Im Herzen Europas am Ende der Welt? Teil 10

(Fortsetzung von Teil 9)

 

Záhorská Bystrica: Ein Dorf ist Fernsehhauptstadt  

Záhorská Bystrica WappenBis hierher hat die Metropole schon ihre Arme ausgestreckt. Záhorská Bystrica (deutsch Bisternitz, ungarisch Pozsonybeszterce – bis 1907 Beszterce) gehört seit 1972 zum Stadtbezirk IV der slowakischen Landeshauptstadt. Das einst hauptsächlich kroatisch besiedelte Dorf hat sich in den letzten Jahren zur heimlichen TV-Hauptstadt der Slowakei entwickelt. Hier befinden sich die Studios von TV Markíza und TV Fooor – Grund genug, sich mit den Medien der Slowakei zu beschäftigen.

Die slowakische Medienlandschaft gleicht einem Selbstbedienungsladen für ausländische Konzerne. Die überregionalen Tageszeitungen befinden sich ausnahmslos in nicht-slowakischen Händen. Bei den privaten Fernsehsendern ist die Situation ähnlich. Das hat natürlich direkt oder zumindest indirekt Einfluss auf den Prozess der Meinungsbildung im Land.

Staatliches Fernsehen gab es in der ČSSR seit 1956. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Slowakei ist STV – Slovenská televízia ist. Es produziert zwei Programme: STV 1 – Jednotka („Das Erste“) und STV 2 – Dvojka („Das Zweite“). Trojka („Das Dritte“) wurde 2011 eingestellt.

Privatfernsehen gibt es in der Slowakei seit 1996. Damals gründete Pavol Rusko TV Markíza, ein Politiker der liberalen Partei ANO (Aliancia nového občana). Er nutzte den Sender allerdings als Instrument zur Bekämpfung politischer Gegner und musste nach mehreren Skandalen  seine Anteile verkaufen. Heute gehört TV Markíza zum Medien-Imperium der CME des US-Amerikaners Ronald Lauder, die in Ost-Europa zahlreiche Sender betreibt. Sein Marktanteil betrug zuletzt 70 %.  

Das Programm orientiert sich stark am US-Fernsehen und zeigt überwiegend Spielfilme, Shows und Quiz-Sendungen, meist aus den USA, produziert aber auch eigenes, wie etwa die Wahl zur Miss Slowakei oder die Show Let’s dance.

Noch mehr der Unterhaltung zugewandt ist TV Fooor, ein Spartenprogramm unter dem Dach von TV Markíza, das seit 2013 fast ausschließlich im Ausland produzierte Serien, Sitcoms, Shows und Filme für jüngere Seher zeigt.

TV JOJ ist ein weiterer privater Fernsehsender in der Slowakei, gegründet 2002 als Abspaltung von TV Global, das seit dem 25. März 2000 sendete. In der slowakischen Fernsehlandschaft ist er ein Konkurrent von TV Markíza, gehört (noch) den slowakischen J&T Media Enterprises, ist aber spezialisiert auf US-Serien und Sitcoms.

TV JOJ Plus ist der zweite Kanal von TV JOJ. Er zeigt vorwiegend ältere Filme und Serien.

TA3 ist ein privater Nachrichtensender des Verpackungs- und Druckerei-Konzerns Grafobal. Er hatte seinen Einstieg mit Übertragungen von den US-Terroranschlägen des 11. September 2001. Sein Slogan lautet „Realität im Zusammenhang“. Mit 2,6 % Marktanteil hat der Sender eher untergeordnete Bedeutung.

Neben diesen regelmäßig und überregional verfügbaren Programmen gibt es eine große Zahl regionaler Angebote.

Ähnlich breit gefächert ist das Angebot an regionalen und überregionalen, staatlichen und privaten Radioprogrammen. SRo – Slovenský rozhlas (Slowakischer Rundfunk) sieht sich als „unabhängige, öffentlich-rechtliche Informations-, Kultur- und Bildungseinrichtung“.  Gegenwärtig strahlt der Slowakische Rundfunk neun Programme aus.

