Weinviertler „Typen“ erzählen, 1. Teil: Der „fidele Bauer“

Im Museumsdorf Niedersulz führen Martha Fally und Franz Bauer durch die schmucken Bauernhäuser und erzählen den Besuchern, wie es früher war. In der neuesten Ausgabe von „Gesund + Leben“, dem Gesundheitsmagazins des Landes NÖ, stellt Sonja Lechner die beiden Publikumslieblinge vor, die viel erlebt haben in einem langen, harten, aber trotzdem nicht freudlosen Leben. Sie lassen die Museumsbesucher immer wieder gerne daran teilhaben.

„Ich heiße Bauer, ich bin Bauer und das bleibe ich auch mein Leben lang“, stellt sich der vitale 84-jährige Franz Bauer mit einem verschmitzten Lächeln vor. Er sitzt am Wirtshaustisch im Museumsdorf Niedersulz im Weinviertel, in dem man sehen kann, wie unsere Vorfahren gelebt und gearbeitet haben.

Erzählen kann er, der Franz Bauer. So gut, dass man fast schon mitten im Alltag vor 70 Jahren steckt, in dem es noch keine Waschmaschinen und kaum Autos gab, keine Supermärkte und Fernseher. Einem Alltag, der so ganz anders war. Härter. Aber auch schlechter? Franz Bauer stammt aus einer kinderreichen Familie: Sein Vater hatte zehn Geschwister, er selbst „nur“ sechs. Er wuchs stark mit der Heimat verbunden in einem kleinen Ort im Weinviertel auf. „Ja, damals, da war noch was los im Dorf. Jede Familie hatte mehrere Kinder. Auf dem Schulweg waren wir da immer gleich zu siebt“, erzählt er und erinnert sich daran, dass am Heimweg viel gesportelt wurde, und natürlich ein wenig gerauft.

Kaum Spielzeug, aber viel Spaß

Spielzeug gab es kaum, deshalb haben es sich die Kinder selbst gemacht: Ein Holzstück, an beiden Enden angespitzt, wurde beim „Flohspiel“ weitergeschupft, oder beim Eckenrennen geschaut, wer am schnellsten um ein Haus läuft. Immer dabei die gesamte Kinderschar, von den Kleinsten bis zu den schon fast Erwachsenen. Kindergarten gab es nicht, in den beiden Klassen der Schule wurden die unterschiedlichen Altersgruppen zusammen unterrichtet. Auch einen Sportplatz, wie ihn heute fast jede Gemeinde besitzt, gab es nicht. Dafür aber im Überfluss gute Ideen, Zusammengehörigkeitsgefühl und trotz allem viel Spaß. Zum Alltag gehörte die Mithilfe am elterlichen Hof. „Erdäpfel oder Rüben scheren (hacken) mussten die Kinder, auch im Haushalt helfen. Jeder leistete seinen Anteil an der Arbeit“, berichtet Franz Bauer. In vielen Familien half damals ein slowakisches Kindermädchen, das meist wenig Deutsch konnte, aber es hier im Weinviertel besser lernen sollte. Einige von ihnen heirateten und blieben für immer. Unter den Bauern war das weniger üblich, man heiratete meist seinesgleichen; aber die Bahnarbeiter freuten sich über die hübschen Slowakinnen.

Franz Bauer, der „fidele Bauer“ von Niedersulz, weiß aus einem harten, aber auch freudvollen Leben zu erzählen. Bild: Stefan Lechner

Mit 14 Jahren endete in Franz Bauers Jugend die Schulpflicht, und diese Zeitangabe wurde oft wörtlich genommen: Auch wenn der Geburtstag mitten unters Schuljahr fiel, etwa in den Jänner oder März, blieben viele gleich nach dem Festtag zu Hause. Die Eltern brauchten die Arbeitskraft der Kinder am Hof. Franz Bauer bekam von seinem Vater nach der Schulzeit eine besondere Aufgabe zugeteilt: die beiden Pferde, den Schimmel und den Fritz, er erinnert sich noch genau an sie. Schon sein Vater war ein großer Pferdenarr, und diese Leidenschaft übertrug er auf den Sohn. Die schweren Pinzgauer waren reine Arbeitstiere, Zeit zum Reiten gab es nicht. So wuchs der Sohn immer mehr in den Betrieb der Eltern hinein, auch wenn er eigentlich von einer anderen Berufung träumte. „Wir waren und sind eine sehr religiöse Familie, ich wäre gerne in den Dienst der Kirche getreten. Aber der Krieg ließ mir keine Wahl“, entlockt ihm diese Erinnerung auch heute noch einen wehmütigen Seufzer. Kaum sechzehn Jahre alt musste er einrücken.

Nach dem Krieg und amerikanischer Gefangenschaft erkannte er seine Heimat kaum wieder. Auch auf dem Hof hatte sich einiges verändert: Sein älterer Bruder konnte aus gesundheitlichen Gründen den Betrieb nicht übernehmen und Franz Bauer wurde, was er noch immer gerne ist: Bauer. Der jüngste Bruder, das einzige der Geschwister, das heute noch lebt, durfte Geistlicher werden.

Eine große Familie

Auf dem Bauernhof begann nun die harte Zeit des Wiederaufbaus. Damals gründete der Landwirt seine Familie. Neun Kinder entstammen einer glücklichen Ehe, und mittlerweile sind es zehn Enkelkinder, die gehörig für Spaß und Trubel sorgen. Der älteste Sohn hat den Hof übernommen. „Es vergeht fast kein Sonntag, an dem wir nicht Besuch bekommen“, lacht er und freut sich über den Ansturm seiner großen Familie, die nach wie vor fest zusammenhält. Zu Weihnachten wird „auf Raten“ gefeiert, vom Nachmittag bis in den Abend. Und manche kommen erst am Christtag.

Das ist es, was ihn auch an früher erinnert – viel los, lustige Stimmung und jede Menge Freude. So war es früher, bei den Festen rund ums Jahr. Ob Maitanz oder Weinlesefest, Silvestertanz oder Kirtag. Da wurde getanzt, gescherzt und gelacht. Nur so mancher ältere Herr hatte dabei seine eigenen „Sorgen“…

(Fortsetzung folgt)

 

Quelle: Sonja Lechner in „Gesund + Leben“ 05/11

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