Zum Feiern und Nachdenken: Die Grenze ist weg, das Misstrauen geblieben

Eine kritische Elegie zum Thema Nähe und Distanz der Weinviertler zu ihren tschechischen Nachbarn findet sich zehn Jahre nach dem EU-Beitritt der ehemaligen „Ostblock“-Staaten in der Tageszeitung KURIER. An der tschechisch-österreichischen Grenze hat sich der Reporter Konrad Kramar auf die Suche nach dem Gemeinsamen gemacht und doch noch immer mehr Trennendes gefunden – für mich ein Grund, mein Blog wieder zum Leben zu erwecken und vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken zu bewegen. Geschichten von diesseits und jenseits der March finden Sie hier im Blog in der Serie „Im Herzen Europas am Ende der Welt?“

Staats- und Regierungschefs paradierten über Grenzbrücken, EU-Fahnen wurden gehisst, völkerverbindende Reden geschwungen: Der EU-Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten in unserer Nachbarschaft am 1. Mai 2004 war wohl der historische Feiertag für die EU. Exakt zehn Jahre sind seither vergangen: Aus dem Feiertag ist Alltag geworden, und der ist bis heute nicht ganz problemlos.

An der Grenze zu Tschechien zwischen Drasenhofen und Mikulov dominiert bis heute die Skepsis gegenüber den Nachbarn, auch wenn neue Radwege und hübsch herausgeputzte Altstadtgassen locken.

„Die Grüßgotts“, nennt man sie spöttisch, die Österreicher, die mit eben diesem Gruß in ein Geschäft oder Wirtshaus stürmen: So als gäbe es keine Grenze, und schon gar keine Sprachgrenze mehr.

Es gibt sie beide, auch zehn Jahre nach dem EU-Beitritt Tschechiens. Auch wenn die einst Respekt einflößenden Gebäude der Grenzwache inzwischen verfallende Geisterhäuser sind.

Wer wissen will, wann er es tatsächlich über die Staatsgrenze und hinüber zum Nachbarn geschafft hat, kann sich inzwischen nach ganz anderen Einrichtungen orientieren. Kein Grenzübergang nach Tschechien, bei dem nicht gleich dahinter krachbunte Bordelle „Täglich frische Mädchen“ anpreisen. Dort und bei den ebenso farbenfrohen Casinos nebenan ist alles großzügig auf Deutsch beschildert.

Doch das verliert sich rasch. In der prächtigen Altstadt des Grenzortes Mikulov ist in Auslagen und Hotelfoyers öfter Polnisch oder sogar Russisch zu finden. Auf der Durchreise in den Süden würden Polen oder Ukrainer gerne in Mikulov auch über Nacht Halt machen, erzählen die örtlichen Zimmervermieter. Die Österreicher dagegen: „Die kommen in Gruppen, machen schnell einen Stadtrundgang und sind nach einer Stunde wieder weg.“

Tatsächlich sind Besucher aus Österreich in Mikulov kaum zu finden, nicht in den Cafés, und auch nicht in den Sehenswürdigkeiten wie dem barocken Schloss. Eine Führung auf Deutsch? Danach muss man an der Kasse des Schlosses schon auf Tschechisch fragen, um verstanden zu werden. Und, nein, die gebe es nur auf telefonische Vorbestellung.

„Die Sprachbarriere ist sehr hoch, auf beiden Seiten“, erklärt sich ein Immobilienmakler das fehlende Interesse aus dem Nachbarland. Ein Projekt, günstige Seniorenresidenzen hier anzubieten, habe man rasch wieder abgeblasen. Gerade ältere Leute würden sich hier in Tschechien fremd fühlen.

Dabei ist in einem Städtchen wie Mikulov – von der Sprache einmal abgesehen – so gut wie alles vertraut. Die gleichen barocken Stadthäuser und Pestsäulen, die gleichen Kellergassen, die gleichen Weinsorten wie drüben in Niederösterreich. Und wer mit Tschechisch einigermaßen hantieren kann, kommt bald drauf, dass sogar die Mehlspeisen , vom „Indianer mit Schlag“ bis zur „Wiener Sachertorte aus Mikulov“, die gleichen sind. Tradition verbindet eben.

Doch viel kann man mit dieser Tradition nicht anfangen, zu schwer lastet die Geschichte auf dieser Grenze: Nationalsozialismus, Vertreibung, Eiserner Vorhang.

In Tschechien witzelt man gerne über die kleinlichen Österreicher, die von ihrem vielen Geld immer nur möglichst wenig ausgeben wollten. Diesseits der Grenze, in Drasenhofen, bekommt man am Wirtshaustisch dagegen ernste Sorgen mit der offenen Grenze aufgetischt. Einbrüche und Diebstähle, die seien hier in den Ortschaften einfach dramatisch angestiegen seit der „Ostöffnung“. Sogar den Diesel aus den Traktoren würden die Kriminellen aus dem Nachbarland stehlen – und manchmal gleich den ganzen Traktor dazu.

Neugierig sei man damals, gleich nach der Grenzöffnung, rübergefahren, zum Einkaufen. „Später dann ins Puff“, scherzt einer, „weil’s billiger war als bei uns.“ Aber das sei jetzt auch vorbei. Ins Casino nach Mikulov würden ein paar aus der Umgebung regelmäßig fahren, manche aber eher wegen des Gratis-Essens als wegen der Roulettetische.

Groß profitiert jedenfalls scheint hier von der offenen Grenze niemand zu haben. Man lebt nebeneinander her, beäugt mit Misstrauen, was sich auf der anderen Seite tut. Und wenn dann drüben – wie in Mikulov eben – die Altstadtgässchen auf einmal schöner sind als im eigenen Ort, bekommen die Scherze einen bitteren Beigeschmack: „Da könnte man glauben, dass wir jetzt der Ostblock sind.“

Die endlosen Lkw-Schlangen bei Drasenhofen gehören längst der Vergangenheit an – ebenso wie die Treibstoffpreise. Die Kontakte zu unseren Nachbarn sind leider noch immer nicht so offen wie die Grenzen. Bild: © fotos-geschichten.at

Die endlosen Lkw-Schlangen bei Drasenhofen gehören längst der Vergangenheit an – ebenso wie die niedrigen Treibstoffpreise. Die Kontakte zu unseren Nachbarn sind heute leider noch immer nicht so offen wie die Grenzen. Bild: © fotos-geschichten.at

 

Quelle: KURIER vom 1. Mai 2014

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