Bescheidene Vielfalt am Kiosk. Die slowakische Medienlandschaft ist fest in ausländischer Hand. Entsprechend eingeschränkt sind Journalisten und Meinungsvielfalt. Boulevard und Kommerz dominieren und mitunter redet auch noch die Politik bei der Meinungsbildung mit. Bild: © Obec Jesenské

Bescheidene Vielfalt am Kiosk. Die slowakische Medienlandschaft ist fest in ausländischer Hand. Entsprechend eingeschränkt sind Journalisten und Meinungsvielfalt. Boulevard und Kommerz dominieren und mitunter redet auch noch die Politik bei der Meinungsbildung mit. Bild: © Obec Jesenské

In der slowakischen Zeitungslandschaft tummelt sich landesweit nur eine Handvoll überregionaler Tageszeitungen, meist im Besitz ausländischer Verlage. Boulevardjournalismus verkörpern Nový Čas („Neue Zeit“) und Plus jeden deň. Hinter der Erstgenannten steht das schweizerisch-deutsche Medienhaus Ringier Axel Springer Slovakia. Täglich greifen rund 1,1 Millionen Leserinnen und Leser zu dieser slowakischen „Bildzeitung“. Kritischer gibt sich SME. Die Gründung von Redakteuren der ehemaligen sozialistischen Zeitung Smena vertritt inzwischen Ansichten aus dem rechten Bereich des politischen Spektrums. Auch SME befindet sich fest in ausländischer Hand, nämlich bei der Verlagsgesellschaft Petit Press AG, die seit 2000 von der Verlagsgruppe Passau beherrscht wird. Die Petit Press AG steht auch hinter Új Szó, der einzigen Tageszeitung in ungarischer Sprache. Die Pravda („Wahrheit“) war bis 1989 das Blatt der Kommunistischen Partei, änderte Layout und Linie und bewegt sich heute eher in der politischen Mitte. Selbst sie gehört inzwischen zu DMGT – Daily Mail and General Trust, einem britischen Konzern. Hospodárske noviny legt den Schwerpunkt auf Wirtschaftsthemen. Herausgeber ist der internationale Verlag Economia mit der deutschen Verlagsgruppe Handelsblatt im Hintergrund. Wöchentlich erscheint The Slovak Spectator auf Englisch im selben Verlag wie SME und richtet sich in erster Linie an Ausländer, die in der Slowakei arbeiten oder leben. 2004 wurde vom Deutschen Stefan Wolf die drittälteste (1764) in Deutsch erscheinende Zeitung, die Preßburger Zeitung, zu neuem Leben erweckt. Sie erscheint als Zweimonats-Magazin. Inzwischen streiten sich Preßburger Zeitung und eine „Neue Preßburger Zeitung“ um Rechte und minimale Marktanteile.

Auch den Markt der Wochenzeitungen dominieren ausländische Verlagsgruppen. Führend ist die Schweizer Ringier AG mit dem Gesellschaftsmagazin Život (Leben) und der Frauenzeitung Nový Čas pre ženy (Neue Zeit für Frauen). Die TV-Programmzeitschriften Eurotelevizia und Telemagazin übernahm der deutsche Bauer-Verlag, ebenso die Titel Chvíľa pre teba (Ein Moment für Dich) und Napísané životom (Vom Leben geschrieben). Alle zwei Wochen erscheint Čas na lásku (Zeit für die Liebe).

Der slowakische Verlag 7 Plus begann 1989 mit der Herausgabe des Gesellschaftsmagazins Plus7dni (Plus 7 Tage), dessen investigativer Teil mit dem österreichischen Profil vergleichbar ist. Seither hat sich der Verlag auch mit zwei Wochenzeitungen für Frauen Báječná žena (Die wundervolle Frau) und Šarm (Charme) etabliert.

Um ein Stück am Kuchen der wöchentlich erscheinenden Titel kämpfen auch das gesellschaftskritische Magazin Týždeň (Woche) und das Gesellschaftsmagazin Žurnál (Journal) in Händen slowakischer Unternehmer. (1) 

Die slowakischen Medien haben in der Vergangenheit mit politischen Verwicklungen immer wieder selbst für Schlagzeilen gesorgt. Politiker trugen ihre Machtkämpfe gerne über die Medien aus und versuchten, die Berichterstattung zu beeinflussen. Laut Reporter ohne Grenzen (2) zählt die Slowakei auch heute noch nicht zu den Musterschülern in puncto Pressefreiheit, grundelt eher am Ende der Europa-Rangliste umher – 2011 gleichauf mit Mali und knapp vor Niger (!) – und belegt in den  Ranglisten stets etliche Plätze noch hinter dem Nachbarn Tschechien. Die Situation scheint sich nur langsam zu verbessern.

 

(1) Wien International   (2)  Reporter ohne Grenzen

 

***

 

Marianka: Legenden und Realitäten

Marianka WappenMarianka (bis 1927 Marianské údolie, 1979-1993 Mariánka, deutsch Mariatal, älter auch Marient[h]al, ungarisch Máriavölg, lateinisch Vallis Mariana) hat so ziemlich alles, was man von einem gestandenen katholischen Wallfahrtsort erwarten kann: eine Legende, eine angeblich heilende Quelle, ein Kloster mit Kirche, entsprechendem Personal und einer langen Tradition.

