Söhne und Töchter des Weinviertels: Ludwig Streicher, Ziersdorf und Gina Schwarz, Hollabrunn – Der Tausendfinger und die Jazzista (Teil 1)

„Da muss irgendwo ein Nest sein“. So beschreibt der Volksmund das gehäufte Auftreten einer Besonderheit. Nun kann man bei zwei Besonderheiten noch nicht von einer „Häufung“ sprechen, aber es ist schon bemerkenswert, dass ausgerechnet im Bezirk Hollabrunn, zwar eineinhalb Generationen auseinander, aber keine 15 Kilometer voneinander entfernt, zwei Musiker von Weltgeltung aufwuchsen. Noch dazu im selben Metier. Um das größte und tiefstklingende Streichinstrument, den Kontrabass, zu erlernen, muss man schon spezielle Fähigkeiten mit- und besonderes Engagement aufbringen – umso mehr, wenn man damit in die Weltelite aufsteigt, so wie der legendäre Ludwig Streicher aus Ziersdorf und die Jazzerin Gina Schwarz aus Hollabrunn.

 

Ludwig Streicher – Vom Wirtssohn zum „Paganini des Kontrabasses“

„Der ist ja kein richtiger Gastwirt!“ Wegen seines Wirts war das Gasthaus des Franz Xaver Streicher kurz nach dem ersten Weltkrieg in Ziersdorf nicht gerade berühmt, eher wegen dessen umsichtiger Ehefrau Katharina, die den Betrieb am Laufen und die Gäste bei Laune hielt. Der Wirt saß derweil lieber in einer Ecke und komponierte. Schließlich war er ja auch noch Direktor der örtlichen Musikschule und leitete ein kleines Orchester. Kein Wunder, dass der kleine Ludwig, der am 26. Juni 1920 zur Welt gekommen war, schon früh nur wenig Interesse an Küche und Keller zeigte, sondern viel mehr Gefallen an der Musik und den zahlreichen Instrumenten fand, die sein Vater unterrichtete – sehr zum Leidwesen der Mutter, der es lieber gewesen wäre, wenn der Bub „etwas Handfestes“ gelernt hätte.

Es nützte nichts. Nachdem sich der Ludwig an der Geige und später am Cello erprobt hatte, empfahl ein Mitglied des Wiener Staatsopernorchesters aus Ziersdorf dem hochgeschossenen, kräftigen Buben den Kontrabass. Mit 14 Jahren trat Ludwig zur Aufnahmeprüfung an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst an, bestand und begann kurz darauf mit dem Studium.

Schon mit 18 substituierte Ludwig Streicher 1938 erstmals an der Staatsoper in Wien und wurde 1940 an das Staatstheater Krakau engagiert. Ein Wechsel zu den Berliner Philharmonikern scheiterte 1942. Es hieß, er müsse davor zum Militär einrücken. Ludwig verzichtete auf Berlin. Am Ende blieben ihm die Kriegsgräuel trotzdem nicht erspart. Ludwig Streicher wurde 1944 eingezogen, geriet in sowjetische Gefangenschaft, aus der er aber fliehen und sich nach Ziersdorf durchschlagen konnte.

Im Herbst 1945 erfuhr Streicher von einer freien Stelle an der Wiener Staatsoper, die er schließlich auch erhielt, obwohl er völlig unvorbereitet zum Probespiel erschienen war.

Die Solistenlaufbahn des Ludwig Streicher begann 1966 in Wels. Im selben Jahr erhielt er seinen ersten Lehrauftrag an der Wiener Musikakademie (ab 1970 Hochschule für Musik und darstellende Kunst). In den 1970er Jahren verstärkte Streicher seine Unterrichtstätigkeit und hielt Meisterkurse in Weimar sowie in Spanien und Japan ab.

