Herbergsuche im Weinviertel (Teil 2): Wo Menschen Menschen helfen…

(Fortsetzung von Teil 1)

Die gute Nachricht ist die bessere. Es geht im Weinviertel auch anders, wenn Flüchtlinge vor der Tür stehen. Zum Beispiel in Poysdorf. Dort überwindet persönliches Engagement die gängigen Vorurteile gegenüber Menschen auf der Flucht aus Kriegsgebieten.

Für acht junge Syrer hat die Flucht vor Krieg und Tod vor knapp einem Monat ein glückliches Ende gefunden. Einer privaten Initiative in der 5500-Einwohner-Gemeinde verdanken sie einen „sicheren Hafen“. Ihre Zahl mag angesichts fast täglich neuer Rekordzahlen von Asylsuchenden gering erscheinen, lässt aber die Hoffnung keimen, dass in unserem wohlhabenden Land soziale Wärme kein bloßes Schlagwort bleibt.

Um die Neo-Poysdorfer bestmöglich in das Leben der Stadtgemeinde einzubinden und ihnen helfend zur Seite zu stehen, rief die SPÖ Poysdorf gemeinsam mit der örtlichen Volkshilfe die Initiative „Menschen helfen Menschen“ ins Leben.

„Wir stehen in sehr engem Kontakt zu den syrischen Flüchtlingen. Es ist Ihnen ein großes Anliegen, sich aktiv in das Gemeindeleben einzubringen und Kontakt zur Bevölkerung aufzubauen“, sagt dazu Egon Englisch, der Vorsitzender der Volkshilfe Poysdorf.

Die jungen Syrer waren in der Weinstadt mit leichtem Gepäck gelandet. Sie besaßen gerade einmal das, was sie am Körper trugen. Kleidung und Hygieneartikel standen daher ganz oben auf der Liste ihrer Besorgungen. „Menschen helfen Menschen“ organisierte in kürzest möglicher Zeit eine Sammelaktion, die neben einem tolles Ergebnis auch die Erkenntnis brachte, dass weite Teile der Bevölkerung den Neuankömmlingen sehr positiv und aufgeschlossen gegenüber steht.

Acht junge Syrer auf der Flucht fanden in Poysdorf freundliche Aufnahme. Okba und Aboudin freuen sich im Kreise der Initiative "Menschen helfen Menschen". Bild: © Volkshilfe Poysdorf

Acht junge Syrer auf der Flucht fanden in Poysdorf freundliche Aufnahme. Okba und Aboudin freuen sich im Kreise der Initiative „Menschen helfen Menschen“. Bild: © Volkshilfe Poysdorf

„Es ist uns wichtig, dass wir uns aktiv für die Flüchtlinge engagieren und uns mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen,“ tönt es aus den Reihen der Gründer der Initiative. Nur so könne man gegenseitige Berührungsängste abbauen und die jungen Syrer optimal in die Gemeinschaft einbinden.

Für die Zukunft seien vor allem Gemeinschaftsaktivitäten geplant, bei denen die Flüchtlinge mit den „alteingesessenen Poysdorferinnen und Poysdorfern in Kontakt kommen können. Dies sei wichtig für ihre soziale Einbindung und biete anderseits eine gute Möglichkeit so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, meint dazu Egon Englisch.

Inzwischen helfen auch lokale Sportvereine bei der Integration der syrischen Gäste mit und bieten Trainingsmöglichkeiten und Gelegenheit zum Mitmachen an. Auch das Haus der Bamrmherzigkeit hilft mit und bietet den Syrern die Möglichkeit, mit den Klienten des Hauses kleine Ausflüge zu unternehmen.

In der Poysdorfer Katastralgemeinde Altruppersdorf fanden weitere fünf Menschen aus Syrien Aufnahme. Auch um sie kümmert sich die Volkshilfe.

Alles in allem ein gutes Beispiel für Rest-Österreich. Schließlich macht es keinen Sinn, in einem Ort massenhaft Flüchtlinge unterzubringen und damit die heimischen Bevölkerung zu überfordern oder zu verunsichern. Die Volkshilfe spricht sich für eine Quotenregelung von einem Prozent aus. Das würde für Poysdorf etwa 25 bis 30 Asylsuchende bedeuten.

Während sich viele Gemeinden und Kirchen nur sehr zögernd und oft sogar ablehnend verhalten, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht, erfülle Poysdorf seine menschliche und moralische Pflicht, ist man sich bei der Volkshilfe sicher.

 

Quelle: Volkshilfe Poysdorf

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Herbergsuche im Weinviertel (Teil 1): „Wie lang hab‘ ich die dann da?“

„Asylanten“, „Flüchtlinge“, „Ausländer“… In der Diskussion um  d a s  derzeit brennende Thema schlechthin bleibt ein Begriff immer öfter im Hintergrund: „Menschen“. Fast scheint es, als würde man überhaupt vergessen, dass es sich um Menschen handelt, die da zu Hunderten und Tausenden ins Land kommen auf der Flucht vor Krieg, Hunger, Bedrohung, Verfolgung, Not. Wir in Europa, die wir angeblich so stolz sind auf unsere „christlichen“ Werte und Traditionen vergessen gerne deren Inhalte wie Mitgefühl, Toleranz, Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit, Nächsten-Liebe. Statt dessen machen sich im Zusammenhang mit den Menschen aus Syrien, dem Irak, Eritrea, Somalia etc. immer öfter Begriffe wie „Kriminelle“, „Faulheit“, „Schmarotzer“, „Islamgesindel“ im Alltag breit. Da gilt dann das „Christliche“ plötzlich nicht mehr. Kein Wunder, zählen doch die „christlichen“ Religionsgemeinschaften mit ihren Klöstern, Stiften, diversen Gutshöfen und sonstigen überreich vorhandenen und meist von der Allgemeinheit durch massive Spenden- und Bettel-Aktionen mitfinanzierten Besitztümern nicht gerade zu den Institutionen, die Menschen auf der Flucht die Türen besonders weit öffnen.

