Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 8

(Fortsetzung von Teil 7)

 

Vysoká pri Morave: Bis an die Grenze(n)

Vysoká pri Morave WappenEr wird zwar in allen Ergebnislisten als ungarischer Sportler geführt, aber geboren ist er am 18. Juni 1881 in Vysoká pri Morave (bis 1948 slowakisch Hochštetno, deutsch Hochstetten oder Hochstätten, ungarisch Nagymagasfalu, 1888–1907 Magasfalu, bis 1882 Hochstettnó): der dreifache Olympiasieger und dreifache Weltrekordhalter Imrich Zoltán Halmaj, je nach der „nationalen Brille“ des Betrachters auch Zoltán Imrich Halmay, Zoltán Halmay oder Zoltán von Halmay genannt.

Seine ersten Schwimmversuche hat der Sohn eines ungarischen Beamten wohl in den Fluten der March unternommen. Sein erstes Rennen gewann er mit 14, dann übersiedelte die Familie nach Budapest.

Der hoch aufgeschossene, schlanke Junge entwickelte sich sehr bald zum größten Schwimmtalent des Königreichs Ungarn. Keine Frage, dass man ihn zu den 2. Olympischen Sommerspielen in Paris entsandte. Dort drehte der 18-jährige Newcomer mächtig auf und holte zweimal Silber über 200 Meter Freistil und 4000 Meter Freistil sowie einmal Bronze über 1000 Meter Freistil.

Zoltán Imrich Halmaj aus Vysoká pri Morave war zwischen 1904 und 1908 eine herausragende Erscheinung im europäischen Schwimmsport. Bild: Huszadik Század

Zoltán Imrich Halmaj aus Vysoká pri Morave war zwischen 1904 und 1908 eine herausragende Erscheinung im europäischen Schwimmsport. Bild: Huszadik Század

Damit war Zoltán Halmaj noch lange nicht auf dem Zenit seiner Leistungen. Vielmehr zeigte er noch jahrelang der Konkurrenz ihre Grenzen. Weltrekorde über 100 Meter sowie 50 und 220 Yards, 14 ungarische Meistertitel sowie Siege bei den englischen, deutschen und österreichischen Titelkämpfen sprechen für sich. Sein 1905 aufgestellter 100 Meter-Weltrekord hielt mehr als vier Jahre – bemerkenswert lange in einer Zeit, in der sich der Schwimmsport allgemein rasant entwickelte. Bemerkenswert war auch der ihm eigene Schwimmstil: er schwamm gleichsam „ohne Beine“. Umso kraftvoller setzte er seine Arme ein.

1904 war Zoltán Halmaj einer von wenigen Europäern bei den Spielen von St. Louis. Mit zwei Goldmedaillen über 50 Yards Freistil und 100 Yards Freistil kehrte er zurück. Dabei musste er über 50 Yards sogar zweimal antreten, da das „tote Rennen“ im ersten Finale nicht gewertet wurde.

1906 folgten die Jubiläumsspiele von Athen, die vom IOC nicht als Olympische Spiele, sondern nur als „Zwischenspiele“ anerkannt werden. Dort holte sich der Mann von der March Silber über 100 Meter Freistil und führte die ungarische Staffel über 4 x 250 Meter Freistil zu Gold.

Mit 26 Jahren startete Halmaj 1908 noch einmal in London und holte dort zweimal olympisches Silber über 100 Meter Freistil und mit der 4 x 200 Meter Staffel Freistil.

Zoltán Halmaj war über seine Schwimmerfolge hinaus ein sportliches Multitalent, glänzte auch als Athlet, Wasserballer, Ruderer und Fußballer und wurde einmal sogar ungarischer Meister im Rollschuhlaufen über 5000 Meter.

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn arbeitete er als Cheftrainer der ungarischen Schwimm-Nationalmannschaft. Zoltán Halmaj starb am 20. Mai 1956 in Budapest. Seine Geburtsstadt Vysoká pri Morave setzte ihm vor dem örtlichen Kulturhaus ein Denkmal.

*

Auch zwischen Hochstätten, dem heutigen Vysoká pri Morave und dem österreichischen Baumgarten an der March gab es einmal eine Fährverbindung, festgehalten auf Blatt 4658 der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme von 1873.

Auch zwischen Hochstätten, dem heutigen Vysoká pri Morave und dem österreichischen Baumgarten an der March gab es einmal eine Fährverbindung, festgehalten auf Blatt 4658 der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme von 1873.

