Söhne des Weinviertels: Viktor Matejka, Stockerau – „Und so wurde ich Pazifist…“

Vor 20 Jahren starb Viktor Matejka. Geboren in Korneuburg, aufgewachsen in Stockerau, gilt er als unorthodoxer, weltoffener Visionär und einer der bedeutendsten österreichischen Kulturpolitiker.

Für Veit Relin, den berühmten Schauspieler und Regisseur, war Matejka „der edelste Kommunist, den Österreich je hervorgebracht hat“.

Selbst das nicht gerade als links geltende deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ widmete ihm 1993 einen respektvollen Nachruf: „Es war wohl die gefährlichste Theateraufführung der Welt gewesen, und die absurdeste dazu: Im Sommer 1943 spielten Insassen des KZ Dachau unter den Augen ihrer SS-Wächter eine Satire auf Adolf Hitler. Leiter des Ensembles war Viktor Matejka. Der österreichische Regimegegner war bereits 1938 mit dem sogenannten Prominentenzug nach Dachau gekommen. Dass er den Krieg und das Stück überlebt hatte, verdankte er seinem Geschick, das nur Böswillige und Unwissende später als Kollaboration bezeichneten. Doch selbst seine Gegner mussten dem unorthodoxen Linken zugestehen, dass er sich nach 1945 als Wiener Kulturstadtrat und Mitglied der KPÖ als einer der ersten und wenigen um die Wiedergutmachung und Bewältigung des Nazi-Terrors bemühte. Und es sprach für ihn, dass das größte Lob ausgerechnet vom berüchtigten Antikommunisten und Kritiker Hans Weigel kam: ‚Er ist das Gewissen einer Stadt, er ist einer der raren Gerechten, um derentwillen der Stadt verziehen werden muss, was sie an Schwächen im Lauf der Zeitgeschichte gezeigt hat‘“.

VViktor Matejka: "Die Kultur eines Staates gipfelt in der Kultur seiner Politik." Bild: © Didi Sattmann / Austria-Forum

VViktor Matejka: „Die Kultur eines Staates gipfelt in der Kultur seiner Politik.“ Bild: © Didi Sattmann / Austria-Forum

Hineingeboren am 4. 12. 1901 in Korneuburg in ein kleinbürgerlich katholisches Milieu wuchs Viktor Matejka in ärmlichen Verhältnissen in Stockerau auf. Als Sohn eines Heurigensängers und Gerichtsdieners in Stockerau und eines früheren Dienstmädchens ist sein Lebensweg bemerkenswert: Förmlich besessen von Bildung bezahlte er die Gebühr für die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium von seinem Ministrantengeld, legte die Matura mit Auszeichnung ab und studierte an der Wiener Universität Geschichte und Geographie.

Schon in sehr jungen Jahren wurde Matejkas politisches Bewusstsein geprägt. Das sagte er 1988 selbst in einem Interview mit Ulrike Müller.

Nach seiner Promotion 1925 engagierte er sich als Vortragender zu wirtschaftspolitischen Themen an den Wiener Volkshochschulen und galt schon damals als ein Pionier der Politischen Bildung.

1930 bis 1936 unternahm Viktor Matejka politische Reisen nach Deutschland. 1931 erschien eine 315-seitige Sondernummer der Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte: „Zwischenspiel Hitler“, kurz darauf die Buchausgabe. Eine zweite Auflage wurde im Oktober 1932 gedruckt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgte eine dritte, die von Budapest aus ins Deutsche Reich verschickt wurde – allerdings ohne die geringste Unterstützung offizieller österreichischer Stellen, denen Matejkas Handeln schon lange suspekt war.

1934 bis 1938 arbeitete der Linkskatholik, Anhänger der Volksfront und Pazifist als Bildungsreferent der Wiener Arbeiterkammer und war von 1934 bis 1936 frei gewählter Obmann des Volksheims Ottakring, der späteren Volkshochschule. In dieser Position versuchte er, eine gewisse Liberalität gegenüber den bisherigen, oft sozialdemokratischen Vortragenden walten zu lassen. Matejka wurde deshalb 1936 vom christlich-sozialen, vaterländischen Bürgermeister Richard Schmitz wegen staatsfeindlicher Ausrichtung abgesetzt.

Von 1936 bis 1938 folgten weitere politische Reisen ins europäische Ausland, nach Frankreich, Großbritannien, Belgien und in die Schweiz.

Kein Wunder, dass Matejka mit seiner Einstellung den Nationalsozialisten unliebsam war und als einer der ersten österreichischen Intellektuellen im KZ Dachau landete. Es mutet fast wie ein Witz an, dass sein Wiener politischer Widersacher Schmitz dieses Schicksal teilte. Matejka war bis 1944 in Dachau und Flossenburg inhaftiert.

Nach Kriegsende wurde Viktor Matejka 1945 von der KPÖ als Wiener Stadtrat für Kultur und Volksbildung nominiert. Er war übrigens als ehemaliger KZ-ler der einzige Politiker, der jemals nach dem Holocaust Briefe an jüdische Emigranten und Überlebende geschrieben, sie um Entschuldigung gebeten und offiziell eingeladen hat, nach Österreich zurückzukommen. Dem christlich-sozialen späteren Bundeskanzler Leopold Figl, der ebenfalls im KZ war, ist diese menschliche und versöhnliche Geste nicht eingefallen.