Mit ihrer starren Haltung stehen die Kirchen allerdings nicht allein da. In Österreich haben rund zwei Drittel aller Gemeinden bislang keine Flüchtlinge aufgenommen. Eine von ihnen ist das Städtchen Zistersdorf in einer Gegend, wo weit und breit nichts und niemand ist, der ausgeprägte Ängste vor Flüchtlingen auch nur ansatzweise rechtfertigen würde. Keine bedeutenden Schlepper-Routen, kein Aufnahmelager, keine Massenunterkunft.

Dabei sollte das Thema „Flucht“ im Weinviertel nicht ganz unbekannt sein. Was vor 70 Jahren für „Südmährer“ und „Sudetendeutsche“ recht war, darf heute erst recht für die Menschen aus dem Mittleren Osten und Afrika gelten – das (Menschen-)Recht auf Schutz und Asyl und eine (menschen-)freundliche Aufnahme.

In der Tageszeitung DerStandard vom 3. August 2015 widmete Karin Riss dieser von den Auswirkungen von Flucht und Vertreibung im Jahr 2015 n. Chr. weitgehend ausgenommenen Ecke des Weinviertels eine Reportage:

„Der militärgrüne Ferngucker liegt auf der Mittelkonsole, im Pick-up staut sich die Hitze des Sommertages, aus dem Radio dudelt Musik. Der Bürgermeister führt den Standard durch seine Katastralgemeinden, auf der Suche nach leer stehendem Wohnraum für Asylwerber.

Die Stimme Johanna Mikl-Leitners mischt sich unter die bürgermeisterlichen Ausführungen über die Erdölstadt Zistersdorf, die Müllverbrennungsanlage, die in Gruppen zusammenstehenden Windräder: ‚Jede Gemeinde mit über 2000 Einwohnern …‘, tönt es aus dem Lautsprecher. Wolfgang Peischl hört nicht zu. Er erzählt von früher, als die Flügelbahn seine rund 50 Kilometer von Wien entfernt liegende Gemeinde noch mit der großen, weiten Welt verbunden hat. Die Innenministerin erklärt währenddessen die neue Zugrichtung der Regierung. Erst später, bei der Mittagsrast in der irakisch geführten Ortspizzeria, wird der mit absoluter Mehrheit regierende VP-Chef erwägen, dass die ‚ein bis zwei Prozent Flüchtinge‘ von denen im Radio die Rede war, hier im nördlichen Weinviertel eine Heimat finden könnten.

‚Halb der Schlag getroffen‘

Stunden zuvor im Büro des Bürgermeisters. Wolfgang Peischl artikuliert die Sorge, ‚wenn ich heute nach Wien fahre, und da sprengt sich einer in die Luft‘. Er glaubt zu wissen: ‚Die Menschen sind nicht begeistert‘ vom Thema Flüchtlinge. Dementsprechend habe ihn ‚halb der Schlag getroffen‘, als das Land Niederösterreich knapp vor den Gemeinderatswahlen im Frühjahr plötzlich zwecks Herbergssuche auch im schönen Zistersdorf anklopfte.

Andreas Tomasz Kubien sitzt dem Bürgermeister gegenüber, inhaltlich ist er voll auf seiner Seite. Die Leute hätten Ängste, glaubt der Pfarrer. Er habe die Information bekommen, ‚dass unser Gebiet nicht betroffen ist‘. Zwar habe sein Pfarrhof, der in einem Franziskanerkloster liegt, zwei leerstehende Gästezimmer, man müsste sich aber eine Dusche und zwei WCs teilen. Und in den Pfarrsälen: Seniorentreffs, Kinderchor, Ministranteneinteilung. Bei ihm, der sich als ‚gehorsamer Priester‘ sieht, der Entscheidungen gerne in die Hände der Chefs im Stift Zwettl legt, gehe es also nicht. Kubien findet, dass die Probleme vor Ort – in Syrien, dem Irak oder Afghanistan – gelöst werden müssten. In Österreich sollten Flüchtlinge in Kasernen unterkommen, jedenfalls vorübergehend. Kritik am Verhalten der Kirche kontert er: ‚Die Kirche unternimmt viel‘, etwa indem man bei der Arbeitssuche unterstütze. Denn auch in Österreich gebe es arme Leute.

Auf der Fahrt nach Maustrenk, eine der zehn Kleinortschaften, die Zistersdorf inklusive Zweitwohnsitzern erst zur vollen 6300-Einwohner-Größe verhilft, argumentiert Bürgermeister Peischl ganz ähnlich. Allein im Vorjahr habe die Rotkreuz-Tafel 42 Tonnen Lebensmittel verschenkt. Das Leid der Flüchtlinge lässt ihn trotzdem nicht kalt. Die Bilder aus Traiskirchen empfindet er als ’schrecklich, das kann man nicht dulden‘. Er fordert, dass sich ‚alle beteiligen‘. Und zwar wirklich alle: ‚Die Großkonzerne, die mit Millionen im Plus sind, Europa, die ganze Welt soll sich damit beschäftigen.‘ Die Rolle der Zistersdorfer sieht er zu diesem Zeitpunkt des Tages im Bereitstellen von Gemeindegrundstücken, die der Bund um 35 Euro pro Quadratmeter erwerben könnte. Dann, wenn die Flüchtlinge aus den Kasernen, die Peischl sofort öffnen will, in dauerhafte Unterkünfte übersiedeln. Freien Wohnraum in Gemeindebesitz gebe es nicht.

