Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 2

(Fortsetzung von Teil 1)

Kúty: Ein mutiger Träumer und feige „Helden“

Kuty WappenDer Ort Kúty (deutsch Kutti, ungarisch Jókút – bis 1902 Kutti – älter auch Kuti) wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn sich hier nicht vor knapp 38 Jahren ein Drama abgespielt hätte, von dem westlich der March kaum jemand etwas mitbekommen hat.

16. Juli 1975. In Kúty neigte sich ein heißer Tag (1) langsam dem Abend zu. Ein Tag wie viele andere davor in diesem Sommer. Die Arbeiter auf den riesigen Feldern der Kooperative lechzten dem Feierabendbier in der Dorfkneipe entgegen. Die lange Hauptstraße war wie ausgestorben. Wer vor der schwülen Hitze in die Häuser flüchten konnte, war gut dran.

Fluchtgedanken ganz anderer Art hegte zur selben Zeit ein einsamer Mann im Cockpit eines Doppeldeckers. Die Nerven des 36-jährigen Polen Dionizy B. waren zum Zerreißen gespannt. Aber er hatte Mut. Immerhin steuerte er seine 12-sitzige Antonov AN-2R, im Fliegerjargon liebevoll „Antek“ genannt, schon seit Stunden ganz allein von dem kleinen Flugplatz in Gawłówek nahe Krakau zuerst über die gebirgige Grenze, dann durch den ihm völlig unbekannten Luftraum der Tschechoslowakei, in der Hoffnung, dass ihn sein waghalsiges Unterfangen in den Westen bringen würde. Die Antonov gehörte der agrotechnischen Fluggesellschaft ZUA – Zakładu Usług Agrolotniczych, bei der B. Fluglehrer war. Bisher war alles gut gegangen. Ob daheim seine Flucht am Ende noch gar nicht aufgefallen war?

Die „Antek“ des Dionizy B. war eigentlich ein Agrarflugzeug. Bei uns nennt man so etwas respektlos „Rübenbomber“, gedacht zum Einsatz gegen Schädlinge auf den riesigen Ackerflächen Polens. Selbstverständlich unbewaffnet. Mit vollem Tank schafft sie dennoch gut 1000 Kilometer. (2) Mit einer Geschwindigkeit von 150 bis 190 km/h ist sie zwar nicht die Schnellste, aber nach Österreich sind es ja auch gerade einmal 300 Kilometer. In gut zwei Stunden sollte das zu machen sein. Außerdem war B. vorsichtig genug. Er hielt die Maschine nur 30 bis 50 Meter über Grund. Damit hoffte er, der Radarüberwachung zu entgehen.

B. wusste, er würde Polen nicht mehr wiedersehen, jenes Polen, in dem ihm manches zu eng geworden war. Es war ihm gleichgültig. Alles war ihm gleichgültig geworden, auch seine Familie, sogar seine beiden Töchter in seiner Heimatstadt Poręba unweit Katowice. Nicht einmal sie hatte er in seine waghalsigen Pläne eingeweiht.

Der brummende Doppeldecker war natürlich nicht unentdeckt geblieben. Bereits 30 Minuten nach seinem Start hatte ihn die tschechoslowakische Flugsicherung auf ihrem Radar und ein Helikopter der Luftwaffe nahm die Verfolgung auf, aber da die „Antek“ ein gemächliches Luftfahrzeug ist, blieb den Verantwortlichen genügend Zeit zum Handeln. Man wusste von Anfang an um die Motive des Piloten und es entwickelte sich zwischen Prag und Warschau hektische Betriebsamkeit. Schnell war für die Hauptfiguren in diesem Drama klar, dass das zivile Flugzeug um jeden Preis zerstört werden müsse – sowohl für den Leiter der tschechoslowakischen Luftabwehr, General Jozef Remek, dem Vater des späteren Kosmonauten Vladimir Remek, den tschechoslowakischen Innenminister Jaromír Obzina, verantwortlich für den Staatssicherheitsdienst, und den polnischen Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski, den späteren Präsidenten Polens.

„Um jeden Preis“ bedeutete schon zu diesem Zeitpunkt, dass man auch den Tod des flüchtigen Piloten in Betracht zog.

