Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 6

(Fortsetzung von Teil 5)

Kostolište: Geburtsort der modernen Malerei

Jakubov WappenEin langgestrecktes Straßendorf, ein Fischteich, das sind die auffälligsten Merkmale von Jakubov (slowakisch bis 1927 auch Jakubové, deutsch Jakobsdorf, ungarisch Nagyjakabfalva, bis 1907 Jakabfalva). 1703 war das Dorf komplett niedergebrannt und erholte sich nur langsam von dieser Katastrophe. Erst 1720 wird von einer Mühle berichtet, die 22 Menschen Arbeit gab.

Kostolište WappenÄhnlich mäßig interessant erscheint auf den ersten Blick Kostolište (slowakisch bis 1948 Kiripolec, bis 1927 Kiripolce, deutsch Kirchenplatz, ungarisch Egyházhely, bis 1907 Kiripolc) und doch verbirgt sich hinter den meist schmucklosen Fassaden die spannende Geschichte starker Menschen.

Im Jahr 1820 lehnten sich die Einwohner von Kostolište gegen die zunehmende Unterdrückung durch die Feudalherren auf. Die Großgrundbesitzer hatten die Bewohner, die hauptsächlich von Feldarbeit und vom Köhlerhandwerk lebten, als Leibeigene behandelt.

Martin Benka (rechts) gilt als einer der bedeutendsten Expressionisten der Slowakei. Sein Geburtshaus steht in Kostolište. Bild: Alej Martina Benku Kostolište

Martin Benka (rechts) gilt als einer der bedeutendsten Expressionisten der Slowakei. Sein Geburtshaus steht in Kostolište. Bild: Alej Martina Benku Kostolište

Kostolište ist auch der Geburtsort eines der bedeutendsten Künstler der Slowakei, des expressionistischen Malers, Grafikers und Illustrators Martin Benka. Er kam am 21. September 1888 als jüngstes von fünf Kindern zur Welt. Sein Vater war Zimmermann und hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, während die Mutter neben der Betreuung der Großfamilie auf den umliegenden Feldern schuftete.

In Hodonín erhielt Martin Benka seine erste künstlerische Ausbildung. Bald zog es ihn in als freischaffenden Künstler nach Prag, wo er gemeinsam mit Ľudovít Fulla, Mikuláš Galanda und dem Tschechen Jaroslav Vodrážka die moderne slowakische Malerei begründete.

Mitte der 1930er Jahre begann Benka sich auch für die Gestaltung von Briefmarken zu interessieren. Als nationalbewusster Slowake kehrte er 1939 in die neugegründete Slowakei zurück und ließ sich in Martin nieder, wo er eine Kunstschule leitete. Beeinflusst von Volkskunst, malte er vor allem Motive aus dem Leben einfacher Leute. Immer auf der Suche nach den charakteristischen Farben, Formen und Inhalten der Slowakei, reiste Martin Banka durch das Land, thematisierte und dokumentierte das Landleben und die Natur in seinen Werken. Viele seiner Werke entstanden spontan außerhalb seines Ateliers.

Martin Benka, Slovenská rodina - Slowakische Famile, 1938. Bild: SOGA

Martin Benka, Slovenská rodina – Slowakische Famile, 1938. Bild: SOGA

Zeitweise war Benka Mitglied im slowakischen Nationalrat. Während des 2. Weltkriegs versteckte er in seinem Atelier Soldaten und Widerstandskämpfer.

Martin Benka starb am 28. Juni 1971 in Malacky.

In seinem Geburtshaus in Kostolište, dem heutigen Haus Nr. 203, ist ein kleines Museum eingerichtet.

 

***

Malacky: Verzweifelte Proteste gegen unmenschliche Systeme

Malacky WappenMalacky (deutsch Malatzka, veraltet auch Kirchlee/Kyrchle, ungarisch Malacka), Partnerstadt von Gänserndorf,  ist bestimmt kein traurigerer Ort als anderswo in der Slowakei. Und doch schwebt für mich über dieser Stadt eine Traurigkeit, wie ich sonst nirgendwo empfunden habe. Zu bewegend sind die „Stories“, die ich auf meiner Reise hier aufgelesen habe.

„Ihr Bürokraten! Ja, ich habe ein paar Sachen verschlampt, aber diese Strafen und Steuern bringen selbst ein Pferd um. Ich kann nicht mehr. Wenn ihr irgendeinen guten oder gesunden Teil an meinem Körper findet – ihr könnt ihn euch nehmen! Ich brauche kein Grab. Ich konnte mich ja nicht einmal um das meines Bruders kümmern. Dovidenia“.  (1)

Schon seit Wochen trug František schwer an seinen Gedanken. Seit dem Augenblick, wo ihm der Steuerbescheid ins Haus geflattert war, sind sie immer trüber geworden. Bis nur noch Verzweiflung in ihm und um ihn war.

