Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 5

(Fortsetzung von Teil 4)

Suchohrad: Schnellschüsse vom rechten Ufer

Suchohrad WappenDumburg, Dimburg, Dürnburg, Deutsch Direnburg, Dimvár, Dimburk – mit den wechselnden Machthabern änderte sich immer wieder auch der Ortsname von Suchohrad. Das heute 600 Einwohner zählende Dorf schmiegte sich, ganz auf seine hauptsächlichen Einnahmequellen ausgerichtet, in eine der zahlreichen Windungen der March – nach Regulierungen kaum noch erkennbar – gegenüber von Stillfried. Das Wappen lässt ahnen, wovon die Menschen einst lebten: von der Fischerei, vielleicht als Fährleute, möglicherweise auch vom „kleinen Grenzverkehr“. Heute hat man miteinander wenig zu tun, man lebt getrennt durch den Fluss und manche Vorurteile.

Eine Fähre ist bereits im Kartenblatt 4658-1 der Josephinischen Landesaufnahme von 1873 verzeichnet und mit etwas Phantasie kann man sich durchaus vorstellen, wie friedlich es an den Ufern der March zugegangen sein muss. Diesen Schluss lässt jedenfalls der Exkursionsführer für Stillfried an der March von R. Boehmker aus dem Jahr 1917 zu. Wenn er vom „Ufer der March mit schattigen Pfaden und Wegen“ schwärmt, von „reicher Flora und seltenen Pflanzen“ und von „aparten Stimmungen, welche des öfteren Malern als Motive gedient und u. a. den Pinsel eines [Rudolf] Konopa (1) herausgefordert haben“, dann wird das wahrscheinlich auch für das slowakische Ufer gegolten haben.

Weiter heißt es in dem Büchlein: „Der Sand der March ist eine Fundgrube für Mineralogen, denen das Wasser die Halbedelsteine Schlesiens und Mährens zuführt. In der Nähe der Stillfrieder Mühle befindet sich das vom Verschönerungsverein Stillfried errichtete Badehaus. Die Heilkraft des Marchwassers ist eine allbekannte; vorzüglich ist die eisen- und schwefelhaltige Wirkung des Wassers lobend hervorzuheben.“

Recht lebhaft ging es offenbar 1917 bei der Überfahrt von Stillfried nach Dimburg, dem heutigen Suchohrad, zu. Bild: aus dem „Exkursionsführer für Stillfried an der March“ von R. Boehmker

Recht lebhaft ging es offenbar 1917 bei der Überfahrt von Stillfried nach Dimburg, dem heutigen Suchohrad, zu. Bild: aus dem „Exkursionsführer für Stillfried an der March“ von R. Boehmker

Die Idylle, wenn sie wirklich jemals eine war, gibt es heute längst nicht mehr. Eine Einbruchsserie  stieß im Sommer 2012 den Nachbarn in Stillfried sauer auf und wurde von  bestimmten Medien heftig geschürt. Von einem „Phantom der Fischerhütten“ berichtete die „Kronenzeitung“. Mit einer „Monsterbrechzange“ ausgestattet, suche es die Fischerhütten am österreichischen Ufer heim. Schnell waren auch Lokalpolitiker von rechts außen mit vor-urteilenden Schnellschüssen zur Stelle, die von „slowakischen Banden“  wissen wollten, umgehend nach „massiver Überwachung“ der Grenze riefen und die Gründung einer „Bürgerwehr“ in den Raum stellten. Sogar das Schengen-Abkommen sollte nach ihrem Willen außer Kraft gesetzt werden.

Die Realität war weit weniger spektakulär. Tatsächlich hatten sich die Einbrüche in die Hütten der Marchfischer gehäuft und der Schaden war beträchtlich. Es waren aber keine „slowakischen Banden“ am Werk und das „Phantom“ war mit Hilfe von Wildkameras schnell enttarnt. Alles in allem ein relativ normaler, grenzüberschreitender Polizeieinsatz, der Innenministerin fairerweise eine Ehrung für österreichische und slowakische Beamte (2) wert, von Banden keine Spur und noch weniger ein Grund, slowakische Menschen unter Generalverdacht zu stellen.

Den notorischen „Scharfmachern“ und Brückengegnern stromauf, stromab ins Stammbuch: Kriminelle brauchen nicht unbedingt eine Brücke für ihre Jobs; Menschen hüben und drüben dagegen schon, um einander näher zu kommen und Vorurteile abzubauen.

