Söhne des Weinviertels: Karl Ehn, Stetteldorf – überlebte die „Hölle von Glasgow“

Um den Fußballsport steht es im Weinviertel derzeit leider nicht zum Allerbesten. Ein Blick auf die aktuellen Tabellenstände in den oberen Ligen genügt. Trotzdem kamen aus unserer Region immer wieder auch Fußballer, die aus dem Schatten der Unzulänglichkeit heraustreten konnten. Einer der letzten Kicker aus dem Weinviertel, dem das gelang, war vor knapp 30 Jahren  Karl Ehn aus Stetteldorf am Wagram, der es als Torhüter bei Rapid Wien wenigstens zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat.

Ehn, geboren am 26. August 1953, hütete schon als 12jähriger beim SV Stetteldorf das Tor. Bei den Junioren setzte es gleich zu Anfang seiner Karriere gegen Hausleiten eine 0:17-Niederlage – ein Ergebnis, das einen Tormann normalerweise traumatisiert. Karl Ehn war aber keiner, der sich so leicht unterkriegen ließ. 1969/70 und 1970/71 errangen die Blau-Gelben mit ihm den Juniorenmeistertitel und holten sich gleich darauf gegen Mautern den Nordwest-Cup in Ziersdorf. Karl Ehn wuchs stets mit den Aufgaben und gab schon 1970 als 17jähriger der Kampfmannschaft im Tor Rückhalt. 1971/72 errang die Stetteldorfer „Erste“ den Meistertitel der 2. Klasse Wagram und stieg in die 1. Klasse Nordwest auf.

Karl Ehn (Bildmitte, mit Ball) gab schon als knapp 18-jähriger Tormann dem SV Stetteldorf Rückhalt. Bild: Archiv SV Stetteldorf

Es sprach sich bald bis nach Wien herum, dass da beim SV Stetteldorf Sonntag für Sonntag ein Tormanntalent tätig war, das zu Höherem berufen sein könnte. Schließlich schlugen die Talentesucher des SK Rapid zu und engagierten 1975 Karl Ehn für ihren Kader.

Pech für Karl Ehn, dass er beim SK Rapid stets im Schatten einer übermächtigen Nr. 1 stehen musste: zuerst Peter Barthold, dann Herbert Feurer und schließlich Michael Konsel. Trotzdem brachte es der bescheidene, gelernte Landmaschinenmechaniker auch als Ersatzkeeper Rapids zu einigem Ansehen. Zweimal wurde er mit Rapid Meister (1982, 1983), zweimal Cupsieger (1983, 1984). 1984 wählte ihn die Kronenzeitung gar zu Österreichs Aufsteiger des Jahres.

Kaum einer wird wissen, dass der Rapidler Karl Ehn auch den Dress der Wiener Austria getragen hat: als Gastspieler beim Jubiläumsturnier „70 Jahre Austria Wien“ im Juli 1981. Friedl Koncilia hatte sich im Spiel gegen Bayern München die Nase gebrochen und musste ausgetauscht werden. Rapid half damals der Austria aus, da kein Ersatztormann zur Verfügung stand.

1984 war aber auch eines der schmerzvollsten Jahre im Sportlerleben Karl Ehns. Am 7. November 1984 trat der SK Rapid im Achtelfinale des Europapokals der Pokalsieger bei Celtic Glasgow an. Das Hinspiel hatten die Wiener mit 3:1 gewonnen, aber im Celtic Park bereiteten 49.000 fanatische Schotten Rapid einen wahren Hexenkessel. Die 500 mitgereisten Rapid-Fans hatten da nichts zu melden.
Weil Standardkeeper Herbert Feurer sich „nicht sicher“ gefühlt und Trainer Otto Baric gebeten hatte, auf der Ersatzbank zu sitzen, musste Karl Ehn ins Tor. Nach einer Serie überharter Attacken der Schotten und einer über Gebühr verlängerten ersten Spielhälfte stand es 2:0 für Celtic. In der 71. Spielminute sprang der schottische Mittelfeldspieler Tommy Burns ausschlussreif mit gestrecktem Bein Karl Ehn an, verletzte ihn an der linken Hand und erzielte das 3:0. Schiedsrichter Kjell Johansson aus Schweden, der dem Spiel in keiner Weise gewachsen war, gab den Treffer und schloss zu allem Überfluss den Rapidler Kienast aus. Kienast zerriss daraufhin die rote Karte des Referees in kleine Stücke.

Aus der AZ 1984.

Beim nächsten Angriff ließ Karl Ehn Tommy Burns unsanft „über die Klinge“ springen. Der Schiedsrichter ließ zunächst weiterspielen, wurde jedoch vom Linienrichter zu einem Elfmeter überredet, den die Schotten aber vergaben. Schließlich kam es zu tumultartigen Szenen mit einem angeblichen oder tatsächlichen Flaschenwurf gegen den Rapidspieler Weinhofer.

Das Spiel ging wohl 0:3 verloren und der Protest Rapids führte zunächst nur zu hohen Geldstrafen und Sperren für Rapidspieler und Trainer Baric, schließlich in zweiter Instanz aber zu einem Wiederholungsspiel in Manchester. Rapid siegte dabei 1:0 und erreichte damit das Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger.

Man kann bis heute nur mutmaßen, warum die Nr. 1 Rapids, Herbert Feurer, Karl Ehn gerade in diesem heißen Spiel den Vortritt gelassen hat. An einer Verletzung ist es jedenfalls nicht gelegen. Fakt ist, dass selbst Hans Krankl nach dem Wiederholungsspiel gegen die Schotten unumwunden zugab, Angst gehabt zu haben: „Man hat den Hass der Leute gesehen, schon bei der Anreise ins Stadion“.

Wie aufgeheizt auch nach dem Spiel die Atmosphäre noch war, belegen folgende Ton- und Bilddokumente des ORF:
http://www.youtube.com/watch?v=dW89fx2shfQ (Teil 1)
http://www.youtube.com/watch?v=FibX2X5qNL8 (Teil 2)

Für Karl Ehn war dieses Spiel im November 1984 wohl der Höhepunkt seiner Karriere. Danach musste er wieder den Platz als Nr. 2 im Rapid-Tor einnehmen. Als dann im Januar 1985 auch noch Michael Konsel von der Vienna zu Rapid geholt wurde, sah Ehn keine Zukunft mehr im Spitzensport. Sein letztes Bundesligaspiel bestritt er am 21. November 1984 beim 2:0-Sieg Rapids gegen den Wiener Sportclub.

Heute arbeitete Karl Ehn für Wienstrom. Schon 1981 hatte er seine Frau Martha geheiratet. Der Ehe entsprangen zwei Söhne, von denen einer, Alexander Ehn, in die Fußstapfen seines Vaters trat. Er war einige Jahre U23-Tormann beim Wiener Sportklub und wechselte schließlich als Nr. 1 zum SV Stockerau.

Ich selbst habe Karl Ehn während unserer gemeinsamen Bundesheerzeit bei der Fliegerabwehr in Langenlebarn als ruhigen, besonnenen, hilfsbereiten und humorvollen Kameraden kennen gelernt – Charaktereigenschaften, die ihn schließlich zum herausragenden Sportsmann werden ließen, dem aber der ganz große Erfolg leider nicht vergönnt war.

Quellen: Rapid-Archiv; Austria-Archiv; Archiv Rapid-Fanclub Grün-Weiß Amstel; Austrian Soccerboard; Alszeilen 06/2006; profil online; News.at; Kerrydale Street (Celtic Glasgow Fanzine)

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