Söhne des Weinviertels: Leopold F. Grausam, Deutsch-Wagram – Steine wider das Vergessen

„Stein ist kein totes Material, sondern eine lebendige Kraft, die wie Menschen und Orte eine unverwechselbare Ausstrahlung hat.“ So beschrieb einmal der Bildhauer Leopold F. Grausam aus Deutsch-Wagram in einem Gespräch den Zugang zu „seinem“ Werkstoff.

Seine Liebe gehörte nicht der feinen figürlichen Plastik, nicht einer vor Machtsymbolik strotzenden Monumentalkunst der Herrschenden. Grausams eindrucksvolle Monumente stehen vielmehr auf der Seite der Opfer, der von Austrofaschismus und Nationalsozialismus Verfolgten.

Symbolhaft ist in erster Linie Grausams Lieblingsstein – Granit aus den Steinbrüchen des Konzentrationslagers Mauthausen, wo die Vielen, denen er seine Mahnmale, Gedenksteine und Erinnerungszeichen gewidmet hat, gequält und ermordet worden waren.

Leopold Grausam im Steinbruch. Bild: © unbekannt / Wikipedia

Leopold F. Grausam im Steinbruch. Bild: © Karl Hold / Wikipedia

Leopold F. Grausam, geboren am 7. Mai 1946, entstammte einer Wiener Künstlerfamilie und interessierte sich schon früh für Schauspiel und Marionettentheater. Die antifaschistische Haltung legte ihm sein Vater in die Wiege. Dieser war als Februarkämpfer 1934 vom austrofaschistischen Regime verfolgt worden.

Der Junior fühlte sich aufgrund der Vergangenheit seines Vaters auch später den sozialdemokratischen Freiheitskämpfern immer sehr eng verbunden. Er absolvierte nach der Schulzeit eine Steinmetzlehre und arbeitete während seiner „Wanderjahre“ in verschiedenen Steinmetzbetrieben in ganz Österreich. Bald nach seiner Heimkehr wirkte er für die Städtische Steinmetzwerkstätte der Stadt Wien jahrzehntelang als Technischer Leiter. Daneben betätigte er sich als Bildhauer und Maler.

Vater und Sohn – beide trugen den gleichen Namen, beide waren künstlerisch tätig. Zur besseren Unterscheidung trug der Ältere den Buchstaben „G.“, der Jüngere das „F.“ im Namen oder  wählte den Zusatz „sen.“ bzw. „jun.“

1972 heiratete Leopold Grausam jun. Die junge Familie zog nach Deutsch-Wagram, wo bald darauf ein Sohn geboren wurde.

In seiner neuen Heimat nahm Leopold Grausam jun. äußerst aktiv am Kulturleben teil, schuf dort mehrere Kunstwerke im öffentlichen Raum, wie etwa die Wandmalerei des Heiligen Florian am alten Feuerwehrturm, der heutigen Ortsstelle des Roten Kreuzes, das Eisenbahndenkmal neben dem Bahnhof, mehrere Wandmalereien an Kindergärten und verschiedene Exponate für das Heimatmuseum – und betrieb daneben die vom Senior ins Leben gerufene Marionettenbühne.

Sandstein-Denkmal 150 Jahre Eisenbahn neben dem Bahnhof in Deutsch-Wagram. Eines der zahlreichen Denkmäler im öffentlichen Raum des Bildhauers Leopold Grausam jun. Bild: © Sandstein-Denkmal 150 Jahre Eisenbahn neben dem Bahnhof in Deutsch-Wagram. Eines der zahlreichen Denkmäler im öffentlichen Raum des Bildhauers Leopold Grausam jun. Bild: © Leo Grausam / Wikipedia / Wikipedia

Sandstein-Denkmal 150 Jahre Eisenbahn neben dem Bahnhof in Deutsch-Wagram. Eines der zahlreichen Denkmäler im öffentlichen Raum des Bildhauers Leopold Grausam jun. Bild: © Sandstein-Denkmal 150 Jahre Eisenbahn neben dem Bahnhof in Deutsch-Wagram. Eines der zahlreichen Denkmäler im öffentlichen Raum des Bildhauers Leopold Grausam jun. Bild: © Mag. Leopold Grausam / Wikipedia / Wikipedia