Der Schutz der nationalen Grenzen … um den friedlichen Aufbau des Sozialismus in unserem Land zu gewährleisten … zum wirksamen Schutz der Landesgrenzen gegen das Eindringen von Feinden des Fortschritts … Pflicht eines jeden Bürgers, die nationalen Grenzen zu schützen.“

Martialisch-eindrücklich formulierte es die ČSSR im Gesetz Nr. 69/1951 über den Schutz der nationalen Grenzen, was es hier an der March zu verteidigen und zu schützen galt. Neben Devín, Záhorská Ves und Suchohrad ist Vysoká pri Morave  der exponierteste Ort an der Westgrenze. Entsprechend massiv waren in der Zeit des Sozialismus die staatlichen Maßnahmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es, als würde die Bewachung der Staatsgrenze an die Tradition der ČSR anknüpfen. Die erneuerte Finanzwache sicherte lange Abschnitte der tschechoslowakischen Staatsgrenze durch 5.600 Beamte. Ihre Hauptaufgabe war es, Schmuggel und illegale Grenzübertritte zu verhindern. Der Abschnitt zwischen der heutigen Slowakei und Österreich ermöglichte bis zum Sommer 1948 einen vergleichsweise einfachen illegalen Übertritt, obwohl schon im Mai 1948 die Bewachungsabteilung des Nationalsicherheitskorps entstanden war. Zwischen 1948 und 1950 sollen 23.354 Personen aus der Tschechoslowakei geflohen sein.

Ab Februar 1948 wurden Schritt für Schritt alle Einzelgehöfte und Wirtshäuser in der Nähe der Grenze aufgelassen. Über Personen, die die ČSSR illegal verließen, begann die Staatssicherheit (slowakisch Štátna bezpečnosť ŠtB, tschechisch Státní bezpečnost StB) detaillierte Aufzeichnungen zu führen. Das militärische Modell der Bewachung der Grenze wurde 1951 eingeführt.

Entsprechend dem zu Anfang erwähnten Gesetz wurden Grenzzonen (eine schematische Darstellung finden Sie HIER) errichtet. Die verbotene Zone begann bis zu zwei Kilometer von der Staatsgrenze entfernt. Sie wurde durch weiße Tafeln mit schwarzer Schrift „Vorsicht, verbotene Zone, kein Zutritt!“ gekennzeichnet. Die Tiefe der Grenzzone betrug bis zu sechs Kilometer. Das Grenzgebiet wurde von weißen Tafeln mit roter Schrift „Achtung, Grenzzone, Eintritt nur mit Genehmigung!“  bezeichnet.

Grundsätzlich gab es drei Zäune – der erste Zaun aus Stacheldraht war etwa zwei Meter hoch. Diese Sperre wurde in einigen Abschnitten auch vermint. Ein weiterer Zaun mit einer Höhe von 220 cm stand ab 1955 unter elektrischer Spannung von 3000 bis 6000 Volt. Der letzte Zaun diente als Barriere gegen freilaufende Tiere, damit diese nicht den elektrischen Zaun berührten. Zwischen den Zäunen gab es eine geeggte Zone von rund 20 Metern, um allfällige Spuren festzustellen.

Nur in den Dörfern  in unmittelbarer Nähe der Grenze, wie Vysoká pri Morave, war eine breitflächige Kontrollzone nicht möglich. Für das Aufspüren von Flüchtigen dienten hier ein Zaun, Stolperdrähte, die mit Signalraketen verbunden waren und Suchscheinwerfer.

Vysoká pri Morave damals und heute. Bilder: © Vendelin Nerád (links), © Lynne Fitz / Flickr (rechts)

Vysoká pri Morave damals und heute. Bilder: © Vendelin Nerád (links), © Lynne Fitz / Flickr (rechts)

Laut einer von der TIK Devinska Nová Ves aufgelegte Broschüre (1) wurde die slowakisch-österreichischen Grenze von elf Brigaden mit 278 Offizieren, 713 Unteroffizieren und 909 Grenzsoldaten bewacht. Letztere verfügten über Pistolen, Maschinenpistolen, Maschinengewehre, Gewehre und andere Waffen (Panzerfäuste etc.). Sie hatten Such- und Kampfhunde. Für die visuelle Überwachung des Areals gab es 72 Wachtürme. Besonders sensible Orte, etwa wo ein häufiges Überschreiten der Grenze festgestellt worden war, wurden hell beleuchtet. Bis 1953 wurden 4800 Schützengräben und 863 Tunnels errichtet.

