Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 3

(Fortsetzung von Teil 2)

Von Brodské nach Lanžhot: Rauf aufs Rad!

Etwas forsch klingt die Aufforderung des Regionalverbandes March-Thaya-Auen (Regionálne združenie Moravsko-dyjskej nivy). Sie ist aber durchaus freundlich gemeint, lädt sie doch ein in einen Teil des slowakisch-tschechisch-österreichischen Dreiländerecks, in dem das Auto draußen bleiben muss, handelt es sich doch um den „March-Thaya-Zwickel“, ein Naturschutzgebiet am Zusammenfluss dieser beiden Flüsse. Den erkundet man am besten mit dem Rad oder zu Fuß.

Brodské WappenVon Kúty geht es vorbei an Brodské (deutsch Brodsko, ungarisch Gázlós, bis 1907 Brockó) über einen der unnütz scheinenden Grenzübergänge in die Tschechische Republik. Diese Übergänge wurden 1993 eilends und mit beträchtlichem finanziellem Aufwand errichtet, nachdem sich die Tschechische und die Slowakische Republik aus der jahrzehntelangen Föderation verabschiedet hatten und jeweils selbstständige Staaten geworden waren. 2007 wurden diese Grenzübertrittstellen durch den Beitritt zum Schengen Abkommen auch schon wieder unnötig.

Der Autoverkehr auf der schnurgeraden und bretterebenen Straße 425, einer „Straße 2. Ordnung“ (slowakisch cesty II. triedy, tschechisch silnice II. třídy) ist erträglich und wenn der hier häufige Wind einmal Pause macht, vergehen die ersten Kilometer in Mähren wie im Flug.

Lanžhot WappenIn Lanžhot, zu Deutsch Landshut, kommen die Liebhaber stiller Auen und alter Schlösser auf ihre Kosten.

Da ist zum einen das Liechtensteinsche Jagdschloss direkt im Ort, das Jagdschlösschen Lány (Auf den Lahnen) in der Thaya-Au, ein Museum, das in die Kultur Südmährens einführt, und natürlich die Au selbst.

Das Radeln und das Wandern könnten leichter fallen bei der Musik des berühmtesten Sohnes von Lanžhot, Metoděj Prajka, des Schöpfers des „mährischen Swings“, der sich durch einen eigenen Schwung auszeichnet.

Mein Großvater, selbst ein nach Wien ausgewanderter Ur-Mährer aus Kremsier (Kroměříž), bekannte sich in seiner neuen Heimat zwar meist nur etwas verschämt zu seiner Herkunft, aber bei der Blasmusik eines Prajka schmolz er förmlich dahin, wie etwa bei der Polka Ještě jednou (Noch einmal).

Südmährische Volksfeste bestechen durch die Farbenpracht ihrer Trachten. Zwischen den Trachten der einzelnen Orte bestehen für den Laien kaum erkennbare, aber signifikante Unterschiede. Bild: Pavel Karlík / YouTube

Südmährische Volksfeste bestechen durch die Farbenpracht ihrer Trachten. Zwischen den Trachten der einzelnen Orte bestehen für den Laien kaum erkennbare, aber signifikante Unterschiede. Bild: Pavel Karlík / YouTube

Wie so ziemlich alles in dieser Gegend gehörte auch das südwestlich von Lanžhot gelegene, zwischen 1810 und 1812 vom Architekten Joseph Hardtmuth erbaute Jagdschlösschen Lány (Auf den Lahnen) zum Besitz der Familie Liechtenstein. Das Erdgeschoss war dem Fürsten und seinen Jagdgästen vorbehalten. Im Obergeschoss wohnte in den 1920er Jahren der Förster, zuletzt der Heger, der die umliegenden Wälder verwaltete. Bis 1938 diente das Schlösschen Jagd- und Forstzwecken, bis 1945 gehörte es zur gegenüber liegenden Gemeinde Bernhardsthal und trug die Hausnummer 254. Danach ging es in den Besitz des tschechischen Staates über. Bis zum Fall des „Eisernen Vorhangs” 1989 nutzten es Einheiten der Grenztruppe, die es in desolatem Zustand hinterließen. Auch eine Firma, die das Schlösschen 1990 erwarb, konnte oder wollte den weiteren Verfall nicht verhindern. Seither sind neue Besitzer daran, dieses Juwel nach Originalplänen zu rekonstruieren. Mit Erfolg, wie man sehen kann.

