze. 1913 kam es zu einem Besitzerwechsel und der neue Inhaber Günther Hoffmann entwickelte sich bis 1950 zum lokalen Elektrizitätsversorger.

Obwohl das Weinviertel dünn besiedelt und durch Landwirtschaft geprägt war, blieb es keineswegs hinter den anderen Landesteilen zurück. So entstanden in Hohenau ein gemeindeeigenes Elektrizitätswerk und das Industriekraftwerk der Zuckerfabrik. Die geographischen Gegebenheiten verhinderten größere Wasserkraftwerke. Die Stromerzeugung der örtlichen Elektrizitätswerke erfolgte daher vor allem mit Dieselaggregaten. Ein in Vranov (Frain) an der Thaya geplantes Speicherkraftwerk sollte 250 Gemeinden im Wald- und Weinviertel sowie in Südwestmähren versorgen, durch den Kriegsausbruch 1914 wurde das Projekt aber nicht mehr verwirklicht.

Im Ersten Weltkrieg stagnierte diese erste Ausbauphase, erst in den 1920er Jahren wurde die Elektrifizierung im Weinviertel wieder intensiv fortgesetzt. Im Mai 1922 erfolgter die Gründung der NEWAG, der Niederösterreichischen Elektrizitätswirtschafts-Aktiengesellschaft, die auch im Weinviertel wesentlich zum Aufbau einer flächendeckenden Versorgung beitrug. Von Absdorf abzweigend wurden 20 kV-Leitungen nach Ziersdorf, Eggenburg bis Schrattenthal, nach Hollabrunn sowie nach Stockerau, Ernstbrunn und Korneuburg errichtet. 1923 wurden 43 Stromabnehmer von Hochspannungsanschlüssen (meistens Ortnetze) angeschlossen, im Jahr 1924 waren es 73 Ortsnetze.

Zwei weitere Elektrizitätsgenossenschaften wurden Mitte der 1920er Jahre gegründet. Die ELGUM für die Gerichtsbezirke Poysdorf und Zistersdorf mit Sitz in Dobermannsdorf baute rund fünfzig Kilometer 20 kV-Hochspannungsleitungen, 17 Trafostationen und 17 Ortsnetze und wurde von dem 1911 erbauten 300 kW-Dieselkraftwerk der Gemeinde Poysdorf beliefert. Die 1925 gegründete ELLGESS in Neudorf bei Staatz baute ein insgesamt 92 km langes Netz. Die Hochspannungsleitung zwischen Staatz-Kautendorf und Kleinhadersdorf verband beide Netzgebiete.

Die Elektrifizierung des Marchfeldes zwischen 1922 und 1925 wurde mit dem Bau einer Ringleitung von Breitenlee – Gerasdorf – Bockfließ – Gänserndorf – Marchegg über Schönfeld – Untersiebenbrunn nach Breitenlee durchgeführt. Eine weitere Starkstromleitung wurde von Stadlau über Groß-Enzersdorf, Orth an der Donau und Eckartsau errichtet. Das Gebiet zwischen Marchegg und Orth an der Donau wurde von der Elektrizitätsgenossenschaft Lassee elektrifiziert und anfangs als Inselbetrieb mit einem eigenen Dieselkraftwerk versorgt.

Orte mit Elektrizitätswerken ohne nennenswertes Überlandnetz mit Eigentümer und Gründungsjahr: Deutsch Wagram (Gemeinde, 1911), Eckartsau (Genossenschaft, 1922), Ernstbrunn (Gemeinde, 1912), Gänserndorf (Gemeinde, 1910), Laa an der Thaya (Hoffmann, 1893/1913), Korneuburg (Elektrizitäts-Gesellschaft, 1920), Stockerau (Gemeinde, 1919), Retz (Gemeinde, 1905), Hohenau (Gemeinde, 1911), Hollabrunn (Gemeinde 1901), Obermarkersdorf (Gemeinde, 1913), Pleißing (Genossenschaft, 1922), Wullersdorf (Mörth, 1911), Mistelbach (Elektrizitäts-Gesellschaft, 1921).

Orte mit Überlandnetz: Lanzendorf (Kraus, 1920), Poysdorf (Gemeinde, 1911), Dobermannsdorf (ELGUM, 1925), Zistersdorf (Gemeinde, 1906), Haugsdorf (HEG, 1921), Neudorf bei Staatz (ELLGESS, 1925), Unterstinkenbrunn (Kaudela, 1925), Lassee, Haringsee und Engelhartstetten (Genossenschaft, 1921).

Katastrophenweinter 1932/33. Unter dem Gewicht dicker Eisschichten kollabierten reihenweise Stromleitungen im Weinviertel. Bild: © Der Sascha / Wikipedia

1932/33 wurde das Weinviertel von zwei Naturkatastrophen betroffen, die schwerste Schäden am Leitungsnetz anrichteten. Am 2. August 1932 kam es zu einem Unwetter mit Wolkenbruch, Sturm und Hagel. Die größere Katastrophe wurde jedoch durch den Raureif vom 18. Dezember 1932 bis zum 7. Jänner 1933 hervorgerufen. Das betroffene Gebiet war ein 20 – 30 km breiter Streifen von Maissau bis ins Marchfeld. An den Leitungen bildeten sich binnen zweier Tage 10 cm dicke Eiswalzen. Von der Vereisung waren über 400 km Leitungen betroffen, berichtet wird von 730 Seilrissen, 127 Mastbrüchen und 600 schiefen Masten berichtet. Unter den gleichzeitig unterbrochenen Telefonleitungen (damals nur Freileitungen) litt auch die Kommunikation mit den Monteuren.

Mit Jahresende 1937 konnte schließlich durch die zahlreichen Verknüpfungen der Verteilnetze und Ortsnetze eine im Wesentlichen flächendeckende Elektrifizierung des Weinviertels erreicht werden. Bis allerdings in jedem Haus eine Glühbirne leuchten konnte, verging nach den Gründungsjahren der jeweiligen Gesellschaften noch einige Zeit, musste doch viel Geld von jedem Hausbesitzer eingesetzt werden um diese neue Technologie auch nutzen zu können.

 

Quelle: Mag. Herbert Schmid, Die Elektrifizierung Niederösterreichs in der Zwischenkriegszeit: Baugeschichte und Netzentwicklung, Diplomarbeit, Wien, 2008

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