Was haben sie schon verbrochen!? Warum sechs Korneuburger von den Nazis ermordet wurden

Vor 70 Jahren wurden sechs Arbeiter der Schiffswerft Korneuburg von den Nazis hingerichtet. Ihr „Verbrechen“: Sie hatten im Rahmen der Roten Hilfe Geld für die Familien inhaftierter Kommunisten und Sozialisten gesammelt. Dieses solidarische Handeln nannten die Nazi-Schergen „Hochverrat“. Sechs junge, hoffnungsvolle Leben wurden zwischen dem 22. Januar und dem 17. Mai 1943 ausgelöscht. Es waren dies Rudolf Alexander, Franz Czak, Johann Gruber, Anton Jordan, Johann Mühl und Josef Schwarzböck.

Die Rote Hilfe Österreich (RHÖ) war eine Organisation zur Unterstützung von politischen Aktivisten, die wegen als „links“ geltender Tätigkeit mit staatlichen Organen in Konflikt geraten waren. Sie ging aus dem „Revolutionären Roten Kreuz“ hervor, dessen Wurzeln im Jahr 1919 lagen. 1923 wurde eine Sektion der Internationalen Roten Hilfe im Rahmen der KPÖ geschaffen und ab 1925 trat die Rote Hilfe Österreichs als formal selbstständige, aber von der KPÖ gelenkte überparteiliche Organisation auf. Ihr gehörten im Herbst 1932 schließlich 4400 zahlende Mitglieder an. Dazu zählten 2100 Kommunisten, 1200 Parteilose und 1100 Sozialdemokraten. Dabei waren Letztere sogar vom Parteiausschluss bedroht.

Das Presseorgan der RHÖ hieß das „Tribunal“. Es hatte 1930 eine Auflage von 3000 Stück, die rasch auf 13.000 anstieg und im Jahr 1932 10.000 Exemplare betrug.

Über die Aktivitäten der Roten Hilfe finden sich Hinweise in einem Polizeiprotokoll: „Die `Österreichische Rote Hilfe´ (Vorsitzende: Malke Schorr) veranstaltete im zweiten Halbjahr 1931 in Wien eine große Anzahl von Versammlungen und Lichtbildvorträgen sowie Filmvorführungen. Für die im In- und Ausland verhafteten Kommunisten wurde ein eigener Rechtsschutz eingerichtet. In Wien wurde auch ein Rechtslehrkurs … abgehalten.“

Am 5. März 1933 wurde vom austrofaschistischen Dollfuß-Regime der Schutzbund verboten, es folgte am 20.Mai das Verbot der Roten Hilfe und am 26. Mai der KPÖ.

Im Februar 1934 kam es nach Polizeiprovokationen in mehreren österreichischen Städten zum bewaffneten Aufstand des Schutzbundes. Angesichts des faschistischen Terrors gegen die Arbeiterbewegung entstanden in Österreich auf lokaler und betrieblicher Ebene Hilfskomitees, die von der Roten Hilfe tatkräftig gefördert wurden.

Im Juli 1934 gründeten die der KPÖ kritisch gegenüberstehenden Revolutionären Sozialisten eine eigene „Sozialistische Arbeiterhilfe“ und forderten ihre Anhänger auf, nicht für die Rote Hilfe zu arbeiten. Trotz dieser Spaltung der Solidaritätsbewegung und zahlreichen Verhaftungen von Rote-Hilfe-Funktionären arbeitete die RHÖ im Untergrund weiter. Auch nach der Annexion Österreichs durch Nazideutschland 1938 spielten die auf betrieblicher und lokaler Ebene in ganz Österreich organisierten Hilfskomitees der Roten Hilfe bis in den Krieg hinein eine wichtige Rolle bei der Unterstützung politischer Gefangener und ihrer Familien.

Von Rudolf Alexander ist außer seinem Geburtsdatum (13. 12. 1909) und seinem Wohn- und Arbeitsort Korneuburg wenig überliefert. Er wurde am 22. Februar 1943 in Berlin-Charlottenburg enthauptet.

Franz Czak auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: DÖW

Franz Czak auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: DÖW

Der Schlosser Franz Czak (geboren am 11. 11. 1907 in Korneuburg) betätigte sich 1940 bis 1942 für die Rote Hilfe. Er wurde im Zuge der „gegen die Provinzorganisation der KPÖ in Korneuburg eingeleiteten Aktion“ am 27. 5. 1942 festgenommen. Am 7. 12. 1942 vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt, wurde er am 17. 5. 1943 im Landesgericht Wien hingerichtet. Aus dem Urteil des Volksgerichthofs, 7. 12. 1942: „Die illegale ‚Rote Hilfe‘ bezweckt, wie gerichtsbekannt, durch die Unterstützung von Angehörigen festgenommener Kommunisten die Stärkung der Bereitschaft des Einzelnen zu staatsfeindlicher kommunistischer Tätigkeit. Jede Mitarbeit bei dieser kommunistischen Unterstützungsaktion stellt deshalb eine Förderung der auf die gewaltsame Beseitigung der nationalsozialistischen Regierungsform gerichteten Bestrebungen der illegalen Kommunistischen Partei dar. […]Czak [hat] eingeräumt, sich des kommunistischen Charakters der planmäßig organisierten Unterstützungstätigkeit bewusst gewesen zu sein, jedoch bestritten, die geschilderten umstürzlerischen Ziele des Kommunismus gekannt zu haben. Abgesehen davon, dass die Angeklagten während ihrer früheren mehrjährigen Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Organisation unzweifelhaft auch eine eingehende Schulung über die weltrevolutionären Umsturzpläne der Kommunistischen Partei erfahren haben, ging für sie aus den von ihnen gelesenen und weitergegebenen illegalen Schriften, in denen in gerichtsbekannter Weise zum Sturze des „Hitlerregimes“ aufgefordert wurde, unzweideutig die revolutionäre Zielsetzung der illegalen kommunistischen Strömungen hervor.“

