Söhne des Weinviertels: Leopold Forstner, Stockerau – Künstler im Abseits

Mitunter nennt sich Stockerau auch „Lenaustadt“, dabei hat der „Dichter des Weltschmerzes“ Nikolaus Lenau hier nur ein paar Mal seine Ferien verbracht. Leopold Forstner, ein international gerühmter und geschätzter Mosaik-Künstler des Wiener Jugendstils, scheint dagegen in der größten Stadt des Weinviertels ein wenig abseits zu stehen. Dabei war der gebürtige Oberösterreicher fast ein Vierteljahrhundert direkt mit Stockerau verbunden, hat hier gelebt und gearbeitet und sogar eine Einheimische geheiratet.

Geboren am 2. November 1878 in Leonfelden als einziges Kind in die Familie eines Tischlers, bekam der Bub schon früh handwerkliches Geschick und den Sinn für exaktes Arbeiten vom Vater mit. Gefördert von seinem Onkel, absolvierte er nach Volks-, Bürger- und Staatshandwerksschule eine Lehre in der Tiroler Glasmalerei- und Mosaikwerkstatt in Innsbruck. Nach einem Studium an der „k. k. Kunstgewerbeschule des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie“, der Vorläuferin der heutigen Universität für angewandte Kunst in Wien, folgten 1902 und 1903 Studienjahre an der königlichen Akademie der Bildenden Künste in München bei Ludwig Herterich.

Schon 1901 engagierte sich Leopold Forstner als Zeichner, Maler, Illustrator und Buchgraphiker. 1906 gründete er die „Wiener Mosaikwerkstätte“. Einem breiten Publikum präsentierte Forstner zum ersten Mal seine Werke 1908 bei der Wiener Kunstschau, einer von Gustav Klimt und Josef Hoffmann angeregten Ausstellung.

Leopold Forstner. Bild: © Leopold Forstner Gesellschaft

Leopold Forstner. Bild: © Leopold Forstner Gesellschaft

Den Durchbruch schaffte Leopold Forstner mit seinen kombinierten Mosaiken und später durch die Platten-Mosaike. Ein grandioses Beispiel für Forstners Kunstfertigkeit ist der von Gustav Klimt entworfenen Fries im Brüsseler Palais Stoclet, heute leider öffentlich nicht zugänglich, aber Teil des UNESCO-Welterbes. Es gibt aber darüber hinaus im In- und Ausland genügend Möglichkeiten, Leopold Fostners Werk kennenzulernen.

Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges schuf Forstner seine bedeutendsten Werke. Er vergrößerte seine Werkstätte in Wien, wurde Mitglied im Bund österreichischer Künstler und gründete gemeinsam mit dem Architekten Cesar Poppovits und dem Maler Alfred Basel das Unternehmen „Wiener Friedhofskunst“. 1912 rief er in Stockerau auf dem Areal der einstigen Reiterkaserne in der Schaumanngasse die „Mosaik-Glashütte“ ins Leben. 1913 nahm ihn die Gesellschaft österreichischer Architekten als außerordentliches Mitglied auf.

1911 heiratete Leopold Forstner die aus Stockerau stammende Stephanie Stöger. Das Paar hatte zwei Kinder – Georg und Karl.

Nach Einsätzen als „Sammeloffizier“ in Albanien und Mazedonien im Ersten Weltkrieg übersiedelte Forstner endgültig nach Stockerau, wo er 1919 die Werkstätte zur Erzeugung von Edelglas, die „Edelglas-, Mosaik- u. Emailwerkstätte“ und 1920 die „Edelglaswerke AG“ für Hohlglas gründete, die er aber bald wieder verkaufen musste. Sie wurde von 1925 bis zur endgültigen Stilllegung 1937 von der Familie Fickl weitergeführt.

Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation musste sich Forstner sehr vielseitig betätigen. Er entwarf und errichtete Denkmäler, arbeitete als Architekt und Landschaftsplaner und war bis zuletzt Zeichenlehrer am Gymnasium in Hollabrunn.

Leopold Forstner starb am 5. November 1936. Sein Grab befindet sich auf dem Stockerauer Friedhof.

Zu Forstners bedeutendsten Werken zählen Glasfenster und Hochaltarmosaik für die Otto-Wagner-Kirche am Steinhof in Wien, Mosaike für die Eingangshalle des alten Wiener Dianabades, das Mosaik mit Relieffiguren „Der Frühling“ im Speisesaal des Grand Hotel Wiesler in Graz sowie Arbeiten im Wiener Hotel Astoria.

Das Mosaik des Heiligen Georg für den Kirchturm von Stockerau entstand zwischen 1914 und 1916, wurde 1937 entfernt, 1989 restauriert und befindet sich seither in der Kapelle des Stockerauer Krankenhauses.

Wie sehr Leopold Forstners Werk international geschätzt wird, zeigt ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit. Ein Paar vergoldeter, farbiger und emaillierter Mosaike Forstners aus dem Jahr 1908 im Original-Eisenrahmen wurde bei Christie’s, dem berühmten New Yorker Auktionshaus, kürzlich für knapp 285.000 US-Dollar versteigert.

Für Stockerau scheint einer der berühmtesten Söhne der Stadt nicht bedeutsam genug. Lediglich eine Sackgasse am nördlichen Stadtrand in der Nähe des Friedhofs trägt Leopold Forstners Namen.

Die Geburt der Venus, nach einem Entwurf von Leopold Forstner, hergestellt von der Wiener Mosaikwerkstätte  Bild: © Rita Bucheit

Die Geburt der Venus, nach einem Entwurf von Leopold Forstner, hergestellt von der Wiener Mosaikwerkstätte Bild: © Rita Bucheit

In einem 1910 veröffentlichten Aufsatz legte Leopold Forstner Grundsätzliches zur Technik des Mosaiks aus seiner Sicht dar. Er betont hier die ideale Verbindung zwischen der inhärenten Flächenwirkung des Mosaiks und den „neuen Materialien“, die die Architekten „künstlerisch zu verwerten wissen“: (…) „Unsere Zeit bietet dem Mosaik neue Möglichkeiten. Die Anregung hierzu gaben die Architekten, die die neuen Materialien, die neuen technischen Errungenschaften künstlerisch zu verwerten wussten. Der Betonbau, an den hier in erster Linie gedacht ist, diese ideale zeitgemäße Bauweise, ist dem Mosaik besonders günstig. Den großen Flächen dient am besten die flächige Dekoration: Das Mosaik, sei es nun Glas-, Stein-, oder kombiniertes Mosaik aus größeren Stücken. Die Verwendung von größeren Glasstücken erlaubt die kräftige Wirkung zu erzielen, erlaubt billiger zu sein als die alte Art des venetianischen Stiftenmosaiks. (…) Zusammenschließen lassen sich die künstlerischen Forderungen wie bei jeder Aufgabe der angewandten Kunst: Das Material gründlich kennen, die Zeit kennen und das Material durch die Zeichnung nicht umbringen. Jeder Entwurf muß dem Material entsprechen und gänzlich in der Technik erdacht sein. Es darf sozusagen in irgendeiner anderen Technik nicht ausführbar sein.“ (aus: DKD, 27, 1910, S. 382-386).

 

 

Quellen: Leopold Forstner Gesellschaft; Academic ; Auktionshaus im Kinsky; Wikipedia

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