Dass in Maustrenk, wie der grüne Gemeinderat Karl Kolar glaubt, jedes sechste Haus leersteht, lässt sich vor Ort weder be- noch widerlegen. Kolar bekennt selbstkritisch, dass trotz anhaltenden Flüchtingsstroms in der Gemeinde ‚ehrlich gesagt nichts geschehen ist‘. Jetzt will er bei der nächsten Gemeinderatssitzung im September einen ‚dringlichen Antrag‘ stellen. Auch, wenn er sich davon bei einer VP-Dominanz von 17 Mandaten wenig verspricht.

Zurück in Zistersdorf, vor dem heruntergekommenen Bungalow, der vom Land angeblich als Asylwerberquartier inspiziert wurde. Früher wohnte hier der Verwalter der Abteilung „Bodenschutz“, die sich um die Windschutzgürtel auf den Feldern kümmert. Keine 200 Meter entfernt ist das Grundstück, das der Bürgermeister auf der Karte als potenziellen Baugrund für Flüchtlingsunterkünfte markiert hat. Was die Anrainer von solcher Nachbarschaft halten?

Mitleidstuerei‘

‚Die regen sich da auf, dass sie in Zelten wohnen müssen‘, empört sich ein Herr mittleren Alters am Gartenzaun über die Bilder, die er in der Mittags-ZiB gesehen hat. Er sei ’nicht interessiert, dass ich im Garten sitze, und ich hab da Leute stehen, die nicht da hergehören‘. Wie ihm überhaupt diese ‚Mitleidstuerei‘ vieler ‚auf die Nerven‘ gehe. Er, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, fragt: ‚Warum soll ich Mitleid haben, nur weil die da unten in Syrien einen Bürgerkrieg haben?‘ Schließlich zahle er Steuern, ‚damit unser Landl schön ist‘. Und dann kämen ‚die und machen ihre eigenen Sitten, hauen uns unsere Kultur zusammen‘. Wenn da jemand einziehe, ‚dann sollten die kontrolliert werden wie im Gefängnis‘, befindet der Nachbar – ein Parteifreund des Bürgermeisters.

Zwei Häuser weiter fürchtet sich eine Dame vor möglichen Krankheiten: ‚Wir sind ja schon von Türken eingekreist.‘ Die seien laut, es stinke, wenn sie grillen, und ‚die nehmen sich Rechte heraus‘. Gehen über freie Grundstücke statt auf dem Gehweg. Brigitte Kirchner wohnt auch hier. Für die 40-jährige Zwillingsmutter wären ‚ein bis zwei Familien schon okay‘. Ihre Sorge ist, ‚dass das ausufert‘.

Um 13.00 Uhr bei gebackenem Fisch und Softdrink liest der Bürgermeister nach, was die Innenministerin via Radio angekündigt hat: ‚Zwei Prozent, das ist schon viel. Das wären bei mir 100 Leute. Das wird spannend.‘ Wolfgang Peischl fragt: ‚Wie lange hab ich die dann hier? Wer versorgt die?‘ Der Bürgermeister fühlt sich an die Wand gedrückt.

Lehrerin Irmgard Geer ist die Schwägerin des Bürgermeisters. Sie erzählt, wie sie einmal einen Flüchtling aus Somalia in die Klasse eingeladen habe. Der berichtete von seiner Flucht, nahm den selbstgestrickten rot-weiß-roten Schal dankbar entgegen und ließ eine Reihe emotional berührter Kinder zurück. Ob sie mehr will als den Flüchtling als geladenen Gast? Ja. Aber. Dann zählt sie auf, was ihren Ort als Herberge für Fremde so ungeeignet macht: Die Verkehrsanbindung sei ‚mickrig‘, Arbeitsplätze im Abwanderungsgebiet rar. Dass mit neuen Zuzüglern auch neue Chancen für das Gemeindegebiet entstehen könnten, glaubt sie nicht so recht. Die Stimmung sei sehr negativ.

Man habe mit der hier ansässigen muslimischen Gemeinde (rund 200 Personen, es gibt ein Gebetshaus des Vereins Atib) bereits eine Größe erreicht, die nicht überschritten werden sollte, glaubt man selbst in der Shisha Bar vis-à-vis der Kirche. Der Besitzer ist türkischstämmiger Österreicher. Er fürchtet, dass bei einer Überforderung der Ortsansässigen die Stimmung auch zu ihren Lasten kippt.

Aktiv via Rathauspost

Einer, der dem Bürgermeister bei der Frage, ob Zistersdorf Flüchtlinge aufnehmen soll, jedenfalls ’nichts dreinreden‘ will, ist Siegfried Wurzer. Der FPÖ-Mandatar findet, ‚platzmäßig‘ sei ’nicht viel möglich‘, aber das müsse man im Gemeinderat besprechen. Und siehe da, am Ende des Tages wird auch der Bürgermeister aktiv. Motiviert von seiner Schwägerin will er über die Rathauspost abfragen, wer privaten Wohnraum zur Verfügung stellen kann. ‚Wir werden das starten‘, sagt die Schwägerin, ‚dann werden wir schon sehen, wie die Bevölkerung reagiert.‘ „

Karin Riss, Red. Kris B. Flašar

(wird fortgesetzt)

Quelle: DerStandard vom 3. August 2015

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„Mistelbacher Bezirksblatt“: Gratiszeitung oder billiges Hetzblatt?