 

(1) Wikipedia  (2) Bundesministerium für Inneres

 

Auf der vergilbten Ansichtskarte lese ich: „Dimvár – Dimburg“ und „ Czigány-tanya – Zigeuner-Ansiedlung“.  Sie ist ein rares Bilddokument der Existenz von Roma in oder besser gesagt am Rande von Suchohrad. Sonst gehören Sinti und Roma in der Slowakei nicht zu den Postkartenmotiven.

Lustig ist das Zigeunerleben…damals wie heute nicht. Bild: © unbekannt

Lustig ist das Zigeunerleben…damals wie heute nicht. Bild: © unbekannt

Es wird kaum das Anliegen des Fotografen gewesen sein, mit seinem Bild auf die sozialen Bedingungen der „Zigeuner“ hinzuweisen oder sich gar kritisch mit ihren Lebensumständen auseinanderzusetzen. Vielleicht wollte er einfach nur mit seiner Kamera „Romantik“ einfangen, wie sie Johann Strauss mit seinem von der Realität im k. u. k. Imperium unendlich weit entfernten „Zigeunerbaron“ ein paar Jahre zuvor salonfähig gemacht hatte.

Wir werden die Gedanken des Kameramanns nie erfahren, aber wir wissen um die Existenz von Roma und Sinti oder Cigáni, wie sie sich oft selbst nennen, in der Slowakei. Wer sich dafür mehr interessiert, kennt auch ihre trostlose Situation, beispielsweise in den Schulen und auf dem Arbeitsmarkt, und weiß, dass „ Integration“ und „Inklusion“ nur schöne neue Begriffe sind. Aber wer weiß schon, dass sich viele von ihnen bei Volkszählungen scheuen, sich zu ihrer ethnischen Herkunft zu bekennen, weil sie Nachteile befürchten? Beim Zensus 2011 wurden 2 % Roma (1) „gezählt“. Das wären bei rund 5,4 Millionen Einwohnern knapp 110.000. In Wahrheit liegt ihre Zahl bei fast 600.000. Sie leben in rund 500 Roma-Slums, meistens im Osten des Landes. Ein Drittel gilt als Analphabeten. Weniger als zehn Prozent haben feste Arbeit, 80% sind von Sozialhilfe abhängig.

Eine Slowakin, Sozialamtsleiterin einer mittelgroßen Stadt, gab mir kürzlich ein Beispiel, wie die „Integration“ der „Zigeuner“ im Alltag der Slowakei des Jahres 2013 aussieht. Eine slowakische Tochter, die einen Rom oder Sinto heiraten wollte, bekäme zu hören: „Ein Zigeuner? Niemals! Dann noch lieber einer aus dem Kongo!“

So dreht sich die Spirale gegenseitiger Abneigung zwischen „Schwarzen“ (Zigeunern) und „Weißen“ (Slowaken) bis heute unaufhörlich weiter, schlägt oft sogar in blanken Rassismus um.

Viele Roma und Sinti verdienen ihren Lebensunterhalt und den ihrer oft vielköpfigen Familien mit Tätigkeiten, an die hierzulande niemand mehr auch nur denken mag. Wir kennen höchstens die, die mit ihren Kleintransportern von einem Sperrmüllhaufen zum nächsten fahren auf der Suche nach wiederverwertbaren Resten der Wohlstandsgesellschaft.

Einige halten sich als Kleinkriminelle über Wasser. Das ist in einem Staat, wo das soziale Netz sehr weitmaschig gewoben ist, nicht weiter verwunderlich. Armut und Kriminalität wohnen nun mal dicht beieinander. Welchen Ausweg sehen Menschen, deren Siedlungen mit Mauern umgeben werden, also signalisiert bekommen, ausgeschlossen zu sein, denen Wasser und Strom abgedreht werden, die in Wirtshäusern und Kirchen unerwünscht, ständig von Vertreibung oder Zwangsaussiedlung bedroht sind, obwohl sie schon immer Mitbürger sind? Mitbürger, die allerdings auch schon immer draußen am Rand gehalten wurden, wie auf dem Postkartenbild.

