Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 4

(Fortsetzung von Teil 3)

Veľké Leváre: Kroaten, Habaner und ein Jazzer

Závod WappenDie Kulturlandschaft der Tiefebene Záhorská nížina (geologisch ein Teil des Wiener Beckens) am Flüsschen Rudava war offenbar schon immer eine fruchtbare Kornkammer. Zumindest lässt eine Erklärung des Dorfnamens Závod (bis 1927 slowakisch Závody, ungarisch Pozsonyzávod – bis 1907 Závod) darauf schließen. Er soll sich vom ungarischen Wort „zab“ für Hafer ableiten. Eine andere Erklärung klingt schlichter: „za vodu“ heißt auf Slowakisch „am Wasser“ und bezieht sich auf die Lage des Dorfes nahe der March. Závod dürfte eine recht späte ungarische Gründung sein, denn erwähnt wurde es zum ersten Mal erst 1557 als Zawad. Außerdem fehlt ein, wie sonst entlang der March üblich, deutscher Name für die Ansiedlung.

Wer von diversen Naturschutzgebieten noch nicht genug hat, findet hier das Reservat Abrod/Jazerinky mit Feuchtwiesen und der entsprechenden Vogelpopulation.

Vel'ké Leváre WappenDas Land rund um Veľké Leváre (um 1380 Lever, bis 1927 slowakisch Velké Leváry, deutsch Großschützen, ungarisch Nagylévárd, lateinisch Magno-Levardinum) ist in zweierlei Hinsicht etwas für Feinschmecker. Hier liegt nicht nur eines der drei großen Spargel-Anbaugebiete der Slowakei sondern auch der Geburtsort eines ganz Großen des europäischen Jazz, des Klarinettisten und Bigband-Leaders Gustav Brom.

Brom kam 1921 als Gustav Frkal zur Welt. Der Vater, ein tschechischer Unternehmer, machte mit seiner Firma Bankrott, verließ die Familie und starb kurz darauf. Die Mutter musste die Familie als Postsortiererin durchbringen und Gustav wuchs in Kinderheimen auf. Er lernte Geige, Klarinette und Saxophon und gründete noch vor dem 2. Weltkrieg die Band R-Boys.

Gustav Brom, der berühmte Jazzmusiker, stammt aus Veľké Leváre. Bild: iDNES.cz

Gustav Brom, der berühmte Jazzmusiker, stammt aus Veľké Leváre. Bild: iDNES.cz

Die Deutschen sperrten den jungen Musiker gleich einmal für vier Monate ein, weil er Flugblätter verteilt hatte. Er konnte zwar das Abitur machen, aber sein Wunschstudium Architektur blieb ihm verwehrt, weil die Universitäten geschlossen waren. So wurden die von ihm gegründeten R-Boys zum Kern der späteren Gustav-Brom-Bigband, einer von Freunden gepflegten Big-Band-Sounds weltweit geschätzten Formation.

 

Gustav Brom starb 1995 in Brno.

 

Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1959. Für besondere Feinspitze: Auf dem Altsaxophon ist Karel Krautgartner aus Mikulov/Nikolsburg zu hören, der spätere Leiter der ORF-Bigband.

 

Flüsse waren schon immer Lebensadern. Im 16. Jahrhundert zog es Kroaten aus dem heutigen Burgenland an den Unterlauf der March und noch weiter bis nach Südmähren an die Thaya.

 

Heute findet man entlang der österreichisch-slowakischen Grenze keine Hinweise mehr auf die einstige kroatische Bevölkerung. Nikolaus Wilhelm-Stempin (1) nennt folgende Orte als mehr oder weniger kroatisch: Bernhardsthal (kroatisch Pernital, tschechisch Pernitál), Rabensburg (tschechisch/slowakisch Ranšpurk), Drösing (tschechisch Střezemice), Ebenthal, Götzendorf, Grub an der March, Jedenspeigen (Nideršpelk), Mannersdorf an der March (Magerštorf), Niederabsdorf (Dolní Opatov), Ringelsdorf (kroatisch/tschechisch Lingaštorf), Sierndorf an der March (Cindrof, Zirndorf).