Der Legende nach hat ein Einsiedler im Jahr 1030 eine Marienstatue geschnitzt und diese vor Kriegswirren in einem hohlen Baumstamm versteckt. Um 1300 soll dann ein blinder Bettler mit Hilfe einer Stimme vom Himmel im Wald eine Quelle gefunden haben mit der Verheißung, er würde wieder sehen können, würde er sich mit dem Wasser der Quelle die Augen waschen. Das tat er, wurde wieder sehend und sah sogleich eine Marienstatue, die bei der Quelle lag. Er errichtete eine hölzerne Säule, auf die er die Statue setzte, worauf alsbald Wallfahrten zu der Marienstatue und der wundertätigen Quelle begannen.

Eine andere Legende erzählt von einem im Tal lebenden Räuber, dem schwerbehinderte Zwillinge geboren worden waren. Als der Vater das Unglück sah, habe er gelobt, ein besseres Leben zu führen und Buße zu tun. Im Traum sei ihm die Mutter Gottes erschienen und habe ihm einen Platz gezeigt, an dem er graben sollte. Dort werde er die Statue und unter ihr eine Quelle finden. Sollte er die Kinder in der Quelle baden, würden sie gesund. So sei es geschehen „und der ehemalige Räuber weihte auf Grund dieses Geschehnisses sein Leben dem Dienste Gottes“. (1)

Wallfahrtskitsch als Wirtschaftsfaktor. Trinkgläser aus Marianka. Bild: © t.g. glass collection

Wallfahrtskitsch als Wirtschaftsfaktor. Trinkgläser aus Marianka. Bild: © t.g. glass collection

Solche Legenden haben immer etwas Schwülstig-Romantisierendes an sich. Die Fakten sind meist nüchterner. Wallfahrten entwickelten sich von Anfang an zu wichtigen Wirtschaftsfaktoren und Wallfahrtsorte und Priester waren die Nutznießer. In Marienthal war der Ansturm der Pilger offenbar einträglich  genug, um 1380 eine gotische Kirche zu bauen. Der Paulinerorden errichtete ein Kloster, das Kaiser Joseph II. 1786 wieder schließen ließ. Adelige nutzten das Gebäude viele Jahre als Jagdschloss, ehe 1927 wieder Mönche nach Marianka kamen. Die „Tröster von Gethsemani“ konnten sich nicht lange der Pilgerströme erfreuen. 1950 wurden die Wallfahrten eingestellt und die „Tröster“ kehrten erst 1990 wieder zurück.

Die Slowakei ist ein säkularer Staat, allerdings spielt die Religion in Teilen der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Das geht mitunter so weit, dass Familien weniger Ansehen genießen, wenn sich Familienmitglieder scheiden lassen. Rund 62 % der Bevölkerung bekennen sich zum Katholizismus. Mit 13,4 % bilden die Konfessionslosen die zweitstärkste „Glaubensgruppe“.  (2) Damit ist der Einfluss der katholischen Kirche zwar geringer als in Polen, aber deutlich stärker als in der Tschechischen Republik. Auffällig, selbst in ärmeren Gegenden, sind die zahlreichen zumindest außen top renovierten Kirchen und Kirchenneubauten.

Was slowakische Katholiken über ihre Religion zu sagen haben, lesen Sie HIER.

Mit solchen Vorgaben sollte unter slowakischen Katholiken eigentlich alles eitel Wonne sein, wenn nicht ein jüngst eskalierter Streit zwischen Bischöfen für Missstimmung unter „Schäfchen“ und „Hirten“ sorgte.  Die Oberhirten bezichtigen einander der Lüge, der Intrige und des Amtsmissbrauchs bis hin zum Finanzbetrug, wie die Wiener Tageszeitung Die Presse berichtete.

Der Erzbischof von Trnava, Róbert Bézak, war Anfang Juli 2012 aus heiterem Himmel abgesetzt worden. Ein halbes Jahr lang hatte er sich dem vom Vatikan erteilten Verbot, mit Medien in Kontakt zu treten, gefügt. Knapp vor Weihnachten 2012 konnte sich Bezák nicht mehr zurückhalten und gab den Fernsehsendern TA3 und TV Markíza gleich mehrere Interviews hintereinander. Darin bestätigte er fast alles, worüber bisher nur spekuliert worden war. Er habe bis dato keine Begründung erfahren, warum er abgesetzt wurde. Es sei auch richtig, dass er die inzwischen auch von Polizei und Staatsanwaltschaft ins Visier genommene dubiose Finanzgebarung der Erzdiözese Trnava unter seinem langjährigen Vorgänger Ján Sokol zu untersuchen begonnen habe. Im Übrigen erinnere ihn das Verhalten seiner Kritiker an Praktiken des StB, des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes.