„Tausendfinger“ Ludwig Streicher, wie der Karikaturist ihn sah. Seine Virtuosität auf dem Kontrabass war legendär. Bild: Markus Suda

„Tausendfinger“ Ludwig Streicher, wie der Karikaturist ihn sah. Seine Virtuosität auf dem Kontrabass war legendär. Bild: Markus Suda

Sensationell erfolgreiche Konzertreisen führten den Ziersdorfer, dessen virtuoses Spiel ihm ehrende Spitznamen wie „Tausendfinger“ oder „Paganini des Kontrabass“ eintrugen, durch ganz Europa, in den Nahen Osten, nach Amerika, Afrika, Japan, Korea und Taiwan. Ludwig Streicher spielte für Könige und Fürsten wie für die Kinder in Südafrika, füllte die großen Konzertsäle genauso, wie er in Synagogen sein Spiel erklingen ließ. Star-Allüren waren dem Weltbürger fremd.

Wie sehr Ludwig Streicher mit Bravour und Humor auch in „exotischer“ Umgebung zu begeistern wusste und vor einem Millionenpublikum Sympathiewerbung für die Wiener musikalische Schule machte, beweisen Aufnahmen aus dem japanischen Fernsehen:

Video 1(enthält Tarantella von Giovanni Bottesini ab 04:01, Hummelflug von Nikolai Rimski-Korsakow ab 08:05, Donauwalzer von Johann Strauss ab 13:58)

Video 2

Nach 20 Jahren im Dienst der Wiener Philharmoniker kündigte Streicher seinen Vertrag und konzentrierte sich fortan auf den Unterricht und seine Solokarriere. 1973 wurde er zum außerordentlichen Hochschulprofessor und 1975 zum ordentlichen Professor für Kontrabass ernannt – eine Stellung, die er bis zu seiner Emeritierung 1990 innehatte.

Genial-humorvoll. Ludwig Streicher, der begnadete Kontrabassist aus Ziersdorf, hier bei einem Faschingskonzert der Wiener Musikfreunde in Schlafmütze und Nachthemd. Bild: © unbekannt / Markus Suda

Genial-humorvoll. Ludwig Streicher, der begnadete Kontrabassist aus Ziersdorf, hier bei einem Faschingskonzert der Wiener Musikfreunde in Schlafmütze und Nachthemd. Bild: © unbekannt / Markus Suda

Ludwig Streicher war nicht nur begnadeter Musiker, sondern ein ebenso begabter Entertainer. Das bewies er bei vielen Gelegenheiten, unter anderem bei der TV-Show „Wetten, dass…?“, beim Faschingskonzert des Wiener Musikvereins, aber auch bei humorvollen Live-Auftritten im japanischen Fernsehen. Sein musikalisches Repertoire umfasste die großen Kontrabasskonzerte eines Giovanni Bottesini, Carl Ditters von Dittersdorf oder Johann Baptist Vaňhal ebenso wie Transkriptionen bekannter Werke für andere Instrumente.

Inspiriert durch Ludwig Streichers Spiel, widmeten zeitgenössische heimische Komponisten wie Marcel Rubin, Paul Kont oder Paul Angerer dem Virtuosen neue Literatur für den Kontrabass. Streicher selbst fand neben seinen weltweiten Verpflichtungen auch noch Zeit, eine Edition originaler und transkribierter Musik zu betreuen, und verfasste sogar ein mehrbändiges Lehrwerk in deutscher, englischer und japanischer Sprache.

Für seine Verdienste als Pädagoge und Musiker erhielt Ludwig Streicher neben dem Professorentitel auch den Ehrenring der Wiener Philharmoniker, die Goldenen Ehrenabzeichen der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich sowie den spanischen Orden Alfons X des Weisen (Orden de Alfonso X el Sabio).

Ludwig Streicher starb am 11. März 2003 in Wien.

Die Gemeinde Ziersdorf, wo Ludwig Streicher Kindheit und Jugend verbracht hatte, verlieh ihrem berühmten Sohn die Ehrenbürgerschaft und benannte den Saal des örtlichen Konzerthauses nach dem Künstler. Dieser Saal war 1910 nach Plänen des Wiener Stadtbaumeisters Heinrich Blahosch vom Ziersdorfer Maurermeister Ludwig Streicher, dem Großvater des weltberühmten Kontrabassisten, im Stil des Wiener Jugendstils erbaut worden.

 

 

(wird fortgesetzt)

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