„Journalismus“ made in Mistelbach. Hetzerisch, reißerisch, völlig zusammenhanglos und grenzenlos dumm. Das „Bezirksblatt“ gefällt sich offenbar darin, aus der Islamismus-Debatte journalistisches Kleingeld zu schlagen.     Bild: @ camerahumana

„Journalismus“ made in Mistelbach. Hetzerisch, reißerisch, völlig zusammenhanglos und grenzenlos dumm. Das „Bezirksblatt“ gefällt sich offenbar darin, aus der Islamismus-Debatte journalistisches Kleingeld zu schlagen. Bild: @ camerahumana

Man kommt ihm nicht aus, dem lokalen Gratisblatt. Jeder Haushalt im Weinviertel wird, wie auch anderswo in Niederösterreich, mit einer Ausgabe der „Bezirksblätter“ beglückt. Unbestellt und gratis liegt sie Woche für Woche im Briefkasten und vermutlich bald darauf im Altpapiercontainer. Auch im Bezirk Mistelbach verbreitet ein Bezirksblatt seine Ergüsse, inhaltlich und stilistisch meist unterirdisch, was aber normalerweise kaum jemanden aus der zwangsbeglückten Leserschar aufregt, zumal man einem „geschenkten Gaul“ usw. usf. Diese Woche dann die „schockierende“ Schlagzeile: „Böller: Polizei sucht ‚Silvester-Taliban‘“. Das suggeriert zumindest Terroristen, wenn nicht gar Islamisten. Auf jeden Fall irgendwas mit Muslimen und/oder „Ausländern“. Diese Schlagzeile schürt Ängste, stiftet Verwirrung, sie ist unsensibel und unbedacht, sie hetzt und verunsichert. Im dazugehörenden Artikel im Blattinneren geht es nämlich lediglich um eine kaputte Auslage auf dem Mistelbacher Hauptplatz, vier davongelaufene Jugendliche und einen Böller. Ein Lausbubenstück. Es geht nicht um Taliban oder sonstige religiöse Fanatiker. Es geht nicht einmal um Muslime und um Migranten auch nicht. Hauptsache, man hat eine suggestive Schlagzeile losgelassen. Ich mag der Redaktion nicht Absicht unterstellen. Dazu ist der reißerische Titel zu abgehoben vom Inhalt. Aber er ist geeignet zu verhetzen. Er ist darüber hinaus dumm und in seiner Konsequenz bösartig. Gibt es in dieser Redaktion irgendjemanden, der sich der Verantwortung bewusst ist, wenn er/sie für ein Medium mit großer Reichweite schreibt? Hat dort irgendjemand schon von journalistischem Ethos gehört? Hat dort irgendjemand wenigstens Hirn (von Herz gar nicht zu reden)? Viele Menschen engagieren sich für Toleranz, Verständnis und Mitmenschlichkeit, Integration und Inklusion sind heutzutage nicht mehr bloße soziologische Vokabel. Und dann drückt eine Gratiszeitung den Lesern eine solche Schlagzeile ohne Inhalt aufs Auge! Das ist letztklassig! Man kann man von Gratisblättchen wie dem Mistelbacher Bezirksblatt sicher keine journalistischen Meisterleistungen erwarten. Man muss aber erwarten, ja verlangen, dass diese nicht mit hetzerisch-reißerischen Aufmachern  noch mehr Dreck in die Gehirne der Menschen blasen, als ohnehin schon drin ist.

*

P.S. Es gab einmal eine Zeit, da lieferte das „Mistelbacher Bezirksblatt“ im Rahmen seiner Möglichkeiten anständige Arbeit, machte in puncto Neuigkeitswert sogar dem übermächtigen Platzhirschen NÖN Konkurrenz. Ich erinnere nur an die Geschichte über den ehemaligen Pfarrer von Stützenhofen, die Lokalredakteur Ewald Schingerling aufdeckte und die in der Folge europaweit für Furore sorgte. Die Geschichte wurde dem „Bezirksblatt“ offenbar zu heiß, Schingerling verließ in der Folge die Redaktion und arbeitet heute erfolgreich als freier Journalist unter anderem für das Mistelbacher Magazin mijou.

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Immerhin ein Anfang, aber… Zum Gedenken an die Widerstandskämpferin Anna Goldsteiner aus Pulkau

In Pulkau erinnert man sich scheints nicht so gern. Zwar werden auch hier runde Geburtstage mit Routine und bürgermeisterlicher Gratulation gefeiert, hält man auch hier viel von einer „schönen Leich‘“ mit salbungsvoller Grabrede, aber wenn es um die Historie des Städtchens geht – vor allem um die Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus – , werden da und dort nicht unwesentliche Erinnerungslücken offenbar.

So hat es nicht weniger als 70 Jahre gedauert, ehe man sich in Pulkau wenigstens halb-offiziell diesem Teil seiner Geschichte besann und sich an eine starke Frau erinnerte, die mit Mut und Zivilcourage der Nazi-Obrigkeit die Stirn bot.

