Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 7

(Fortsetzung von Teil 6)

 

Plavecký Štvrtok: „Spezialitäten“ für Wiener Vögel

Plavecký Štvrtok WappenMit dem Zug sind es von Malacky nach Plavecký Štvrtok (deutsch Zankendorf oder Blasenstein-Zankendorf, ungarisch Detrekőcsütörtök) nur fünf Minuten.

Die Bahnstrecke von Skalica über Kúty nach Devínska Nová Ves war 1891 von der ungarischen Staatsbahn eröffnet worden. Zwischen Devínska Nová Ves und Bratislava hatte es schon 1848 eine Eisenbahnverbindung als Teil der Strecke Wien – Bratislava gegeben. Nach Konstituierung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 gehörte die Verbindung von Böhmen und Mähren mit der Slowakei zu den wichtigsten Aufgaben des jungen Staates. Eines der vorrangigen Projekte war die Anbindung von Bratislava an Brünn und Prag. Bis 1921 wurde die Strecke Devínska Nová Ves – Kúty gemeinsam mit der anschließenden Lokalbahn nach Břeclav zweigleisig ausgebaut und 1967 elektrifiziert.

Entlang der March war 1984 übrigens auch der Präsident der Demokratischen Volksrepublik Korea Kim Il-sung während einer Reise durch die europäischen RGW-Staaten unterwegs. Da die Bahnstrecke nahe der Grenze verläuft, musste der Sonderzug  auf dem linken Gleis Richtung Bratislava gleichzeitig von einem beladenen Güterzug auf dem rechten, der österreichischen Grenze näher liegenden Gleis begleitet werden. Dieser hätte als Schutzschild gegen allfällige Angriffe dienen sollen.

Uns erwartet in Plavecký Štvrtok kein Empfang wie für einen Staatsgast, dafür ein kleiner, mit Graffiti verzierter Bahnhof. Naturliebhaber wandern nicht gleich ins Dorf, sondern in das entlang der Bahnstrecke gelegene Natura 2000-Gebiet Bezodné (auch Bezedné) mit einem Moor, einem See und der entsprechenden Wasser- und Sumpfvogelpopulation.  

Mit der Natur haben auch die Mravenčári zu tun, wenn auch nicht unbedingt als deren Liebhaber. Ihre zweifelhafte Spezialität: Sie plündern die Nester der Ameisen und verkaufen Larven und Puppen, fälschlich „Ameiseneier“ genannt, an Tierhandlungen als proteinreiches Vogelfutter. Zweifelhaft ist das deshalb, weil manche Ameisenarten geschützt sind.  Angeblich sollen vor allem Wiener zu den besten Kunden der Mravenčári aus Plavecký Štvrtok zählen oder gezählt haben, denn ob dieses „Gewerbe“ heute noch trotz strenger Naturschutzgesetze ausgeübt wird, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Der Begriff kommt jedenfalls von mravec, dem slowakischen Wort für Ameise. Er ist inzwischen  zum Spitznamen für den ganzen Ort geworden.

Ameisler bei der Arbeit. Die „Beute“ der Mravenčári aus Plavecký Štvrtok fand vor allem unter Wiener Vogelfreunden reißenden Absatz. Bild: © Irmela Schautz / Der Spiegel

Ameisler bei der Arbeit. Die „Beute“ der Mravenčári aus Plavecký Štvrtok fand vor allem unter Wiener Vogelfreunden reißenden Absatz. Bild: © Irmela Schautz / Der Spiegel

Solche „Ameisler“ gab es übrigens auch in Teilen Niederösterreichs bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.Zweimal im Jahr traf man sich mit dem Vogelfutterhändler aus Wien, der extra angereist kam. Noch in den 1920er Jahren verdiente mancher Ameisler besser als ein Maurer.

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Vom  Bahnhof ist man in ein paar Minuten im Zentrum des bei Ausflüglern aus Bratislava beliebten Orts. Ein sauber gepflasterter Dorfplatz, eine frisch renovierte Kirche, ein Holzbildhauer mit Vorliebe für monumentale Heiligenfiguren, Kieferwäldchen, ein Badeteich… Ein romantisches Plätzchen – wäre da nicht auch die „Kolonie“, eine der elendsten Roma-Siedlungen der Westslowakei.