Sokol war wegen seines autoritären Amtsverständnisses, seiner mutmaßlichen Stasi-Vergangenheit und seiner Sympathien für das faschistische Regime des Priesters und Präsidenten Jozef Tiso zwischen 1939 und 1945 Zielscheibe kritischer Medienberichte gewesen. Ausgerechnet die konservative Symbolfigur Sokol wurde 2009 nach Erreichen der Altersgrenze durch einen weltoffenen Theologen ersetzt. Während Sokol kaum ohne Bischofsornat vorstellbar war, trat Bezák in Zivilkleidung an die Öffentlichkeit, debattierte mit Jugendlichen über Sexualität und gab sich als „Bischof mit menschlichem Antlitz“, wie ihn das tschechische Fernsehen CT porträtierte.

Dementsprechend groß war die Aufregung über seine Absetzung. Es gab Solidaritätskonzerte. Fast 12.000 Gläubige unterzeichneten eine Petition zu seinen Gunsten mit der Hauptforderung, endlich die Gründe für die Absetzung zu nennen. Protestkundgebungen reißen nicht ab. Sogar der damalige Papst Benedikt XVI. sah sich genötigt, in einem Brief an seine slowakischen Schäfchen klarzustellen, er selbst habe „nach reiflicher Überlegung und Gebeten“ die Entscheidung getroffen.

Damit widerlegte der inzwischen resignierte Papst, ohne allerdings weiterhin seine Gründe zu erklären, die allgemeine Annahme einer Intrige der Bischöfe gegen Bezák. Daraufhin forderten die slowakischen Bischöfe von Bezák eine Entschuldigung dafür, dass er trotz Aufforderung des Papstes nicht sofort das Feld geräumt hatte. Zudem habe er mit seinen medialen Auftritten erst recht wieder eine Strafe verdient. (3) (4)

 

(1)  Obce Marianka   (2)  Wikipedia   (3)  religion ORF   (4)   Publik-Forum

*

 

Es rumort in den Tälern von Marianka und Borinka. Unruhe macht sich breit in den Chaten und Chalupen der Wochenendhäusler, aber auch bei manchem Einheimischen, denn die Pläne zur Vollendung des Autobahnringes um Bratislava liegen auf dem Tisch. Zwei Varianten der geplanten Dial’nica D4 führen ausgerechnet zwischen den beiden Dörfern durch, ehe die Trasse in einem Tunnel unter den Kleinen Karpaten verschwindet.

Dieser so genannte 0-Ring rund um Bratislava besteht derzeit lediglich aus der 3 km langen Verbindung zwischen der österreichischen Grenze bei Kittsee und Jarovce im Süden von Bratislava. Im Norden soll die Diaľnica D4 an die ebenfalls geplante Marchfeld Schnellstraße S8 anschließen. Ein kurzes Teilstück als Zubringer zur Autobahn D2 bei Stupava und Devínska Nová Ves wurde 2011 für den Verkehr freigegeben. Dieses ist derzeit nur als Autostraße ausgewiesen und der Knoten mit der D2 ist mit Ausnahme einer Direktverbindung von Norden nach Westen nur an der Südhälfte gebaut, also als Teilkleeblatt ausgeführt.

Keine Legende sondern Planungs-Realität: zwei Varianten der Autobahn D4 durch die Kleinen Karpaten könnten knapp an Marianka bzw. Borinka vorbei führen. Man beachte auch die projektierte Verlängerung über Marchegg und den Anschluss an die S8 im Marchfeld. Bild: HBHproject Brno

Keine Legende sondern Planungs-Realität: zwei Varianten der Autobahn D4 durch die Kleinen Karpaten könnten knapp an Marianka bzw. Borinka vorbei führen. Man beachte auch die projektierte Verlängerung über Marchegg und den Anschluss an die S8 im Marchfeld. Bild: HBHproject Brno

Anrainer in Marianka und Borinka befürchten neben der Belästigung durch jahrelangen Baulärm und Verkehrslärm nach Fertigstellung vor allem mögliche Enteignungen. Viele Menschen haben ihr sauer verdientes Geld in ihre Häuser gesteckt oder haben Grundstücke gekauft und neu gebaut. Das alles könnte dramatisch an Wert verlieren, zumal die Autobahn den Dörfern direkt nichts bringt, da keine unmittelbaren Anschlussstellen geplant sind.