Die Grenzsoldaten versuchten zunächst, die Unterstützung der lokalen Bevölkerung zu gewinnen. Sie organisierten Brigaden, die bei Bauvorhaben und in der Landwirtschaft halfen, führten Filme vor und veranstalteten andere Unterhaltungsprogramme. Viele Bewohner der Grenzregionen sahen in der Grenzbewachung eine Garantie für ihre eigene Sicherheit. Damit unterscheiden sie sich in ihrem Sicherheitsbedürfnis nicht wesentlich von den heutigen Menschen auf der „anderen Seite“, auch wenn die genannte TIK-Broschüre das als „durch die sozialistische Propaganda indoktriniert“ bezeichnet.

Neben den Grenzbewohnern soll sich der Grenzschutz eines Netzes von Informanten und Agenten bedient haben, die für ihre Dienste bezahlt wurden. Die TIK-Broschüre weiß von „176 Agenten und Informanten“,  die 1957  für die 11. Brigade gearbeitet haben sollen, angeblich auch auf österreichischer (!) Seite. So soll ein Gastwirt aus Kittsee mit Decknamen Norbert 165 Berichte übermittelt haben, für die er mit 39.250 Schilling honoriert worden sein soll.

Daneben habe es auch freiwillige „Aushilfs-Grenzsoldaten“ gegeben. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit habe „aus Beobachten und Herumlaufen“ bestanden – Ausdrücke, die allerdings im militärischen Sprachgebrauch nicht üblich waren. 

Der tatsächliche Kampfeinsatz der Grenzsoldaten stand unter Aufsicht eines Offiziers, der für politische Zuverlässigkeit und Disziplin seiner Truppe zuständig war und sein eigenes Netzwerk von Mitarbeitern organisierte.  

Die mehrfach genannte Broschüre der TIK Devinska Nová Ves bemüht sich zwar, über den „Eisernen Vorhang“ zu informieren, aber leider gelingt dieser Versuch nur unvollkommen, da sich zumindest bei der Übersetzung ins Deutsche zahlreiche Fehler eingeschlichen haben. So sind Ortsangaben teilweise missverständlich, Ortsnamen falsch geschrieben und mitunter verfällt die Broschüre in eine sehr einseitige Diktion. Fragwürdig erscheint vor allem die „Statistik“.

An der slowakisch-österreichischen Grenze seien „mehr als 62 Personen getötet“ worden, die wirkliche Zahl sei aber nicht bekannt. Anschließend wird aus einem „geheimen Befehl“ des Innenministers der ČSSR Karol Bacílek aus dem Jahr 1952 zitiert. Er habe darin angeordnet, „derartige ‚Agenten‘ sollten an unbekannten Orten, die nie von ihren Verwandten gefunden werden sollten, begraben werden.“  Von den Grenzschutzsoldaten seien etwa 648 Personen im Dienst gestorben, „die meisten von ihnen durch Selbstmord, tragische Ereignisse oder durch „freundliches Feuer“ anderer Soldaten [Eigenbeschuss]. Während Feuergefechten mit Flüchtlingen starben nur 12 von ihnen“.

Wer an einer ernsthaften Aufarbeitung der Ereignisse entlang der Marchgrenze Interesse hat, ist gut beraten, die TIK-Broschüre nicht als einzige Quelle heranzuziehen. Fundierte Information gibt es beispielsweise über das ÚPN – Ústav pamäti národa (Institut für nationales Gedenken) in Bratislava.

Im Zeitalter von EU und Schengen-Abkommen sind die einstmals befestigten Grenzen überflüssig geworden. Aus stark bewachten wurden grüne Grenzen. Das Projekt eines europäischen Grünen Bandes wurde während einer Sitzung der World Conservation Union (IUCN) und der Deutschen Gesellschaft für Naturschutz im ungarischen Nationalpark Fertö-Hanság im September 2004 begründet. Das Grüne Band soll helfen, den durch den „Kalten Krieg“ entstandenen, weitgehend naturnah belassenen Grenzstreifen quer durch Europa sowie Flora und Fauna zu erhalten.

