Weinviertler „Typen“ erzählen, 2. Teil: Die „resche Müllerin“

Im Museumsdorf Niedersulz führen Martha Fally und Franz Bauer durch die schmucken Bauernhäuser und erzählen den Besuchern, wie es früher war. In der neuesten Ausgabe von „Gesund + Leben“, dem Gesundheitsmagazins des Landes NÖ, stellt Sonja Lechner die beiden Publikumslieblinge vor, die viel erlebt haben in einem langen, harten, aber trotzdem nicht freudlosen Leben. Sie lassen die Museumsbesucher immer wieder gerne daran teilhaben.

Davon kann die Müllerin Martha Fally erzählen: „Die Slowaken konnten tanzen, die hatten viel mehr Schwung als unsere Burschen. Da hat der Vater immer besonders gut auf uns Mädel aufgepasst!“ Noch heute leuchten ihre blauen Augen hell auf, wenn sie an die lustigen Stunden auf dem Kirtag denkt. Waren es doch zugleich auch kurze Momente der Heiterkeit, in einer Zeit, die oft wenige Freuden und viele Sorgen bereithielt.

Zweckehe statt Liebesheirat

Dass ein Geschäft, oder im Falle von Martha Fally, eine Mühle auch eine Belastung sein kann, erfuhr deren Mutter bereits in jungen Jahren: Der verwitwete Großvater von Martha Fally wälzte damals neue Heiratspläne und ihre Mutter und die bereits verheirateten Tanten zitterten um das Erbe. So war es an ihrer Mutter, möglichst schnell einen tüchtigen Müller zu heiraten, um das Erbe zu sichern. Leopold, ein Müllergeselle auf der Walz, hatte auf einer der Nachbarsmühlen Arbeit gefunden und war in der Umgebung „gut angeschrieben“. Marthas Mutter schloss eine sogenannte „Zweckehe“ mit dem Poldl, wie der Vater in der Familie genannt wurde. Für ihn war es eine Riesenchance, vom Gesellen zum Besitzer aufzusteigen. Doch das Herz blieb auf der Strecke, die Ehe sieben Jahre kinderlos, damals ein kleiner „Skandal“, und Poldl musste viele Hänseleien am Wirtshaustisch ertragen. Dann endlich kündigte sich Nachwuchs an – innerhalb kurzer Zeit bekam das Ehepaar zwei Töchter. Die jüngere, die lebhafte Martha Fally, war vom Vater bald als Nachfolgerin vorgesehen und begann in der Mühle ihre Lehre. „Der Vater hat mir nichts geschenkt, nur beim schweren Heben, da musste ich passen“, erinnert sie sich.

Auch im echten Leben eine „resche Müllerin“: Martha Fally aus Dürnkrut. Bild: Stefan Lechner

Zerstörung und Wiederaufbau

Doch dann kam der Krieg. Das Einrücken blieb dem Vater erspart, da Mehl gebraucht wurde. Zu Kriegsende setzten die abziehenden deutschen Soldaten alles in Brand, die gesamte Mühle und fast das ganze Wohngebäude waren den Flammen zum Opfer gefallen. Mit den nachrückenden russischen Soldaten wurde es für die jungen Schwestern immer gefährlicher in der Heimat und so schickten sie die Eltern in die nahe Slowakei, wo sie auf einem Bauernhof den Sommer über Felddienst verrichteten. Als die Familie dann wieder zusammen war, stellte der Vater die alles entscheidende Frage: „Wollen wir von hier weggehen oder bauen wir alles wieder auf?“ Gemeinsam entschied man sich fürs Bleiben, zu viel Kraft und Liebe hatte man hier schon investiert.
So wurden aus den Mädchen „Trümmerfrauen“. Der Vater machte sich mit einem Leiterwagerl auf den Weg, um Holz und Dachziegel zu sammeln, damit zumindest das Wohnhaus wieder bewohnbar wurde. „Trotz all dem ging es uns besser als vielen anderen damals – wir auf dem Land hatten immer genug zu essen“, erinnert sie sich an Kaninchen mit Kartoffeln und an das noch vorhandene Viehsalz, mit dem sie würzten. In dieser Zeit baute sie eine kleine Mühle auf, ihr eigenes Reich.
Gerne mahlte sie bis spät in die Nacht, da es dann am ruhigsten war. Einmal fiel sie dabei beim Hantieren mit einem Hundert-Kilo-Sack in die sogenannte Mehlreserve und konnte an den glatten Wänden nicht wieder hinauf. Irgendwann, nach Stunden kam ihre Mutter und fand sie in dieser misslichen Lage, aus der sie ihr Vater mit einem Seil befreite. „Seither hat meine Mutter immer in der Nacht bei mir vorbeigeschaut“, erzählt Martha Fally lachend.

Lebenswerk weitergegeben

Mittlerweile hielt die junge Müllerin die Augen nach einem passenden Mann offen. Genaue Vorstellungen hatte sie schon damals: „Man hat ja nicht jeden genommen. Und zur Mühle musste er passen. Aber fesch sollte er auch sein!“ Mit dem Traummann feierte die Müllerin Hochzeit, vier Söhne machten das Familienglück perfekt. Heute ist Sohn Othmar Geschäftsführer in der Hoffmann-Mühle, Enkelsohn Georg hat die Leitung der Mühle über. Das Lebenswerk ist also in guten Händen. Eine Biomühle ist es mittlerweile geworden. Etwas, mit dem sich die Müllerin noch ein wenig schwer tut: „Früher musste das Brot weiß sein, aber heute ist ja vieles anders.“

Eines ist jedoch noch immer gleich: Ihr Engagement für die Dinge und Menschen, die ihr wichtig sind. Noch nie hatte sie so viel Zeit wie jetzt, ungewohnt und auch nichts für die quirlige Person, die sie mit über 80 Jahren ist. Und so hat sie – wie auch Franz Bauer – im Museumsdorf eine neue Aufgabe gefunden: „Ich erzähl einfach leidenschaftlich gerne und lerne hier immer wieder neue Menschen kennen, das mag ich.“ In der Gastwirtschaft im Museumsdorf sitzt sie gern auf ein Tratscherl mit dem alten Bauern Franz Bauer zusammen, da ist es fast wie früher. Es ist viel los und die Plaudereien laufen „quertischein“. „Eine Aufgabe, die Freude und Spaß macht, hält einen jung“, da sind sich beide einig. Vom Nebentisch lehnt sich eine deutsche Touristin herüber und fragt: „Darf ich kurz stören, wie war das damals mit …“ Und schon sind die beiden wieder in ihrem Element und erzählen, wie es früher einmal war.

 

Quelle: Sonja Lechner in „Gesund + Leben“ 05/11

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