Söhne des Weinviertels: Andreas Onea, Deutsch-Wagram – Aufgeben gibt’s nicht

Die  positive Einstellung des Andreas Onea zum Leben ist bewundernswert, sein Lächeln einfach ansteckend. In dem ehrgeizigen Schwimmer steckt aber auch ein kritischer Geist, der sich nur ungern den Mund verbieten lässt.

Nur ein Wimpernschlag trennte Andreas Onea von der Verwirklichung seines großen Traums – einer Medaille bei den Paralympics 2012 in London. Im Ziel fehlten ihm gerade mal 26 Hundertstelsekunden zu Bronze. Die harte Arbeit, die unzähligen Trainingsstunden, alle Entbehrungen blieben scheinbar unbelohnt. Die persönliche Bestzeit, der neue österreichische Rekord – alles nichts wert? Immerhin bedeutet dieser vierte Platz bei Olympia den bisher größten Erfolg in der Sportlerkarriere des  20-jährigen Deutsch-Wagramers. „Ich bin voll zufrie­den mit dem, was ich geleistet habe, aber mit dem Ergebnis habe ich noch nicht endgültig abgeschlos­sen“, hat Onea die Enttäuschung über den 100-Meter-Brust-Bewerb von London auch Wochen danach noch nicht ganz verdaut.

Der Niederöster­reicher kennt das Heilmittel gegen den Frust. Es heißt, sich neue Ziele zu setzen. „Als ich nach dem Anschlag die Platzierung auf der Anzei­getafel gesehen habe, war einen Moment lang nur Leere im Kopf. Der nächste Gedanke war dann aber: 2016 in Rio mache ich Gold – egal, wer sich mir in den Weg stellt.“

Aufzugeben hat im Leben des Andreas Onea keinen Platz. Heute nicht und auch vor 14 Jahren nicht, als das Schicksal den damals Sechs­jährigen und seine Familie vor eine schwere Prüfung stellte: Auf dem Heimweg aus dem Urlaub begann es zehn Kilometer nach der rumänisch-­ungarischen Grenze plötzlich stark zu regnen. Öl auf der Fahrbahn, das ein Lkw verloren hatte, brachte den Wagen der Oneas ins Schleudern, die kaputten Straßen waren dann der Auslöser dafür, dass sich das vollbesetzte Auto zehnmal überschlug. „Mich hat es währenddessen aus dem Auto geschleudert. Der Gurt hat mir dabei den linken Arm abgerissen. Ohne Gurt wäre ich viele Meter weit geflogen und säße heute nicht mehr hier“, schildert Andreas Onea die tragi­schen Momente. Seine beiden Brüder blieben bei dem Unfall unverletzt, seine Eltern trugen schwere Blessuren davon, sein Großvater starb.

Eigentlich Grund genug, um den Unfall zu ver­dammen. Nicht so für Andreas Onea. „Ich glaube an den großen Sinn dahinter und bin Gott dankbar für den Unfall, weil ich weiß, jetzt kann ich diese Mission erfüllen und den Leuten erzählen, dass aus all dem Schlechten etwas Gutes herauskommen kann. Man muss nur daran glauben und etwas tun. Man muss sich sagen: Okay, das ist jetzt so, aber ich nehme mein Leben in die Hand und mache was daraus. Das versuche ich trotz meiner jungen Jahren weiter­zugeben“, erklärt der Deutsch-Wagramer. Die Zeit zurückdrehen wollte er nicht. Er hat nie Gedanken an ein Leben ohne Behinderung verschwendet.  „Warum etwas ändern wollen, wenn das Leben eh perfekt ist, so wie es jetzt ist. Einen And­reas Onea mit zwei Armen würde ich nicht nehmen, weil ich einfach weiß, dass ich durch den Unfall der Mensch bin, der ich heute bin. Und das will ich nicht ändern.“ Starke Worte für einen 20-Jährigen. Ausdruck einer starken Persönlichkeit und Beweise, dass Andreas Onea sein Schicksal mit Bravour und Mut gemeistert hat.

Mit seiner Einschränkung kam der sechsjährige Andreas von Beginn an gut zurecht. Seine Eltern suchten mit ihm gemeinsam nach Wegen, um sich etwa selbst die Schuhe zu binden oder sich alleine anzuziehen. „Nach einiger Zeit in der Therapie habe ich gesehen, dass ich alles selber machen kann und ganz normal bin“, erinnert er sich.

