Töchter des Weinviertels: Annika Rücker, Hagenbrunn – Schreib-Kunst für den Nobelpreis

Sie hat sie alle schon zwischen ihren Fingern gehabt: die südafrikanische Schriftstellerin und Kämpferin gegen die Apartheid Nadine Gordimer ebenso wie den italienischen Literaten Dario Fo, den japanischen Schriftsteller Kenzaburō Ōe ebenso wie seine österreichische Kollegin Elfriede Jelinek. Auch Physiker, Chemiker und Wirtschaftswissenschaftler von Weltruf waren schon reihenweise „Gäste“ in Hagenbrunn. Dort pflegt Annika Rücker die Kunst der Kalligraphie. Und das tut sie dermaßen gut, dass sie im Auftrag des Nobelpreis-Komitees seit nunmehr 25 Jahren die Originalurkunden für die Nobelpreise in Literatur, Physik, Chemie und Wirtschaftswissenschaften von Hand „schön schreibt“.

Nichts anderes bedeutet der aus dem Altgriechischen stammende Begriff „Kalligraphia“: kunstvolles Schreiben von Hand mit Gänsekiel, Pinsel oder anderen Schreib-Werkzeugen. Das aus der Schule bekannte „Schönschreiben“ meint lediglich lesbar zu schreiben. Die Schönschrift der Annika Rücker lässt sich dagegen eher mit zu Pergament oder Papier gebrachter Blütenpracht vergleichen.

Die Geschichte Annika Rückers beginnt eigentlich schon vor ihrer Geburt. 1938 floh ihr Vater Fritz Rücker, ein Werbegrafiker aus Wien, vor den Nazis nach Stockholm. Dort lernte er Lena kennen – Annikas spätere Mutter. Dem Vater verdankt die 1942 geborene Annika offenbar ihre Leidenschaft. Als Mädchen durfte sie stundenlang zusehen, wie der Vater seine Gedanken zu Papier brachte. Kein Wunder, dass Annika schon früh ihre Liebe für die strenge Schönheit der Grafik entwickelte.

In den frühen 1960er Jahren genoss Annika Rücker ihre Ausbildung an der Wiener Akademie für Angewandte Kunst und absolvierte die Meisterklasse für Schrift- und Buchgestaltung. Die Praxis holte sie sich im väterlichen Atelier in Djursholm, arbeitete für die schwedische Radio- und Fernsehgesellschaft und als Assistentin eines Graphikers des schwedischen Königshofs. Sie lehrte Kalligraphie und Buchstabenwissenschaft unter anderem am Graphischen Institut Stockholm und erlangte 1986 die Professur für Schrift an der Kunstfachschule „Konstfack“ in Stockholm.

1988 ereilte Annika Rücker schließlich der Auftrag für die Nobelpreis-Diplome für Physik, Chemie und Ökonomie, 1989 für die Literaturnobelpreise. Bis heute gestaltet Anna Rücker auch die  Musik- und Literaturdiplome des Nordischen Rats. Als besondere Ehre wurde ihr die Gestaltung der „Serafin-Ordensbriefe“ für den schwedischen Prinzen Carl Philipp und Prinzessin Madeleine zuteil.

Am Fuß des Bisambergs ist das Licht besonders gut. Annika Rücker in ihrem Hagenbrunner Atelier. Bild © Sofie Nordström / Gods & Gårdar

Am Fuß des Bisambergs ist das Licht besonders gut. Annika Rücker in ihrem Hagenbrunner Atelier. Bild © Sofie Nordström / Gods & Gårdar

Schon 1972 sei ihre Familie nach Österreich übersiedelt, erzählt Annika Rücker. Bei einem Besuch habe sie sich in ein kleines Häuschen in Hagenbrunn, in dem ihre Schwester lebt, verliebt und gescherzt, sie käme auch, wenn es frei würde. 2005 rief ihr Schwager an, dass dies nun der Fall sei – und sie kam. In einem modernen Anbau aus Glas hat sie ihr Atelier eingerichtet. Den Umzug habe sie bis heute nicht bereut. Im Gegenteil, seither würden ihre Arbeiten besonders gelobt. „Das liegt am guten Licht“, freut sie sich in einem Interview, denn gerade die Wochen, in denen sie an den Urkunden arbeitet, seien in Schweden „sehr dunkel“ – sie genieße den Herbst hier.

Gutes Licht ist bei der Arbeit Annika Rückers aber nicht alles. Auch Ruhe ist notwendig, um sich konzentrieren zu können. Der Stress kommt Anfang Oktober von selbst. Innerhalb von sechs Wochen muss sie für jeden ausgezeichneten Literaten, Physiker, Chemiker und Ökonomen eine passende Urkunde gestalten.

Jeder Nobelpreisträger erhält eine Ledermappe – blau für Physik, rot für Chemie, natur-beige für Wirtschaft und schwarz für Literatur – mit dem von Rücker entworfenen Monogramm in Blattgold auf der Vorderseite und darin auf einer Seite ein thematisch passendes Bild eines schwedischen Künstlers und auf der anderen das Diplom. Rücker arbeitet eng mit einem Buchbinder in Schweden und vier Künstlern zusammen.

