Söhne des Weinviertels: Ernst Herbeck, Stockerau – Ver-rückte Worte aus zerbrechlicher Seele

„Ich sitze mit einem Mann auf der Bank, der Gedichte geschrieben hat, die zum Schönsten zählen, was die österreichische Lyrik in der Gegenwart hervorgebracht hat, es ist Sommer und er singt ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ für mich.“ So nüchtern und doch so einfühlsam beschreibt der Schriftsteller Gerhard Roth seine erste Begegnung mit Ernst Herbeck 1976 in Gugging und skizziert damit dessen zerbrechliche Seele mit einem einzigen Satz.

Wer war dieser Ernst Herbeck, der 45 Jahre seines Lebens in der Landesnervenheilanstalt Gugging bei Klosterneuburg verbracht hat und sich dort zum anerkannten Lyriker entwickelte?  Geboren am 9. Oktober 1920 in Stockerau als Kind einer Beamtenfamilie, verlief sein Leben von Anfang an nicht in den üblichen Bahnen. Seine Behinderung, eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, im Volksmund „Hasenscharte“ genannt, bescherte ihm trotz mehrfacher Operationen eine lebenslange Sprechstörung, einen „disqualifizierten Mund“, wie er später schreiben sollte. Wen wundert es da, dass er seine Stimme schon als Kind zurückhielt, lieber auf der Mandoline spielte, zeichnete und lange Ausflüge mit seinem Boot unternahm. Auch für Sprachen interessierte er sich, besonders für Englisch.

Dann wurde es mit einem Mal laut in ihm, als er sich mit 20 von fremden Stimmen verfolgt und hypnotisiert fühlte und in der Wiener Psychiatrischen Universitätsklinik landete. Eine Mädchenstimme habe ihn behelligt und ihm, in Form von Morsezeichen, Gedanken aufgezwungen. Manchmal musste er sich auf ihr Geheiß selbst schlagen. Später waren es andere Leute, von denen er sich „ferngelenkt“ und wie „in einem Glaskasten“ ausgestellt fühlte. Auch der Vater habe ihn mit seinem scharfen Denken verfolgt: „Er zersetzt mir die Nerven, er drückt mich auf den Kopf.“

Die Diagnose lautete Schizophrenie. Behandelt wurden solche Symptome von Nazi-Psychiatern in den 1940er-Jahren mit Insulin-, Cardiazol- und Elektroschocks. In den Monaten zwischen den mehrmaligen Krankenhausaufenthalten arbeitete Ernst Herbeck in einer Spedition und einer Munitionsfabrik. Noch im September 1944 wurde er, obwohl selbst am Rande des Zusammenbruchs, zur deutschen Wehrmacht eingezogen und im April 1945 als untauglich entlassen. „Ich bin nichts mehr wert, ich kann mich nicht einordnen“, sagte Herbeck 1946, nach seiner vierten Einweisung. Es  sollte, abgesehen von einer einjährigen Unterbrechung, ein lebenslanger Aufenthalt werden. Ernst Herbeck starb am 11. September 1991 in Gugging.

Ernst Herbeck hätte wohl die typische Karriere eines psychiatrischen Langzeitpatienten gemacht, wäre er nicht auf den Psychiater Leo Navratil gestoßen. Dieser hatte in Gugging Anfang der 1980er-Jahre das „Haus der Künste“ ins Leben gerufen, eine therapeutische Wohngemeinschaft für künstlerisch begabte Patienten. Herbeck hatte damals gerade ein paar Monate „draußen“, in einem Pensionistenheim in Klosterneuburg verbracht, einem Ort, der in ihm mehr Schmerz auslöste, als dass er heilsam gewesen wäre.

„Das Heimweh / ist eine Qual außerstande. / Man kann die Auswärtigkeit / nicht aushalten. Ich / möchte gerne heim“, schrieb Herbeck damals. 1981 kehrte er zurück in die vertraute Gesellschaft auf dem Gugginger Hügel – gerade zu einem Zeitpunkt, als seine Entmündigung nach 35 Jahren aufgehoben wurde. Ernst Herbecks Mund galt nun auch den Behörden nicht mehr als „disqualifiziert“, nachdem zahlreiche Texte von ihm, zunächst noch unter dem Pseudonym Alexander, veröffentlicht worden waren und er selbst 1978 sogar Mitglied der Grazer Autorenversammlung wurde.