Mit der Idylle könnte es dann für Marinka und Borinka vorbei sein. Deshalb wurden bislang mehr als 5000 Unterschriften gesammelt. Die Unterstützer verlangen ein Überdenken der geplanten Trassenführung. Sie werfen den Planern mangelnde Transparenz vor und befürchten, die Lärmschutzmaßnahmen entlang der Dörfer könnten nicht ausreichen.

 

***

 

Devínska Nová Ves: Motor City an der March

Devínska Nová Ves WappenRoboter ergreifen verschiedene Metallteile, drehen sie, wenden sie, andere schweißen sie punktgenau zusammen, alles bei erstaunlich niedrigem Geräuschpegel. Von den grau lackierten Fußböden könnte man essen, so sauber poliert sind sie von den Reinigungsmaschinen, die immer wieder ihre Runden durch die riesigen Hallen drehen. Männer in weißen Overalls setzen Handgriffe mit fast chirurgischer Präzision. Man stelle sich einen überdimensionalen Operationssaal in der Größe von 21 Fußballfeldern vor, dann hat man die Dimension allein der Montagehalle im Volkswagenwerk von Devínska Nová Ves vor Augen. Nicht zu reden von den anderen Einrichtungen auf dem weitläufigen Gelände: den zwei Hallen für den Karosseriebau, der Halle für die Montage der Fahrwerke und Getriebe, der riesenhaften Lackstraße, den Verwaltungsgebäuden, der Seilbahn, mit der jedes Fahrzeug auf die Teststrecke gebracht wird.

Das frühere Theben-Neudorf, Dévényújfalu, [Devinske] Novo Selo.  – je nachdem ob Deutsch, Ungarisch oder Kroatisch die vorherrschende Sprache war – ist seit 1972 Teil von Bratislava IV und hat eine erstaunliche Entwicklung vom einfachen Dorf an der March zu einem der modernsten Industriestandorte der Slowakei hinter sich.

1991 übernahm Volkswagen die Autofabrik Bratislavské automobilové závody in Devínska Nová Ves, in der bis dahin Nutzfahrzeuge und modifizierte Škoda-Modelle gebaut worden waren. 1992 begann VW mit der Montage des Passat Variant, später kamen Golf und Polo dazu. Inzwischen schrauben fast 8000 Mitarbeiter auf dem 1.780.058 m² großen Areal Modelle für etwas dickere Brieftaschen zusammen, den VW Touareg, den Audi Q7 und den Porsche Cayenne, aber auch Kleinstwagen der Baureihe New Small Family.

Mit diesem Werk und den VW-Betrieben in Martin und Košice, den KIA-Werken in Žilina und der Peugeot-Citroën-Fertigung in Trnava ist die Slowakei zu einem der bedeutendsten Standorte der europäischen Autoindustrie herangewachsen, wenngleich keine einzige Type eine slowakische ist. Rechnet man die Fahrzeugerzeugung pro Einwohner, so ist die Slowakei weltweit führend.

 

*

 

8000 Arbeiter im Autowerk bedeuten 8000 Familien. Die Einwohnerzahl in Devínska Nová Ves ist von 2.800 Menschen im Jahr 1910 auf fast 16.000 im Jahr 2011 gestiegen. Die wohnen natürlich nicht alle in schmucken Einfamilienhäuschen mit Garten, sondern drängen sich zu gut 10.000 in den Plattenbauten. Schon aus großer Entfernung heben sich diese Wohnburgen aus dem Dunst. Sie sind eigentlich überhaupt das Erste, das man wahrnimmt, wenn man sich dem Ort annähert.

Öde Ghettos seien die Plattenbauten, hässlich, grau und „sehr kommunistisch“ und außerdem „Brutstätten der Gewalt“.  So die landläufige Meinung über die nach 1950 entstandenen Großwohnsiedlungen. Als  „bedrückend monoton“, „uniform“ und „menschenfeindlich“ wird damit der sozialistische Städtebau im Allgemeinen gegeißelt. Dabei schimmert schon aus der Verwechslung der Begriffe Unkenntnis. Man meint Großwohnsiedlung und redet von „Plattenbauten“. Dabei umschreibt der Begriff „Plattenbau“ doch nur die Bauweise, bezeichnet nichts anderes als ein großes Fertighaus.

Grau sind die Hochhausbauten schon lange nicht mehr, über Geschmack, ob hässlich oder nicht, lässt sich bekanntlich nicht streiten, auch kommunistisch ist die Slowakei nicht mehr. Und öde Ghettos? Menschenfeindlich? Hier leben Menschen, die sich ihre Wohnumgebung schon selbst gestalten können, ganz wie sie sie wollen.

