„In fürwährend calamitosen Zeiten“ – letzte Rettung Armenhaus Wullersdorf

Auch wenn sie es heute im Dunst historischer Verklärung immer wieder gerne anders darstellt: Es war nicht immer reine, selbstlose Mitmenschlichkeit, die die katholische Kirche bewog, Armenhäuser zu errichten. Offenbar bedurfte es schon damals auch des (politischen) Drucks seitens der weltlichen Obrigkeit, wie man an einem Beispiel aus dem 18. Jahrhundert aus Wullersdorf erkennen kann.

Zunächt offenbart ein Blick in die Geschichte der sozialen Arbeit den Umgang mit dem gesellschaftlichen Phänomen Armut lange vor einer Zeit ausgeklügelter Sozialgesetzgebung. Im 12./13. Jahrhundert war die Gesellschaft ständisch-hierarchisch organisiert – wie in dem uralten Abzählreim „Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann“ treffend beschrieben. Auf der untersten gesellschaftlichen Stufe standen die Armen, denen aus heutiger Sicht im Mittelalter überraschend viel Respekt entgegengebracht wurde. Armut galt damals nicht als Ausdruck von Faulheit oder Untüchtigkeit, sondern als Ergebnis von Schicksalsschlägen, die jeden treffen konnten. Arme hatten sogar ein Recht auf Betteln.

Dem stellen heute auch so genannte christliche und sozial-demokratische Politiker „Bettelverbote“ entgegen. Christliche Karitas hin, Sozialmoral der Aufklärung her – Armut ist heute, noch verstärkt durch die zunehmende Mobilität quer durch die Kontinente für Nicht-Arme offenbar unerträglicher geworden. Zur Armut hat sich im Lauf der Zeit die (Ab-)Scheu davor geschlagen. Der Bürgermeister des Londoner Stadtteils Newham, ein „Sir“ aus der Labour Party, wollte jüngst gar zu drastischen Mitteln greifen. Er schlug vor, 500 der ärmsten Familien seines Bezirks einfach auszuweisen. Ihr „Fehler“: sie bezogen Sozialhilfe von der Kommune und die Mieten waren wegen des olympischen Sportspektakels drastisch gestiegen.

Dabei ist diese Art des Umgangs mit den Armen nicht einmal die „Erfindung“ eines menschverachtenden Egozentrikers im beginnenden 3. Jahrtausend. So richtig „sexy“ war Armut schließlich noch nie. Schon im antiken Alexandria hatten die Wohlhabenden für Bettler oft nur Spott und Verachtung übrig. Manche Reiche ließen groteske Statuetten, Öllampen und Schmuckstücke anfertigen, mit denen gebrechliche alte Männer mit markant großen Nasen und überdimensionalen Penissen dargestellt wurden. Ihre Entblößung und die Geschlechtsteile, die in ihrer Größe als hässlich galten, sollten die angebliche animalische Triebhaftigkeit dieser Straßenmenschen symbolisieren.

Die Moral der christlich-mittelalterlichen Gesellschaft hatte den Armen immerhin ein zwar knappes, aber berechenbares Auskommen gesichert. Das Almosengeben war ein Akt der Nächstenliebe und für den, der im Überfluss lebte, sogar Pflicht. Daraus erwuchs die karitative Unterstützung der Armen durch Grundherren, reiche Bauern und Klöster. In der Folge entstanden Hospize zur Versorgung Reisender und Kranker und Spitäler.

Ab dem 14./15. Jahrhundert bewirkten zwei Entwicklungen nachhaltige Veränderungen im Armenwesen: Die Städte wurden wirtschaftlich und politisch stärker, konnten sich daher eine kommunale Armuts- und Armenverwaltung leisten, und auch die Einstellung zur Armut der Einzelnen veränderte sich. Das Betteln wurde an Bedingungen geknüpft, man begann, zwischen „echten“ und „falschen“ Bettlern zu unterscheiden und ihre Bedürftigkeit zu überprüfen, bis 1893 – angestoßen nicht zuletzt durch sozialkritische Philosophen wie Karl Marx und Friedrich Engels – schließlich ein Armengesetz die Gemeinden zur Armenpflege verpflichtete. Von der ursprünglich uneigennützigen Karitas Einzelner und einzelner Bevölkerungsgruppen hatte sich soziale Arbeit über die Jahrhunderte in Richtung Professionalisierung entwickelt.