Hier Matejkas Aufruf mit der Bitte um Mithilfe am kulturellen Wiederaufbau Österreichs im Wortlaut:

Liebe Freunde Österreichs!

Es ist die erste Möglichkeit, die sich mir bietet, um euch herzlichst zu begrüßen, von einem neuen Österreich aus, das vor allem dadurch zustande gekommen ist, dass die alliierten Mächte den Kampf gegen den Faschismus im Allgemeinen und den Nationalsozialismus im Besonderen siegreich ausgetragen haben.

Wir Österreicher, die wir uns bemüht haben, aktiv an diesem Kampf gegen den Faschismus und gegen die nationalsozialistische Eroberung Österreichs teilzunehmen, haben uns in den letzten Monaten der Arbeit gewidmet, die dem Neuaufbau unseres Landes dient. […] Auf dem Gebiet des kulturellen Lebens in Wien ist es uns in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen, alle verfügbaren Kulturinstitutionen wieder zu neuem Leben zu bringen. […] Die Leistungen der Künstlerschaft im Bereich der staatlichen Theaterkultur, aber auch auf dem Gebiet des privaten Theaterlebens sind bis zum Äußersten angespannt. […]

Unsere ganze Tätigkeit auf dem Gebiet der Volksaufklärung und Volksbildung ist bestrebt und eifrig daran, die sieben Jahre Nationalsozialismus und noch mehr Jahre Faschismus in Mitteleuropa bis zur Wurzel auszutilgen. In unseren Volksbüchereien kommt dies im Besonderen dadurch zum Ausdruck, dass wir alle faschistische Literatur restlos beseitigt haben und nun in die entstandenen beträchtlichen Lücken gute österreichische, europäische und Weltliteratur hineinbringen.

Freilich fehlt es uns noch an einer richtigen Buchproduktion. Es kann sogar länger dauern, bis wir hier infolge der Kriegseinwirkungen und Kriegsfolgen so weit sind, um mit Hilfe einer großzügigen und neuen Bücherproduktion den immensen Bedarf zu decken, der bei uns für neue österreichische und die uns durch Jahre hindurch vorenthaltene Weltliteratur vorhanden ist.

Und da wenden wir uns daher an unsere Freunde der Kunst, Kultur und Wissenschaft Österreichs in der Welt und bitten sie, uns ihre Mithilfe bei diesem Aufbauwerk nicht zu versagen. Es ist klar, dass hier auch schon der geringste Beitrag, welcher Form immer, ein großer Vorteil ist, um den Weg zu dem angedeuteten Ziel erfolgreich zu beschreiten.

Die Schulen aller Art, von den Volksschulen über die Mittelschulen zu den Hochschulen, sind bereits wieder in Betrieb genommen. Unser Bestreben war und ist es, das gesamte Schulwesen von allen faschistisch-nationalsozialistischen Einflüssen gänzlich freizumachen. Um aber die Schulen mit neuem und zeitgemäßem Lehr- und Lesematerial zu beliefern, dazu bedarf es auch der besonders großen Hilfe jener Freunde Österreichs, die in Amerika und in anderen Ländern Interesse und Sympathie für Österreichs Kultur, Kunst und Wissenschaft haben.

Wir tun und werden alles tun, was in unserer eigenen Kraft und bei unserer eigenen Initiative liegt. Ich spreche das im Besonderen für jene Österreicher, die es durch Jahrzehnte hindurch und besonders in den letzten schweren Jahren unter Beweis gestellt haben, dass ihnen die Bekämpfung des Faschismus und des Nationalsozialismus zu ihrer Lebensaufgabe geworden ist, und dafür jederzeit die größten Opfer zu bringen bereit waren und sind. Ich erkläre das für alle jene aktivistischen Kämpfer für die Freiheit Österreichs, die lange Jahre in den deutschen Konzentrationslagern und Gefängnissen verbringen mussten und leider nur zum geringsten Teil übrig geblieben sind.

Die tausenden und zehntausenden Opfer, die die faschistischen Konzentrationslager und Gefängnisse von uns österreichischen Freiheitskämpfern gefordert haben, versuchen durch mich in diesen Zeilen zu euch zu sprechen. Das ist unsere stärkste Kraft, mit der wir an all unsere Bemühungen zum Neubau unseres Landes herangehen.

Ich wende mich an euch, ihr Freunde Österreichs in den Vereinigten Staaten, um auch Euch zu danken für alle bisherige Sympathie und Mithilfe für unseren Befreiungskampf. Ich weiß, dass ihr alle Interesse habt, uns Eure Mithilfe auch in Zukunft angedeihen zu lassen.

Ich schreibe diesen Brief nicht zuletzt auch deshalb, weil es mir gelungen ist, nach 6 1/2 Jahren Konzentrationslager Dachau wieder im öffentlichen Leben Wiens arbeiten zu können für den Wiederaufbau unseres kulturellen und volksbildnerischen Lebens.

