Herbergsuche im Weinviertel (Teil 1): „Wie lang hab‘ ich die dann da?“

„Asylanten“, „Flüchtlinge“, „Ausländer“… In der Diskussion um  d a s  derzeit brennende Thema schlechthin bleibt ein Begriff immer öfter im Hintergrund: „Menschen“. Fast scheint es, als würde man überhaupt vergessen, dass es sich um Menschen handelt, die da zu Hunderten und Tausenden ins Land kommen auf der Flucht vor Krieg, Hunger, Bedrohung, Verfolgung, Not. Wir in Europa, die wir angeblich so stolz sind auf unsere „christlichen“ Werte und Traditionen vergessen gerne deren Inhalte wie Mitgefühl, Toleranz, Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit, Nächsten-Liebe. Statt dessen machen sich im Zusammenhang mit den Menschen aus Syrien, dem Irak, Eritrea, Somalia etc. immer öfter Begriffe wie „Kriminelle“, „Faulheit“, „Schmarotzer“, „Islamgesindel“ im Alltag breit. Da gilt dann das „Christliche“ plötzlich nicht mehr. Kein Wunder, zählen doch die „christlichen“ Religionsgemeinschaften mit ihren Klöstern, Stiften, diversen Gutshöfen und sonstigen überreich vorhandenen und meist von der Allgemeinheit durch massive Spenden- und Bettel-Aktionen mitfinanzierten Besitztümern nicht gerade zu den Institutionen, die Menschen auf der Flucht die Türen besonders weit öffnen.

Mit ihrer starren Haltung stehen die Kirchen allerdings nicht allein da. In Österreich haben rund zwei Drittel aller Gemeinden bislang keine Flüchtlinge aufgenommen. Eine von ihnen ist das Städtchen Zistersdorf in einer Gegend, wo weit und breit nichts und niemand ist, der ausgeprägte Ängste vor Flüchtlingen auch nur ansatzweise rechtfertigen würde. Keine bedeutenden Schlepper-Routen, kein Aufnahmelager, keine Massenunterkunft.

Dabei sollte das Thema „Flucht“ im Weinviertel nicht ganz unbekannt sein. Was vor 70 Jahren für „Südmährer“ und „Sudetendeutsche“ recht war, darf heute erst recht für die Menschen aus dem Mittleren Osten und Afrika gelten – das (Menschen-)Recht auf Schutz und Asyl und eine (menschen-)freundliche Aufnahme.

In der Tageszeitung DerStandard vom 3. August 2015 widmete Karin Riss dieser von den Auswirkungen von Flucht und Vertreibung im Jahr 2015 n. Chr. weitgehend ausgenommenen Ecke des Weinviertels eine Reportage:

„Der militärgrüne Ferngucker liegt auf der Mittelkonsole, im Pick-up staut sich die Hitze des Sommertages, aus dem Radio dudelt Musik. Der Bürgermeister führt den Standard durch seine Katastralgemeinden, auf der Suche nach leer stehendem Wohnraum für Asylwerber.

Die Stimme Johanna Mikl-Leitners mischt sich unter die bürgermeisterlichen Ausführungen über die Erdölstadt Zistersdorf, die Müllverbrennungsanlage, die in Gruppen zusammenstehenden Windräder: ‚Jede Gemeinde mit über 2000 Einwohnern …‘, tönt es aus dem Lautsprecher. Wolfgang Peischl hört nicht zu. Er erzählt von früher, als die Flügelbahn seine rund 50 Kilometer von Wien entfernt liegende Gemeinde noch mit der großen, weiten Welt verbunden hat. Die Innenministerin erklärt währenddessen die neue Zugrichtung der Regierung. Erst später, bei der Mittagsrast in der irakisch geführten Ortspizzeria, wird der mit absoluter Mehrheit regierende VP-Chef erwägen, dass die ‚ein bis zwei Prozent Flüchtinge‘ von denen im Radio die Rede war, hier im nördlichen Weinviertel eine Heimat finden könnten.