Stilistisch bedeutet der Plattenbau die Abkehr von verspielten Formen in der Architektur. Er ist zweckgerichtet, reduziert auf das Wesentliche und verwendet neue Materialien wie Spannbeton, Stahl, Glas.

United colors of Devínska Nová Ves. Das Leben in der „Platte“ ist weder grau noch menschenfeindlich, höchstens manchmal eng, aber das bringt eine Großwohnsiedlung nun mal mit sich, die günstigen Wohnraum für 10.000 Menschen schaffen muss. Bild: © Voloda / Wikimedia Commons

United colors of Devínska Nová Ves. Das Leben in der „Platte“ ist weder grau noch menschenfeindlich, höchstens manchmal eng, aber das bringt eine Großwohnsiedlung nun mal mit sich, die günstigen Wohnraum für 10.000 Menschen schaffen muss. Bild: © Voloda / Wikimedia Commons

„Da hilft nur Dynamit“, titelt noch 2002 Der Spiegel in offensichtlicher Ignoranz und vor allem ohne Alternativen zu nennen. Dabei lebt ein hoher Prozentsatz seiner Bewohner gern dort. Wohin sollten sie auch ziehen? Jedem seine Villa – dafür reichen weder Platz noch Geld und als soziales Wesen neigt auch nicht jeder zum Einzelgängertum. Abreißen ist deshalb keine Lösung. Sanieren und Urbanisieren lautet die Devise.

Die Großwohnsiedlungen werden oft auch als „soziale Brennpunkte“ charakterisiert. Immer wieder wurde vor allem in westlichen Medien der Amoklauf in der Ulica Pavla Horova von Devínska Nová Ves im August 2010 mit insgesamt acht Toten und 14 Verletzten als Beispiel hingestellt. Er hatte jedoch seine eigenen, ganz persönlichen Hintergründe: eine explosive Mischung aus Waffenfetischismus, jahrelanger Arbeitslosigkeit und Rassismus, denn sechs der acht Toten waren Roma. Wie viele Gewaltverbrechen haben schon in beschaulichen Einfamilienhäusern stattgefunden? Gelten diese deshalb als „soziale Brennpunkte“?

Der niederösterreichische Schriftsteller und Drehbuchautor Martin Leidenfrost lebt seit 2004 in Devínska Nová Ves. Mit seiner „Liebeserklärung an eine Zwischenwelt“ hat er den Plattenbauten ein literarisches Denkmal gesetzt. 

 

***

 

Devín: Ein Leben wie die Affen im Zoo

Devín WappenAuch Devín (deutsch Theben, ungarisch Dévény) ist längst keine selbständige Gemeinde mehr, sondern gehört seit 1946 zu Bratislava IV. Der Ort gibt der Thebener Pforte (Devínska brána) ihren Namen, dem kurzen Donau-Durchbruch zwischen den Ausläufern der Ostalpen und den Kleinen Karpaten. Diese exponierte Lage macht das Dorf an der Mündung der March in die Donau zur Zeit der ČSSR zu einer hochsensiblen Sicherheitszone.

Der Abschnitt zwischen dem benachbarten Karlova Ves (deutsch Karlsdorf, ungarisch Károlyfalu) war streng bewacht. Wie sich Bewohner von Devín gefühlt haben, schildert Etel Jarosova in einem Gespräch mit Sylvia Dillnbergerová (1) im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Ulm:

„In diesem … Grenzraum, mit Stacheldraht unter den Hochspannungsleitungen, die sich von einer Seite von Devin bis hin zum Wasserwerk in Karlova Ves hin zogen und an der anderen Seite durch den Steinbruch bis hin zu Devinska Nova Ves in die Richtung Tschechien, gab es eine Umzäunung, die uns von den anderen Gebieten abschirmte, besonders von Österreich. Das war aber was – obwohl es nur ein Stück durch die March, durch die Donau – es war so wahnsinnig weit, unerreichbar, unzugänglich, eine Rarität. Der Schutzwall war künstlich angelegt und dadurch führte  Stacheldraht.“