Hier leben etwa 600 Roma in rund 100 Häusern. Im Dorfwirtshaus bekommt man schon mal die ganze Palette der gängigen Klischees zu hören. Sie seien schlimmer als alle anderen Roma. Nicht einmal musizieren würden sie. Das stimmt zwar, aber sie haben auch keine Möglichkeit, mit ihrer Musik Geld zu verdienen, seit man sie vom Kirtag und anderen Festen unter Androhung von Gewalt ausgeschlossen hat.

Was sagt der Bürgermeister von Plavecký Štvrtok Ivan Slezák zu dem wachsenden Aggressionspotenzial in seiner Gemeinde? Nicht viel. Als ehemaliger Angestellter des slowakischen Erdgaskonzerns NAFTA ist er eher ein Mann der Tat. NAFTA speichert in der Gegend um Plavecký  Štvrtok große Mengen an Erdgas. Eine Pipeline führt unterirdisch durch das Gemeindegebiet. Das bedeute Gefahr für die „Kolonie“ und daher müsse sie verschwinden.

Schon die ersten Meldungen aus Plavecký Štvrtok im Sommer 2010 von einer geplanten Vertreibung der Roma sorgten für internationales Aufsehen. Menschenrechtsorganisationen, allen voran Amnesty International, nahmen sich der Thematik an und richteten ihre wachsamen Augen monatelang auf die „Kolonie“. Aufgescheucht durch Medienberichte im In- und Ausland besuchten sonst eher inaktive slowakische Politiker das Dorf.

Die Eindrücke, die sie gewinnen konnten, waren niederschmetternd: Berge von Müll, Hütten aus Wellblechplatten, Holzbrettern und unverputzten Ziegelmauern. Ein Haus mit zwei oder drei Räumen beherbergt durchschnittlich zehn Menschen. Die Arbeitslosigkeit in der „Kolonie“ liegt bei 100 Prozent. Es gibt keine Kanalisation, keine moderne Heizung, keine Pflasterung. Das Trinkwasser wird illegal von Hydranten gezapft, der Müll verrottet in matschigen Gassen, Exkremente schwemmt der Regen weg. Einmal im Jahr schickt die Gemeinde einen Radlader, der den Müll wegräumt.

Das Verhältnis zwischen den „Schwarzen“ und den „Weißen“, zwischen Roma und Slowaken, ist von beidseitigem tiefem Unverständnis geprägt. Die „Weißen“ in der westlichen Slowakei, dem Wirtschaftsmotor des Landes, bauen Häuser, konsumieren. Sie haben den Kapitalismus der vergangenen Jahrzehnte eingesogen. Den „Schwarzen“ scheint der Wandel gleichgültig zu sein. „Demokratie ist nur was für Reiche“, sagen sie.

Das plötzlich erwachte Interesse der Öffentlichkeit an den Roma von Plavecký Štvrtok sorgte nicht etwa dafür, dass den Roma menschenwürdige Wohnungen zur Verfügung gestellt worden wären. Die „Kolonie“ mit einem zwei Meter hohen, rostigen Eisenzaun zu umgeben, kam billiger.

Auch die Staatsmacht erzeugt durch oft übertriebene Härte keinen Klimawandel zum Besseren. Bei einem ihrer gefürchteten Einsätze verschafften sich maskierte Polizisten in der „Kolonie“ gewaltsam Zutritt zu Häusern und prügelten Berichten zufolge auf Männer, Frauen und Kinder ein. Angeblich fahndeten sie nach drei Männern. Einer Mutter wurde von sieben maskierten Polizisten, die Tür eingetreten. Ihre zehnjährige Tochter erlitt einen epileptischen Anfall, als die Polizeibeamten ihre Mutter aus dem Bett zerrten.

