Osterzeit im Weinviertler Burschenbrauch – Osterfeuer und das rote Ei

Osterfeuer galten im Weinviertel lange Zeit als unbekannt, bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es jedoch zumindest zwei.

Der Volkskundeforscher Werner Galler schreibt: „Am Ostersonntag oder Ostermontag (wahrscheinlich am letzteren Termin, denn die Prozession nennt man ‚Emausgehn‘) wurde in Hohenruppersdorf um 3 Uhr früh eine Prozession abgehalten, die zu drei verschiedenen Feldkreuzen führte. Bei jedem Kreuz entzündeten die Burschen des Marktes ‚Rebbürdeln‘ “.

Übriggeblieben ist davon in späteren Jahren nur mehr ein Osterblasen am Ostersonntag, mit dem die Betenden um 5 Uhr früh empfangen wurden. Bis 1922 oder 1923 wurde das „Osterfeuer“ in Pfösing abgebrannt. Dort ging man am Ostermontag früh zu „drei Kreuz‘ beten“. Beim Kreuz im Hohlweg gegen Münichsthal und Ulrichskirchen wurde das von den Burschen mitgetragene Holz entzündet. Nicht zu verwechseln sind diese Feuer mit den Bränden vor der Kirchentür am Karsamstag zur Auferstehung, dem sogenannten „Judasverbrennen“, das mancherorts auch den im Lichte der Nazigräuel zumindest zweifelhaften Namen „Judverbrennen“ trug.

Ebenfalls am Ostermontag wanderten die Burschen zu den Mädchen um „a rot’s Oa“. In Wulzeshofen ging man zu den Mädchen, mit denen man im Fasching getanzt hatte. Zu verschmähten Tänzerinnen wagte man sich nicht. In Hagendorf bei Fallbach musste jedem Burschen geöffnet werden, der „rote Oa holn“ kam. Mit dem Erhalt des Geschenks war der Bursch verpflichtet, am Kirtag mit dem betreffenden Mädchen zu tanzen. Umgekehrt hieß es in Münichsthal bei Wolkersdorf, dass mit dem Mädchen nicht getanzt wurde, von dem der Bursch kein Ei bekam.

Die Eier waren also verpflichtende Abgabe an alle Burschen. So mussten z. B. im südmährischen Irritz (Jiřice u Miroslavi) alle jungen Frauen bis zum Alter von 30 Jahren jedem Burschen ein Ei geben und ihn mit einer Kleinigkeit bewirten. Selten sind die Nachrichten, dass der Bursch nur von seinem Mädchen die Ostergabe bekam. Viel eher geschah es, dass zwar jeder Bursch ein Ei erhielt, der Verehrer oder der, den das Mädchen am liebsten sah, aber ein besonders prächtiges Geschenk. So erhielt in Münichsthal „ihr Bui“ drei Stück, jeder andere nur ein gefärbtes Ei.

Ebenfalls in Irritz hielt jedes Mädchen die „allgemeinen“ Eier vorbereitet. Im Gegensatz dazu gab es die „speziellen“. Die Eier waren nicht nur rot, sondern hatten verschiedene Farben. Vor dem Färben band man Blätter von Petersilie, Zeller, Klee und „Murken“ (Karotten) darauf, um ihnen eine Zeichnung zu verleihen. Auf die speziellen Eier schrieb man mit Spitzfeder und „Schradlwasser“ (Schwefelsäure) einen Spruch, der nicht gereimt zu sein brauchte. Man teilte dem Burschen mit, dass er ein guter Tänzer sei, ein lieber Unterhalter, oder man forderte ihn auf, nicht so „stolz“ zu sein und sich weniger rar zu machen. Hin und wieder verwendete man Stammbuchverse. Ganz verwegene Mädchen gingen so weit, dass sie dem Jüngling durch das Ei sagten, dass er gerne gesehen sei und ruhig einmal mutiger werden könne. Manchmal wurde man auch aufgefordert, Enttäuschungen gutzumachen.

Über das Ei konnte auch Ablehnung ausgedrückt werden. So stand um 1940 auf einem Ei: „Was nutzt alles Zündeln, wenn kein Öl vorhanden ist.“ Auch das Zusammenhalten der Mädchen machte sich zu Ostern bemerkbar. Wenn ein Bursch mit einem Mädchen „ging“ und sich in untreuer Absicht einem anderen zuwandte, so wurde er von ihr auf dem Osterei wieder zu seinem eigenen „Mentsch“ zurückgeschickt.

In Ameis ist der Brauch des Eierholens um 1950 abgekommen. Vorher war er dem südmährischen Brauch sehr ähnlich. Die Burschen gingen in Gruppen zu dritt oder viert zu den Mädchen. Jeder Bursch besuchte jedes Mädchen, keines wurde vergessen. Die Eier wurden „simperlweis aufteilt“. Derjenige, den das Mädchen besonders gern hatte, bekam ein beschriebenes Ei. Die eingekratzten oder geätzten Sprüche lauteten etwa:

„Die Rose blüht, der Dorn, der sticht. Die Liebe spricht: Vergiß mich nicht.“

oder

„Kein Graben zu tief, keine Mauer zu hoch, wenn zwei sich lieben, sie finden sich doch.“

Oft wurde auch nur einfach „Aus Liebe“ auf das Ei geschrieben oder ein Vergissmeinnnicht aufgemalt. Das „Geschriebene“ war das Heiligtum des Burschen. Nur sein bester Freund durfte es sehen, und es wurde meist so lange aufgehoben, bis es absolut ungenießbar war. Das beschriebene Ei wurde nicht selten ein ganzes Jahr aufbewahrt und am nächsten Ostermontag der Geliebten als Zeichen der Treue vorgewiesen. Mit den anderen, für gewöhnlich roten Eiern hielt man im Wirtshaus ein Festessen ab.

