Als das Weinviertel ein Mühl(en)viertel war

Im Folgenden finden Sie einen Beitrag aus der Vierteljahreschrift Niederösterreich Perspektiven vom Frühling 2011 über die Mühlen, die rund 1000 Jahre das Landschaftsbild des Weinviertels geprägt haben. Was aus dieser tausendjährigen Tradition geworden ist und welche neue Bestimmung Mühlen im 21. Jahrhundert haben (könnten), zeigt dieser Beitrag von Josef A. Victor.

Kunst im öffentlichen Raum macht Mühlentradition zum Orientierungspunkt

Allein 80 Mühlen machte „Mühlenprofessor“ Otto J. Schöffl entlang der Schmida zwischen Eggenburg und der Mündung in die Donau bei Tulln ausfindig. Nahe der Roseldorfer Mühle, die heute neben einer sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft auch den Kulturverein „Kühle Mühle – heiße Stühle“ beherbergt, weist seit Mitte Oktober ein dreiteiliges Denkmal für Wassermühlen von Misha Stroj als Kunst(werk) im öffentlichen Raum auf diese Zeit hin.

Sie klappern längst nicht mehr am rauschenden Bach, die rund 200 Wassermühlen an der Schmida, der Pulkau, dem Göllersbach und dem Senningbach sowie an den vielen Mühlbächen, die den „Kraftstoff“ für die Mühlen lieferten. Einst waren sie in Abständen von rund einem Kilometer errichtet worden, heute sind es lediglich drei, die das Korn zu Mehl vermahlen. Außerdem waren im wasserarmen Teil des Weinviertels unter Kaiser Joseph II. rund 40 Windmühlen entstanden, die auf Grund ihrer Holzkonstruktion allerdings nur eine kurze Lebensdauer hatten. Auch so genannte „Rossmühlen“ waren einst in Betrieb.

Geschichte und Geschichten

Die Geschichte der Weinviertier Wassermühlen, aber auch Geschichten, Sagen und Sprichwörter hat Otto J. Schöffl zusammengetragen und unter dem Titel „Mühlen im Wandel“ veröffentlicht. In der Roseldorfer Mühle, auf halber Strecke zwischen Eggenburg und Hollabrunn, aufgewachsen, hat der ehemalige Mittelschullehrer für Mathematik und Physik vor allem seit seinem Eintritt in den „Unruhestand“ unermüdlich geforscht und alles gesammelt, was mit den Mühlen in Zusammenhang steht. Seine drei Bücher sind daher auch mehr als „Heimatbücher“, zumal dabei – wie etwa im Band über die Mühlen im Einzugsbereich der Pulkau – auch auf die Mühlen in Tibet, die Gezeiten-Mühlen in der Bretagne und die Truppenmühlen hingewiesen wird, die Alexander der Große und die römischen Imperatoren bei ihren Feldzügen mitgeführt hatten. Mit Beginn der Industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts begann auch der Niedergang der alten Mühlenherrlichkeit, von der heute nur noch nostalgisch das 1824 von Ernst Anschütz in einer Kinderliedersammlung veröffentlichte Volkslied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ kündet. Die erste Wassermühle wurde übrigens im Jahr 25 v. Chr. vom römischen Architekten und Techniker Marcus Vitruvius Pollio, in der Literatur meist nur Vitruv genannt, errichtet und im zehnten seiner Architektur-Bücher im Kapitel „Über die Flussschöpfräder und die Wassermühlen“ beschrieben. Das Mahlwerk hatte er von den griechischen Handmühlen und das Getriebe von den Schöpfwerken in Ägypten übernommen. Seither ist viel Wasser über die Mühlräder geflossen, ihr Klappern ist heute kaum noch wo zu hören.

Neues Leben in alten Mühlen

Umso verdienstvoller ist es daher, dass der „Mühlenprofessor“ in seiner Heimat auf Spurensuche gegangen ist und die Erinnerung an die gute alte (Mühlen)Zeit wach hält. Am Anfang stand seine elterliche Mühle in Roseldorf, in der seine Mutter bis 1960 als Müllermeisterin tätig war. In dem ursprünglich dem Stift Lilienfeld gehörenden Gebäude wurden bei Umbauarbeiten Grundmauern aus dem 11. Jahrhundert freigelegt. Mittlerweile hat der ehemaligen Gewerbebetrieb eine neue Bestimmung erhalten: Gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin und Lyrikerin Elisabeth Schöffl-Pöll, machte Otto Schöffl 1992 sein Elternhaus zum Sitz des Kulturvereins „Kühle Mühle – heiße Stühle“ und gründete die Edition Dichtermühle. Seit 15 Jahren gibt es hier auch eine sozialtherapeutische Wohngemeinschaft, die von der Tochter des Ehepaares und ihrem Mann geführt wird.

