Töchter des Weinviertels: Dr. Gerda Winklbauer, Stockerau – Die Ärztin und der „ewige“ Geist des Judo

Nicht immer verkraften Sportlerinnen und Sportler das Ende ihrer Karriere. Plötzlich nicht mehr zu spüren, wie das Adrenalin durch die Adern schießt, plötzlich nicht mehr im Rampenlicht zu stehen, von den Fans nicht mehr umjubelt zu werden, kann für viele eine schmerzliche Erfahrung sein. Dazu kommt, dass etliche Leistungssportler neben dem täglichen stundenlangen Training, neben Wettkämpfen, die an die Substanz gehen, kaum Zeit finden, sich auf ein Leben nach dem Sport vorzubereiten.

Eine, der man zugestehen muss, das geschafft zu haben, ist Dr. Gerda Winklbauer aus Stockerau. Einst eine der erfolgreichsten Judokämpferinnen der Welt, „Aushängeschild“ des österreichischen Judo, Weltmeisterin von 1980, „Abonnement“-Europameisterin zwischen 1978 und 1983, oftmalige Staatsmeisterin, Sportlerin des Jahres 1983 sagt, sie habe mit ihrer sportlichen Vergangenheit abgeschlossen.

„Die Würgerin hat völlig losgelassen“ titelte einmal die Tageszeitung Der Standard und spielte damit auf die Winklbauer eigene Würgetechnik des Shime-Waza an, mit der sie bei ihren Gegnerinnen gefürchtet war. Was auf den ersten Blick etwas uncharmant klingen mag, trifft es ziemlich genau auf den Punkt: Die am 20. 11. 1955 in Stockerau geborene Gerda Winklbauer kennt in der Tat keine Sentimentalitäten, was ihren Sport anlangt. Vielmehr hat sie es schon in den 1970er und 1980er Jahren geschafft,  zwischen den Terminen ihres prall gefüllten Sportkalenders ein Medizinstudium „einzubauen“ und erfolgreich abzuschließen.

Dabei trifft „abschließen“ nur bedingt zu. Intensiv und von dauerndem Lernen geprägt sind die beruflichen Stationen der einstigen Weltklassesportlerin: Nach ihrer Promotion 1981 arbeitete Dr. Gerda Winklbauer vier Jahre als Assistentin für Sportmedizin, absolvierte 1984 – 1988 ihre Turnusausbildung am heimischen Krankenhaus, wurde 1990 Notärztin, studierte „nebenbei“ Ernährungsmedizin und setzte 1991 – 1996 mit dem Facharztstudium für Innere Medizin einen weiteren Schritt in Richtung lebenslanges Lernen. Seit 1996 praktiziert Dr. Gerda Winklbauer als niedergelassene Ärztin für Allgemeinmedizin, bietet außerdem sportmedizinische und Ernährungsberatung an und bekleidet seit 1994 das Amt einer Stadtärztin in Stockerau.

In ihrer Arztpraxis in Stockerau sucht man sportliche Erinnerungsstücke vergeblich. Ein Bild ihres Sohnes ist das einzige, was ein wenig Privates von Dr. Gerda Winklbauer zeigt. Bild: © unbekannt / Dr. Gerda Winklbauer

In ihrer Arztpraxis in Stockerau sucht man sportliche Erinnerungsstücke vergeblich. Ein Bild ihres Sohnes ist das einzige, was ein wenig Privates von Dr. Gerda Winklbauer zeigt. Bild: © unbekannt / Dr. Gerda Winklbauer

Bei diesem engen beruflichen Korsett verwundert es nicht, dass der Sport, der sie einst berühmt gemacht hat, in ihrem Leben keinen Platz mehr einnimmt. Nicht einmal Fotos besitze sie mehr von ihren Taten. Die habe sie verschenkt, ebenso einen Großteil ihrer Pokale. „Ich habe die Widmungen von den Sockeln genommen und sie für irgendwelche Veranstaltungen gespendet“, erzählt sie im Interview. Nur die WM-Goldmedaille von 1980 habe sie noch, „irgendwo auf dem Dachboden“.