Diesen unwillkommenen Nachbarn wirft man nun vor, nichts beizutragen zum Wohlstand der Gemeinde; man hält ihnen vor, auf Kosten anderer zu leben und nichts arbeiten zu wollen, nimmt ihnen aber gleichzeitig die letzten traditionellen Möglichkeiten, indem man ihnen etwa verbietet, auf Kirtagen Musik zu machen. So geschehen im nahe gelegenen Plavecký Štvrtok.

Wer Menschen als „niedrige Wesen“ und als „schädlich“ behandelt, darf sich nicht wundern, wenn sich ihr Ehrgeiz, der herrschenden Gesellschaft zu dienen, in engen Grenzen hält.

Für jahrzehntelang verschleppte soziale Probleme gibt es keine einfachen und schon gar keine schnellen Lösungen, aber was auch immer EU, Regierung, Landkreise oder Kommunen an Initiativen ins Auge fassen, es können nur gemeinsame und vor allem humane Lösungsansätze sein. Das mag leicht dahingesagt scheinen, aber welche Alternative sollte es sonst geben, als Menschen wie Menschen zu behandeln?

„Rom“ ist übrigens nicht nur das politisch korrekte Wort für „Zigeuner“. „Rom“ heißt auch „Mensch“…

(1) lt. Wikipedia

Mehr über das wenig lustige slowakische Zigeunerleben in der ausgezeichneten Dokumentation von arte (mit deutschen Untertiteln):

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4                              

Dazu noch eine Buchempfehlung: Karl-Markus Gauß, Die Hundeesser von Svinia, dtv-Taschenbuch, 2006, € 8,90.

***

Karolov dvor: Von adeliger Lust und harter Arbeit

 Wie in unserer Gegend üblich, haben auch hier adelige Großgrundbesitzer von alters her das Land unter sich aufgeteilt. In Dolne Záhorie (Untere Záhorie) hatte seit 1621 die Familie Pálffy das Sagen. Karl Pálffy fand an dem wildreichen und fruchtbaren Land an der March Gefallen und ließ 1780 den Meierhof Karolov dvor (Karóhaus, Karlhaus) bauen. Rund um den Gutshof entstand im Lauf der Zeit eine kleine Siedlung. Es gab zwei Bäckereien, eine Brennerei, einen Schmied, später angeblich sogar eine Kegelbahn und eine Mädchenschule.

1918 brannte der Meierhof nieder, das umliegende Land wurde 1922 und 1931 parzelliert. 1950 entstand eine landwirtschaftliche Kooperative hart arbeitender Menschen mit wenig Verständnis für den Lebensstil der Gutsherren vergangener Tage. Demzufolge wurden die Gebäude den neuen Gegebenheiten angepasst und umgebaut. Heute sind nur noch der Haupteingang, die Keller und die ehemalige Kornkammer erhalten geblieben.

Auf dem Dach des Turms prangt noch immer die Skulptur eines Hirsches als offensichtliches Zeichen ausschweifender gutsherrlicher Jagdleidenschaft.

Links: „Durchlaucht“ hielt es wohl für originell: Hirsch-Skulptur auf dem Dach von Karolov dvor. Bild: obec Suchohrad                                                                                                          Rechts: Skurriles Denkmal für adeliges „Vergnügen“. Bild: © Don.Ebro / Panoramio

Links: „Durchlaucht“ hielt es wohl für originell: Hirsch-Skulptur auf dem Dach von Karolov dvor. Bild: obec Suchohrad Rechts: Skurriles Denkmal für adeliges „Vergnügen“. Bild: © Don.Ebro / Panoramio

Absurder Adelskult im einstigen Machtbereich des Pálffy-Clans: Im 15 Kilometer entfernten Baumgarten an der March  ließ sich ein Spross der Pálffys ein Denkmal setzen, auf dem zu lesen ist: „Hier erlegte weiland seine Durchlaucht Nicolaus Fürst Pálffy am 24. September 1934 den letzten Hirsch“.   

Wenn’s nicht tatsächlich der allerletzte stolze Geweihträger im Revier gewesen sein sollte – die nachfolgenden werden es „Durchlaucht“ zu danken wissen.

***

 

(wird fortgesetzt)

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Eine Antwort zu Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 5

  1. Roni Grosz schreibt:

    Meine Familie stammt mütterlicherseits aus Záhorská Ves. Die gängige Bezeichung war definitiv Ungereigen in Deutsch, Uhorská Ves in Slovakisch und Magyarfalu in Ungarisch.

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