‚Halb der Schlag getroffen‘

Stunden zuvor im Büro des Bürgermeisters. Wolfgang Peischl artikuliert die Sorge, ‚wenn ich heute nach Wien fahre, und da sprengt sich einer in die Luft‘. Er glaubt zu wissen: ‚Die Menschen sind nicht begeistert‘ vom Thema Flüchtlinge. Dementsprechend habe ihn ‚halb der Schlag getroffen‘, als das Land Niederösterreich knapp vor den Gemeinderatswahlen im Frühjahr plötzlich zwecks Herbergssuche auch im schönen Zistersdorf anklopfte.

Andreas Tomasz Kubien sitzt dem Bürgermeister gegenüber, inhaltlich ist er voll auf seiner Seite. Die Leute hätten Ängste, glaubt der Pfarrer. Er habe die Information bekommen, ‚dass unser Gebiet nicht betroffen ist‘. Zwar habe sein Pfarrhof, der in einem Franziskanerkloster liegt, zwei leerstehende Gästezimmer, man müsste sich aber eine Dusche und zwei WCs teilen. Und in den Pfarrsälen: Seniorentreffs, Kinderchor, Ministranteneinteilung. Bei ihm, der sich als ‚gehorsamer Priester‘ sieht, der Entscheidungen gerne in die Hände der Chefs im Stift Zwettl legt, gehe es also nicht. Kubien findet, dass die Probleme vor Ort – in Syrien, dem Irak oder Afghanistan – gelöst werden müssten. In Österreich sollten Flüchtlinge in Kasernen unterkommen, jedenfalls vorübergehend. Kritik am Verhalten der Kirche kontert er: ‚Die Kirche unternimmt viel‘, etwa indem man bei der Arbeitssuche unterstütze. Denn auch in Österreich gebe es arme Leute.

Auf der Fahrt nach Maustrenk, eine der zehn Kleinortschaften, die Zistersdorf inklusive Zweitwohnsitzern erst zur vollen 6300-Einwohner-Größe verhilft, argumentiert Bürgermeister Peischl ganz ähnlich. Allein im Vorjahr habe die Rotkreuz-Tafel 42 Tonnen Lebensmittel verschenkt. Das Leid der Flüchtlinge lässt ihn trotzdem nicht kalt. Die Bilder aus Traiskirchen empfindet er als ’schrecklich, das kann man nicht dulden‘. Er fordert, dass sich ‚alle beteiligen‘. Und zwar wirklich alle: ‚Die Großkonzerne, die mit Millionen im Plus sind, Europa, die ganze Welt soll sich damit beschäftigen.‘ Die Rolle der Zistersdorfer sieht er zu diesem Zeitpunkt des Tages im Bereitstellen von Gemeindegrundstücken, die der Bund um 35 Euro pro Quadratmeter erwerben könnte. Dann, wenn die Flüchtlinge aus den Kasernen, die Peischl sofort öffnen will, in dauerhafte Unterkünfte übersiedeln. Freien Wohnraum in Gemeindebesitz gebe es nicht.

Dass in Maustrenk, wie der grüne Gemeinderat Karl Kolar glaubt, jedes sechste Haus leersteht, lässt sich vor Ort weder be- noch widerlegen. Kolar bekennt selbstkritisch, dass trotz anhaltenden Flüchtingsstroms in der Gemeinde ‚ehrlich gesagt nichts geschehen ist‘. Jetzt will er bei der nächsten Gemeinderatssitzung im September einen ‚dringlichen Antrag‘ stellen. Auch, wenn er sich davon bei einer VP-Dominanz von 17 Mandaten wenig verspricht.

Zurück in Zistersdorf, vor dem heruntergekommenen Bungalow, der vom Land angeblich als Asylwerberquartier inspiziert wurde. Früher wohnte hier der Verwalter der Abteilung „Bodenschutz“, die sich um die Windschutzgürtel auf den Feldern kümmert. Keine 200 Meter entfernt ist das Grundstück, das der Bürgermeister auf der Karte als potenziellen Baugrund für Flüchtlingsunterkünfte markiert hat. Was die Anrainer von solcher Nachbarschaft halten?

