Verlorene Industriekultur des Weinviertels: Die Ziegelöfen von Gänserndorf

Ursprünglich gab es in Gänserndorf mindestens zwei Ziegelöfen. Erwähnt werden zwar noch ein vierter und fünfter Feldofen und es sind auch Namen der Besitzer bekannt, jedoch fehlen exakte Hinweise, wo sich diese Öfen befunden haben. Michael Nickels vermutet auf seiner ausgezeichneten Website, dass es sich dabei um Feldbrandöfen vor 1854 gehandelt haben könnte.

Rund um Gänserndorf florierte einst die Ziegelindustrie. Bild: Michael Nickels

Rund um Gänserndorf florierte einst die Ziegelindustrie. Bild: Michael Nickels

Ein Feldofen ist die einfachste Form eines festen Ofens zum Brennen von Ziegeln; er wurde Anfang des 19. Jahrhunderts verwendet und zwar dort, wo das Brennmaterial billig oder nur eine relativ kleine Menge von Ziegeln zu brennen war. Diese Öfen hatten in ihrer primitivsten Form an höchstens zwei Seiten, oft nur an einer, feste Mauern, in denen sich die Feuerungen befanden und gegen die die zu brennenden Steine angesetzt wurden; als Decke diente eine flache Abpflasterung von ungebrannten Ziegeln, die mit Lehm verschmiert wurde. Ein Feldbrandofen bezeichnet dagegen einen vorindustriellen Betrieb zur Ziegelherstellung, wie er bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus üblich war. Die Feldbrandöfen bestanden nur so lange, bis das im Abbau befindliche Feld ausgeziegelt war. Daraus erklären sich die oft fehlenden Aufzeichnungen über diesen Ziegeleityp.

Der erste bekannte Ziegelofen von Gänserndorf befand sich laut Nickels nördlich des Halterbergs und wurde etwa 1854 in Betrieb genommen.
Die Ziegelofengasse nördlich des Halterbergs erinnert daran.

Der zweite Gänserndorfer Ziegelofen, vermutlich ein Feldofen, wurde auch als Gemeindeziegelofen bezeichnet und um 1862 „nächst dem Kirchenacker am Weikendorfer Weg“ errichtet. Heute gehört dieses Areal zum Landespflegeheim.

Als der Betrieb des gemeindeeigenen Ziegelofens unrentabel geworden war, bewilligte die Stadt Lorenz Sommer die Errichtung eines Ziegelwerks auf dem Schönkirchner Feld. 1905/06 entstand dort ein Ringofen nach dem System Hoffmann und schon 1910 kam es zu einer Erweiterung der Produktionsanlagen. Als Besitzer folgten 1927 Ernes­tine Berger, 1939 Josef Pinner, 1949 Jacob Sitter, l950 die Ziegelwerke Gänserndorf A. Korall & Co. OHG und schließlich Laurenz Göppert & Co. – Ziegelwerke Gänserndorf. Zu Beginn der 1970er Jahre wurde die Ziegelei stillgelegt.

Die Wohnhäuser der Ziegelarbeiter waren auch um 1950 alles andere als luxuriös. Bild: © Anton / unterirdisch.de

Die Wohnhäuser der Ziegelarbeiter waren auch um 1950 alles andere als luxuriös. Bild: © Anton / unterirdisch.de

Der charakteristische Ziegelbrennofen über längsovalem Grundriss liegt an der Bundesstraße B 211 zwischen Gänserndorf und Schönkirchen. Erhalten ist nur mehr der Ofenstock, nachdem der in der Gebäudemitte situierte Schornstein 1989 im Rahmen einer Feuerwehrübung gesprengt worden war.

Dabei wurde auch der Ofenring erheblich be­schädigt. Stadler beschreibt die Anlage mit Akjribie wie folgt: „Der zweischalig ausgebildete Ofenstock ist 32 m lang und 12,50 m breit. Der etwa 2,50 m hohe und 2,0 m breite Brennkanal ist als Tonnengewölbe geformt. In die insgesamt zwölf Kammern führen ebenso viele Einkarröffnungen, von denen je fünf an den Längssei­ten sowie je eine an den Stirnseiten des Ofenstocks eingebracht sind.“

Im "Kreuzgang der Arbeit" des Hoffmann'schen Ringofens von Gänserndorf. Bild: © Harald41 / unterirdisch.de

Im „Kreuzgang der Arbeit“ des Hoffmann’schen Ringofens von Gänserndorf. Bild: © Harald41 / unterirdisch.de

Sämtliche Nebengebäude wie auch das Maschinen- und Ziegelpresshaus wurden bereits abgetragen.

Zu den Gänserndorfer Ziegelöfen Nr. 4 und Nr.5 liegen keine exakten Angaben vor. Nickels nennt als Besitzer einen „Schlederer jr.“ und einen „Matthias Prager“. Es sind aber weder die genauen Standorte bekannt, noch wann sie genau in Betrieb waren. Es dürfte sich aber um die Zeit vor 1862 handeln.

Es existieren noch Aufzeichnungen über Lehmgruben in Gänserndorf, denen kein Ziegelofen zugeordnet werden kann. Eine dieser Abbaustellen befand sich auf der Protteser Straße in Höhe der ÖMV auf der rechten Seite. Eine weitere Lehmgrube ist um ca. 1800 ostwärts von Gänserndorf in der Nähe des heutigen Hallenbades bekannt.

Eine dritte Lehmgrube dürfte sich auch südlich des heutigen Bahnhofs befunden haben.

Diesen Lehmgruben kann bislang kein Ziegelofen zugeteilt werden, aber mit großer Wahrscheinlichkeit dürfte es sich um  Lehmgruben mit Feldbrandöfen gehandelt haben.

Das Schönkirchner Tor, zwei aus den Überresten der ehemaligen Ziegelfabrik errichtete Säulen, erinnert an die einst bedeutende Ziegelfabrik in Gänserndorf. Bild: © Harald 41 / unterirdisch.de

Das Schönkirchner Tor, zwei aus den Überresten der ehemaligen Ziegelfabrik errichtete Säulen, erinnert an die einst bedeutende Ziegelfabrik in Gänserndorf. Bild: © Harald 41 / unterirdisch.de

Was nicht schon längst im Nebel der Vergangenheit versunken war, fand mit der Sprengung des Schlots am 30. September 1989 ein jähes Ende. An die einstmals bedeutende Gänserndorfer Ziegelindustrie erinnert nur noch das „Schönkirchner Tor“, zwei Säulen aus Originalziegeln der ehemaligen Ziegelei, gesammelt, gesäubert und nach einem Konzept des Wolkersdorfer Künstlers Manfred H. Bauch von freiwilligen Helfern errichtet.

 

Quellen: Gerald A. Stadler, Das industrielle Erbe Niederösterreichs – Geschichte, Technik, Architektur; Die Ziegelöfen von Gänserndorf ; Otto Lueger, Lexikon der gesamten Technik , 1904-1920; Wikipedia; Industriedenkmal im Todeskampf – Der Ringofen in Neubau-Kreuzstetten

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