Verlorene Industriekultur des Weinviertels: (Vor-)industrielle Spuren in Niederabsdorf

Das Weinviertel war nie eine Landschaft mit ausgeprägter Industrie. Gerade deswegen schmerzt es, dass mit den kümmerlichen Resten unserer Industriekultur wenig achtsam umgegangen wird.  Umso wichtiger erscheint mir, die wenigen noch  vorhandenen Zeugnisse dieser Epoche zu konservieren und zu erhalten. Dort, wo sie bereits verschwunden sind, sollte die Erinnerung daran lebendig gehalten werden. Immerhin bot die Industrie vielen Menschen über Jahrzehnte hinweg Arbeit und sicherte ihre Existenzen und die ihrer Familien, ja oft sogar das wirtschaftliche Überleben ganzer Landstriche und Dörfer.

Bereits lange vor der Industrieepoche war die Mühlenwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftszweig. Im Weinviertel spielten hauptsächlich Wassermühlen eine Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung. Als einer der wichtigsten Wasserläufe für die Mühlenwirtschaft galt die Zaya, deren Flussbett sich von Westen nach Osten erstreckt, ehe sie bei Drösing in die March mündet. Noch zur Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert trieb ihr Wasser die stattliche Anzahl von fast fünfzig Mühlen an. Bei einer Flusslänge von rund sechzig Kilometern ergab das eine durchschnittliche Mühlendichte von einer Mühle auf einer Strecke von 1.2 km. Bereits 1644 zählte man 24 Mühlen an der Zaya. Die oberste Mühle befand sich in Kiement, die unterste in Drösing.

Den kleinen Mühlen am Oberlauf standen am verwilderten und trägen Unterlauf zahlenmäßig zwar weniger, aber dafür umso größere Mühlen gegenüber. Infolge der Zaya-Regulierung zwischen 1895 und 1913 wurden zahlreiche Mühlenstandorte stillgelegt.

Der Zahn der Zeit nagt bereits länger an der Schweihermühle in Niederabsdorf. Bild: aus Günter Bayerl,Torsten Meyer, Die Veränderung der Kulturlandschaft Nutzungen, Sichtweisen, Planungen

Der Zahn der Zeit nagt bereits länger an der Schweihermühle in Niederabsdorf. Bild: aus Günter Bayerl,Torsten Meyer, Die Veränderung der Kulturlandschaft Nutzungen, Sichtweisen, Planungen

Die Schweihermühle am äußeren Wiesboden bei Niederabsdorf war eine der jüngeren Getreidemühlen an der Zaya, zumindest fand sie bei der peniblen Zählung und Beschreibung von Niederösterreichs Mühlen im Jahr 1661 noch keine Erwähnung. Im 18. und im 19. Jahrhundert etablierte sich hier die bald wohlhabende Müllerfamilie Schweiher (auch Schwayer), die wegen ihrer guten Mahlprodukte bei den Bauern der Region bekannt und beliebt war, sodass diese auch von fern mit Roggen und Weizen nach Niederabsdorf kamen. Schwayer expandierte sogar in die nähere Umgebung und fügte kleinere Betriebe seinem Imperium zu. So erwarb er beispielsweise die heute noch so genannte Schwayermühle nahe Poysdorf.

1958 stellte Müllermeister Wagner den Betrieb ein. Er hatte als Müllerbursche den Betrieb kennen gelernt und diesen nach Einheirat in die Familie des damaligen Müllermeisters Dostalek übernommen. Nur wenige Jahre nach der Schließung erwarb Josef Popp 1961 das Objekt.