František war keiner, der seine Sorgen zur Schau trug, wollte niemanden belasten, nicht einmal seiner Frau und seinen beiden Töchtern sagte er, wie es um ihn stand.  Stattdessen zog er sich immer mehr zurück. In den Schuppen. Zum Basteln, wie er sagte. Endlich ein Ziel.

Auch der Finanzbeamte hatte František ein Ziel gesetzt. Ein Zahlungsziel.

Beide Ziele trafen sich am frühen Morgen des 7. Mai 2002 vor dem Büro der Steuerbehörde von Malacky.

František stellte das Paket auf die Erde. Nur leicht zitterten seine Hände beim Öffnen. Alles andere ging flott. Allzu oft hatte sich František die Szene in Gedanken ausgemalt.

Jetzt noch der Zettel mit dem Abschiedsbrief. František legte sich daneben, den Kopf genau unter dem Fallbeil, das er in den letzten Wochen im Schuppen gebastelt hatte. Ein kurzes Ziehen an der Schnur…

František war 56 Jahre alt geworden, ehe er am System verzweifelte, am System und an einer Steuerschuld von 40.000 Kronen. (2) 

 

(1) Reuters; The Slovak Spectator vom 27. Mai 2002   (2) im Mai 2002 rund  € 800

 

Verzweiflung und Ausweglosigkeit haben wohl auch Stefan Lux angetrieben, jenen tschechoslowakisch-jüdischen Künstler und Journalisten aus Malacky, der sich 1936 in Genf vor den versammelten Abgeordneten des Völkerbundes, des Vorläufers der heutigen UNO, erschoss.

Stefan Lux erschütterte 1936 mit seinem öffentlichen Suizid die Weltöffnetlichkeit. Bild: © unbekannt / lidovky.cz

Stefan Lux erschütterte 1936 mit seinem öffentlichen Suizid die Weltöffentlichkeit. Bild: © unbekannt / lidovky.cz

Es war seine persönliche Art radikalen Protests gegen die Judenverfolgung im Deutschen Reich. Lux hatte sich mit einer Presse-Akkreditierung Zutritt zu einer Generalversammlung des Völkerbundes verschafft. Nach einer Rede des spanischen Außenministers Augusto Barcía Trelles betrat Lux am Vormittag des 3. Juli 1936 den Plenarsaal, richtete einige Worte an die versammelten Diplomaten und den belgischen Sitzungspräsidenten Paul van Zeeland, zog einen Revolver und schoss sich in die Brust. In einem Genfer Krankenhaus erlag er am Abend seiner schweren Verletzung.

Zu seiner Beerdigung waren zahlreiche internationale Politiker und Prominente gekommen. Die britische Zeitung The Guardian schrieb: „Stefan Lux, was können wir zu Ihrer Tat sagen? Unnötig war sie, vielleicht, doch heldenhaft. Vor Ihrem Sarg schwören wir, dass wir nie die menschliche Solidarität aufgeben werden, für die Sie Ihr Leben geopfert haben, und dass wir angesichts der Verbrechen nicht schweigen werden.“ Nahum Goldmann, der spätere Gründer des Jüdischen Weltkongresses, schrieb 1937: „Es wird der Tag kommen, da wird man Stefan Lux in Deutschland ein Denkmal bauen.

Stefan Lux wurde am 11. November in Malacky geboren. Nach Schulbesuch in Bratislava und Jus-Studium in Budapest wandte er sich den schönen Künsten zu. Als Schauspieler erhielt er verschiedene Theaterrollen auf Bühnen in Berlin und Wien. Unter dem Pseudonym Peter Sturmbusch veröffentlichte er Gedichte und Liedtexte, die unter anderen von Otto Siegl und Erwin Bodky vertont wurden. 1920 führte er Regie im Spielfilm Gerechtigkeit, der als eine der ersten Leinwandproduktionen den um sich greifenden Antisemitismus thematisierte. Neben Ernst Deutsch und Fritz Kortner ist in der Hauptrolle der bekannte österreichisch-jüdische Schauspieler Rudolph Schildkraut zu sehen, der noch im selben Jahr in die USA auswanderte.

Lux selbst zog nach Prag und gründete dort ein Theater. Anfang der 1930er Jahre wurde Lux zunehmend politisch aktiv und schrieb als Journalist in verschiedenen Publikationen und Zeitungen vehemente Aufrufe zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

In der deutsch-französischen Verfilmung des von Rolf Hochhuth verfassten Dokumentarschauspiels Der Stellvertreter von Costa-Gavras wurde Stefan Lux ein filmisches Denkmal gesetzt.

Die örtliche Touristeninformation von Malacky bemüht sich zwar nach Kräften, ihren Gästen verschiedene Rundgänge schmackhaft zu machen, die sind aber nur zu empfehlen, wenn man gut zu Fuß ist, denn die 17.000-Einwohner-Stadt erweist sich als überraschend weitläufig.