Johann Gruber auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: DÖW

Johann Gruber auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: DÖW

Der Eisendreher Johann Gruber (geboren am 19. 2. 1903 in Korneuburg) sammelte Spenden für die Rote Hilfe und verbreitete kommunistische Flugschriften. Er wurde am 24. 11. 1942 vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 22. 2. 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Aus dem Urteil des Volksgerichtshofs, 24. 11. 1942:

„Im Sommer 1941 trat der Führer an der Spitze des Deutschen Reiches zum entscheidenden Kampf gegen den kulturfeindlichen Bolschewismus, der sich zum Angriff auf das Großdeutsche Reich anschickte, an. Er tat das in dem festen Bewusstsein, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann hinter ihm steht.

Im Winter 1941/42 durchstand der deutsche Soldat in Eis und Schnee schwerste Angriffe einer zahlen- und materialmäßig ungeheuren Überlegenheit der Bolschewisten, wie wohl noch nie ein Heer in solcher Lage erfolgreich gekämpft hat. Er tat das in dem festen Vertrauen, dass die Heimat geschlossen hinter der Front steht. […]

Die Angeklagen […], die als Funktionäre tätig gewesen sind, haben ebenso verbrecherisch gehandelt wie Partisanen, die hinter der Front in den Rücken der deutschen Soldaten fallen. Und sie haben dabei vergessen, dass sie Deutsche sind! Sie haben sich damit aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Aus dieser ihrer Handlungsweise hat der Volksgerichtshof durch die Verhängung der Todesstrafe nur noch die rechtliche Folge gezogen. Der kämpfende deutsche Soldat an der Front muss wissen, dass derjenige sein Leben einbüßt, der ihm in den Rücken fällt.“

Anton Jordan auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv

Anton Jordan auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv

Der Maurer Anton Jordan (geboren am 28. 12. 1908 in Korneuburg) sammelte Spenden für die Rote Hilfe. Er wurde am 24. 11. 1942 vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 22. 2. 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Aus dem Urteil des Volksgerichtshofs, 24. 11. 1942:

„Im Sommer 1941 trat der Führer an der Spitze des Deutschen Reiches zum entscheidenden Kampf gegen den kulturfeindlichen Bolschewismus, der sich zum Angriff auf das Großdeutsche Reich anschickte, an. Er tat das in dem festen Bewusstsein, dass das ganze deutsche Volk wie ein Mann hinter ihm steht.

Im Winter 1941/42 durchstand der deutsche Soldat in Eis und Schnee schwerste Angriffe einer zahlen- und materialmäßig ungeheuren Überlegenheit der Bolschewisten, wie wohl noch nie ein Heer in solcher Lage erfolgreich gekämpft hat. Er tat das in dem festen Vertrauen, dass die Heimat geschlossen hinter der Front steht. […]

Die Angeklagten […], die als Funktionäre tätig gewesen sind, haben ebenso verbrecherisch gehandelt wie Partisanen, die hinter der Front in den Rücken der deutschen Soldaten fallen. Und sie haben dabei vergessen, dass sie Deutsche sind! Sie haben sich damit aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Aus dieser ihrer Handlungsweise hat der Volksgerichtshof durch die Verhängung der Todesstrafe nur noch die rechtliche Folge gezogen. Der kämpfende deutsche Soldat an der Front muss wissen, dass derjenige sein Leben einbüßt, der ihm in den Rücken fällt.“

Johann Mühl gehörte ebenfalls der Roten Hilfe Korneuburg an. Von seiner Biografie ist außer Datum und Ort seiner Ermordung nichts bekannt. Er wurde am 22. 1. 1943 in Berlin-Charlottenburg enthauptet.

Josef Schwarzböck auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv

Josef Schwarzböck auf einem Gestapo-Foto 1942. Bild: Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv

Der Maschinenschlosser Josef Schwarzböck (geboren am 24. 3. 1901 in Mödling) betätigte sich für die KPÖ durch Sammlung von Beiträgen zur Unterstützung der Angehörigen politisch Inhaftierter und Verteilung der „Roten Fahne“. Er wurde am 20. 11. 1942 vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 15. 2. 1943 im Landesgericht Wien hingerichtet.

An seine Familie schrieb Schwarzböck im Jänner 1943:

„Was habe ich schon verbrochen, um so ein Urteil zu bekommen! Es ist nicht zu fassen! […] Mein Gott, l. Reserl, nur 1/4 Stunde bei euch sein zu dürfen! Bei dir u. meinen lieben Buben! Es ist furchtbar! Jeden Abend stelle ich euer Foto auf, u. da habe ich halt so manche harte Stunde bis zum Einschlafen!“

Ehre ihrem Andenken

(wird fortgesetzt)

 

Quellen: Die Rote Hilfe Österreichs ; DÖW ; Politisch Verfolgte; Gestapo-Opfer (Arbeiterbewegung); Im Koffer ein Foto von Marx, in: Frauensekretariat der KPÖ (Hg.): Frauen in der KPÖ. Gespräche und Porträts, 1989; Wikipedia

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Eine Antwort zu Was haben sie schon verbrochen!? Warum sechs Korneuburger von den Nazis ermordet wurden

  1. Milena Kloos schreibt:

    Sehr berührend…danke!

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