Mit diesem Armengesetz entstanden plötzlich neue soziale Parameter. Der Erwerb von Grund und Boden durch Nicht-Adelige war möglich geworden, Reise­freiheit und industrielle Revolution brachten eine Landflucht mit sich, Industrialisierung und Mechanisierung führten zu Ratio­nalisierungen, Erwerbstätige wurden arbeits­los und oft in ihre Geburtsorte abgeschoben. Diese mussten nun „ihre“ Bedürftigen selbst versorgen.

Wullersdorf Armenhaus Bild Diego de Vega

Aus dem „Mölckerischen Markt Wullerstorff“, dem heutigen Wullersdorf, ist der „Fall Mathias Schöfnagl“ überliefert. Er wirft ein Licht auf den Umgang mit der Armut um 1755, also noch lange vor der März-Revolution. Dieser „Fall“ zog seine Kreise bis ins kaiserliche Schönbrunn.

Offenbar hatte sich Mathias Schöfnagl mit der Bitte um Unterstützung an Maria Theresia gewandt. Zu diesem Ansuchen musste der Abt des Stiftes Melk als oberster Verwalter der Herrschaft Wullersdorf Stellung nehmen. Der Abt beauftragte den zustän­digen Pater Waltmüllner mit einer Stellungnahme und dieser erstattete am 24. April 1755 seinen „unterthänigsten Bericht in gewissenhafter Wahrheit“.

Dem­ zufolge war Mathias Schöfnagl mittellos und samt Frau und sieben Kindern – „deren dreye schon in Diensten, vier noch zu Hauß seynd“ – in bitterste Armut geraten. Wegen der „fürwährend calamitosen Zeiten“ und „erbarmungswürdigem Leibesschaden“ war er auch nicht mehr fähig, seinen Dienst als Nachsteher, also als Aufseher bei der Wein­lese, zu versehen. Diese Arbeit hatte ihm zuletzt noch ein geringes Einkommen gesichert.

Ob der Melker Abt von Anfang an von dieser akuten Notlage gewusst hat, ist nicht bekannt. Es scheint aber unwahrscheinlich, dass sich Schöfnagl an den Kaiserhof gewandt haben soll, ohne vorher bei seinen Vorgesetzten Hilfe gesucht zu haben. Schließlich legte der Abt bei der Repräsentantenkammer des Landes Niederösterreich mehrfach sein gutes Wort für Schöfnagl ein, vermutlich nach entsprechender „Anregung“ durch den Kaiserhof.

Wie der Fall schließlich ausging, ist zwar nicht bekannt, aber er führte immerhin 1762 zur Errich­tung eines Armenhauses für die ehemaligen Bediensteten der Herrschaft Wullersdorf.

Die Versorgung der Be­dürftigen sah vor, dass zweimal pro Woche im Ort Brot gesammelt und im Armenhaus verteilt wurde. Zusätzlich durften die Armen selbst nach den sonntäglichen Gottesdiensten vor dem Kirchentor sammeln, waren aber je nach ihren Kräften auch zu entspre­chenden Eigenleistungen für das Armenhaus verpflichtet. In den 1830er Jahren diente das Wullersdorfer Armenhaus für kurze Zeit auch als Choleraspital.

Die Geschichte der für viele Arme sicher hilfreichen Einrichtung des Wullersdorfer Armenhauses haben der Ortschronist Johann Six und drei weitere Autoren aufgearbeitet. Mit großem Engagement brachte das Team dabei Vergessenes oder Verdrängtes ans Tageslicht.

In diesem Video führt Johann Sixt durch das Armenhaus Wullersdorf.

Kasten Wullersdorf 

Quellen: Norbert Hofer, Die Entwicklung der Sozialarbeit in Österreich, Wien, 2005 ; Prof. Dr. H.J. Puch, Einführung in die Geschichte der sozialen Arbeit, Skript, Nürnberg 2005; Utz Anhalt, Vom Bettler zum Penner, Die sozialgeschichtliche Genese der Stigmatisierung von Armut, in: Sozialistische Positionen; Heinz Wilfing, Soziale Arbeit in Österreich, in: Ria Puhl, Udo Maas, Soziale Arbeit in Europa – Organisationsstrukturen, Arbeitsfelder und Methoden im Vergleich, Beltz Juventa, 1997; Diego De Vega, Ohne Lebensstellung und Pension…, in: kunststoff, Nr. 14/2013; dpa

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