Inzwischen waren bereits vier (!) Kampfflugzeuge der tschechoslowakischen Luftwaffe, zwei MIG-21 und zwei Aero L-29, dem behäbigen polnischen „Rübenbomber“ auf der Spur.

Um 15 Uhr 56 beendete schließlich Vlastimil N. im Cockpit seiner L-29 mit einem kurzen Feuerstoß aus dem Bord-MG die ungleiche Jagd. „Es war mir klar, dass wir ein ziviles Flugzeug abgeschossen haben, aber ich bin Soldat und gehorche nur Befehlen“, sagt N. heute, 34 Jahre später, zu Reportern. Er sei ein alter Mann geworden, der sein Gewissen erleichtern wolle. Nur deshalb rede er mit ihnen. Er habe während der Aktion ohnehin mehrfach versucht, bei seinen Kommandanten den Schießbefehl abzuklären. Diese hätten offensichtlich Ihresgleichen auf polnischer Seite kontaktiert, die wiederum entgegneten, sie hätten persönliche Anweisung von Jaruzelski.

Für Dionizy B. zerschellte der Traum vom „goldenen Westen“ auf einer Wiese zwischen Kúty und Čáry, knapp acht Kilometer vor der österreichischen Grenze, in einem Feuerball. Teile der „Antek“ sollen dabei über mehrere Kilometer verstreut worden sein.

Dem Schützen Vlastimil N. gratulierte bei seiner Landung in Brünn ein General zu seiner „Heldentat“.

Nur ein Haufen rauchender Trümmer blieb vom Traum des Dionizy B. und von seiner Antonov. Bild: Ministerstvo národní obraný – Správa letectva a vojsk PVOS / ÚSTRCR-Fotodokumentation

Nur ein Haufen rauchender Trümmer blieb vom Traum des Dionizy B. und von seiner Antonov. Bild: Ministerstvo národní obraný – Správa letectva a vojsk PVOS / ÚSTRCR-Fotodokumentation

In Kúty hielt es trotz Sommerhitze nur wenige Dorfbewohner in den kühlen Häusern und das Feierabendbier wurde vorerst verschoben.

Auf offizieller Seite sprach man von einem „normalen“ Flugzeugabsturz. Wer anderes behauptet hätte, wäre schnell in Schwierigkeiten gekommen.

Diese Verschleierungstaktik bestätigt auch der Historiker Lubomir Morbacher vom slowakischen Institut Nationalen Gedenkens, Ústav pamäti národa – UPN, das sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit von 1939 – 1989 bemüht.

Vereinzelte Bestrebungen, den Abschuss vor ein ordentliches Gericht zu bringen, könnten in Anbetracht der bald 40 Jahre, die der Vorfall zurück liegt und der Tatsache, dass nunmehr die Gerichtsbarkeiten dreier Staaten involviert wären, schwierig sein. Die Polizei in Trnava hatte 2009 Ermittlungen aufgenommen und Dokumente aus Prag und Warschau angefordert. Über Ergebnisse ist nichts bekannt.

Ein Dokument der Grausamkeit. Der Ort, an dem die Antonov brennend zerschellte, wurde von den Behörden der ČSSR penibel dokumentiert. Bild: Ministerstvo národní obraný – Správa letectva a vojsk PVOS / ÚSTRCR-Fotodokumentation

Ein Dokument der Grausamkeit. Der Ort, an dem die Antonov brennend zerschellte, wurde von den Behörden der ČSSR penibel dokumentiert. Bild: Ministerstvo národní obraný – Správa letectva a vojsk PVOS / ÚSTRCR-Fotodokumentation

Die Schatten der Vergangenheit begleiten Slowaken, Tschechen und Polen ebenso wie die Menschen in den übrigen Mitgliedsländern des Warschauer Vertrags bis heute und werden es auch noch länger. Erst 2009 spürten Journalisten der tschechischen Tageszeitung Mlada Fronta Dnes den Piloten der Maschine auf, der über Kúty den Finger am Abzug hatte. Auch Radio Prag (3) widmete dem Drama Raum. Außerdem hat ÚSTR – Ústav pro studium totalitnich režimú, das tschechische Institut zur Erforschung totalitärer Regime, den Fall ausführlich dokumentiert. (4)

Das macht es nicht ungeschehen. Die Dinge beim Namen zu nennen, sie auf den Tisch zu legen, ist aber immerhin ein guter Anfang.