Die Roma-Kinder von Plavecký Štvrtok leben nur 30 km von Bratislava, 60 km von Wien, aber unendlich weit entfernt von fairen Bildungschancen. Bild: © Luttenberger / Caritas

Die Roma-Kinder von Plavecký Štvrtok leben nur 30 km von Bratislava, 60 km von Wien, aber unendlich weit entfernt von fairen Bildungschancen. Bild: © Luttenberger / Carit

Was soll aus diesem Konglomerat an Elend und Aggressivität schon werden, außer weiterem Elend, noch mehr Aggressivität? Die Hoffnung der Roma sind ihre Kinder. Bildung könnte helfen, aber sie ist für sie kaum erreichbar, denn noch immer werden selbst die talentiertesten Roma-Kinder in Sonderschulklassen gesteckt. Und auch wenn ein junger Rom oder eine junge Romni eine Berufsausbildung abschließt: auf dem Arbeitsmarkt will sie kaum einer haben.

Weiterführende Infos: Roma-Service ; DerStandard        

 

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Láb: Zwischen Steinzeit und Internet

Láb WappenDie erste nachgewiesene Siedlung auf dem Gemeindegebiet von Láb (deutsch Laab, ungarisch Láb) stammt aus der Jungsteinzeit, also um 5000 bis 2200 vor unserer Zeitrechnung. Bei archäologischen Grabungen wurden auch Reste einer slawischen Besiedelung aus dem 8. und 9. Jahrhundert gefunden.

Das Land an der March war schon immer sehr fruchtbar. Die Landwirtschaft, insbesondere der Gemüseanbau, hat daher in Láb von alters her einen hohen Stellenwert. Bild: YouTube

Das Land an der March war schon immer sehr fruchtbar. Die Landwirtschaft, insbesondere der Gemüseanbau, hat daher in Láb von alters her einen hohen Stellenwert. Bild: YouTube

Láb ist eine der wenigen Gemeinden der Westslowakei, die das Internet neben ihrer offiziellen Webseite zu einer Präsentation ihrer Besonderheiten nutzen. Einen schönen Eindruck vom Dorf, seiner Geschichte und dem Leben in dieser überaus grünen Region vermittelt das ganz und gar nicht „steinzeitliche“ Video.

 

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Zohor: Wiege eines Nationalkünstlers

Zohor WappenZohor (deutsch Sachern) ist ein Bahnknotenpunkt, der allerdings stark an Bedeutung verloren hat. Eine Linie verläuft seit 1911 in Richtung Nordosten entlang der Kleinen Karpaten nach Plavecký Mikuláš. Der Personenverkehr wurde 2003 eingestellt, der Güterverkehr ist jedoch relativ intensiv, vor allem wegen zahlreicher Holztransporte, wegen eines Zementwerks in Rohožník und des Militärflugplatzes bei Kuchyňa.

Die nordwestliche Strecke nach Záhorská Ves wurde ebenfalls noch zur Zeit des Königreichs Ungarn gebaut. Im Februar 2003 wurde der Personenverkehr eingestellt, aber schon im Juli 2003 zuerst von der privaten Firma BRKS – Bratislavská regionálna koľajová spoločnost’ (Bratislavaer regionale Schienengesellschaft), später vom staatlichen Unternehmen ZSSK – Železničná spoločnosť Slovensko (Eisenbahngesellschaft Slowakei AG) wieder aufgenommen. Diese Linie hatte besondere Bedeutung für die 1947 geschlossene Zuckerfabrik von Záhorská Ves.

Der slowakische Nationalkünstler Albín Brunovský ist ein echter Záhoráci aus Zohor. Bild: TASR / kultura.pravda.sk

Der slowakische Nationalkünstler Albín Brunovský ist ein echter Záhoráci aus Zohor. Bild: TASR /

Zohor ist auch der Geburtsort von Albín Brunovský. Der 1935 geborene, später mit dem seltenen Titel „Nationalkünstler“ ausgezeichnete Maler, Illustrator, Grafiker, Exlibris- und Briefmarkenkünstler lehrte als Professor an der Kunstakademie in Bratislava und wurde dort 1989 Rektor. 1990 zog er sich aus dem akademischen Betrieb zurück, um ausschließlich künstlerisch tätig zu sein. Er schuf die letzte Banknotenserie der ČSSR und kreierte zwischen 1964 und 1990 unter anderem etwa 30 Briefmarken. Sein künstlerisches Werk, das auch die Illustration von Kinderbüchern umfasst, erstreckt sich zwischen grandiosem, surrealen Absurdismus und einer unbestreitbaren Wertschätzung für die Natur. Albín Brunovský starb 1997 in Bratislava.

 

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(wird fortgesetzt)

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