 

(1) Austria-Forum  (2) Europäisches Grünes Band

 

***

 

Záhorská Ves: Süßes für die ganze Welt

Záhorská Ves WappenDie westlichste Gemeinde der Slowakei wurde zwar schon 1301 erwähnt, erscheint dann aber erst wieder 1557 in den Aufzeichnungen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert siedelten sich kroatische Kolonisten im Ort an. Erst seit 1948 heißt der Ort Záhorská Ves. Davor war eine Vielzahl von Bezeichnungen und Schreibweisen gebräuchlich von Magyarfalva über Uherskawecz, Magyarfalu, Uhorská Ves pri Morave, Uherska Mas, Uhorská Ves, bis zu den deutschen Bezeichnungen Ungaraiden und Ungereigen. (1)

Ursprünglich war der Ort vor allem für seine Schilfprodukte bekannt. Der Aufschwung kam 1870 mit der Eröffnung einer Zuckerfabrik nach Ungareigen, die kurz nach dem 1. Weltkrieg sogar die größte der Welt gewesen sein soll und täglich bis zu 10.000 Zentner Rüben verarbeiten konnte. (2)

Die Zuckerfabrik von Záhorská Ves auf einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Bild: © unbekannt / Swan Developments

Die Zuckerfabrik von Záhorská Ves auf einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Bild: © unbekannt / Swan Developments

Der in Ungaraiden erzeugte Zucker wurde über eine Holzbrücke zum Bahnhof nach Angern an der March und von dort mit der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn nach ganz Europa transportiert. Angern war damals mit einer Brennerei und der Teerfabrik Julius Rütgers (in jüngster Zeit durch hinterlassene Altlasten wieder ins Bewusstsein gerückt) ein nicht unbedeutender Industriestandort. (3)

Eine Brücke über die March zwischen Ungaraiden und Angern gab es bereits im 16. Jahrhundert. Sie wurde zwar immer wieder durch Eisstau oder Scharmützel zerstört und zwischenzeitlich durch eine Überfuhr ersetzt, aber auch immer wieder aufgebaut. Schon 1892 plante man eine Pferde-Eisenbahn über die hölzerne Brücke. Daraus wurde 1910 schließlich eine elektrisch (!) betriebene schmalspurige (700 mm) Werksbahn (4) (5) mit Personenverkehr. Die Lokomotiven kamen von Ganz & Cie. aus Budapest.

Blick über die Marchbrücke mit Werksbahngleis auf die Zuckerfabrik von Záhorská Ves, nach 1910. Bild: aus der Sammlung von Roman Jeschke

Blick über die Marchbrücke mit Werksbahngleis auf die Zuckerfabrik von Záhorská Ves, nach 1910. Bild: aus der Sammlung von Roman Jeschke

Der Plan einer neuen Stahlbrücke etwa 150 Meter stromaufwärts fiel dem Beginn des 1. Weltkriegs zum Opfer.

Nicht zuletzt wegen der wachsenden Bedeutung der Zuckerfabrik von Ungaraiden wurde die heute noch bestehende Eisenbahnlinie nach Zohor gebaut und 1911 eröffnet.

Die Brücke wurde Anfang April 1945 durch die Deutsche Wehrmacht abermals zerstört, nach Kriegsende aber wieder aufgebaut, ehe 1947 eine Sprengung wegen eines drohenden Eisstoßes ihr vorläufiges Ende bedeutete.

Die Zuckerfabrik im nunmehr Záhorská Ves genannten Ungaraiden musste 1949 nach einer Neuorganisation der Zuckerindustrie in der ČSSR endgültig schließen.

Den vorläufig letzten Akt in der wechselvollen Geschichte einer Brücke zwischen Angern und Záhorská Ves setzte 2007 eine Abstimmung auf österreichischer Seite. Dabei sprachen sich (anders als im benachbarten Dürnkrut) etwa 60% der Bevölkerung für eine neue Brücke aus.(1) 

(1) Um den Text nicht unnötig zu verkomplizieren, habe ich mich bei der deutschen Schreibweise für „Ungaraiden“ entschieden, wie dies auf amtlichen Karten der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme aus dem Jahr 1873 üblich gewesen ist  (2) Biographie Rudolf Löw-Beer  (3) Teerfabrik Rütgers  (4) Institut für Konfliktforschung  (5) vlaky.net

*

Die berühmteste „Tochter“ von Záhorská Ves ist ohne Zweifel die Sopranistin Lucia Popp. Als Kind eines Ingenieurs mit österreichischen Wurzeln und musikalischen Neigungen und einer lyrischen Sopranistin kam sie am 12. November 1939 als Lucia Poppová zur Welt. Bald nach ihrer Geburt wurde Vater Rudolf zum Kriegsdienst in der mit der Deutschen Wehrmacht verbündeten slowakischen Armee einberufen und landete nach kurzer Zeit vermutlich wegen kommunistischer Sympathien in einem Militärgefängnis.