 

In Hohenau (tschechisch/slowakisch Cahnov) sollen im Jahr 1579 kroatische Familien angesiedelt worden sein. Diese Kroaten dürften bald von den später zugewanderten Tschechen und Slowaken aufgesaugt worden sein, bevor im 20. Jahrhundert alle Volksgruppen deutschsprachig wurden. Gleiches gilt für Rabensburg. Hier ließen sich die Kroaten lt. Wilhelm-Stempin im Nordteil, also in der Nähe von Schloss und Kirche nieder. Im Dorf sind seit 1570 Orts- und Flurbezeichnungen überliefert, die auf das Nebeneinander von Kroaten und Deutschen hinweisen: Bey den Crabathen, Bey den Teutschen, Crabathen Feld, Teutsches Feld. Die Volkszugehörigkeit der ortsansässigen Slawen im 19. Jahrhundert ist umstritten: 1832 werden sie als Kroaten erwähnt, 1845, 1851 und 1864 bereits als Slowaken. Wie in vielen Dörfern dieser Gegend besteht die Möglichkeit dass die Tschechen und Slowaken ihrer Abstammung nach ethnische Kroaten waren.

Der Habanerhof von Veľké Leváre ist noch sehr gut erhalten und wird als nationales Denkmal gepflegt. Bild: © Kris B. Flašar

Der Habanerhof von Veľké Leváre ist noch sehr gut erhalten und wird als nationales Denkmal gepflegt. Bild: © Kris B. Flašar

Ebenfalls im 16. Jahrhundert kamen die Habaner (Hutterer) nach Veľké Leváre. Sie gaben dem Ort den deutschen Namen Großschützen und lebten in so genannten Bruderhöfen (auch Haushaben oder Habanerhöfe) mit 35 Lehmhäusern, einer Wassermühle und einer Schule. Der Habanerhof von Veľké Leváre ist größtenteils noch erhalten und wurde 1972 zum architektonischen Denkmal erklärt.

                               

Seit 1744 hatte der Ort den Status eines Marktstädtchens. Er wurde ihm 1803 aber wieder aberkannt.

 

Der Anteil der Habaner war zunächst sehr stark, sank jedoch im Laufe der Jahrhunderte. So hatte die Gemeinde um 1900 nur mehr eine kleine deutsche Einwohnerschaft gegenüber der slowakischen Bevölkerungsmehrheit.

 

Erwähnenswert ist auch die kleine jüdische Schule, die am Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1918 in Veľké Leváre existierte. Sie bestand aus einem einzigen Klassenraum, der zu der jüdischen Synagoge neben dem katholischen Pfarrhaus zugebaut worden war. Hier lernten auch Schüler aus Malé Leváre und Závod Religion und Hebräisch.

 

 

(1) Nikolaus Wilhelm-Stempin, Das Siedlungsgebiet der Burgenlandkroaten: in Österreich, Ungarn, Mähren und der Slowakei, Books on Demand, 2008.

 

***

Malé Leváre: Zwischen Dornröschenschlaf und Beachparty

Malé Lévare Wappen

Wasser spielt rund um Malé Leváre (deutsch Kleinschützen, ungarisch Kislévárd, lateinisch Parvo-Levardinum) eine große Rolle. Neben dem Fluss Rudava, dem Malolevársky kanál und der March prägen zwei Teiche südwestlich des Dorfes die Landschaft. Eine stille Gegend, beliebt bei ruhesuchenden Campern und Radfahrern, die „verkehrsberuhigt“ unterwegs sein wollen.

Nur in den Sommern erwachen die Teiche aus ihrem Dornröschenschlaf, dann nämlich, wenn die „Rudava Summerbeach“ Partyhungrige zumeist aus Bratislava anlockt.