Pulkau tut sich nach wie vor schwer mit der Erinnerung an eine starke Frau. Bild: Rudolf Goldsteiner

Pulkau tut sich nach wie vor schwer mit der Erinnerung an eine starke Frau. Bild: Rudolf Goldsteiner

Anna Goldsteiner hatte ihre vier Söhne und deren Freunde, die die Widerstandszelle „Ewig treu mein Österreich“ gegründet hatten, unterstützt. Das ging gut bis zum Herbst 1943. Dann wurde sie verhaftet, zum Tod verurteilt und am 5. Juli 1944 im Wiener Landesgericht von Schergen des Naziregimes ermordet (siehe Beitrag 1 und Beitrag 2 in diesem Blog).

Dem „Atlas des Widerstands“ des Hollabrunner Psychotherapeuten Dr. Manfred Pawlik (siehe Quellen) und den intensiven Recherchen Rudolf Goldsteiners, des Enkels der Kämpferin gegen den Naziterror, ist es zu verdanken, dass der Mut der couragierten Pulkauerin nicht in Vergessenheit geraten ist und die Rufe nach einer späten Ehrung schließlich auch in der verschlafenen Gemeindestube nicht mehr überhört werden konnten.

Aber weil in Pulkau wie auch anderswo eher der Opfermythos Österreichs gepflegt wird statt sich auch unangenehmen Fragen der jüngeren Vergangenheit zu stellen, waren die Gemeindeväter nicht gerade begeistert von den immer lauter werdenden Stimmen. An Biertischen und auf Heurigenbänken formierten sich zunächst Unverständnis und Ablehnung, ehe man sich doch zu einer Gedenktafel für Anna Goldsteiner durchringen konnte. Mit Informationen über das Wann und Wo hielt man sich im Pulkauer Rathaus aber bis zum Schluss bedeckt, wollte am Ende noch nicht einmal wissen, ob die Tafel rechtzeitig fertig werde.

Welcher Geist die Verantwortlichen bei der Entscheidung für den Aufstellungsort der Tafel beseelt hat, ist allerdings nicht ersichtlich, ein besonders sensibler kann es aber nicht gewesen sein, denn die Tafel für die Widerstandskämpferin landete ausgerechnet am – Kriegerdenkmal, just unter den Namen derjenigen, die mitgeholfen hatten, das Hitlerregime möglichst lange am Leben zu erhalten.

Den lokalen Medien, sonst um jeden neuen Trachtenanzug journalistisch bemüht, war die mit Kameradschaftsbund (!) inszenierte Enthüllung der Tafel übrigens nur eine sehr zurückhaltende Berichterstattung wert.

Ob sich Anna Goldsteiner durch diese Gedenktafel besonders geehrt gefühlt hätte, ist zu bezweifeln. Aber immerhin, es gibt sie jetzt. Pulkau hat sichtlich in einem wahren Kraftakt Erinnerungsarbeit geleistet.

So, das war’s jetzt. Und dass jetzt ja keiner weiter unangenehme Fragen stellt!

Die Tafel an der unteren Stufe des Kriegerdenkmals von Pulkau wird irgendwann einmal von gepflegten Blumen verdeckt sein. Einfach Gras drüber wachsen zu lassen, war schließlich schon immer die beliebteste Taktik zur „Bewältigung“ der unangenehmen Vergangenheit.

Vielleicht aber entsteht durch die Tafel doch auch so etwas wie eine neue Kultur der Erinnerung.

Irgendwann ist sicher auch Pulkau reif dafür.

Noch leicht verschobene Erinnerung: Die Gedenktafel für Anna Goldsteiner am Kriegerdenkmal wirkt etwas deplatziert. Bild: Rudolf Goldsteiner

Noch leicht verschobene Erinnerung: Die Gedenktafel für Anna Goldsteiner am Kriegerdenkmal wirkt etwas deplatziert. Bild: Rudolf Goldsteiner

 

Quellen: Töchter des Weinviertels, Pulkau – ermordet, totgeschwiegen, aber nicht vergessen, Teil 1 und Teil 2 ; Dr. Manfred Pawlik, Widerstand im Weinviertel, Verlag Berger & Söhne, Horn, 2013.

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Zum Feiern und Nachdenken: Die Grenze ist weg, das Misstrauen geblieben

Eine kritische Elegie zum Thema Nähe und Distanz der Weinviertler zu ihren tschechischen Nachbarn findet sich zehn Jahre nach dem EU-Beitritt der ehemaligen „Ostblock“-Staaten in der Tageszeitung KURIER. An der tschechisch-österreichischen Grenze hat sich der Reporter Konrad Kramar auf die Suche nach dem Gemeinsamen gemacht und doch noch immer mehr Trennendes gefunden – für mich ein Grund, mein Blog wieder zum Leben zu erwecken und vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken zu bewegen. Geschichten von diesseits und jenseits der March finden Sie hier im Blog in der Serie „Im Herzen Europas am Ende der Welt?“

Staats- und Regierungschefs paradierten über Grenzbrücken, EU-Fahnen wurden gehisst, völkerverbindende Reden geschwungen: Der EU-Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten in unserer Nachbarschaft am 1. Mai 2004 war wohl der historische Feiertag für die EU. Exakt zehn Jahre sind seither vergangen: Aus dem Feiertag ist Alltag geworden, und der ist bis heute nicht ganz problemlos.

An der Grenze zu Tschechien zwischen Drasenhofen und Mikulov dominiert bis heute die Skepsis gegenüber den Nachbarn, auch wenn neue Radwege und hübsch herausgeputzte Altstadtgassen locken.