Trotz der wenig reizvollen Nachbarschaft eines Supermarkts ist die Synagoge auf jeden Fall einen Besuch wert. Sie ist eine der Schönsten und Besterhaltenen in der Slowakei. Im Jahr 1900 nach den Plänen des Wiener Architekten Wilhelm Stiassny auf dem Platz der abgebrannten alten Synagoge gebaut, ist das im maurischen Stil gehaltene Gebäude mit seinen zwei Türmen, den hufeisenförmigen Bögen und den gelb-roten Streifen das exotischste Bauwerk der Stadt.

Die Synagoge von Malacky bietet eine reich detaillierte Holzkassettendecke. Bild: © Ruth Ellen Gruber / Jewish Heritage Europe

Die Synagoge von Malacky bietet eine reich detaillierte Holzkassettendecke. Bild: © Ruth Ellen Gruber / Jewish Heritage Europe

Die Synagoge dient heute der Stadt als Kunstschule. Der untere Teil des nunmehr zweigeteilten ehemaligen Andachtsraums dient als Werkstatt, im oberen Teil ist ein Konzertsaal eingerichtet. Viele architektonische Elemente sind erhalten geblieben, wie etwa  gusseiserne Säulen und eine bemerkenswerte Holzkassettendecke. Ursprünglich stand die Synagoge in einer Wohngegend, in der vor dem zweiten Weltkrieg die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde lebten. Die Wohnhäuser sind verschwunden und jüdisches Leben gibt es schon lange nicht mehr.

Die Gedanken an die verloren gegangene einstige kulturelle Vielfalt stimmen nachdenklich und traurig. Trotzdem bleibt Bewunderung, dass der Synagoge auch während der angeblich religionsfeindlichen Zeit des Sozialismus Respekt entgegengebracht worden war. Im benachbarten „christlichen“ Weinviertel war man da weniger sensibel. Die zwar desolate, aber im Kern gesunde und vor allem architektonisch wertvolle Synagoge von Mistelbach wurde noch Mitte der 1970er Jahre gnadenlos geschleift.

Ich würde der Stadt Unrecht tun, wenn ich sie in meiner Erinnerung als Ort von  Trauer und Wehmut behielte. Ein Spaziergang durch den Schlosspark von Malacky mit der „Zeitmaschine“ (stroj času) sorgt für einen versöhnlichen Abschied.

 

***

 

Kuchyňa: Außenposten der „Weltpolizei“

Kuchyňa WappenKuchyňa, das deutsche Kuchel bzw. ungarische Konyha liegt eingebettet am Fuß der Kleinen Karpaten (Malé Karpaty).

Früher gab es hier ein Bergwerk, in dem Stibnit abgebaut wurde, ein Mineral mit einem hohen Anteil an Antimon, einem seltenen Metall, das unter anderem zur Härtung von Blei- und Zinn-Legierungen verwendet wird. Sonst viel Grün rundum – und jede Menge Lärm aus dröhnenden Düsentriebwerken, denn hier liegt einer der wichtigsten Militärflugplätze der Slowakei. Es zittert förmlich die Luft, wenn der Stolz der slowakischen Luftwaffe, die Mig-29 AS, abhebt.

Das gesamte Militärgelände wurde in den 1920er Jahren auf den Landgütern des ungarischen Großgrundbesitzers Pálffy eingerichtet und war bis 1989 nur wenig zugänglich. Während des 2. Weltkriegs nutzte es die deutsche Wehrmacht. Außer der tschechoslowakischen bzw. ab 1993 der slowakischen Armee übten hier auch sowjetische Truppen während der Zeit der Warschauer Vertragsorganisation („Warschauer Pakt“).

Inzwischen starten und landen auf der Malacky Airbase Kuchyňa auch zahlreiche ausländische Kampfjets, denn die Slowakei ist seit 2004 Mitglied der NATO.

Soldaten der U.S. Air Force beim Aufmunitionieren eines F-16 Kampfjets auf der Malacky Airbase. Bild: © Mitch Fuqua / USAF

Soldaten der U.S. Air Force beim Aufmunitionieren eines F-16 Kampfjets auf der Malacky Airbase. Bild: © Mitch Fuqua / USAF

Wenn Umweltbewusste schon beim Start eines Kampfjets graue Haare bekommen angesichts der Unmengen an CO2, die dabei in die Luft geblasen werden, so dürfte sich ihnen ein paar Kilometer weiter der Magen vollends umdrehen, denn hier am Rand des Naturschutzgebiets liegt auch die Kuchyňa Air Shooting Range, eine Übungsanlage für Luft-Boden-Waffen und Bomben bis 500 kg Sprengkraft (Quelle:Rat der EU). Dahinter erstreckt sich der Truppenübungsplatz Záhorie.

 

***

 

(wird fortgesetzt)

 

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