Das Schlösschen Auf den Lahnen (zámeček Lány) erlebt dank einer Privatinitiative eine Renaissance. Bilder: Bildarchiv Museum Břeclav & Dieter Friedl / Wikipedia

Das Schlösschen Auf den Lahnen (zámeček Lány) erlebt dank einer Privatinitiative eine Renaissance. Bilder: Bildarchiv Museum Břeclav & Dieter Friedl / Wikipedia

Wandert man von Lány in Richtung Süden, so trifft man nach etwa sechs Kilometern im Naturreservat Ranšpurk auf ursprünglichen Auwald. Die ältesten Eichen hier sind 350 bis 470 Jahre alt, die jüngeren Eschen, Eichen, Hagebuchen, Feldahorne und Linden zählen 150 Jahre.

Im 19. Jahrhundert wurde hier noch eifrig gerodet. Danach überließ man das Gebiet mehr oder weniger der Natur. Ab 1970 betrieb man intensiv die Aufzucht von Rot- und Damwild. Die Tiere fraßen sich an Jungbäumen und Kräutern satt, während die ältesten Eichen durch sinkenden Grundwasserspiegel langsam abstarben und durch Eschen ersetzt wurden.

Das Grundwasser war vor allem mit der Regulierung von Thaya und March in den 1970er und 1980er Jahren dramatisch gesunken. Auch auf die ursprünglich vorkommenden Kräuterarten haben sich die Regulierung von March und Thaya und hoher Wildbestand negativ ausgewirkt.

Seit den 1990er Jahren wird das Land regelmäßig künstlich geflutet. Damit konnten die negativen Auswirkungen gestoppt werden. Die Wiesen in den Naturreservaten müssen regelmäßig gemäht werden.

Respekt und Ehrfurcht gebietet die „grüne Kathedrale“ am Zusammenfluss von Thaya und March. Bild © Přemysl Heralt

Respekt und Ehrfurcht gebietet die „grüne Kathedrale“ am Zusammenfluss von Thaya und March. Bild © Přemysl Heralt

Das Naturschutzgebiet ist  durch ein dichtes Netz von mäandrierenden Flussarmen gekennzeichnet. Hier nisten zahlreiche geschützte Wasservögel. Der  Weg verläuft selbst bei normalem Wasserstand mitunter nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche.

Ranšpurk lautet übrigens auch die tschechisch-slowakische Bezeichnung für den österreichischen Ort Rabensburg, Partnergemeinde von Lanžhot.

Weiter südlich erreicht man das Reservat Cahnov-Soutok. Cahnov ist auch der tschechisch-slowakische Name für Hohenau.

Diese Naturreservate sind absolut einzigartig und Respekt gebietend und erinnern an manchen Orten eher an einen Dschungel als an einen Auwald. Hier bewegt man sich mitunter besser zu Fuß als mit dem Rad.

Noch etwas weiter südlich stößt man auf den eigentlichen Soutok, den Zusammenfluss von Thaya und March, die kurz davor noch die Wasser der Myjava aufgenommen hat. Etwa 200 Meter nordwestlich davon kann man noch den historischen Grenzstein sehen, den die Kaiserin Maria Theresia im Jahr 1755 setzen ließ, um die Grenze zur Markgrafschaft Mähren zu markieren.

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Sekule und Moravský Svätý Ján: Grenzen trennen, Natur verbindet

Jahrzehntelang trennte der „Eiserne Vorhang“ Menschen und Systeme – auch entlang der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze. Für die Menschen mitunter leidvoll, für die Natur ein Segen, denn im Schatten der Grenze hatten zahlreiche, oft bedrohte Pflanzen und Tiere einen ungestörten Lebensraum gefunden.