Wie war es dazu gekommen?

„Geehrter Herr Oberarzt / Bemühe mich mit Pfleger und Patienten in Fühlung zu kommen daß sich meine Sprechhindernisse und meine Seelischen Hämmnissen lockern.“ Ehrerbietig, fast untertänig schrieb Herbeck 1954 an den Psychiater Leo Navratil, nachdem dieser dem schweigsamen Patienten zugeredet hatte, sich nicht so sehr von seiner Umgebung abzukapseln. Hier schrieb einer, dem es im wahrsten Sinn des Wortes „die Sprache verschlagen hatte“, der eine neue, andere Art des Sprechens buchstäblich von Grund auf erfinden und sich erarbeiten musste.

Dazu bedurfte es eines eigenen Raums und eines Rituals, das in einer jahrelangen Beziehung zwischen Ernst Herbeck und seinem Arzt Leo Navratil entwickelt und gepflegt wurde. Dieses Ritual beinhaltete ein Blatt Papier und einen Stift, die im Arztzimmer bereit lagen, es musste ein Titel vorgegeben, und eine, zumindest für Anstaltsverhältnisse, intime Situation geschaffen werden: Die beiden saßen einander an einem Tisch gegenüber, kein Dritter durfte dabei sein. In seinem letzten Lebensjahrzehnt, in dem der Autor nur mehr sporadisch schrieb, nahmen gelegentlich auch eine Krankenschwester oder Johann Feilacher, Navratils Nachfolger im „Haus der Künstler“, die Rolle des Gegenübers und Adressaten ein.

Dieses ungewöhnliche Schreibarrangement entspricht so gar nicht den Vorstellungen von künstlerischer Autonomie und Selbstbestimmtheit, war aber nicht die einzige Besonderheit. Die entstandenen Texte – Leo Navratil bezeichnete sie auch als „Gaben“ – durften weder von Ernst Herbeck noch von seinem Gegenüber kommentiert wurden. Der Empfänger las sie nach der Übergabe lediglich laut vor oder bat den Autor darum.

Ernst Herbeck: „Der Dichter ordnet die Sprache in kurzen Sätzen“. Bild: © unbekannt / Christian Wirth

Ernst Herbeck: „Der Dichter ordnet die Sprache in kurzen Sätzen“. Bild: © unbekannt / Christian Wirth

Das war von Anfang an bis zum Schluss die Kondition seines Schreibens: Das Gedicht fiel unmittelbar mit dem „Sprechakt“ zusammen. Es musste sich alles fügen, in den paar Zeilen auf dem Papier, in der einen Stunde, die der Autor am Tisch saß: „Der Dichter / ordnet die Sprache / in kurzen Sätzen. / Was über ist, ist das / Gedicht selber.“ Ernst Herbeck entwickelte eine wahre Meisterschaft im „Ordnen“ der Sprache und im Choreografieren der Sprechakte, mit denen er auf die ihm angebotenen oder zugemuteten Titel antwortete. An die 1200 Gedichte und kurze Prosatexte entstanden auf diese Weise zwischen 1960 und 1991. Sie befinden sich heute in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Dieses strenge Setting muss aber auch kritisch hinterfragt werden. Es hat den Anschein, als habe Ernst Herbeck unter enormem Leistungsdruck gestanden – Druck, zu liefern, funktionieren zu müssen, so, als habe ihn sein Gefühl des Ferngelenkt-Seins, der „Glaskasten“, bis zum Ende seines Schaffens begleitet. Kritische Zweifel sind auch angebracht, wer letztlich in den Genuss des wirtschaftlichen Erfolges von Herbecks Büchern gelangt ist. „Das Leben ist schön“, heißt sein bitterstes Gedicht, es schließt: „So (schön) schwer ist das es auch.“

Schizophrenes Schreiben verlaufe generell nach einem gewissen Muster. Neue Worte würden erfunden, ein „brodelnder Gedankenfluss“ verklammere sich in überraschenden Metaphern; Stereotypien, grammatikalische Rösselsprünge spiegelten die zersplitterte Persönlichkeit. Herbecks Verse, sagt Psychiater Navratil, seien „Fortifikationslinien eines schizophrenen Ichs, das sich einige lyrische Positionen rückerobert hat“.

