Söhne des Weinviertels: Hans Knesl, Bad Pirawarth – Leben in Beton gegossen und in Stein gemeißelt

Leicht hat es Hans Knesl zeit seines Lebens nicht gehabt. Geboren am 9. November 1905 in Bad Pirawarth als drittes Kind einer in einfachen Verhältnissen lebenden Familie, verlor er schon mit acht Jahren seine Mutter. Fortan zog er sich in seine eigene Gedankenwelt zurück. Während andere Gleichaltrige auf der Straße umhertollten, interessierte er sich mehr für die Schnitzerei und plastische Darstellung. Der Vater suchte für den introvertierten Jugendlichen eine geeignete Lehrstelle und fand sie schließlich im nordrhein-westfälischen Lage, bekannt als Ziegel – und Zuckerstadt. Dort erlernte Hans Knesl zwischen 1920 und 1924 das Steinmetzhandwerk.

Früh war Hans Knesl klar geworden, dass ihm das bloße Handwerk nicht reichte und so begann er bald nach seiner Lehrzeit mit dem Studium der Bildhauerei an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Professor Hans Bitterlich. Das 1930 erhaltene Diplom und seine anschließende Tätigkeit als freischaffender Künstler in Wien entpuppten sich jedoch alles andere als ein materieller Erfolg, zumal die erhofften Aufträge für größere Plastiken ausblieben. So machte er Porträts, illustrierte Magazine und entwarf Modelle für die Porzellanfabrik Metzler & Ortloff, in Ilmenau, Thüringen. Dort lernte er auch Elfriede Dietz kennen, die er trotz größter Schwierigkeiten, vor allem aufgrund der Tausend-Mark-Sperre, 1936 heiratete.

Mit dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verschlechterte sich Knesls berufliche Situation weiter. Seine Werke wurden von den Nazis von Anfang an als „Entartete Kunst“ eingestuft.

1941 wurde Hans Knesl zur Wehrmacht eingezogen. Kurz vor Kriegsende entließ man ihn aus gesundheitlichen Gründen. 1944 wurde sein Sohn Johannes Alexander geboren, 1949 kam seine Tochter Elfriede Christiane zur Welt.

Während der ersten Jahre des Wiederaufbaus waren vor allem Hans Knesls kunsthandwerkliche Fähigkeiten gefragt. Nun verdiente er seinen Lebensunterhalt unter anderem mit Restaurierungsarbeiten am Wiener Rathaus, an der Universität Wien und am Schloss Laxenburg . Schon bald widmete sich Hans Knesl aber wieder seiner geliebten Bildhauerei. Er wurde 1949 Mitglied des Wiener Künstlerhauses und 1951 an die Wiener Akademie für angewandte Kunst berufen. Dort waren seine Talente als Leiter der Meisterklasse für Bildhauerei gefragt. Basierend auf der Vermittlung der handwerklichen Fähigkeiten bestand seine Zielsetzung darin, die Schüler bei ihrer eigenständigen künstlerischen Entwicklung zu fördern und zu begleiten.

Daneben führte er Arbeiten für öffentliche und private Auftraggeber aus und nahm an Ausstellungen und Wettbewerben teil. Darüber hinaus entstanden zahlreiche Plastiken als freie Arbeiten auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen seiner Kunst.

Hans Knesl "at work". Bild: © unbekannt / Marktgemeinde Bad Purawarth

Hans Knesl „at work“. Bild: © unbekannt / Marktgemeinde Bad Purawarth

Die Sommermonate verbrachte  die Familie häufig im Waldviertel. Diese Zeit nutzte Hans Knesl  für Steinarbeiten mit Mühldorfer Marmor. Die Härte des Steines verlangte dem nunmehrigen Professor Hans Knesl großen körperlichen Einsatz ab.