Die Fähre von Drösing war eine von zahlreichen March-Übergängen zwischen dem Weinviertel und den slowakischen Nachbarn. Heute wird diese Nachbarschaft eher von Desinteresse und diffusen Ängsten geprägt. Bild: Ansichtskarte von 1912

Die Fähre von Drösing war eine von zahlreichen March-Übergängen zwischen dem Weinviertel und den slowakischen Nachbarn. Heute wird diese Nachbarschaft eher von Desinteresse und diffusen Ängsten geprägt. Bild: Ansichtskarte von 1912

Dabei bleiben die Slowaken weitgehend unter sich. Weinviertler verirren sich selten nach Malé Leváre. Dass das nicht immer so war und es vor nicht einmal 80 Jahren zwischen Österreichern und Slowaken noch intensiveren Austausch gab, zeigt eine Begebenheit aus dem Jahr 1935, bei der die Fußballmannschaften von Zistersdorf und Malé Leváre ebenso eine Rolle spielen, wie die längst verschwundene und vergessene Fähre von Drösing.

Die vor allem für die Weinviertler Kicker abenteuerliche Geschichte lesen Sie hier.

Jungsteinzeitlicher Hortfund von Malé Levaré. Bild: Archeolet

Jungsteinzeitlicher Hortfund von Malé Levaré. Bild: Archeolet

Einen besonderen Namen besitzt Malé Leváre bei Prähistorikern und Archäologen. Hier wurde ein sogenanntes Depot (1) entdeckt, in dem im Äneolithikum  in der frühen Kupferzeit (4950 – 4500 vor Chr.) verschiedene Gegenstände versteckt worden waren, vermutlich um sie vor Diebstahl zu schützen. Diese Hortfunde sind also mindestens 6600 Jahre alt. Gefunden wurden eine kreuzschneidige Kupferaxt, ein kupfernes Flachbeil, ein Kupferdolch und das Fragment einer großen Brillenspirale aus Kupfer. Es ist aber unklar, ob dieses Depot vollständig geborgen werden konnte.

 

(1) T. Zimmermann, Die ältesten Kupferzeitlichen Bestattungen mit Dolchbeigabe, Mainz, 2007

***

Gajary: Ein Brückenschlag ohne Brücke und ein „vergessenes“ Konzept

Gajary WappenGajary, bis 1927 slowakisch Gajáre, deutsch Gayring, ungarisch Gajar – bis 1895 Gajár, liegt heute scheinbar verschlafen an einer noch immer „toten Grenze“.

Das war nicht immer so. Gajary hatte sich zu einem wichtigen Handelspunkt entwickelt, wohl auch unter dem Einfluss der Augsburger Händlerdynastie Fugger. Diese besaß 1553 – 1575 die Burg Blasenstein (Plavecký hrad), jene Burg, deren jeweiliger Burgherr auch das Land bis an die March beherrschte.

Das Städtchen erhielt 1667 das Marktrecht und errichtete eine Verteidigungsmauer mit vier Basteien. An der March gab es Schwemmen zur Flussüberquerung, später eine regelrechte Überfuhr und ab 1874 eine Brücke. Die Einwohner gingen oft nach Dürnkrut arbeiten. 1945 sprengten Truppen der Deutschen Wehrmacht auf ihrem Rückzug die Brücke.

Schon 1874 verband eine Holzbrücke über die March Gajary und Dürnkrut. Bild: Josephinische Landesaufnahme, Blatt 4658-1 Ungeraiden

Schon 1874 verband eine Holzbrücke über die March Gajary und Dürnkrut. Bild: Josephinische Landesaufnahme, Blatt 4658-1 Ungeraiden

In jüngster Zeit gab es Pläne, den Übergang wieder aufleben zu lassen. Die alte Pontonbrücke hätte aus Hohenau nach Dürnkrut übersiedeln sollen. Ein Jahr Probezeit war geplant, dann eine Volksbefragung. Bereits bei der öffentlichen Präsentation dieser Pläne gab es in Dürnkrut heftigen Widerstand. Vorurteile schwappten über, diffuse Ängste uferten aus. Eine Volksbefragung war kein Thema mehr.