„Die Grüßgotts“, nennt man sie spöttisch, die Österreicher, die mit eben diesem Gruß in ein Geschäft oder Wirtshaus stürmen: So als gäbe es keine Grenze, und schon gar keine Sprachgrenze mehr.

Es gibt sie beide, auch zehn Jahre nach dem EU-Beitritt Tschechiens. Auch wenn die einst Respekt einflößenden Gebäude der Grenzwache inzwischen verfallende Geisterhäuser sind.

Wer wissen will, wann er es tatsächlich über die Staatsgrenze und hinüber zum Nachbarn geschafft hat, kann sich inzwischen nach ganz anderen Einrichtungen orientieren. Kein Grenzübergang nach Tschechien, bei dem nicht gleich dahinter krachbunte Bordelle „Täglich frische Mädchen“ anpreisen. Dort und bei den ebenso farbenfrohen Casinos nebenan ist alles großzügig auf Deutsch beschildert.

Doch das verliert sich rasch. In der prächtigen Altstadt des Grenzortes Mikulov ist in Auslagen und Hotelfoyers öfter Polnisch oder sogar Russisch zu finden. Auf der Durchreise in den Süden würden Polen oder Ukrainer gerne in Mikulov auch über Nacht Halt machen, erzählen die örtlichen Zimmervermieter. Die Österreicher dagegen: „Die kommen in Gruppen, machen schnell einen Stadtrundgang und sind nach einer Stunde wieder weg.“

Tatsächlich sind Besucher aus Österreich in Mikulov kaum zu finden, nicht in den Cafés, und auch nicht in den Sehenswürdigkeiten wie dem barocken Schloss. Eine Führung auf Deutsch? Danach muss man an der Kasse des Schlosses schon auf Tschechisch fragen, um verstanden zu werden. Und, nein, die gebe es nur auf telefonische Vorbestellung.

„Die Sprachbarriere ist sehr hoch, auf beiden Seiten“, erklärt sich ein Immobilienmakler das fehlende Interesse aus dem Nachbarland. Ein Projekt, günstige Seniorenresidenzen hier anzubieten, habe man rasch wieder abgeblasen. Gerade ältere Leute würden sich hier in Tschechien fremd fühlen.

Dabei ist in einem Städtchen wie Mikulov – von der Sprache einmal abgesehen – so gut wie alles vertraut. Die gleichen barocken Stadthäuser und Pestsäulen, die gleichen Kellergassen, die gleichen Weinsorten wie drüben in Niederösterreich. Und wer mit Tschechisch einigermaßen hantieren kann, kommt bald drauf, dass sogar die Mehlspeisen , vom „Indianer mit Schlag“ bis zur „Wiener Sachertorte aus Mikulov“, die gleichen sind. Tradition verbindet eben.

Doch viel kann man mit dieser Tradition nicht anfangen, zu schwer lastet die Geschichte auf dieser Grenze: Nationalsozialismus, Vertreibung, Eiserner Vorhang.

In Tschechien witzelt man gerne über die kleinlichen Österreicher, die von ihrem vielen Geld immer nur möglichst wenig ausgeben wollten. Diesseits der Grenze, in Drasenhofen, bekommt man am Wirtshaustisch dagegen ernste Sorgen mit der offenen Grenze aufgetischt. Einbrüche und Diebstähle, die seien hier in den Ortschaften einfach dramatisch angestiegen seit der „Ostöffnung“. Sogar den Diesel aus den Traktoren würden die Kriminellen aus dem Nachbarland stehlen – und manchmal gleich den ganzen Traktor dazu.

Neugierig sei man damals, gleich nach der Grenzöffnung, rübergefahren, zum Einkaufen. „Später dann ins Puff“, scherzt einer, „weil’s billiger war als bei uns.“ Aber das sei jetzt auch vorbei. Ins Casino nach Mikulov würden ein paar aus der Umgebung regelmäßig fahren, manche aber eher wegen des Gratis-Essens als wegen der Roulettetische.

Groß profitiert jedenfalls scheint hier von der offenen Grenze niemand zu haben. Man lebt nebeneinander her, beäugt mit Misstrauen, was sich auf der anderen Seite tut. Und wenn dann drüben – wie in Mikulov eben – die Altstadtgässchen auf einmal schöner sind als im eigenen Ort, bekommen die Scherze einen bitteren Beigeschmack: „Da könnte man glauben, dass wir jetzt der Ostblock sind.“

Die endlosen Lkw-Schlangen bei Drasenhofen gehören längst der Vergangenheit an – ebenso wie die Treibstoffpreise. Die Kontakte zu unseren Nachbarn sind leider noch immer nicht so offen wie die Grenzen. Bild: © fotos-geschichten.at

Die endlosen Lkw-Schlangen bei Drasenhofen gehören längst der Vergangenheit an – ebenso wie die niedrigen Treibstoffpreise. Die Kontakte zu unseren Nachbarn sind heute leider noch immer nicht so offen wie die Grenzen. Bild: © fotos-geschichten.at

 

Quelle: KURIER vom 1. Mai 2014

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Die Kruter håm… nix kapiert!

Großkrut ist stolz auf seinen Slogan.

„Die Kruter håm…“ prangt an den Ortseinfahrten und lädt so das ganze Jahr über zu verschiedenen Festen und Aktivitäten. Das klingt bodenständig, selbstbewusst und bringt den einen oder anderen Gast in die 1500-Einwohner-Gemeinde im Weinviertler Dreiländereck.

Großkrut bemüht sich auch redlich, trotz klammer Gemeindekasse seinen Bewohnern etwas zu bieten, unter anderem Abwechslung für ihre Kinder und damit auch Entlastung für deren Eltern während der schulfreien Ferienzeit.