Für seine künstlerischen Arbeiten erhielt Hans Knesl wiederholt Preise bei Wettbewerben, unter anderem bereits 1951 den Förderungspreis zum Österreichischen Staatspreis für Plastik. Das verhinderte nicht, dass sein Werk lange Zeit von einer breiteren Öffentlichkeit nicht verstanden wurde. Seine Skulptur Große Stehende, 1954 im Wiener Stadtpark ausgestellt, entfesselte einen Skandal. Sie musste sogar entfernt werden. Eine weitere Skulptur Stehendes Mädchen wurde 1956 umgestürzt und schwer beschädigt.

Dem Schmutzigen ist alles schmutzig. Die "Große Stehende" sorgte 1954 im Wiener Stadtpark für einen Skandal und musste daraufhin entfernt werden. Bild: © unbekannt / Marktgemeinde Bad Pirawarth

Dem Schmutzigen ist alles schmutzig. Die „Große Stehende“ sorgte 1954 im Wiener Stadtpark für einen Skandal und musste daraufhin entfernt werden. Bild: © unbekannt / Marktgemeinde Bad Pirawarth

Nichtsdestotrotz setzte sich Hans Knesls Werk schließlich auch im Bewusstsein einer aufgeklärteren Öffentlichkeit durch.  1965 erhielt er den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst in der Kategorie Bildhauerei, 1967 die Goldene Ehrenmedaille des Wiener Künstlerhauses, 1970 den Kulturpreis für Plastik des Landes Niederösterreich.

In seinen letzten Lebensjahren begann sich Hans Knesl intensiver der Zeichnung und Malerei zuzuwenden. Nicht zuletzt dadurch wurde das Interesse der Kunstwelt geweckt und sein Werk durch zwei große Ausstellungen in Wien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für die letzte, im Jahr 1970, schuf er neun neue Plastiken in weniger als einem Jahr.

Hans Knesl als Maler. Sein "Verliebtes Paar" entstand 1948 als Aquarell auf Papier. Bild: © unbekannt / KunstSandra

Hans Knesl als Maler. Sein „Verliebtes Paar“ entstand 1948 als Aquarell auf Papier. Bild: © unbekannt / KunstSandra

Die Ausstellung wurde zu einem großen Erfolg und verschaffte ihm die lang verwehrte allgemeine Anerkennung, aber der Künstler hatte zu viel gegeben: nach schwerem Leiden starb er am 4. Juli 1971 in Wien. Er wurde im Ehrenhain der Stadt auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 40, Nummer 7) beerdigt.

Hans Knesls künstlerisches Werk

Hans Knesls in den 1940er und 1950er Jahren entstandenen Arbeiten können heute schon als Klassiker der damals modernen archaisierenden, entindividualisierenden Tendenzen figurativer Kunst gelten. Sein plastischer Realismus der 1960er-Jahre hatte wesentlichen Anteil an der Etablierung neuer, realistischer Strömungen, deren bekanntester österreichischer Vertreter, Alfred Hrdlicka, bereits zu Weltruhm gelangt ist.

Seine künstlerischen Problemstellungen gingen primär von der menschlichen Figur aus, die jedoch in den verschiedenen künstlerischen Entwicklungsphasen auf unterschiedliche Weise vereinfacht und schematisiert wurden. Er blieb lange Zeit der idealisierenden Figur verhaftet, bevor er um 1950 zu einer realistischeren Formgebung fand. In den 1950er Jahren entstanden Figuren mit stark plastischen Akzenten, die bald Skulpturen mit einem stärkeren tektonischen Aufbau wichen. In den 1960er Jahren gelangten beide Gestaltungsrichtungen in seinen charakteristischen Stehenden und Schreitenden zu einer Synthese.

Er wählte für seine Arbeiten stets harte Steine aus, mit möglichst stiller Zeichnung, damit das Auge des Betrachters nicht von der Form abgelenkt wird. Arbeitete Hans Knesl als Plastiker (das Prinzip der Plastik besteht im Hinzufügen, das der Bildhauerei im Wegnehmen), so wuchsen seine Figuren durch Hinzufügen kleiner Massepartikel in mehreren Schichten, wie eine Zwiebel. Die Textur der aufgetragenen Tonklümpchen ließ er sichtbar. Hans Knesls Plastiken sind fast alle in Beton gegossen. Diese Technik wandte er zunächst aus Kostengründen, als Ersatz für den teuren Bronzeguss, an. Sehr bald erkannte er aber die spezifischen Qualitäten dieses neuen Werkstoffes, den er dann mit großer Vorliebe einsetzte.

