Der Anschluss in Obersiebenbrunn: „Nach und nach wenden wir uns wichtigeren Dingen zu.“

Vor 75 Jahren erfolgte der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland.

Auf der Website des engagierten Dorferneuerungsvereins Obersiebenbrunn, der intensiv an einer umfassenden Ortschronik arbeitet, findet sich einer der wenigen Augenzeugenberichte aus dem Weinviertel über die Nacht des Anschlusses vom 12. auf den 13. März 1938.

Ein damals 10-Jähriger erinnert sich an den Abend, an dem der Nazi-Spuk in dem Marchfeld-Ort begann:

„Zuvor hörte ich schon von illegalen Nazis, doch noch fange ich mit diesen Wort nichts an.

In der Nacht ist Lärm draußen. Musik ist zu hören. Von der Friedhofsecke her kommt ein Fackelzug. Fahnen mit Hakenkreuz, voran die Musik. Männer mit Armbinden, mit Fackeln und laute „Sieg Heil“-Rufe. Meine Freunde sehe ich auch. Mama erlaubt mir ebenfalls mitzulaufen. Auch ich beteilige mich bei dem Geschrei. Also geht der Zug der Bahnstraße entlang bis zum Chmelka Haus. Dort wird gewendet und mit lautem schreien von Parolen wie: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ abwechselnd mit „Sieg Heil“ geht es zurück bis zum Schinhan Wirtshaus.

Dort war dann Schluss –

oder war es der Anfang?

Steine fliegen zu den Fenstern des ersten Stockes des Kaufhauses Heller. Am Heimweg dasselbe. Ich sehe wie die Fenster beim Kaufhaus Preis zu Bruch gehen. Am darauffolgenden Tag: Beim Zier, wo die Fahrschule Piringer einen Raum für den Theorieunterricht hat, ist die Einsatzzentrale der SA (Sturmabteilung). Vorm Eingang an der Hauptstraße stehen zwei bewaffnete Posten. Immer wieder marschieren einige bewaffnete Männer aus, wir hintendrein. Man macht Hausdurchsuchungen bei den Juden, aber auch bei anderen „gefährlichen Leuten“. Beim Österreicher konfiszierte man Bilder. Beim Preis Heinrich, der Jäger war, die Jagdwaffen. In der Porschstraße holte man aus einem Haus die nagelneuen Uniformen des Vereins ‚Jung Österreich‘. Ein Trupp marschiert an die Untersiebenbrunner Kreuzung und kontrolliert dort die damals noch spärlich fahrenden Autos. Alles todernst!

Nach und nach wenden wir uns aber wieder für uns Buben wichtigeren Dingen zu.“ (Ing. Gerhard Frohner)

NS-Propaganda bis zur Volksabstimmung 10. April 1938. Bild: DÖW

NS-Propaganda bis zur Volksabstimmung 10. April 1938. Bild: DÖW

Bei der „Volksabstimmung“ am 10. April 1938 habe es in Obersiebenbrunn eine einzige Nein-Stimme gegeben. „Die Bevölkerung war deswegen sehr verunsichert und ließ diese Nein-Stimme verschwinden“, erinnert sich Zeitzeuge Gerhard Frohner.

SA-Männer vor der Volksschule Obersiebenbrunn. Der Hauptplatz hieß schon in "Adolf Hitler-Platz"… Bild: © unbekannt / Mag. Günther Zier / Doku Obersiebenbrunn

SA-Männer vor der Volksschule Obersiebenbrunn. Der Hauptplatz hieß schon in „Adolf Hitler-Platz“… Bild: © unbekannt / Mag. Günther Zier / Doku Obersiebenbrunn

 

Quelle: Doku Obersiebenbrunn

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