Normal wurde für den bisherigen Nichtschwimmer, der vor dem Unfall immer Angst hatte unterzugehen, auch bald das Schwimmtraining, das er zur Stärkung der Muskulatur und Verbesserung der Koordination am Weißen Hof in Klosterneuburg in Angriff nahm. Aus einer Schwimmeinheit pro Woche wurden bald zwei und erste Wettkämpfe standen auf dem Programm. Mit 12 Jahren wurde Onea dann zum ersten Mal Staatsmeister. Es folgten kleinere internationale Auftritte und 2008 dann die Paralympics in Peking. In diesem Jahr schwamm Onea auch erstmals Weltrekord. „Mit 16 Weltrekord zu schwimmen, das war schon ein Wahnsinnserlebnis, auch wenn er dann drei Wochen später wieder weg war. Aber ich konnte mir dadurch die Motivation für die nächsten Jahre holen.“

Motivation und Ehrgeiz braucht Andreas Onea auch heute, denn mittlerweile ist das Schwimmen zum Beruf geworden, sein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft ruht. Dafür bliebe auch gar keine Zeit, denn der Tag des 20-Jährigen ist mit Trainingseinheiten vollgepflastert. Der Tag beginnt um 6 Uhr früh im Wiener Stadion­bad, wo Onea zweieinhalb Stunden seine Längen zieht. Von 9 bis 12 Uhr geht es zum Krafttraining, danach hat der gebürtige Zwettler zwei Stunden Zeit zum Essen und Erholen. Am Nachmittag folgt die nächste Schwimmeinheit, ehe sich Onea auf den Weg nach Hause macht, wo er noch eineinhalb Stunden Grundlageneinheiten auf dem Fahrradergome­ter leistet. Danach stehen noch Stabilisation, Gym­nastik oder Mobilisation auf dem Trainingsplan. Neun Stunden Training pro Tag, sechsmal in der Woche – der Trainingsalltag eines Leistungssportlers. Nur dass man als österreichischer Behindertensportler trotz Weltklasseleistungen im Gegensatz zu anderen Ländern von seinem Sport nicht leben kann.

„Es gibt brasilianische Schwimmer, die verdienen 25.000 Euro im Monat. In Österreich beträgt die Weltklasseförderung weniger als die Mindestsicherung. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen“, nimmt sich Onea kein Blatt vor den Mund. Erst seit heuer werden auch die Behindertensportler von der Sporthilfe unterstützt. Das bringt Andreas Onea 440 Euro im Monat – eigent­lich wenig, aber viel im Vergleich zu seiner bisherigen Unterstützung: „Letztes Jahr hab ich 125 Euro Individualförderung vom Behindertensportverband bekommen.“ Dass sich Andreas Onea aber trotzdem voll auf den Sport konzentrieren kann, verdankt er Initiativen wie Stars4Stars der Fußballprofis Christian Fuchs und Robert Almer. Die beiden unterstützen ausgewählte Behindertensportler vor allem finanziell. „Sie decken die Kosten, die sonst keiner übernimmt, wie Flüge, Hotel, Trainer oder Material“, ist Onea dankbar für das Engagement der beiden Deutschland-Legionäre.

Nicht nur die fehlende finanzielle Anerkennung liegt Andreas Onea im Magen, auch die fehlende Wert­schätzung des Behindertensports an sich und die suboptimalen Trainingsbedingungen machen ihn traurig. „Wenn ich sage, ich bin genauso Vierter geworden wie Dinko Jukic, also erwarte ich mir die gleiche Wertschätzung, dann zeigen mir alle den Vogel und sagen, du warst ja nur bei den Paralym­pics. Da denke ich mir dann schon, Leute, was wollt ihr, warum geht das nicht in eure Köpfe, dass das genauso Hochleistungssport ist.“

Dabei hat Onea heuer bereits bei den Nicht-Behin­derten gehörig aufgezeigt. Bei der Staatsmeisterschaft in Innsbruck gewann er trotz seiner physiolo­gischen Benachteiligung das B-Finale über 200 Meter Brust. „Auf diese Leistung bin ich sehr stolz und ich habe mich sehr über die atemberaubende Atmosphäre gefreut, mit der mich das Publikum zu diesem großen Erfolg angespornt hat. Man hat durch die Reaktion gesehen, dass der Behindertensport auch publikumstauglich sein kann.“ Dafür, dass der Behindertensport in Österreich mehr an Attraktivität und Bekanntheit gewinnt, möchte Andreas Onea auch mit seiner neuen Aufgabe sorgen: Gemeinsam mit der niederösterreichischen Behinderten-Skisportlerin Claudia Lösch moderiert er seit 4. Okto­ber das Behindertensport-Magazin „Ohne Grenzen“, das 14-tägig auf ORF Sport+ ausgestrahlt wird.

Kein gutes Haar lässt Onea hingegen an den Trainingsbedingungen für Schwimmerinnen und Schwimmer in Österreich und vor allem in Wien. „Da muss man beinhart und ehrlich sagen, dass es eigentlich eine Katastrophe ist, was wir vorfinden“, spart der Youngster nicht mit Kritik. Fehlende oder zu wenige Bahnen sind sein tägliches Problem, genauso wie Zickzack-Schwimmen zwischen Badegästen in den öffentlichen Bädern. Eine professionelle Vorberei­tung sieht wohl anders aus. Trotzdem lässt sich Andreas Onea seinen Humor nicht nehmen: „In einer Disziplin hätte ich ganz bestimmt Gold gemacht: im Badegäste-Slalom.“ Der ist aber auch in Rio 2016 nicht olympisch.

Ingrid Vogl, Red.: Kris B. Flašar

 

Quelle: Gesund + Leben in Niederösterreich 10/2012

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