Söhne des Weinviertels: Gerhard W. Schmidbauer, Korneuburg – Schnitte zwischen Fläche und Raum

Auf den ersten Blick mag das Motto von Gerhard W. Schmidbauer, geboren in Korneuburg, seltsam anmuten: „Im Zentrum des Schaffens steht der Mensch“, aber auf keinem seiner Schnittbilder ist auch nur ein einziger Mensch zu sehen. Und doch dringt dieses zentrale Anliegen aus jedem einzelnen seiner „Reliefschnitte“, wie Schmidbauer diese von ihm erfundene Technik selbst bezeichnet.

Zu sehen sind in erster Linie Häuser, Hinterhöfe, Weinkeller, Fabrikgebäude – alles Orte, an denen Menschen leben oder arbeiten, abseits touristischer Schönkultur. Ein starker Bezug zum Weinviertel, aber auch zu unseren slowakischen Nachbarn, ist unverkennbar.

Das Fehlen von menschlichen Gestalten in Schmidbauers Bildern führt den Betrachter zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Haus“: das Haus als etwas Bedeckendes, Umhüllendes, dem Menschen Schutz Bietendes, ein Gebäude, das dem Menschen als Unterkunft und für seine Beschäftigung dient.

Gerhard W. Schmidbauer findet seine Motive hauptsächlich im Weinviertel, wie hier in Suttenbrunn, in der Slowakei und rund um Klosterneuburg. Er verarbeitet sie in der einzigartigen Technik des Reliefschnitts. Bild: © Gerhard W. Schmidbauer

Gerhard W. Schmidbauer findet seine Motive hauptsächlich im Weinviertel, wie hier in Suttenbrunn, in der Slowakei und rund um Klosterneuburg. Er verarbeitet sie in der einzigartigen Technik des Reliefschnitts. Bild: © Gerhard W. Schmidbauer

Mindestens ebenso interessant wie das Hinführen zur Etymologie eines menschlichen Grundbedürfnisses ist die Technik von Schmidbauers Bildern. Beim „Reliefschnitt“ werden die einzelnen Flächen eines Motivs mit dem Skalpell aus dem Blatt geschnitten und mit weiteren Papierschichten verschiedenster Struktur und Farbe unterlegt. Gerhard W. Schmidbauer beschreibt das selbst so: „Perspektive sowie Licht und Schatten werden sowohl durch Schattierungen von Farbunterschieden als auch durch reale Tiefe in geradezu hyperrealistischer Weise dargestellt.“

Die dabei entstehende dritte Dimension, das Verwirrspiel von Nähe und Distanz und der künstlerisch versierte Einsatz von Graphik ergeben faszinierende Werke, welche unverwechselbar dem einzigartigen Stil des Künstlers zugeordnet werden können – ein Unterschied zur altbekannten Technik der Collage. Damit öffnet der Künstler die Grenzen der Zweidimensionalität in der bildnerischen Darstellung und schafft ein Kunstwerk, das sich der Illusion der dritten Dimension eines Gemäldes widersetzt, indem es diese im Rahmen der gegebenen Perspektive realisiert.

Gerhard W. Schmidbauer. Der gebürtige Korneuburger entwickelte als Autodidakt die Technik des Reliefschnitts. Bild: © Gerhard W. Schmidbauer

Gerhard W. Schmidbauer. Der gebürtige Korneuburger entwickelte als Autodidakt die Technik des Reliefschnitts. Bild: © Gerhard W. Schmidbauer

Gerhard W. Schmidbauer kam 1959 in Korneuburg zur Welt. Dort verbrachte er auch seine Kindheit. Später übersiedelte er nach Wien, absolvierte eine Tischlerlehre und arbeitete zunächst als Gemeindebediensteter. Ab 1980 setzte er sich mit der bildenden Kunst auseinander, anfangs vor allem mit Zeichnung und Aquarell, dann auch mit anderen Techniken. Eine künstlerische Ausbildung hat er nie genossen, ist also Autodidakt. Erst im Jahr 2000 begann Schmidbauer seine Werke national und international auszustellen.

Seit 1998 entstand ein mehr als tausend Einzelarbeiten umfassendes Werk zu verschiedenen Themenbereichen, wobei jede Arbeit der umfangreichen Serien für sich steht und ein Einzelstück darstellt. Zudem befasste sich Schmidbauer verstärkt mit allen Arten der Drucktechnik. 2001/2002 erarbeitete er einen Gemäldezyklus zum „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach, vorwiegend in Tempera auf Büttenpapier. Einige der insgesamt 52 Arbeiten sind als Dauerleihgabe in den Räumen des Bürgermeisters im Wiener Rathaus zu sehen.

2002 entwickelte Schmidbauer schließlich seinen unverkennbaren, einzigartigen Stil, den Reliefschnitt.

Gerhard W. Schmidbauer lebt und arbeitet in Wien, Langenzersdorf und im Pulkautal. Er ist Mitbegründer der Künstlergruppe Die Neuen Milben, einer Gruppe von sechs Künstlern aus sechs Ländern, Mitglied der Künstlergemeinschaft Westliches Weinviertel, der Vereinigung Südböhmischer Bildender Künstler AJV und der European Artists EAA.

 

Quellen: Gerhard W. Schmidbauer ; Online-Bibliothek des Nö. Landesmuseums ; nö. kulturvernetzung

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