 

(1) Wetterarchiv Bratislava  (2) Antonov AN-2  (3) Radio Praha  (4) ÚSTR  

 

***

Gbely: Ein pfiffiger Bauer schrieb Geschichte

Gbely WappenGbely, auf Deutsch und Ungarisch Egbell, wäre ein wenig bedeutsames Bauerndorf geblieben, wenn nicht ein gewisser Ján Medlen 1912 bei einem Spaziergang durch die Dúbrava, ein ausgedehntes Waldstück am Ortsrand, zum ersten Mal in Mitteleuropa auf Erdgas gestoßen wäre.

Ján Medlen. Sein Zufallsfund löste kurzzeitig „Goldgräberstimmung“ aus... Bild: Archiv Gbely

Ján Medlen. Sein Zufallsfund löste kurzzeitig „Goldgräberstimmung“ aus… Bild: Archiv Gbely

Der Sachbuchautor und Journalist Dietmar Grieser berichtet darüber ebenso realistisch wie amüsant in seinem Buch „Der Onkel aus Preßburg“, erschienen im Amalthea Signum Verlag – nachzulesen hier.

Da die galizischen Ölfelder um Boryslaw im Winter 1914/15 Kriegsschauplatz geworden waren, kamen diese Rohstoffe der Habsburgermonarchie gerade recht – und machten Hoffnung auf mehr im benachbarten Weinviertel. Tatsächlich wurde in St. Ulrich bei Neusiedl an der Zaya bereits 1915 zum ersten Mal gebohrt. Das militärische Sonderkommando, bestehend aus Pionieren, Brunnen-Bohrmeistern und türkischen (!) Experten, blieb vorerst allerdings weitgehend erfolglos.

Ján Medlen. Sein Zufallsfund löste kurzzeitig „Goldgräberstimmung“ aus... Bild: Archiv Gbely

…und bald darauf stand auch schon der erste Bohrturm. Bild: Archiv Gbely

Die Erdgas- und Erdölförderung in Gbely beschäftigte dagegen auf ihrem Höhepunkt bis zu 400 Arbeiter. Heute ist sie auf eine minimale Resteverwertung beschränkt. Die einst florierenden Nafta-Werke stellen lediglich Untersuchungen zur Erschließung neuer Quellen an. In den Tanks von Gbely lagert heute vorwiegend fremdes Erdgas.

Der pfiffige Bauer Ján Medlen starb 1944 im Alter von 77 Jahren, aber erst 1969 errichtete man an der Stelle seines Glücksfundes eine Gedenkstätte: eine Granitplatte mit seinen Daten und ein ausgedientes Rohrstück als Symbol seiner Arbeit. Weitere dreißig Jahre später widmete ihm die Gemeinde auf dem Platz neben dem Kulturhaus einen mit seiner Bronzebüste geschmückten Park, dem schließlich auch eine nach ihm benannte Straße im Ortszentrum folgte.

***

Čáry: Hoheit auf „Zigeuner-Jagd“

Čáry WappenWas könnte es über den 1200-Einwohner-Ort Čáry, ungarisch Csári, schon groß zu berichten geben, sollte man meinen, und doch fanden in die Annalen der Dorfgeschichte immer wieder merk-würdige Ereignisse Eingang. So besuchte der preußische Kronprinz Wilhelm, Sohn von Kaiser Wilhelm II., im Rahmen der Kaisermanöver am 14. September 1902 den Ort. „Kaiserlicher Hoheit“ dürfte wohl etwas fad gewesen sei, denn sein Interesse galt weniger den militärischen Abläufen als den in der Gegend lebenden Roma, die er mit seinem riesenhaften Fotoapparat in Verlegenheit brachte. Von ethnologisch-wissenschaftlichen Interessen des 20-jährigen adeligen Jungspunds ist nichts überliefert. Es wird wohl eher ein gewisses Maß an geringschätzender Distanzlosigkeit gewesen sein.

Ganz in der Nähe betreibt die Baňa Čáry Aktiengesellschaft die jüngste Braunkohlegrube der Slowakei und das ist in dem an Rohstoffen nicht gerade überreichen, dafür umso energiehungrigeren Land schon eine Erwähnung wert, dabei handelt es sich jedoch nur um Lignit, eine Vorstufe zur eigentlichen Braunkohle mit schlechteren Emissions- und Heizwerten.