Von Deutschland aus hat sich die Idee des „Grünen Bandes Europa“ verbreitet. Es zieht sich entlang des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ und könnte wegen der dort herrschenden Bedingungen für Tiere und Pflanzen zu einem Rückgrat für ein ökologisches Netzwerk durch Europa werden. Zudem ist es ein Symbol für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und zeigt, dass ein vereintes Europa nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein gemeinsames Naturerbe hat.

Auch an der March war die Grenze einst stark gesichert. Überbleibsel sind Bunker, die immer wieder im Auwald ins Blickfeld des Radfahrers oder Wanderers rücken. Ein Teil dieser Bunker stammt allerdings nicht aus der Zeit des Sozialismus, sondern wurde von der Tschechoslowakei bereits in den 1930er Jahren als Reaktion auf die wachsende Bedrohung durch den Faschismus und die Machtübernahme Hitlers errichtet.

Eine schematische Darstellung der Anlagen zur Grenzsicherung der ČSSR. Diese Anlagen waren nicht úberall gleich. Es kam auch auf das jeweilige Gelände an. Die Grenze entlang der March galt als die technisch weniger gesicherte. Bild: Dieter Friedl

Eine schematische Darstellung der Anlagen zur Grenzsicherung der ČSSR. Diese Anlagen waren nicht úberall gleich. Es kam auch auf das jeweilige Gelände an. Die Grenze entlang der March galt als die technisch weniger gesicherte. Bild: Dieter Friedl

Einen Eindruck von der Stimmung 1990 an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze (allerdings im Raum Südböhmen) vermittelt der Kurzfilm von Petr Kudela Grenzen ohne Vorhang – Hranice bez opony (in tschechischer Sprache)

Heute entsteht quer durch Europa der „Iron Curtain Trail“, eine Strecke für Radfahrer über rund 7000 Kilometer, die aber noch einige Lücken aufweist.

Sekule WappenSekule, auf Deutsch Sekeln, auf Ungarisch Székelyfalva und bis 1882 Szekula, hat für den, der sich darauf einlassen will, einiges zu bieten. Man könnte hier beispielsweise nach Töpferwaren Ausschau halten oder den kunstvollen Umgang mit Ton selbst erlernen. Man könnte die Bronze-Skulptur Hľadajúci (Auf der Suche) der Thayatal-Glyptographie Ludo Kristeks bewundern, eines Brünner Malers und Bildhauers – wenn sie nicht 2009 vermutlichen Metalldieben zum Opfer gefallen wäre. 

Keine Kunstliebhaber, sondern Metalldiebe. Die Bürgermeisterin von Sekule Pavla Maxianová vor der demolierten Skulptur Lubo Kristeks. An den traurigen Resten befestigen Camper ihre Zeltschnüre. Bilder: Pavol © Machovič, © Vlado Preložník

Keine Kunstliebhaber, sondern Metalldiebe. Die Bürgermeisterin von Sekule Pavla Maxianová vor der demolierten Skulptur Lubo Kristeks. An den traurigen Resten befestigen Camper ihre Zeltschnüre. Bilder: Pavol © Machovič, © Vlado Preložník

Man könnte aber auch im örtlichen Museum auf Spurensuche gehen und Näheres über die Szekler oder auch Sekler erfahren, jene im Dunkel der Geschichte untergetauchte Volksgruppe, der Sekule möglicherweise seinen Namen verdankt. Es gibt allerdings keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber.

Nach dem Ende des Großmährischen Reichs im 10. Jahrhundert, als die Ungarn in der heutigen Slowakei die Macht übernommen hatten, wanderten Szekler in das von den Ungarn Poszony genannte Gebiet um Bratislava und nördlich davon. Ursprünglich kamen sie aus Siebenbürgen, wo sie die östliche Außengrenze Ungarns bewachten – eine Funktion, die ihnen möglicherweise auch an der Nordwest-Grenze zugedacht war.