„Die Kruter håm… a Ferienspiel“ tönte es kürzlich jubelnd aus den „Wecker News“, dem Magazin des Regionalentwicklungsvereins Weinviertler Dreiländereck. Man kann sich vorstellen, dass so ein Ferienspiel, das noch dazu einige Wochen dauert, gut organisiert sein muss und vor allem auch nicht allzu viel kosten darf. Also bedient man sich gerne diverser Institutionen, die ebenso gerne die Gelegenheit wahrnehmen, um für ihre eigenen Produkte oder Ideen zu werben, zumal man es hier mit einer begehrten Gruppe, den Kindern, zu tun hat. Heuer war wieder einmal das Bundesheer an der Reihe und zwar unter anderem mit einem „schmucken“ Schützenpanzer.

Panzer als Ferien-Gaudi in Großkrut. Wieder einmal Kinder als Zielgruppe einer soldatischen Werbeveranstaltung. Bild: Wecker News

Panzer als Ferien-Gaudi in Großkrut. Wieder einmal Kinder als Zielgruppe einer soldatischen Werbeveranstaltung. Bild: Wecker News

Liebe Ferienspiel-Verantwortliche, fällt euch wirklich nichts anderes ein, als Kindern Kriegsgerät zum Zeitvertreib anzubieten? Klar, so ein Koloss ist schon attraktiv, gekostet wird er samt Besatzung auch nicht allzu viel haben und überhaupt kann man ja „gar nicht früh genug anfangen“…

Wir reden von Frieden, versuchen unsere Kinder möglichst gewaltfrei zu erziehen, bauen langsam Verständnis und Freundschaft zu den Nachbarn aus. Wie wäre es, vor dem Ferienspiel einmal nachzudenken, welche friedvolleren Freizeitaktivitäten für Kinder es geben könnte?

Mir wären Kinder als Zielgruppe einer soldatischen Werbeveranstaltung ehrlich gesagt zu kostbar.

Nachdenken kostet bekanntlich nichts und wer weiß, vielleicht entwickelt sich dadurch auch unter der Bevölkerung von Großkrut die Lust, an Alternativen zu denken. Immer die gleichen einfallslosen Angebote sind doch auch fad. Wie wäre es mit einem Konzept, in dem Frieden die Hauptrolle spielt? Ich bin sicher, es gibt Pädagogen und Sozialarbeiter, die sich für so eine Idee begeistern lassen und auch nicht die Welt kosten.

Dann könnte Großkrut tatsächlich mit Stolz sagen „Die Kruter håm… es verstanden.“

Für heuer muss ich euch leider sagen, „Ihr Kruter habts…nix anderes als viele andere…und offenbar nix kapiert!“

 

 

Quelle: Wecker News, Ausgabe 4/2013

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Söhne und Töchter des Weinviertels: Ludwig Streicher, Ziersdorf und Gina Schwarz, Hollabrunn – Der Tausendfinger und die Jazzista (Teil 1)

„Da muss irgendwo ein Nest sein“. So beschreibt der Volksmund das gehäufte Auftreten einer Besonderheit. Nun kann man bei zwei Besonderheiten noch nicht von einer „Häufung“ sprechen, aber es ist schon bemerkenswert, dass ausgerechnet im Bezirk Hollabrunn, zwar eineinhalb Generationen auseinander, aber keine 15 Kilometer voneinander entfernt, zwei Musiker von Weltgeltung aufwuchsen. Noch dazu im selben Metier. Um das größte und tiefstklingende Streichinstrument, den Kontrabass, zu erlernen, muss man schon spezielle Fähigkeiten mit- und besonderes Engagement aufbringen – umso mehr, wenn man damit in die Weltelite aufsteigt, so wie der legendäre Ludwig Streicher aus Ziersdorf und die Jazzerin Gina Schwarz aus Hollabrunn.

 

Ludwig Streicher – Vom Wirtssohn zum „Paganini des Kontrabasses“

„Der ist ja kein richtiger Gastwirt!“ Wegen seines Wirts war das Gasthaus des Franz Xaver Streicher kurz nach dem ersten Weltkrieg in Ziersdorf nicht gerade berühmt, eher wegen dessen umsichtiger Ehefrau Katharina, die den Betrieb am Laufen und die Gäste bei Laune hielt. Der Wirt saß derweil lieber in einer Ecke und komponierte. Schließlich war er ja auch noch Direktor der örtlichen Musikschule und leitete ein kleines Orchester. Kein Wunder, dass der kleine Ludwig, der am 26. Juni 1920 zur Welt gekommen war, schon früh nur wenig Interesse an Küche und Keller zeigte, sondern viel mehr Gefallen an der Musik und den zahlreichen Instrumenten fand, die sein Vater unterrichtete – sehr zum Leidwesen der Mutter, der es lieber gewesen wäre, wenn der Bub „etwas Handfestes“ gelernt hätte.

Es nützte nichts. Nachdem sich der Ludwig an der Geige und später am Cello erprobt hatte, empfahl ein Mitglied des Wiener Staatsopernorchesters aus Ziersdorf dem hochgeschossenen, kräftigen Buben den Kontrabass. Mit 14 Jahren trat Ludwig zur Aufnahmeprüfung an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst an, bestand und begann kurz darauf mit dem Studium.