Heute kaum mehr als eine der einst wichtigsten Mühlen des Zayatals auszumachen: Die Schweihermühle in Niederabsdorf . Bild: © walker0815 / Panoramio

Heute kaum mehr als eine der einst wichtigsten Mühlen des Zayatals auszumachen: Die Schweihermühle in Niederabsdorf . Bild: © walker0815 / Panoramio

Die Schweihermühle  liegt nördlich von Niederabsdorf zwischen Zaya und Steinberggraben. Wohntrakt und Mühlengebäude sind baulich zwar nicht getrennt, jedoch architektonisch klar als zwei Einheiten erkennbar. Der zwei- bis viergeschossige Baukomplex zeigt deutlich verschiedene Erweiterungen sowohl im Wohn- als auch im Produktionsbereich. Die spärliche Quellenlage dokumentiert urkundlich allerdings nur eine Aufstockung des Mühlengebäudes aus dem Jahr 1908. Der damalige Besitzer, Wenzel Dostalek, hatte den Rabensburger Maurermeister Heinrich Gessinger mit der Planung und Durchführung des Umbaus betraut. Die Satteldächer unterschiedlicher Neigung sind mit Biberschwanz- und Taschenziegeln eingedeckt, die Fassaden glatt verputzt und ohne schmückendes Dekor. Große quadratische Fenster mit Eisensprossengliederung sorgten für eine ausreichende Belichtung der Produktionsräume im Mühlentrakt. Die maschinelle Einrichtung ist weitgehend entfernt oder demoliert worden, Fundamente und Maueröffnungen im Erdgeschoss lassen zwar noch die Situierung der Hauptwelle sowie die Anordnung des Transmissionssystems erkennen, doch wurde dieses bereits bei der Umrüstung auf elektrischen Einzelantrieb demontiert. Der Läuferstein des einzigen noch vorhandenen Mahlgangs ist mit „I. VI. 1950″ datiert und tragt die Inschrift „L. WYT. – WIEN XX“. Ein Teil der damals installierten Maschinen und Fördereinrichtungen stammte von der Mühlenbauanstalt & Maschinenfabrik Jos. Prokop’s Söhne in Pardubitz/Pardubice. Heute zeigen sich Mühlen- wie auch Wohntrakt stark verwahrlost.

Der Meierhof von Niederabsdorf war einst die zweitälteste Zuckerfabrik im Bezirk Gänserndorf. Bild: © Priwo / Wikipedia

Der Meierhof von Niederabsdorf war einst die zweitälteste Zuckerfabrik im Bezirk Gänserndorf. Bild: © Priwo / Wikipedia

Niederabsdorf weist neben der Mühle aber noch eine weitere Spezialität auf. Sie ist bereits der Industrie zuzurechnen. Der Meierhof mitten im Ort war nämlich im 19. Jahrhundert für kurze Zeit eine Zuckerfabrik. Der vierflügelige Wirtschaftshof als Rest einer ursprünglich weitläufigen Wehranlage steht heute zwar unter Denkmalschutz, macht aber, zumindest von außen betrachtet, keinen besonders gepflegten Eindruck.

1844 (nach anderen Quellen 1852) wurde, als zweite Zuckerfabrik des Bezirks Gänserndorf – die erste befand sich in Dürnkrut – die „Landesbefugte Rübenzuckerfabrik“ des Fürsten Salm gegründet. Sie wurde jedoch bereits 1868 (1863) wieder stillgelegt.

Quellen: Gerhard A. Stadler: Das industrielle Erbe Niederösterreichs: Geschichte, Technik, Architektur; Günter Bayerl, Torsten Meyer  (Hrsg.): Die Veränderung der Kulturlandschaft: Nutzungen, Sichtweisen, Planungen, erschienen in den Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt; Elisabeth Schenk: Nachbarn und Grenzen, Begegnungen und Konflikte – Zwei niederösterreichische Gemeinden an der March, Diplomarbeit Wien 2008 ; Marktgemeine Ringelsdorf – Geschichte Niederabsdorf .

 

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2 Antworten zu Verlorene Industriekultur des Weinviertels: (Vor-)industrielle Spuren in Niederabsdorf

  1. Lubo schreibt:

    sehr inforeiche beschreibungen.

  2. happykpets schreibt:

    Ach… Heimat 🙂
    Wusste garnicht, dass das auch mal eine Rübenfabrik war… Hohenau ist ja auch schon weg.. Schade eigentlich!

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