„Auf der Insel vor den Wasserwerken stand ein Gebäude, die Kohorte und die Militärrampe, wo jedes Auto, jeder Autobus stehen bleiben musste. Die Einwohner von Devin mussten sich mit dem Personalausweis ausweisen, in welchem die Erwachsenen einen Stempel und die Nummer „27″ hatten, um damit beweisen zu können, dass sie Bewohner von Devin waren. Wer das nicht hatte, musste aussteigen und durfte nicht weiter. Fremde Personen mussten für den Einlass nach Devin eine spezielle Bewilligung haben. Durch die Militärrampe sind wir täglich nach Karlova Ves in die Schule gegangen, die Rampe hat man immer aufgemacht oder zugemacht, wenn wir aus dem Dorf gegangen oder zurückgekommen sind. Jeder Fußgänger, Fahrradfahrer, jeder wurde kontrolliert. Ohne Bewilligung kam niemand nach Devin durch. Wenn wir wollten, dass unsere Verwandten zu uns zu Besuch kommen, musste mein Vater zur Polizei gehen, er musste es belegen, dort hat man es überprüft, dann hat er ein Formular erhalten, welches an der Rampe vorgezeigt wurde, die Leute wurden durchsucht, und dann durften sie weitergehen. Die ganze Gegend wurde kontrolliert, um eine Übersicht zu bekommen, wer nach Devin geht, aus welchen Gründen, ob das Emigranten sind, die diesen Weg mit dem Bus gefahren sind, denn von Devin war es bekannt, dass das der leichteste Durchgang durch die March nach Österreich war.“

„Wir lebten hier wie die Affen im Zoo, isoliert von den Menschen außen, Bratislava war für uns sehr weit entfernt. Überall waren viele Soldaten. Die Soldaten gingen mit Hunden und Gewehren durch die Wälder, die Hügel und rundumher haben sie bewacht. Die Einheimischen halfen den Flüchtlingen. Wohlweislich sprach man in der Öffentlichkeit nicht darüber. Es war eine schwierige Situation, denn die Bewohner von Devin mussten sehr vorsichtig sein, um ihre Familien zu schützen. Es wäre sehr gut, wenn die Bewohner von Devin über ihre Erlebnisse sprechen würden, dass alles aufgeschrieben würde, so könnte man eine Zeitzeugenschaft darüber machen. Leute, die außerhalb dieses Gebietes leben oder die heutige Jugend sind schockiert, wie es möglich war, dass auch woanders Grenzen waren. Stacheldrähte ja, aber nicht in der wunderlichen Art und Weise, dass wir von allem und allen isoliert waren.“

 

*

 

Durch seine besondere geographische Lage war Devín schon immer strategisch interessant. Das spielte auch vor dem 2. Weltkrieg eine Rolle, denn am 20. Oktober 1938 wurde Theben nach dem „Münchner Abkommen“ wegen seiner deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit dem „Deutschen Reich, Reichsgau Niederdonau“ zugeschlagen – wohl eher ein Münchner Diktat mit dem zynisch formulierten Ziel Nazi-Deutschlands, Italiens, Frankreichs und Großbritanniens einer „friedlichen Lösung der Sudetenkrise“. Wie die „friedliche Lösung“ letztlich aussah, merkte man spätestens 1945, als Europas und Asiens Länder in Schutt und Asche und Millionen Menschen unter der Erde lagen. Dabei hatte Theben mit dem „Reich“ nicht einmal direkte Landverbindung. Über die March gab und gibt es in Devín bis heute keine Brücke.

Eine im wahrsten Sinn des Wortes herausragende Position im Mündungsgebiet der March nimmt der Devínska kobyla, der Thebener Kogel, ein. Er erhebt sich 514 m, bietet eine herrliche Aussicht nach Österreich und ist seit 1965 das Herz eines Naturreservats. Ob die ab 1979 hier stationierten 140 Soldaten einer Luftabwehrbrigade Augen für die landschaftlichen Schönheiten hatten, ist nicht überliefert, wohl aber, dass auf dem Berg 16 Boden-Luft-Raketen vom Typ S-125 Neva M auf vier transportablen Abschussrampen den Luftraum über Bratislava sicherten.

Der Thebener Kogel wurde über Jahrhunderte seiner strategischen Bedeutung gerecht, zuletzt als Stützpunkt einer Luftabwehrbrigade der ČSSR-Streitkräfte. Bild: © Martin Hanzel, jt, anc / adam.sk

Der Thebener Kogel wurde über Jahrhunderte seiner strategischen Bedeutung gerecht, zuletzt als Stützpunkt einer Luftabwehrbrigade der ČSSR-Streitkräfte. Bild: © Martin Hanzel, jt, anc / adam.sk

Mit dem Ende der ČSSR verschwanden auch die Raketen vom Thebener Kogel. Slowakische Soldaten bewachten noch bis ins Jahr 2000 die kleine Kaserne und die Nebengebäude. Ein Investor kaufte das Gelände für 18 Millionen Slowakische Kronen, trat aber vom Vertrag zurück. Wer Lust hat: für kolportierte 485.000 Euro soll das Areal noch zu haben sein. Wer aber nur einfach zu der alten Basis spazieren möchte, sollte sein bestes Gewand lieber daheim lassen. Manchmal wird dort oben Paintball gespielt. Die Plastikkugeln könnten auf der Kleidung farblich nicht ganz passende Spuren hinterlassen.