Wenigstens genießt sie dabei völlige Gestaltungsfreiheit. Für die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etwa entschied sie sich 2004 für den „Blinddruck“ des Monogramms: „Für sie konnte ich mir das einfach nicht in Gold vorstellen.“

Für die Urkunden verwendet die Kalligraphin handgeschöpftes Papier aus Schweden. Es wird dort eigens für die hohen Anforderungen ihrer Arbeiten mit der Feder hergestellt wird. Das Schwierigste sei, dass sie sich nicht vorbereiten könne, erzählte Rücker. Sie erfahre erst aus den Medien, wer die Preise gewonnen hat und müsse dann auf der Stelle – und unter Zeitdruck – beginnen, an den Urkunden zu arbeiten. Sie wisse vorher nicht einmal, wie viele Urkunden gebraucht würden, da ein Preis oft an mehrere Personen gehe und sie recherchiere für jedes Stück. „Das Monogramm jedes Preisträgers soll schließlich persönlich werden“, betont Rücker: „Ich schreibe mit Farben, um die Schrift lebendig zu machen.“

Eines der bisher rund 200 Nobelpreis-Diplome, die Annika Rücker bisher kalligraphiert hat. Diese Schönschrift entstand 1997 für den Literaten Dario Fo. Bild: © The Nobel Foundation 1997 / Artist Bo Larsson / Calligrapher Annika Rücker

Eines der bisher rund 200 Nobelpreis-Diplome, die Annika Rücker bisher kalligraphiert hat. Diese Schönschrift entstand 1997 für den Literaten Dario Fo. Bild: © The Nobel Foundation 1997 / Artist Bo Larsson / Calligrapher Annika Rücker

Jede Urkunde, jedes Monogramm sei abgestimmt auf die betreffende Persönlichkeit. Farblich orientiere sie sich auch an dem Bild, von dem ihr die Künstler eine Kopie schicken.

Hinter jedem Literaturnobelpreis-Monogramm verbirgt sich eine Geschichte, wenn die Kalligraphin beispielsweise vom „Katzengesicht“ der Doris Lessing (2007) erzählt oder von den sich im Bosporus spiegelnden Moscheen für Orhan Pamuk (2006) oder von der Gefangenschaft in Buchenwald eines Imre Kertesz (2002). Manchmal geht das Rücker ganz leicht von der Hand, andere Male braucht sie länger, um diese zu entschlüsseln. Schön ist es für sie, wenn der Mensch, der den Preis erhält, auch etwas „von sich hergibt“, ein „farbenstarker Mensch“ ist. Das mache ihr die Arbeit leicht. Als Dario Fo (1997) geehrt wurde, ging sie in eines seiner Theaterstücke. Bereits auf dem Heimweg in der U-Bahn kritzelte sie auf Zettel erste Entwürfe.

Um den 20. November müssen die fertigen Urkunden schließlich in Stockholm sein. Dann werden sie unterschrieben und erhalten das Siegel der Akademie.

Dann kehrt in Annika Rücker wieder etwas mehr Ruhe ein, eine innere Ruhe, die sie wiederum aus dem Schönschreiben bezieht. Denn eigentlich gehe es in der Kalligraphie nicht um Perfektionismus sondern um Gefühl, Rhythmus und Bewegung. „Es ist ein schaffender Prozess, wo ich eher forme und gestalte als schreibe”, sagt die Künstlerin über ihre Kunst.

Annika Rücker liebt die Rosen wie ihr Leben, sagt sie, und fängt die vergängliche Schönheit als Momentaufnahmen in Aquarellen ein, teilweise mit freier Kalligraphie verschmolzen. Bild: © Annika Rücker, Aquarell

Annika Rücker liebt die Rosen wie ihr Leben, sagt sie, und fängt die vergängliche Schönheit als Momentaufnahmen in Aquarellen ein, teilweise mit freier Kalligraphie verschmolzen. Bild: © Annika Rücker, Aquarell

Nun findet Annika Rücker endlich auch Zeit für ihre Rosen – für die echten im Garten und vor allem für die von ihr selbst geschaffenen.

Annika Rücker widmet sich seit einigen Jahren verstärkt den Rosen in der Kunst. Für sie ist die Rose „ein Symbol für Freiheit und Selbständigkeit. Keine gleicht der Anderen“ und „genau wie jeder Mensch hat die Rose eine Seele und Tiefe. Alle haben einen besonderen Charakter.“

Spätestens im nächsten Oktober wird Annika Rücker aber wieder gebannt die Entscheidungen des Nobelpreiskomitees erwarten und, in ihrem Hagenbrunner Atelier „in Klausur“ gehen und die Urkunden für die Literaten, Physiker, Chemiker und Ökonomen kunstvoll gestalten. Gäbe es aber einen Nobelpreis für Schreibkunst – Annika Rücker wäre wohl selbst eine ernsthafte Anwärterin darauf.

Quellen: DerStandard vom 9. Oktober 2012; KURIER vom 7. Oktober 2013; The Official Web Site of the Nobel Prize  ; Atelier Rücker ; Wikipedia


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Eine Antwort zu Töchter des Weinviertels: Annika Rücker, Hagenbrunn – Schreib-Kunst für den Nobelpreis

  1. Milena Kloos schreibt:

    Tut gut, sich wieder einmal daran zu erinnern, dass im Hintergrund oft die interessantesten Menschen arbeiten.

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