Nach Kriegsende vertrat Rudolf Popp eine Zeitlang tschechoslowakische Interessen als Kulturattaché in London, währenddessen Lucia erste Bühnenerfahrung in einer Folkloregruppe machte. Ihr blonder Charme und vielleicht auch die Kontakte des Vaters verhalfen ihr bereits mit 16 Jahren zu einer ersten Filmrolle. 

Fast scheint es, als habe die jugendliche Lucia erst nach und nach ihre weitere Orientierung gefunden. Zwei Semester Medizinstudium, ein bisschen Film, zwei Semester Schauspielausbildung… Ein Lied in einem Stück von Molière brachte ihr Lob ein und die Idee, sie könnte es mit einer ernsthaften Gesangsausbildung versuchen. Am Konservatorium in Bratislava war man nicht ganz so euphorisch und steckte Lucia zuerst in eine Vorbereitungsklasse. Erst Hana Hrušovská, eine ehemalige Koloratursopranistin der Wiener Volksoper, erkannte und förderte ihr Talent.

Es folgten kleine Rollen an der Oper von Bratislava und 1963, mit 23 Jahren, ein begeisterndes Debüt als Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“.

Nun war Lucias künstlerische Welt mit einem Mal klein geworden, aber umso größer die Sehnsucht nach neuen Horizonten. Vorsingen in Wien. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben ihrer alten Lehrerin und kaum vorhandenen Deutschkenntnissen, bewarb sich Lucia Popp auf Slowakisch – und riss die Jury, am Klavier begleitet von einem gewissen Georg Fischer, vor Begeisterung fast von den Sesseln.

Irgendjemand rief dann Herbert von Karajan an, den damaligen Staatsoperndirektor von Wien und gleichzeitigen künstlerischen Leiter der Berliner Philharmoniker. Offenbar verlief das Telefonat so positiv, dass Lucia Popp bald darauf einen Drei-Jahres-Vertrag als Aspirantin in der Tasche hatte.

Bei aller Freude darüber, wie gut es in Wien lief, es war auch viel Trauer dabei. Trauer über den Abschied von der Mutter, die Lucia nach Wien zum  Vorsingen begleitet hatte und nun ihre Tochter zurücklassen musste. Nach slowakischem Recht galt Lucia Popp ab sofort als „Abtrünnige“ mit allen Konsequenzen – vor allem für die in der ČSSR zurück gebliebene Familie. Es sollte fünf Jahre dauern, bis der „Prager Frühling“ die Familie wieder vereinte.

Lucia Popp als Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“. Die Rolle begleitete sie vom Anfang ihrer Karriere an.  Bild: © Louis Melançon / Metropolitan Opera New York / operas.org

Lucia Popp als Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“. Die Rolle begleitete sie vom Anfang ihrer Karriere an. Bild: © Louis Melançon / Metropolitan Opera New York / operas.org

In Wien blieb Lucia Popp unterdessen wenig Zeit für Trauer. Zunächst galt es, die deutsche Sprache zu lernen. Das gelang Lucia Popp in wenigen Monaten. Es folgten Intensivkurse in Italienisch, Englisch, Französisch und eine adäquate musikalische Vorbereitung. Nach nur eineinhalb Monaten feierte sie ihr Debüt an der Wiener Staatsoper als Barbarina in „Die Hochzeit des Figaro“ und bestand neben Größen wie Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Teresa Stich-Randall  grandios. Ihr Hauptrollen-Debüt als Königin der Nacht bei einem Staatsopern-Gastspiel im Theater an der Wien geriet zum Triumph. Selbst Hilde Güden, Debütantinnen meist nicht sonderlich gewogen, umarmte sie.

Georg Fischer, Lucias Klavierbegleiter beim Wiener Vorsingen, hatte inzwischen an der jungen Slowakin offenbar mehr gefunden als bloßes Interesse an musikalischer Zusammenarbeit und hofierte sie auf zurückhaltende, fast altmodisch anmutende Weise. Gundula Janowitz, die in Wien im selben Haus wie Lucia Popp wohnte, erinnert sich noch heute, dass der schüchterne Fischer mit der Straßenbahn oft eine Haltestelle weiter gefahren ist als nötig, nur um seine Angebetete ja nicht zu desavouieren. Irgendwann gab Fischer seine Zurückhaltung auf und wurde Lucias Ehemann.    