Stimmen von und über Professor Hans Knesl

„Knesl arbeitet mit Vorliebe in einem Steinbruch bei Marbach im Waldviertel. […] Hier – und in seinem Atelier – entstehen dann die großen Plastiken, die der Wirklichkeit verhaftet, aber keineswegs ,naturalistisch‘ sind.“    (Volksstimme, 1970)

 „Im Skulpturenpark von Pirawart, in dem man vielen und besten Arbeiten Professor Knesls begegnet, findet sich auch ein Monument von besonderer Eindringlichkeit; ein Werk des todkranken Künstlers, wahrscheinlich von vornherein ohne Chance auf Vollendung, beeindruckt dieser Marmortorso einer ‚Kauernden‘ durch seine beklemmende Ausdruckskraft. […] Dieses steinerne Credo ist ein schönes Sinnbild des leisen Bildhauers Hans Knesl, der von sich sagt: ‚Ich habe mich bemüht, nach dem Wesen des Geistigen zu forschen. Für mich ist der Geist überall und nirgends, im Vulgärsten genauso wie im Erhabenen‘“    (Franz Xaver Ölzant: „Erinnerungen an meinen Lehrer“)

„Es ist durchaus möglich, dass für das Kind die Mutter ein Berg und Landschaft sein kann, dass ein Kind auf dem Körper der Mutter herumklettert und die ganzen Erhebungen als eine mütterliche Landschaft empfindet.“    (Hans Knesl)

Eine Auswahl bekannter Arbeiten von Hans Knesl

Kameraden der Arbeit, Beton, 1930; Sitzende, Terracotta, 1946; Liebespaar, Beton, 1949; Schutzmantelmadonna, Kunststein, 1954; Stehende, Beton 1955; Große Schreitende, Beton, 1959; Stehendes Mädchen, Beton, 1965; Puppa, Beton, 1967; Schreitender Torso, Bronze, 1970.

Ein Großteil der Werke von Hans Knesl befindet sich im privaten oder öffentlichen Besitz. Auch in Wiener Gemeindebauten ist das eine oder andere Werk Professor Knesls zu finden, so beispielsweise die Brunnenplastik Huckepack  im Innenhof der Wohnhausanlage im 3. Bezirk, Hainburger Straße 57 – 63.

Die Gemeinde Bad Pirawarth richtete im ehemaligen Kurpark ein Freilichtmuseum mit Skulpturen und Plastiken Professor Hans Knesls ein. Es ist als öffentliche Parkanlage ganzjährig frei zugänglich. In der vorgelagerten „Dependance“ des alten Kurhauses vermittelt darüber hinaus eine sorgfältig gestaltete Dokumentation Einblicke in die Geschichte des Heilbades.

Vom einstigen "Baadhaus in Pyrawarth" ist nur noch die "Dependance" geblieben. Dahinter sind in einem kleinen Park einige der Arbeiten Hans Knesls zu sehen. Bild: © unbekannt / Region Südliches Weinviertel

Vom einstigen „Baadhaus in Pyrawarth“ ist nur noch die „Dependance“ geblieben. Dahinter sind in einem kleinen Park einige der Arbeiten Hans Knesls zu sehen. Bild: © unbekannt / Region Südliches Weinviertel

 

Quellen: Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums, Neue Folge Nr.213, Wien 1988, herausgegeben von der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich, Redaktion: Jürgen Bauer; Irene Nierhaus, Kunst am Bau im Wiener kommunalen Wohnbau der fünfziger Jahre; Marktgemeinde Bad Pirawarth ; Wikipedia

 

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