Quelle: DÖW

Dem Aufruf folgten Größen wie Oskar Kokoschka und der weltberühmte Psychiater Prof. Hoff sowie der im brasilianischen Exil lebende Holzschnittkünstler und Mitbegründer der Sezession Graz, Axl Leskoschek.

Bereits Ende April 1945 beauftragte Matejka in seiner Funktion als Kulturstadtrat den Grafiker Theodor Slama mit der Konzeption und Leitung einer großen antifaschistischen Ausstellung in Wien. Nach mehrmaligen Verschiebungen wurde die Ausstellung „Niemals vergessen“ im Herbst 1946 im Wiener Kulturhaus eröffnet – eine Ausstellung, die sich als Dialogangebot verstand: auf Initiative Matejkas wurden auch 125 000 Einladungen an registrierte Nationalsozialisten verschickt, verbunden mit der Empfehlung, sich den Besuch der Ausstellungen und Vorträge bestätigen zu lassen, um – so das Kulturamt Wien – „für später den Beweis ihrer Bereitwilligkeit, sich den Argumenten der Ausstellung nicht verschlossen zu haben, erbringen zu können.“

Dabei stießen Matejkas Vorhaben im Nachkriegs-Österreich nur auf wenig Gegenliebe, und auch sein Versuch, dem Komponisten Arnold Schönberg die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien zu verschaffen, scheiterte vorerst. Erst 1949 wurde Schönberg Ehrenbürger seiner Geburtsstadt.

Matejkas Kulturpolitik war keineswegs kommunistisch eingefärbt sondern weltoffen und wohl auch visionär und klug. Bereits 1945 hatte er in einem Vortrag formuliert: „Die Kultur eines Staates gipfelt in der Kultur seiner Politik. Sie durchdringt die Wirtschaft, sie ergreift die Kultur des sozialen Lebens und der Gesellschaft. Die Kultur eines Staates ist die Kultur der 24 Stunden des Tages…“.

Mit Bürgermeister Theodor Körner, dem späteren Bundespräsidenten, kam der lebendige und schöpferische Matejka gut aus. Er blieb, nachdem die KPÖ 1949 aus der Wiener Stadtregierung ausgeschieden war, noch bis 1954 im Gemeinderat.

Viktor Matejka blieb zeit seines Lebens ein unbequemer Mahner. Auch als Gemeinderat und als Mitglied in der Kommunistischen Partei Österreichs, deren Zentralkommitee er bis 1957 angehörte. Matejka blieb bis weit in die 1950er Jahre Mitherausgeber und Redakteur der Kulturzeitschrift „Das Tagebuch“ und mischte sich als eifriger Brief- und unerbittlicher Lesebriefschreiber immer wieder in die österreichische Politik ein. Auch in Zeiten dauerhafter „Verkrankung“, wie er jenen Zustand nannte, der ihm Jahre schweren körperlichen Leidens bescherte.

Matejka war vom 23. Juni 1932 bis zum 5. Mai 1948 mit Gerda Matejka-Felden, Malerin und Begründerin der Künstlerischen Volkshochschule, verheiratet und hielt mit ihr auch nach der Scheidung engen Kontakt.

Von sich selbst pflegte er zu sagen, er sammle am liebsten Menschen – und Hähne. Von Letzteren besaß Viktor Matejka zum Schluss mehrere Tausend.

„Ich glaube, er war selbst ein Hahn“ schrieb einst die Wiener Literatin Lotte Ingrisch über ihn „und hat viele Schläfer geweckt. Ein früher Verkünder des Morgens!“

Am 2. April 1993 starb Viktor Matejka im Wiener Wilhelminenspital.

Matejkas bekannteste schriftstellerische Werke sind „KPÖ im Niedergang“ in den Staatspolitischen Blättern des österreichischen Nationalinstituts (1970), „Widerstand ist alles – Notizen eines Unorthodoxen“ (1984), „Anregung ist alles – Das Buch Nr. 2“ (1991) und „Das Buch Nr. 3“ (1993).

Nicht zuletzt wegen seiner aufrechten und geraden Haltung wurden Viktor Matejka etliche Auszeichnungen und Ehrungen zuteil, so etwa der Preis der Stadt Wien für Volksbildung 1977, die Ernennung zum „Bürger der Stadt Wien“ 1991 und schließlich 1998 posthum die Benennung der Viktor-Matejka-Stiege in Wien-Mariahilf.

Viktor Matejka Zitate

 

Quellen: Effner-Gymnasium Dachau ; Exil-Archiv ; Der Spiegel Nr. 15/1993 vom 12. 4. 1993; Alfred Klahr Gesellschaft ; dasrotewien.at – Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie; Franz Richard Reiter (Hrsg.): Wer war Viktor Matejka? Dokumente – Berichte – Analysen. EPHELANT, Wien 1994; Christian H. Stifter (Hrsg.): „Volksbildung mach ich wo immer…“, Viktor Matejka, 1901-1993. Spurensuche. Zeitschrift zur Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung, 16. Jg., 2005, Heft 1-4; Austria-Forum; VHS Hietzing.   

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter zwerigst. querfeldein. abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s