Als traditionelle Unterstützer „groß-ungarischer“ Politik dürften die Szekler in der Tschechoslowakei und der heutigen Slowakei kaum Freunde gefunden haben. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum man sich nicht gern an sie erinnert. 1944 gingen sie sogar eine militärische Allianz mit Nazi-Deutschland ein. Auch das trägt nicht gerade zu ihrer Beliebtheit bei und zeigt, wie leicht ein kleines Volk zwischen machtpolitischen Interessen zerrieben werden kann.

Ein Zusammenhang mit dem Ortsnamen Sekule scheint so gesehen zwar schlüssig, bleibt aber trotzdem spekulativ.

Gestatten Sie mir einen weiteren Exkurs zu den Szeklern, ob sie nun mit Sekule zu tun haben oder nicht: Sie benutzen eine Art Keilschrift, rovásírás (altungarische Runen) genannt, die von rechts nach links geschrieben wird. Sie ist in Ungarn heute noch an manchen Ortstafeln zu sehen.

Moravský Svätý Ján WappenNach der Faszination, die dieses Thema zumindest auf mich ausübt, tut es gut, ein Stück weiter zu wandern und zwar ins benachbarte Moravský Svätý Ján (deutsch St. Johann an der March, ungarisch Morvaszentjános). Der Ort gegenüber dem österreichischen Hohenau dürfte von den Johannitern gegründet worden sein, um den Marchübergang zu sichern. Dieser Übergang war wichtig als Ost-West-Verbindung zwischen der westlich der March verlaufenden Bernsteinstraße und der „Böhmischen Straße“.

Das Ortsbild von Moravský Svätý Ján ist wie leider auch sonst eher von gesichtslosen Neubauten geprägt. Alte traditionelle Häuser sind selten geworden. Bild: © Kris B. Flašar

Das Ortsbild von Moravský Svätý Ján ist wie leider auch sonst eher von gesichtslosen Neubauten geprägt. Alte traditionelle Häuser sind selten geworden. Bild: © Kris B. Flašar

Waren es früher Handel und Transport, die die  Beziehungen über die Grenze hinweg wachsen ließen, so kommt es heute langsam zu kulturellem Austausch. Die Kontakte zwischen den Museen von Hohenau und Skalica wurden schon beschrieben. Auch zwischen den Schulen diesseits und jenseits der March entwickelten sich in den letzten Jahren Austauschprogramme und Partnerschaften. Zwar ist die Brücke noch immer nur einspurig, in der Nacht gesperrt und bei Hochwasser unpassierbar, aber es gibt sie – nicht zuletzt als rares Symbol der Annäherung.

Wie lange kann der Schutzengel an der Fassade eines alten Hauses hinter der Kirche von Moravský Svätý Ján es noch vor dem Abriss bewahren? Bild: © Kris B. Flašar

Wie lange kann der Schutzengel an der Fassade eines alten Hauses hinter der Kirche von Moravský Svätý Ján es noch vor dem Abriss bewahren? Bild: © Kris B. Flašar

Im Ort selbst trifft man auf größtenteils schmucklose Häuser. Wie fast überall gibt man auch hier seit den 1950er Jahren dem Zweck vor der Schönheit den Vorrang. Das Schloss mit schöner Freitreppe beherbergt ein psychiatrisches Pflegeheim für Männer und ist daher nicht zu besichtigen. Jeder Versuch ist zwecklos, der „Zerberus“ am Tor ist unerbittlich.

Aus der Luft betrachtet wie ein Dschungel. Das Naturschutzgebiet Čeker - Čertova studňa an der March zwischen Moravský Svätý Ján und Malé Leváre. Bild Google Maps

Aus der Luft betrachtet wie ein Dschungel. Das Naturschutzgebiet Čeker – Čertova studňa an der March zwischen Moravský Svätý Ján und Malé Leváre. Bild Google Maps

Weiter in Richtung Süden erstreckt sich das Naturschutzgebiet Čeker – Čertova studňa entlang der March, ein von Auwald geprägtes Gebiet, unterbrochen von Teichen und alten Flussarmen.

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(wird fortgesetzt)

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