„Wer Weintrauben nimmt, ist sofort zu verhaften“

Die Aufgabe des „Hiatas“, also des Weingartenhüters, war das Bewachen der Weinberge zur Zeit der Traubenreife. Die Kremser Weinhauer wählten schon 1340 einen „Hueter“. In der ersten österreichischen Weinbauordung von Herzog Albrecht II. aus dem Jahr 1352 wurde schon Bezug auf die Weingartenhüter genommen. Sie beinhaltet unter anderem Vorschriften zum Hüterwesen, die strenge Strafen vorsahen. So durfte jeder, der bewaffnet einen Weingarten betrat, getötet werden.

Aber auch die Hüter selbst waren strengen Bestimmungen unterworfen. Sie durften selbst keine Trauben pflücken. Das Erdberger Bergtaiding (Gerichtstag, 1626) verfügte beispielsweise, dass „der Hüter, der Weintrauben und Feldfrüchte nimmt, …sofort zu verhaften“ sei.

Der Poysdorfer Heimatforscher Franz Thiel (1886 – 1972) schreibt unter anderem: „Will ein Wanderer 2 – 3 Trauben essen, so ruft er dreimal den Hüter. Kommt der nicht, so kann er 2 – 3 Stück abreißen, die Weinbeeren verzehren und die ‚Kempel‘ zum Stock legen“. Wer sich diesen Regeln nicht fügte, konnte festgenommen werden. Wenn man sich einer Verhaftung widersetzte, konnte man für vogelfrei erklärt werden. In der niederösterreichischen Hüterordnung von 1707 ist, abhängig von der Höhe des Schadens, gar eine Bestrafung bis zum Abschneiden eines Ohres oder einer Hand vorgesehen.

Der Dienst der Weinhüter begann zu Jakobi (25. Juli) oder Laurenzi (10. August) und endete, wenn drei Viertel der Weingärten abgelesen waren. Pistolenschüsse markierten den Beginn, wenn die Weingärten geschlossen wurden (Weingartenschluss) und das Ende (Gebirgsaufschießen) der Hütezeit. Die Bewacher trugen Hacken, so genannte Hiatahackl oder Spieße als Waffen, aber auch als Rechts- und Würdezeichen. Auch Stöcke, Peitschen („Hiatagoassl“), Säbel und Pistolen fanden Verwendung. Blasinstrumente (Hüterpfeiferl) aus Messing oder Rinderhörner dienten als Signalgeräte. Während ihres Dienstes wohnten die Hüter in behelfsmäßigen oder festen Hütten (siehe Bilder) in den Weingärten. In Lengenfeld wurden beispielsweise drei Bewerber ausgelost und von der Gemeinde vereidigt. Jeder Hüter bekam einen Bürgen, der für ihn verantwortlich war. Außer der üblichen Ausstattung erhielten die Hüter ein Fernglas und eine Plakette. Ihren Hut schmückten sie oft mit einem Sträußchen aus Wermut. Wenn Sie einen Dieb stellten, waren sie verpflichtet, ihn auf die Gemeinde zu bringen, wo er verurteilt wurde. Nur schwangere Frauen blieben straffrei.

In den 1960er Jahren wurde in Österreich die letzte Hüterverordnung erlassen. Zu Anfang der 1970er Jahre wurde das Hüteramt dann aufgrund des allgemeinen Wohlstandes überflüssig. Heute werden nur noch im burgenländischen Rust am See zwei Hüter bestellt. Ihre Aufgabe beschränkt sich hauptsächlich auf das Verscheuchen der Vögel. Die Hüterordnungen sind in den Flur-, Jagd- und Fischereigesetzen der Bundesländer aufgegangen und die „Hiata“ werden offiziell nun als öffentliche Landeskulturwachen bezeichnet.

Gegen Ende der 1990er Jahre setzte eine Rückbesinnung auf alte Traditionen ein. Viele Weinbaugemeinden begannen, die mit den Weingartenhütern verbundenen Brauchtümer wieder zu beleben. So wird in Gumpoldskirchen wieder der Böller, das sogenannte Gebirgsaufschießen, zum Ende der Hüterperiode durchgeführt. Etliche Orte feiern auch wieder den Hütereinzug und mancherorts kann man auch eine renovierte „Hiata Hitt’n“besichtigen.

Ein gutes Beispiel dafür findet sich in der Gemeinde Fels am Wagram. Die „Hiata Hitt’n“ am Weg nach Thürnthal stammt aus dem Jahr 1920. Sie diente über die Jahre nicht nur den Hütern, sondern von 1934 bis 1937 sogar der Familie Leopold und Josefa Paschinger mit ihren zwei Kindern Robert und Katharina als Wohnung.

Die Felser Rudolf Paradeiser, 1954 selbst Weingartenhüter, und Josef Hofstetter fanden, dass es hoch an der Zeit wäre, die Hütte zu renovieren. Gemeinsam mit anderen Felsern wurde die Idee geboren und am 17. September 2000 bei der „Hiata Hitt’n“ eine traditionelle Hüterangelobung veranstaltet. Eine Sammlung unter den Zuschauern erbrachte die Summe von 2000 Schilling – das Startkapital für die Renovierung.

Heute hätte jeder „Hiata“ seine helle Freude an der Felser Hütte – wenn es noch einen gäbe…

Die „Hiata Hitt’n“ zwischen Thürnthal und Fels erstrahlt seit 2002 in neuem Glanz. Bild: Ludwig Leuthner

Die „Hiata Hitt’n“ vor der Renovierung durch kultur- und heimatgeschichtlich engagierte Felser. Bild Ludwig Leuthner

 

Quellen: Leopold Schmidt, Volkskunde von Niederösterreich, Horn 1966. Bd 1/117; Helga Maria Wolf, Österreichische Feste und Bräuche im Jahreskreis. St. Pölten 2003, S. 137; Film „Körndlbauern und Zegerltrager“ von Anna Thaller, Andrea Müller und Helga Maria Wolf, Krems 2008; Franz Thiel, Aus dem Bergtaiding von Erdberg, Poysdorf, o. J.; http://www.austria-lexikon.at/ ; http://de.wikipedia.org ; Kultur und Geschichte in Fels am Wagram http://www.g4v.info/kufe/index.php?id=11

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