In einer Gemeinderatssitzung am 15. März 2006 stellte der Dürnkruter Bürgermeister fest, dass „die Errichtung eines internationalen Grenzüberganges zwischen der Republik Österreich und der Republik Slowakei nicht in den Wirkungskreis des Gemeinderates fällt und daher […] abzulehnen ist.“

Nicht zuständig. Basta.

Alles, was es in den Jahren davor und danach gab, waren parteipolitischer Hickhack und ein medienwirksamer, potemkinscher Brückenschlag für drei Tage mit viel Tamtam. Eine Brücke zwischen Dürnkrut und Gajary gibt es bis heute nicht, nicht einmal eine Fähre.

Und so wird – Binnenmarkt hin, freier Personenverkehr her – die Öffnung der österreichischen Marchgrenze weiterhin ignoriert. Die slowakische Wirtschaft boomt, die Weinviertler schauen zu – oder pendeln zunehmend in die Slowakei aus, denn rund um Bratislava wurden tausende neue Arbeitsplätze geschaffen.

Die kulturellen, sozialen, freundschaftlichen Kontakte, die noch unsere Großväter und -mütter nach „drüben“ hatten, sind ohnehin längst verloren.

So liegt halt auch Dürnkrut noch immer an einer „toten Grenze“.

Dabei fehlte es nicht an Ideen für eine (Wieder-)Belebung der Grenzübergänge. Schon 2004 veröffentlichte der Verkehrsplaner Dr. Harald Buschbacher ein „March-Brücken-Konzept“. So durchdacht und überlegenswert sein Konzept auch sein mag – der Mann hat ein Problem: sein engagiertes Eintreten für die zunächst sogar vom Landeshauptmann selbst goutierte grenzüberschreitende Revitalisierung der Thayatalbahn im Waldviertel hat ihn bei ebendiesem zum „Feindbild“ werden lassen.

Buschbachers March-Brücken-Konzept beinhaltete bereits vor Jahren Brücken zwischen Hohenau und Moravský Svätý Ján, Angern und Záhorská Ves sowie Marchegg und Devínska Nová Ves, außerdem Fähren oder Kleinbrücken bzw. Automatikfähren zwischen Rabensburg und Lanžhot, Drösing-Waltersdorf und Malé Leváre, Dürnkrut und Gajary, Baumgarten und Vysoká und im Mündungsgebiet der March nach Devín.

„Net amoi ignorieren“. Das „Buschbacher-Konzept“ erlebt seit Jahren ein typisch österreichisches Schicksal. Bild: Harald Buschbacher

„Net amoi ignorieren“. Das „Buschbacher-Konzept“ erlebt seit Jahren ein typisch österreichisches Schicksal. Bild: Harald Buschbacher

Außer der Brücke in Hohenau und einem Radfahrerübergang bei Schloss Hof weitab vom touristisch interessanten Donauradweg herrscht um alle anderen Ideen Stille. Einzig die Namensgebung der Brücke bei Schlosshof war heiß diskutiert. Dass der Übergang schnurstracks in den wenig attraktiven Industrieort Devínska Nová Ves statt durch das weitaus romantischere Devín führt, war kein Thema, konnte man so doch das touristische Vorzeigeprojekt des Landes NÖ. Schloss Hof miteinbeziehen.

Radfahrer aller Herren Länder quälen sich „gerne“ weiter über die Donaubrücke in Hainburg und in weitem Bogen auf Bratislava zu, ebenso „gerne“, wie Weinviertler und Záhoraci weiterhin an „toten Grenzen“ aneinander vorbei statt miteinander leben.

In Gajary geht das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang weiter, auch ohne nennenswerte Kontakte zu den Weinviertler Nachbarn. Zumindest die Volkstanzgruppe Slnečnica-Sunečník verschafft der Stadt seit fast 60 Jahren Bekanntheit und Anerkennung weit über ihre Grenzen hinaus.

***

 

(wird fortgesetzt)

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Grenzen überwinden. abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s