Popps Vertrauen in ihre eigenen stimmlichen Fähigkeiten war inzwischen groß genug, um selbst den „Zorn Gottes“ zu riskieren. Karajan hatte für sich beschlossen, sie als Xenia in seiner überschwänglichen Boris Godunow-Inszenierung 1965 in Salzburg zu besetzen. Er hielt es aber nicht für nötig, auch Lucia Popp davon zu informieren. Stattdessen erfuhr sie von des Meisters Plänen aus der Zeitung, dachte, die Rolle sei nicht wichtig genug für eine Diva – und entschwand mit ihrem frisch Angetrauten auf Hochzeitsreise nach Italien.

Noch zweimal gab die Popp Karajan einen Korb: einmal, als Karajan sie erneut als Königin der Nacht haben wollte – eine Rolle, die sie inzwischen leid hatte – und ein weiteres Mal 1968, als ihr Karajan die Freia in Wagners Rheingold zugedacht hatte. Von da an sollten die Popp und Karajan nie mehr in einem gemeinsamen Projekt auftauchen, weder auf der Bühne noch auf Platte.

Lucia Popp etablierte sich rasch vor allem als Mozart-Interpretin, feierte aber auch mit Richard Strauss und C. M. v. Weber Triumphe. Die Liste der weltberühmten Dirigenten, mit denen sie zusammenarbeitete umfasst neben Karajan unter anderem Leonard Bernstein, Otto Klemperer und Georg Solti. Ob Covent Garden in London, Prager Nationaltheater, Salzburger Festspiele, Pariser Oper, Mailänder Scala, die New Yorker „Met“ – Lucia Popp war von allen großen Bühnen begehrt.

1982 dann der abrupte Wandel. Die Bühne kostete sie zu viele Anstrengungen, laugte sie aus. Seit 1967 war sie in Köln fest engagiert gewesen und hier erarbeitete sie sich auch das „lyrische Fach“. Nun lösten Liederabende die Opernauftritte ab, bestimmten Plattenaufnahmen, Radiosendungen, TV-Auftritte und Operettengalas ihr künstlerisches Leben. Statt Mozart, Strauss, Wagner, Weber gab die Popp nun Schubert, Schumann, Mahler, Brahms, Dvořák.

Trotzdem hielt sie immer wieder auch weiterhin das Opernpublikum in Atem. Ihr letztes Debüt in einer großen Rolle gab sie 1991 in Zürich als Daphne in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss. Mit der Wiener Staatsoper hatte sie abgeschlossen, seit deren damaliger Direktor Eberhard Wächter ihr wenig charmant zu verstehen gegeben haben soll, sie sei „zu alt und zu fett“.

Die Staatsopern von Wien und München hatten Lucia Popp bereits mit dem Titel „Kammersängerin“ ausgezeichnet. Ihr Privatleben geriet neben den vielen weltweiten Verpflichtungen weniger glanzvoll. Lucia Popp war dreimal verheiratet. Mit dem Dirigenten Georg Fischer bis 1977, mit dem Londoner Opernintendanten Peter Jonas und zuletzt seit 1986 mit dem um 15 Jahre jüngeren Tenor Peter Seiffert.

Wenige Tage nach ihrem 54. Geburtstag, am 16. November 1993, starb Lucia Popp in München an einem Hirntumor. Sie wurde in Bratislava auf dem Cintorín Slávičie údolie (Friedhof Nachtigall-Tal) im Stadtteil Karlova Ves bestattet.

Das Magazin Opernwelt fand für Lucia Popp zum Abschied die schlichten, aber umso treffenderen Worte:  „Ihrer Stimme und ihrem Vortrag ging ein stilles Leuchten aus, das innere Ruhe und Glücksgefühle hervorrufen konnte.“

 

Hören Sie noch einmal die einzigartig weiche und klare Stimme von Lucia Popp mit dem „Lied an den Mond“ („Měsíčku na nebi hlubokém“) aus der Oper Rusalka von Antonín Dvořák in einer selten gefühlvoller vorgetragenen Version.

 

Quelle: Opera Nostalgia

 

***

 

 (wird fortgesetzt)

 

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