Dabei käme gerade dieser Goldmedaille ein Ehrenplatz zu. Am 30. 11. 1980 gewann Gerda Winklbauer bei der ersten Judo-WM für Frauen in New York trotz Daumenluxation durch Ippon im Finale über die Französin Marie-Paule Panza in der Klasse bis 56 Kilogramm. Die damals 24-Jährige Stockerauerin war als dreimalige Europameisterin angereist, hatte zu den Favoritinnen gezählt und vollendete im Madison Square Garden das, was man hierzulande ein Judowunder nannte. Dank Winklbauer, der Steirerin Edith Hrovat und der Wienerin Edith Simon gewann die Mannschaft von Nationalcoach Ernst Raser bei dieser WM die Medaillenwertung. Von nichts kommt nichts: Zuvor hatte Raser als Erster das Gewichtstraining im Judo eingeführt. Das „Judowunder“ von New York schildert Ernst Raser überaus anschaulich in seinem Blog und vermittelt auch mehr als 30 Jahre danach noch „Gänsehaut“.

Oft zu müde, um große Emotionen zu zeigen. Dr. Gerda Winklbauer bei einer der zahllosen Siegerehrungen.  Bild: © unbekannt / European Judo Union

Oft zu müde, um große Emotionen zu zeigen. Dr. Gerda Winklbauer bei einer der zahllosen Siegerehrungen. Bild: © unbekannt / European Judo Union

Ein Olympiasieg blieb den „Golden Girls“ wohl nur deshalb verwehrt, weil Frauen-Judo erst 1992 olympische Disziplin wurde.

Winklbauer, die im Jahr nach dem WM-Triumph ihr Medizinstudium beendete, trauert aber auch der finanziellen Chance nicht nach. Im Interview meint sie: „Schauen Sie Annemarie Moser-Pröll an, was die alles gewonnen hat. Und was ist ihr geblieben? Ein Kaffeehaus. Damals war nicht einmal mit dem Skifahren sehr viel zu verdienen.“

Die Leistungen auf der Matte hätten sie zwar beglückt, genießen konnte Gerda Winklbauer ihre Erfolge unmittelbar nach den Kämpfen aber kaum: „Da war ich einfach zu müde, zu zerschlagen, um große Emotionen zu zeigen.“ Auch Freudentränen gab es keine, die seien ohnehin oft nur Theater.

1987 beendete Dr. Gerda Winklbauer ihre Mattenkarriere – und wurde „fast nahtlos schwanger“. Heute ist Sohn Gerwig 24 und studiert Biologie.

Und wie steht sie heute zum Judo? Eine Verbindung bestehe nur noch durch Schwester Evelyn, mit der gemeinsam Gerda Winklbauer ihren Sport begonnen hatte und die, selbst mehrmalige Staatsmeisterin, noch immer im Leistungszentrum Stockerau tätig ist. Zu Raser, Simon und Hrovat gibt es keinen Kontakt mehr. „Man muss ein  Kapitel völlig abschließen, anders geht es nicht.“ Das gilt auch für eine kurze politische Karriere als VP-Sportsachverständige im Wiener Gemeinderat. Die hatte sie ziemlich flott wieder beendet.

Trotz ihres augenscheinlichen Talents, Schlussstriche zu ziehen, wird man den Eindruck nicht los, dass eine gehörige Portion vom Geist des Judo noch immer in ihr steckt – ein Geist, der Vertrauen in die eigenen Stärken und Fähigkeiten und gegenseitigen Respekt vermittelt und Konzentration und mentale Stärke fördert. Wie sagte schon Kanō Jigorō, der Begründer des Judo: „Ein Judo-Meister hört niemals auf, Judo zu praktizieren, auch wenn er nicht im Dōjō [Übungshalle] ist.“

 

Quellen: DerStandard vom 26. 2. 2012; Dr. Gerda Winklbauer ; Ernst Raser Blog ; Wikipedia

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