„Kunstoscar“ für Niederösterreich

Mit dem nö. Kulturförderungsgesetz, das 1996 in Kraft getreten ist und die Finanzierung von Kunstprojekten unabhängig von Bauvorhaben ermöglicht, hat die Kunst im öffentlichen Raum in Niederösterreich einen neuen, besonders hohen Stellenwert erhalten und auch international große Bedeutung erlangt. Für diese Initiativen – insgesamt sind bisher nicht weniger als rund 500 Projekte realisiert worden – ist im Vorjahr die Abteilung Kultur und Wissenschaft beim Amt der NO Landesregierung mit dem „OscART 2010″ ausgezeichnet worden.

Mühlrad auf der grünen Wiese

Otto Schöffl, für den die Wassermühlen auch besondere Kraftplätze sind, die nicht dem Vergessenwerden anheimfallen dürfen, schwebte daher die Errichtung eines Mühlendenkmals als Wahrzeichen und Orientierungspunkt an der Schmida vor. Schon Ende der neunziger Jahre unternahm er die ersten Schritte zur Realisierung dieses Projekts als Kunst(werk) im öffentlichen Raum. Da sich aber der ursprünglich vorgesehene Aufstellungsort vor der Roseldorfer Mühle als ungeeignet erwiesen hatte, wurde umgeplant und das Projekt 2009 neu eingereicht. Dann ging es Schlag auf Schlag: Dem Ansuchen wurde zugestimmt, es erfolgte eine Ausschreibung für ein Mühlendenkmal, und das dreiteilige Projekt von Misha Stroj, eines in Ljubljana geborenen Künstlers, der in Wien studiert hatte und hier auch lebt, fand die Zustimmung aller involvierter Stellen, zumal die künstlerische Umsetzung mit der „offenkundigen Einschreibung in die Natur“ bestechend war. Die an der Universität Basel lehrende renommierte Kunsthistorikerin Eva Kernbauer weist bei der Projektbeschreibung auch darauf hin, dass die einzelnen Teile des Mühlendenkmals in einer Abfolge betrachtet werden können, welche die Wassermühlen des Schmidatals wie Mosaiksteine wieder zusammensetzt.

Die wichtigsten Elemente einer Wassermühle (von links: Laterne mit Mühlstein, Mühlrad und Kammrad) hat Misha Stroj in seinem dreiteiligen Mühlendenkmal bei Roseldorf auf die grüne Wiese gesetzt.Bilder: © Hertha Hurnaus in "Niederösterreich Perspektiven"

Die wichtigsten Elemente einer Wassermühle (von links: Laterne mit Mühlstein, Mühlrad und Kammrad) hat Misha Stroj in seinem dreiteiligen Mühlendenkmal bei Roseldorf auf die grüne Wiese gesetzt.
Bilder: © Hertha Hurnaus in „Niederösterreich Perspektiven“

Beton, Holz und Stahl – und ein Wanderweg

Als die wesentlichsten Elemente einer Wassermühle hat Misha Stroj Mühlrad, Kammrad, Laterne und Mühlrad, das den Antrieb verkörpert. Es besteht aus 12 vertikalen Betonblöcken, die aus dem Boden wachsen bzw. in ihm versinken. Ihre Bewegung resultiert aus dem Abwärtsfließen des Wassers, der Schwerkraft und dem Drehmoment der Erde. Das Instrument der Kraftübertragung und damit die Nutzbarmachung des Wassers ist in Form einer auf schmalen Stützen fixierten Skulptur dargestellt, die das Kammrad zitiert.

Die Mahlarbeit in der Mühle selbst wird mit der „Laterne“, einer Skulptur aus Holz, Stahl und Beton für das Stockgetriebe, das für den Richtungswechsel der Kraftübertragung sorgt, und dem Mühlstein ins Blickfeld gerückt.

Da nach einem anderen Volkslied aus dem 19. Jahrhundert das Wandern des Müllers Lust ist, wurde gleichzeitig mit dem Mühlendenkmal auch ein Mühlen-Wanderweg gestaltet. Auch er soll, ganz im Sinne der „Mühlenprofessors“, in der Bevölkerung und auch bei Urlaubsgästen die Erinnerung an die zahlreichen Mühlen entlang der Schmida wach halten.

Die drei Bände zum Thema „Mühlen im Wandel“ über die Mühlen im Einzugsbereich der Schmida, des Göllersbachs, des Senningbachs sowie im Pulkautal sind in der Edition Dichtermühle erschienen und bei Otto J. Schöffl, Telefon und Fax 02952 30024, eMail schoeffl.dichtermuehle@aon.at , erhältlich. Weitere Informationen über die Mühlen im Weinviertel unter www.roseldorf.at

In weiteren Beiträgen werde ich mich hier mit weiteren vorindustriellen und industriellen Denkmälern des Weinviertels beschäftigen.

 

Quellen: Josef A. Victor in Niederösterreich Perspektiven, Frühjahr 2011; Misha Stroj .

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