Interessant ist, dass in beiden Fällen die gleiche Uhrzeit für den Besuch bei den Mädchen angegeben ist. In Irritz spricht man von der Nacht auf den Ostermontag zwischen 10 und 3 Uhr. In Ameis war es die Nacht von Ostermontag auf -dienstag. Es handelte sich also um ein „Fensterln“, das ja auch in der Neujahrs-, Mai- und Allerheiligennacht durch das Überreichen von Geschenken, allerdings umgekehrt, ausgezeichnet war.

Es heißt auch, dass ein Bursch, der ein Mädchen beleidigt hat oder ihm infolge eines anderen Umstandes unsympathisch ist, gar nicht um ein Ei kam, denn er hätte keines bekommen. Er hatte dies schon vorher durch ihre Freundinnen gehört und wollte es zu keinem „Auftritt“ kommen lassen. Er hätte wohl nur den Spott, nicht aber die Unterstützung seiner Kameraden geerntet.

Werner Galler beschreibt weiter: Zu Ostern herrschte für das Liebesleben von der Seite der Mädchen her freie Meinungsäußerung. Auch die Burschenschaft äußerte symbolisch ihre Meinung gegenüber einem Mädchen, wenn sich diese gegen die Anstandsregeln vergangen oder etwa einen Ortsfremden fensterln gelassen hatte. Es konnte dann passieren, dass das Mädchen mit 30 roten Eiern wartete und kein einziger Bursch in der Osternacht auftauchte. Dies galt natürlich als große Schande für das Mädchen.

Das Eierholen ist mancherorts bis heute noch lebendig. Die aufgemalten Sprüche sind dagegen nicht mehr gefragt. Die Burschen waren natürlich immer zu irgendeinem kleinen Streich aufgelegt, und so hieß es in Eichenbrunn, dass man es nicht immer bei dem einen geschenkten Ei belasse und heimlich zur „Selbstbedienung“ schreite, wodurch das Mädchen in höchste Verlegenheit kommt und bei den letzten Besuchern schon zu den Eiern ihrer Familie greifen muss. Auch hier wurden die Eier in der Nacht geholt, und man verspeiste sie nicht in der Gemeinschaft im Wirtshaus, sondern gleich vor der Tür des Mänchens, „dass s‘ aa wos hot davo“ – nämlich die Arbeit des Wegkehrens der Eierschalen.

Bei den Irritzer Burschen kam es auch vor, dass ganz Unzufriedene ihr Ei neben dem Fenster der Mädchenkammer an die Außenwand des Hauses klatschten und dadurch Arbeit verursachten. Anderseits konnte es geschehen, dass der „Luftikus“, der treulose Bursch, mit süßem Lächeln ein schönes Ei erhielt, das ihm dann im Hosensack zerrann, weil es entweder weich oder gar nicht gekocht war.

Die „Antlaßoar“ (Eier vom Gründonnerstag) gehörten in Großrußbach z. B. den Knechten und Mägden. Anderswo bekamen nur Mägde diese Eier. Ihnen wurde besondere Zauberkraft zugeschrieben und sie wurden in der bäuerlichen Familie zumindest im südlichen Weinviertel gemeinsam verzehrt, damit „si koans verrennt“.

Beim heute noch üblichen „In-die-Grean-Gehen“ des nördlichen Weinviertels, dem „Emausgehen“ in die zwei oder mehr Kilometer entfernte Kellergasse, wandert das gesamte Dorf hinaus, nur die Burschen feiern meist gemeinsam in einem Presshaus. Wie an jedem Doppelfeiertag ritt man auch am Ostermontag die Pferde aus dem Stall, um sie vor dem „Kreuzschlag“ zu bewahren.

Vereinzelt erhielt der Forscher Werner Galler die Mitteilung aus Niederhollabrunn, dass die sonst nur zu Allerheiligen und Neujahr bekannten Strohstriezel dort zu Ostern aufgehängt wurden. Diese Tätigkeit ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschwunden.

(wird fortgesetzt)

 

Quellen: Werner Galler, Die Burschenschaft des östlichen und mittleren Weinviertels, Wien 1971; Gustav Gugitz, Pumpermette und Karfreitagsratschen, in: Das Jahr und seine Feste im Volksbrauch, Wien 1949.

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Eine Antwort zu Osterzeit im Weinviertler Burschenbrauch – Osterfeuer und das rote Ei

  1. happykpets schreibt:

    Bei uns ist das mit dem Eierholen so: Am Samstag, nach dem Vorletzten Ratschen ziehen die Ministranten (damals Buben, jetzt auch die Mädchen) von Haus zu Haus: „Die Ministranten bitten um a Ratschengeld und um a rot’s Oa“. Inzwischen bekommt man zwar immer seltener wirklich Rote Eier (eher Schokoladige), aber die Tradition wird dadurch aufrecht erhalten… 😉

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