Zu Grausams bedeutendsten Arbeiten als Bildhauer zählen aber das Denkmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft auf dem Morzinplatz in Wien, die Denkmäler für die Februarkämpfer und die Spanienkämpfer auf dem Wiener Zentralfriedhof, die Gedenkstätten für die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund und für die im Wiener Landesgericht und auf dem Schießplatz Kagran ermordeten Frauen und Männer des Widerstandes auf dem Zentralfriedhof, sowie die Grabdenkmäler für die Widerstandskämpferin und sozialdemokratische Politikerin Rosa Jochmann und den Antifaschisten und Gewerkschafter Josef Hindels.

Ein Denkmal auf der Wiese am Wiener Morzinplatz erinnert an die „Zentrale Leitstelle der Gestapo“, die sich 1938 im einstigen, heute längst abgerissenen „Nobelhotel Metropol“ breitgemacht hatte. Es zeigt sinnbildlich den aus der NS-Herrschaft befreiten KZ-Häftling, eingerückt in einen Block von Mauthausener Granit. Vor ihm symbolisieren sieben Stufen die sieben Jahre der NS-Herrschaft. Dieses 1985 errichtete Monument des Bildhauers Leopold Grausam jun. erinnert an alle Opfer, die der Kampf für ein freies Österreich gefordert hat. Bild: © unbekannt / Hedwig Abraham

Ein Denkmal auf der Wiese am Wiener Morzinplatz erinnert an die „Zentrale Leitstelle der Gestapo“, die sich 1938 im einstigen, heute längst abgerissenen „Nobelhotel Metropol“ breitgemacht hatte. Es zeigt sinnbildlich den aus der NS-Herrschaft befreiten KZ-Häftling, eingerückt in einen Block von Mauthausener Granit. Vor ihm symbolisieren sieben Stufen die sieben Jahre der NS-Herrschaft. Dieses 1985 errichtete Monument des Bildhauers Leopold Grausam jun. erinnert an alle Opfer, die der Kampf für ein freies Österreich gefordert hat. Bild: © unbekannt / Hedwig Abraham

2004/2005 beteiligte sich Leopold F. Grausam an der Renovierung einer Gedenktafel für die Buchdrucker Alois Hudec, Gustav Kiesel und Wilhelm Weixlbraun, die sein Vater 1963 geschaffen hatte. Die drei Widerstandskämpfer waren 1943 von den Nazis hingerichtet worden. Die Gedenkstätte musste aus der alten Staatsdruckerei am Rennweg in das neue Betriebsgebäude in Wien-Liesing übersiedeln, da aus der alten Druckerei ein Hotel werden sollte.

Neben seinem Schaffen als Bildhauer betätigte Leopold F. Grausam sich auch als Maler, Bühnenbildner, Schriftsteller, Schauspieler und Puppenspieler, aber auch als Lehrer, der mehrere Unterrichtsfilme für die Ausbildung zum Steinmetz realisierte.

Leopold F. Grausam starb am 16. August 2010 in Deutsch-Wagram im Alter von 64 Jahren. Seine Frau und sein Sohn führen seine Marionettentheatertradition weiter. Die Werke seiner Bildhauerkunst laden auf vielen öffentlichen Plätzen, Parks und Anlagen in ganz Wien zur Erinnerung an die Nazigräuel ein und mahnen: „Niemals vergessen!“

 

Quellen: Temporati; Marcello La Speranza, Robert Bouchal: Wien – Die letzten Spuren des Krieges: Relikte und Entdeckungen, Pichler Verlag, Wien 2012; geschichteSPEZIAL; Peter Diem: Die Symbole Österreichs. Zeit und Geschichte in Zeichen. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1995; Beatrix Neiss: Über Denkmäler, Gräber und andere Erinnerungszeichen. Von Steinen und Menschen. In: Extra: Lexikon. Wiener Zeitung, 1. November 2002; APA; Wikipedia

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