Schon mit 18 substituierte Ludwig Streicher 1938 erstmals an der Staatsoper in Wien und wurde 1940 an das Staatstheater Krakau engagiert. Ein Wechsel zu den Berliner Philharmonikern scheiterte 1942. Es hieß, er müsse davor zum Militär einrücken. Ludwig verzichtete auf Berlin. Am Ende blieben ihm die Kriegsgräuel trotzdem nicht erspart. Ludwig Streicher wurde 1944 eingezogen, geriet in sowjetische Gefangenschaft, aus der er aber fliehen und sich nach Ziersdorf durchschlagen konnte.

Im Herbst 1945 erfuhr Streicher von einer freien Stelle an der Wiener Staatsoper, die er schließlich auch erhielt, obwohl er völlig unvorbereitet zum Probespiel erschienen war.

Die Solistenlaufbahn des Ludwig Streicher begann 1966 in Wels. Im selben Jahr erhielt er seinen ersten Lehrauftrag an der Wiener Musikakademie (ab 1970 Hochschule für Musik und darstellende Kunst). In den 1970er Jahren verstärkte Streicher seine Unterrichtstätigkeit und hielt Meisterkurse in Weimar sowie in Spanien und Japan ab.

„Tausendfinger“ Ludwig Streicher, wie der Karikaturist ihn sah. Seine Virtuosität auf dem Kontrabass war legendär. Bild: Markus Suda

„Tausendfinger“ Ludwig Streicher, wie der Karikaturist ihn sah. Seine Virtuosität auf dem Kontrabass war legendär. Bild: Markus Suda

Sensationell erfolgreiche Konzertreisen führten den Ziersdorfer, dessen virtuoses Spiel ihm ehrende Spitznamen wie „Tausendfinger“ oder „Paganini des Kontrabass“ eintrugen, durch ganz Europa, in den Nahen Osten, nach Amerika, Afrika, Japan, Korea und Taiwan. Ludwig Streicher spielte für Könige und Fürsten wie für die Kinder in Südafrika, füllte die großen Konzertsäle genauso, wie er in Synagogen sein Spiel erklingen ließ. Star-Allüren waren dem Weltbürger fremd.

Wie sehr Ludwig Streicher mit Bravour und Humor auch in „exotischer“ Umgebung zu begeistern wusste und vor einem Millionenpublikum Sympathiewerbung für die Wiener musikalische Schule machte, beweisen Aufnahmen aus dem japanischen Fernsehen:

Video 1(enthält Tarantella von Giovanni Bottesini ab 04:01, Hummelflug von Nikolai Rimski-Korsakow ab 08:05, Donauwalzer von Johann Strauss ab 13:58)

Video 2

Nach 20 Jahren im Dienst der Wiener Philharmoniker kündigte Streicher seinen Vertrag und konzentrierte sich fortan auf den Unterricht und seine Solokarriere. 1973 wurde er zum außerordentlichen Hochschulprofessor und 1975 zum ordentlichen Professor für Kontrabass ernannt – eine Stellung, die er bis zu seiner Emeritierung 1990 innehatte.

Genial-humorvoll. Ludwig Streicher, der begnadete Kontrabassist aus Ziersdorf, hier bei einem Faschingskonzert der Wiener Musikfreunde in Schlafmütze und Nachthemd. Bild: © unbekannt / Markus Suda

Genial-humorvoll. Ludwig Streicher, der begnadete Kontrabassist aus Ziersdorf, hier bei einem Faschingskonzert der Wiener Musikfreunde in Schlafmütze und Nachthemd. Bild: © unbekannt / Markus Suda

Ludwig Streicher war nicht nur begnadeter Musiker, sondern ein ebenso begabter Entertainer. Das bewies er bei vielen Gelegenheiten, unter anderem bei der TV-Show „Wetten, dass…?“, beim Faschingskonzert des Wiener Musikvereins, aber auch bei humorvollen Live-Auftritten im japanischen Fernsehen. Sein musikalisches Repertoire umfasste die großen Kontrabasskonzerte eines Giovanni Bottesini, Carl Ditters von Dittersdorf oder Johann Baptist Vaňhal ebenso wie Transkriptionen bekannter Werke für andere Instrumente.

Inspiriert durch Ludwig Streichers Spiel, widmeten zeitgenössische heimische Komponisten wie Marcel Rubin, Paul Kont oder Paul Angerer dem Virtuosen neue Literatur für den Kontrabass. Streicher selbst fand neben seinen weltweiten Verpflichtungen auch noch Zeit, eine Edition originaler und transkribierter Musik zu betreuen, und verfasste sogar ein mehrbändiges Lehrwerk in deutscher, englischer und japanischer Sprache.

Für seine Verdienste als Pädagoge und Musiker erhielt Ludwig Streicher neben dem Professorentitel auch den Ehrenring der Wiener Philharmoniker, die Goldenen Ehrenabzeichen der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich sowie den spanischen Orden Alfons X des Weisen (Orden de Alfonso X el Sabio).

Ludwig Streicher starb am 11. März 2003 in Wien.

Die Gemeinde Ziersdorf, wo Ludwig Streicher Kindheit und Jugend verbracht hatte, verlieh ihrem berühmten Sohn die Ehrenbürgerschaft und benannte den Saal des örtlichen Konzerthauses nach dem Künstler. Dieser Saal war 1910 nach Plänen des Wiener Stadtbaumeisters Heinrich Blahosch vom Ziersdorfer Maurermeister Ludwig Streicher, dem Großvater des weltberühmten Kontrabassisten, im Stil des Wiener Jugendstils erbaut worden.

 

 

(wird fortgesetzt)

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