1977 gab Leo Navratil im dtv-Verlag eine umfangreiche Sammlung Alexanders (Herbecks ursprüngliches Pseudonym) poetischer Texte heraus, in deren Anhang eine Reihe von Mentoren auftrat, um dem „Anstaltsdichter“ Ernst Herbeck höchste Wertschätzung zu erweisen: Otto Breicha, Roger Cardinal, André Heller, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Reinhard Priessnitz und Gerhard Roth meldeten sich als Fürsprecher und Bewunderer zu Wort. Zu dieser großen Resonanz, die sich bei den Lesern fortsetzte, trug wohl auch das kulturelle Umfeld der 1970er-Jahre bei, in dem die „verrückte“ Sprache aus der Psychiatrie als radikaler, kompromissloser Ton wahrgenommen wurde, der an den Wurzeln der Sprache ansetzt, wenn nicht gar ihre Erneuerung verhieß.

Sind Herbecks Gedichte Kunst? Navratil folgte der Lehrmeinung, dass die schizophrene Psychose nicht nur „Störung“ sei, sondern „ungewöhnliche Schöpfungen vor allem auf künstlerischem Gebiet“ möglich mache. Die Schreib-Therapie lasse Patienten, die ihre „bürgerliche Identität“ verloren haben, „als Künstler eine neue Identität finden“. Der deutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W. G. Sebald wagte gar einen großen Vergleich: „Stets aufs neue finden sich Stellen, deren leichte Verdrehtheit und sanfte Resignation erinnert an die Art, wie Matthias Claudius manchmal mit einem einzigen Halbtonschritt oder einer Fermate einen Augenblick lang das Gefühl der Levitation in uns auszulösen vermag.“

1979 war Ernst Herbecks Name, zusammen mit dem des Zeichners Oswald Tschirtner, schließlich zum ersten Mal auf einem Buchdeckel zu lesen („Bebende Herzen im Leibe der Hunde“). Im Residenz Verlag erschienen 1982 und 1992 noch zwei Bände mit gesammelten Texten: „Alexander“ und „Im Herbst da reiht der Feenwind“.

Seither ist es still geworden um den Dichter aus Gugging. Einer jüngeren Generation von Lesern ist sein Name kaum mehr bekannt. Auf die Frage seines Schriftstellerkollegen Edmund Mach, was er von der „Dichtkunst“ halte, meinte Herbeck einmal, diese sei „nur vorübergehend bei den Menschen“. Das Schreiben wollte ihm zuletzt immer seltener gelingen, vielleicht war er ausgebrannt oder hatte auch einfach das Interesse daran verloren. „Der Kampf ist zu Ende er / ist gewonnen. Hohe Ehre / und viel Gratulieren. Es / folgt die nach dem Kampf erfolgende Ruhe –“, schrieb er in seinem Todesjahr.

 

Quellen: Die Presse vom 23. 9. 2011; Der Spiegel vom 28. 11. 1977; Die Zeit Nr. 18/1999; Neue Zürcher Zeitung vom 30. Mai 2002; The Critical Flame ; Lyrikzeitung; W. G. Sebald; Gerhard Roth, Im Irrgarten der Bilder. Die Gugginger Künstler. Residenz Verlag, St. Pölten 2012; Uwe Schütte, Über den schizophrenen Dichter Ernst Herbeck; Ernst Herbeck, Die Vergangenheit ist klar vorbei, Brandstätter Verlag, Wien 2002; Literaturhaus Salzburg; Theaterkompass ; Wikipedia

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