Mitleidstuerei‘

‚Die regen sich da auf, dass sie in Zelten wohnen müssen‘, empört sich ein Herr mittleren Alters am Gartenzaun über die Bilder, die er in der Mittags-ZiB gesehen hat. Er sei ’nicht interessiert, dass ich im Garten sitze, und ich hab da Leute stehen, die nicht da hergehören‘. Wie ihm überhaupt diese ‚Mitleidstuerei‘ vieler ‚auf die Nerven‘ gehe. Er, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, fragt: ‚Warum soll ich Mitleid haben, nur weil die da unten in Syrien einen Bürgerkrieg haben?‘ Schließlich zahle er Steuern, ‚damit unser Landl schön ist‘. Und dann kämen ‚die und machen ihre eigenen Sitten, hauen uns unsere Kultur zusammen‘. Wenn da jemand einziehe, ‚dann sollten die kontrolliert werden wie im Gefängnis‘, befindet der Nachbar – ein Parteifreund des Bürgermeisters.

Zwei Häuser weiter fürchtet sich eine Dame vor möglichen Krankheiten: ‚Wir sind ja schon von Türken eingekreist.‘ Die seien laut, es stinke, wenn sie grillen, und ‚die nehmen sich Rechte heraus‘. Gehen über freie Grundstücke statt auf dem Gehweg. Brigitte Kirchner wohnt auch hier. Für die 40-jährige Zwillingsmutter wären ‚ein bis zwei Familien schon okay‘. Ihre Sorge ist, ‚dass das ausufert‘.

Um 13.00 Uhr bei gebackenem Fisch und Softdrink liest der Bürgermeister nach, was die Innenministerin via Radio angekündigt hat: ‚Zwei Prozent, das ist schon viel. Das wären bei mir 100 Leute. Das wird spannend.‘ Wolfgang Peischl fragt: ‚Wie lange hab ich die dann hier? Wer versorgt die?‘ Der Bürgermeister fühlt sich an die Wand gedrückt.

Lehrerin Irmgard Geer ist die Schwägerin des Bürgermeisters. Sie erzählt, wie sie einmal einen Flüchtling aus Somalia in die Klasse eingeladen habe. Der berichtete von seiner Flucht, nahm den selbstgestrickten rot-weiß-roten Schal dankbar entgegen und ließ eine Reihe emotional berührter Kinder zurück. Ob sie mehr will als den Flüchtling als geladenen Gast? Ja. Aber. Dann zählt sie auf, was ihren Ort als Herberge für Fremde so ungeeignet macht: Die Verkehrsanbindung sei ‚mickrig‘, Arbeitsplätze im Abwanderungsgebiet rar. Dass mit neuen Zuzüglern auch neue Chancen für das Gemeindegebiet entstehen könnten, glaubt sie nicht so recht. Die Stimmung sei sehr negativ.

Man habe mit der hier ansässigen muslimischen Gemeinde (rund 200 Personen, es gibt ein Gebetshaus des Vereins Atib) bereits eine Größe erreicht, die nicht überschritten werden sollte, glaubt man selbst in der Shisha Bar vis-à-vis der Kirche. Der Besitzer ist türkischstämmiger Österreicher. Er fürchtet, dass bei einer Überforderung der Ortsansässigen die Stimmung auch zu ihren Lasten kippt.

Aktiv via Rathauspost

Einer, der dem Bürgermeister bei der Frage, ob Zistersdorf Flüchtlinge aufnehmen soll, jedenfalls ’nichts dreinreden‘ will, ist Siegfried Wurzer. Der FPÖ-Mandatar findet, ‚platzmäßig‘ sei ’nicht viel möglich‘, aber das müsse man im Gemeinderat besprechen. Und siehe da, am Ende des Tages wird auch der Bürgermeister aktiv. Motiviert von seiner Schwägerin will er über die Rathauspost abfragen, wer privaten Wohnraum zur Verfügung stellen kann. ‚Wir werden das starten‘, sagt die Schwägerin, ‚dann werden wir schon sehen, wie die Bevölkerung reagiert.‘ „

Karin Riss, Red. Kris B. Flašar

(wird fortgesetzt)

Quelle: DerStandard vom 3. August 2015

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