Trotzdem loben die Männer der Baňa Čáry a. s. das, was sie ausbuddeln, auf ihrer Internetseite mutig als Brennstoff mit einem „niedrigen Schwefelgehalt, stabilen Heizwert und minimalen Gehalt an Schwermetallen, geeignet zur Verbrennung in den Kesseln, die ökologischen Kriterien genügen“. Letzteres mag für die Kessel selbst gelten, der Beteuerung der Firma: „Die Kohle ist für die Einwohner zur Beheizung der Haushalte geeignet“ steht man schon allein des Geruchs wegen eher skeptisch gegenüber.

Die Kohlevorräte von Čáry sollen laut jüngsten Schätzungen für die nächsten 50 Jahre ausreichen.

Lakšárska Nová Ves WappenIn der Záhorie gibt es übrigens noch weitere Lignit-Lagerstätten im nahegelegenen Štefanov und am Rande des Truppenübungsplatzes bei Lakšárska Nová Ves (deutsch Laxarneudorf, ungarisch Laksárújfalu). Letzteres gehört zum Naturschutzgebiet CHKO Záhorie, einer stillen Landschaft mit Wäldern, Dickichten, Mooren und Sanddünen.

Borský Mikuláš WappenEbenfalls im Naturschutzgebiet liegt die Gemeinde Borský Mikuláš (bis 1960 slowakisch Borský Svätý Mikuláš, bis 1927 Burský Svätý Mikuláš, deutsch Bursanktnikolaus, ungarisch Búrszentmiklós) und wer die sechs Kilometer in das Dorf Habány und den Aufstieg auf einen knapp 300 Meter hohen Hügel nicht scheut, findet sich plötzlich bei der romantisch gelegenen Maria Magdalena Kapelle (Mária Magdaléna kaplnka) unter uralten knorrigen Eichen.

Ein romantisches Plätzchen ist die Maria Magdalena Kapelle nahe Habány. Bild: © Adrián Schultz / Panoramio

Ein romantisches Plätzchen ist die Maria Magdalena Kapelle nahe Habány. Bild: © Adrián Schultz / Panoramio

Ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Slowakei ist die massenweise Auswanderung etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre. Man schätzt, dass etwa 650.000 Slowakinnen und Slowaken emigrierten, 500.000 allein in die USA. Gründe dafür waren Armut und die zwangsweise Magyarisierung durch das Königreich Ungarn, das sich die heutige Slowakei einverleibt hatte.

Zahlreiche repressive Maßnahmen gipfelten schließlich in der Leugnung der Existenz der slowakischen Nation. Gegner der Magyarisierung wurden reihenweise verhaftet, zahlreiche Schulen der slowakischen Bevölkerung und der Ungarndeutschen geschlossen und durch magyarische Schulen ersetzt. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden bis zu 60.000 slowakische Kinder zum Arbeitsdienst in ungarischsprachige Teile des Königreichs verpflichtet. Besonders hart trafen Zwangsmaßnahmen und Auswanderung die Záhoraci, die Bewohner der Záhorie, denen oft die mangelhafte Bildung im ländlichen Raum, gerade auch um Čáry, zum Verhängnis wurde.

Auswandern 1905. Die Hoffnung war groß, die Ungewissheit auch.  Auf Deck zusammengepfercht wie Vieh, Krankheiten, Seuchen, manchmal Tod durch Entkräftung. Die Reise dauerte oft bis zu 14 Wochen. Bild: © AKG-Images / BMAS

Auswandern 1905. Die Hoffnung war groß, die Ungewissheit auch. Auf Deck zusammengepfercht wie Vieh, Krankheiten, Seuchen, manchmal Tod durch Entkräftung. Die Reise dauerte oft bis zu 14 Wochen. Bild: © AKG-Images / BMAS

Mehr als die Hälfte der in die USA emigrierten Slowakinnen und Slowaken ließen sich in Pennsylvania nieder. Andere slowakische „Kolonien“ bildeten sich in Ohio, Illinois, New York und New Jersey.

***

(wird fortgesetzt)

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Grenzen überwinden. abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s