 

*

 

Selbstbestimmte Handwerker und Händler statt willfähriger Diener und Knechte. Diesen Wandel erhofften sich 1362 die Thebener von den Privilegien des Ungarnkönigs Ludwig I. Zwar wurde aus der untertänigen Vorburgsiedlung ein lebhaftes spätmittelalterliches Städtchen, aber das hatte seinen Preis. Das aufblühende Handwerk vor allem der Töpfer rief Fährleute und Schiffer auf den Plan.

Der Gütertransport auf March und Donau war einträglich. Das machte die Schiffer bald zu den reichsten Bewohnern Thebens. Schiffe aus Theben schafften Waren und Güter nach Pressburg, Hainburg und Wien.

Im Jahr 1760 organisierten sich die Schiffer schließlich in einer Schifferzunft. Ihr Gründer war Jozef Treudenthaler (?). (2)

Im Jahr 1868 hatte diese Zunft schon 117 Mitglieder. Es soll im damaligen Theben kein Haus gegeben haben, in dem nicht wenigstens ein Schiffer lebte. Zwar erlosch die Schifferzunft bereits 1872 wieder, die Schiffer trafen sich aber weiterhin in einer Innung. Der Friedhof von Devín gibt noch immer Zeugnis einer bewegten Schiffergeschichte. Man findet hier Grabsteine, die neben den Namen der verstorbenen Schiffer auch ihre Funktion, also etwa Schiffsmeister, Schlosser, Steuermann oder Kapitän, tragen.

Der Hafen von Theben. Kupferstich um 1840. Bild: W. Beattie

Der Hafen von Theben. Kupferstich um 1840. Bild: W. Beattie

In Theben gab es offenbar auch zwei Fähren, eine über die Donau in die gegenüberliegenden „Thebner Gemeindegärten“ und eine über die March nach Markthof. Zumindest ist das so im Kartenblatt 4758-1 der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme 1883 verzeichnet.

An die alte Tradition der österreichisch-slowakischen Fährschifffahrt knüpft ein Hainburger Unternehmen an. Seit Ende April 2013 steuert Kapitän Markus Haider die „Carnuntum“ während der Sommermonate an 15 Sonntagen von Hainburg nach Devín. Dort bleibt genügend Zeit für einen Spaziergang, ehe der historische Kahn wieder in Richtung Hainburg ablegt. Die „Carnuntum“ wurde 1929 in einer deutschen Reederei gebaut und diente lange unter dem Namen „Pitt-Jupp“ auf dem Rhein, ehe sie Markus Haider liebevoll restaurieren ließ und auf der Donau in Dienst stellte. Mehr über das innovative Unternehmen, die „Carnuntum“ sowie den aktuellen Fahrplan finden Sie HIER.

Auch die Fischerei blühte in Theben. Aber von wegen selbstbestimmt. Sie bedurfte einer Genehmigung, die sich „die Herrschaft“ teuer bezahlen ließ.Dank genauer Aufzeichnungen weiß man beispielsweise, dass Burgherr Mikuláš Báthory den Fischern von Theben 1572 zwar das Recht einräumte, in der Donau zu fischen, ihnen aber für diese Lizenz am Jakobitag 40 Goldstücke abknöpfte. Von einem der Fischer kassierte „die Herrschaft“ regelmäßig die Hälfte seines Wochenfanges für den eigenen Bedarf.

 

(1) Sylvia Dillnbergerová, Devín in der Zeit des „eisernen Vorhangs“, Danube Networkers Universität Ulm 

(2) Sylvia Dillnbergerová, Leben und Kultur in Devín, Danube Networkers Universität Ulm 

 

***

 

Die Reise ist hier zu Ende. Ich freue mich über Jede und Jeden, die mich auf der einen oder anderen Etappe meiner Streifzüge entlang der March begleitet haben. Wenn das eine oder andere „Fundstück“ Ihr Interesse geweckt oder Sie zu einer anderen Sichtweise als bisher bewegt hat, so freut es mich. Für Kritik und Anregungen, Tadel und Lob steht das Kontaktformular dieses Blogs zur Verfügung. Wir begegnen einander sicher demnächst auf einer neuen Reise, vielleicht die Thaya aufwärts, wo es bestimmt ebenso Interessantes, wenig Bekanntes oder gar Neues zu entdecken gibt.

Jetzt ist es erst einmal an der Zeit, die Blasen an den Füßen auszukurieren… Bis bald!

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Grenzen überwinden. abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s